===== PAGE 1 ===== Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik Von Ludwig Mises Jena Verlag von Gusfav Fischer 1928 ===== PAGE 2 ===== Alle Rochte vorbehalten. Printed in Germany. ===== PAGE 3 ===== Inhaltsverzeichnis. Einleitung I. Die Stabilisierung der Kaufkraft dés Geldes. . . . . . . ... 2 Die Goldwahrong . . +. + + + + « «cv tb tees eae 8. Die Manipulierbarkeit der Goldwahrung b. Fishers Stabilisierungsplan . . . . . . . . . «0. der Geldseito . . . + . . «+ ov ooo eee 7. Das Ziel der Geldwertpolitik II. Konjunkturpolitik zur Ausschaltung der Konjunkturschwan- KURZEM © © ot uh vv ot ee ara eee eee eee a 2. Die Zirkulationskredittheorie . . . . . . . . . . .. . . .. 4. Die Krisenpolitik der Cnrrency-Schule . . . . . . . +... « « .. 5. Die moderne Konjunktorpolitik . . . . . . . . . . . .... ... 7. Konjunkturprognose im Dienste der Konjunkturpohtik und im Dienste des Kanfmanns . . . . . . . .. 0. «coi L.Das Problem . . . . . . . «ot i i i hhh ee ee eee 4. Die MeBbarkeit der Verinderungen der Kautkraft des Geldes . . . . 6. Veranderungen der Kaufkraft des Geldes von der Warenseite und von 1. Die Stabilisierung der Kaufkraft des Geldes und die konjunkturfrere 8, Die Wiederkehr der Zyklen. . . . . . . . . . . . . «oo. 6. Die Herrsehaft ber den Geldmarkt. . . . . . . . . . .. . ... 8, Ziele und Mittel der Konjunkturpohthk . . . . . . . . . . .. .. ===== PAGE 4 ===== Einleitung. In den letzten Jahren werden die Probleme der Geld- und Bank- politik immer mehr und mehr unter dem Gesichtswinkel der Stabilisierung des Geldwertes und der Ausschaltung des Konjunkturwechsels betrachtet und erdrtert. Dank einer eifrigen Anfklirungs- und Propagandaarbeit sind diese Dinge, die zu den schwersten Fragen der Nationalokonomie gehoren, geradezu volkstiimlich geworden. Man hat, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, von einer nationalékonomischen Mode gesprochen. Zweifellos ist heute die Konjunktur fiir die Errichtung von Konjunktur- beobachtungsinstituten nicht ungiinstig. Daran ist manches recht erfreulich. Die eingehendere Beschaftigung mit den Problemen hat die Wissenschaft von abstrusen Doktrinen, die sie verunstaltet haben, gereinigt. Es gibt heute nur noch eine Geldwert- theorie, namlich die Quantititstheorie, und nur noch eine Konjunktur- und Krisentheorie, nimlich die vom der Currencytheorie ausgehende Zirkulationskredittheorie, die man meigt als die monetire Konjunktur- theorie bezeichnet., Natilrlich sind diese Theorien heute nicht mehr das, wag gie in den Tagen Ricardos und in denen Lord Overstones waren. Sie sind umgestaltet und in das System der modernen subjektivistischen Nationalokonomie eingefiigt worden. Doch die Grundlage ist dieselbe geblieben, man hat auf ihr fortgebaut und darf mit dem Erreichten, aller Méngel, die wir noch empfinden, ungeachtet, doch big zu einem gewissen Grade zufrieden sein. Auch hier wie sonst iiberall in der National- dkonomie zeigt es sich deutlich, da die Entwicklung der Wissenschaft einheitlich vor sich geht, daB keine Geistesarbeit, die auf die Probleme verwendet wurde, vergebens war nnd da wir kein Stilck aus der Ent- wicklungsgeschichte der Doktrinen misgen kinnten. Von den Klassikern zu den Modernen fithrt eine nicht unterbrochene Linie wissenschaft- lichen Fortschrittes. Die GroStat, die im dritten Viertel des vorigen Jahrhunderts durch die Uberwindung der scheinbaren Antinomie des Wertes von Gossen, Menger, Walras und Jevons vollbracht wurde, berechtigt uns wohl, die Geschichte der Nationalokonomie in zwei groBe Abschnitte zu teilen: in den des klassischen und in den des modernen v. Mlees, Geldwertstabilisisrung. 1 ===== PAGE 5 ===== — 2 — oder subjektivistischen Systems. Doch man darf darob nicht vergessen, daB das, was die Klassiker geschaffen haben, damit nicht unbrauchbar wurde, daB es vielmehr in der modernen Wissenschaft fortlebt und fortwirkt. Der erbitterte Kampf, der iiberall, ganz besonders aber auch auf deutschem Boden, aus politischen Griinden gegen die Nationalékonomie gefithrt wird, mul notwendigerweise immer dort ausgesetzt werden, wo es sich darum handelt, ein Problem, das das Wirtschaftsleben stellt, ernst anzufassen. Von Historismus und von Nominalismus ist nichts zu horen, wenn man einmal darangeht, sich mit den Problemen der Ge- staltung der Kaufkrait des Geldes und mit denen der Konjunktur- veranderungen zu beschaftigen. Die Anhénger der historisch-empirisch- realistischen Schule und des Institutionalismus schweigen entweder fiberhaupt in der Erdrterung unserer Probleme oder aber sie stellen sich dabei anf denselben methodologischen und theoretischen Boden, den sie sonst bekdmpfen. Die Bankingtheorie, gestern noch, zumindest in Deutschland, ohne Zweifel die herrschende Lehre, wird zur Seite ge- schoben, wie sie es nicht anders verdient, Ihr Kern- und Prunkstick, die Lehre von der Elastizitit der Umlaufsmittelzirkulation, wird kaum noch jemand, den man ernst nimmt, vorzutragen wagent). Auf der anderen Seite bringt die Volkstiimlichkeit, die die beiden Stabilisierungsprobleme, das geldwertpolitische und das umlaufsmittel- politische, erlangt haben, auch schwerwiegende Nachteile. Popularisierung birgt stets die Gefahr der Vergréberung, wenn nicht gar der Verball- hornung. Daraus folgt dann eine gewaltige Uberschatzung dessen, was man von den empfohlenen Mitteln zur Stabilisierung des Geldwertes und zur Ausschaltung des Konjunkturwechsels erwarten darf. Diese Gefahr ist besonders fiir Deutschland nicht zu unterschiitzen. Die jahr- zehntelange planm#Bige Vernachlissigung der Beschiftigung mit den Problemen der nationalokonomischen Theorie hat dazu gefiihrt, daB 1) Als ich vor 16 Jahren in der ersten Ausgabe meiner ,, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel die Zirkulationskredittheorie der Konjunkturschwankungen vor- trug, stief ich iberall, zumal aber auf deutschem Boden, auf Unverstindnis und schrofie Ablehnung. So z. B. erklirte der Rezensent des Schmollersehen Jahrbuchs die Konsequenzen des ganzen Abschnitts schlechthin indiskntabel: der Rezensent der Conradschen Jahrbiicher meinte zwar, ,,daB hypothetisch die Ausfithrungen des Verf. als nicht ganz unzutreffend, jedenfalls als folgerichtig bezeichnet werden diirfen*, gelangte aber doch schlieflich zu dem Endurteil wjedenfalls abzulehnen, Wer die jiingste Entwicklung des nationalékonomischen Schrifttums auch nur mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt, weiB, daB die Dinge sich seither griindlich gewandelt haben. Heute ist die damals verlachte Lehre allgemein anerkannt. ===== PAGE 6 ===== — 3 — man von dem, was im Auslande geleistet wurde, nicht Kenntnis ge- nommen und die Erfahrungen des Auslandes nicht genutzt hat. Man beachtet nicht, da die Vorschlige zur Schaffung ,,wertstabilen‘ Geldes schon auf eine hundertjahrige Geschichte zuriickblicken kinnen, und daB es mehr als achtzig Jahre her ist, seit durch die Peelsche Bank- akte der Versuch unternommen wurde, die Wirtschaftekrisen auszu- gchalten. Um die Problematik aller dieser Vorschlage und Versuche zu erkennen, bedurfte es nicht erst ihrer praktischen Verwirklichung; dal man aber Erfahrungen, die man in den letzten Menschenaltern in der Geld- und in der Umlaufsmittelpolitik gemacht hat oder doch wenigstens, wenn man nicht problemblind war, hatte machen konnen, nicht genfigend beachtet, ist unverzeihlich. Die heute zur Erorterung gestellten Vorschlige zur Herstellung der ,, Wertstabilitiat* der Geldeinheit und der konjunkturlosen Wirtschaft sind gegeniiber den ersten Vorschligen dieser Art zweifellos verfeinert und beriicksichtigen manche von den weniger wichtigen Einwendungen, die gegen die fritheren Entwiirfe erhoben worden waren. Die grund- sdtzlichen Méngel, die allen derartigen Projekien anhaften miissen, kinnen sie aber nicht beheben. Die weitgehenden Hoffnungen, die sich an die Durchfithrung der vorgeschlagenen Reformen knmiipfen, miissen daher enttauscht werden. Wert und Bedeutung der heute mit erfreulichem Eifer allseits be- triecbenen Preigstatistik und Konjunkturbeobaehtung fir die Wissen- schaft, fiir die Wirtschaftspolitik und fiir das Verhalten des Einzelnen kénnen nur aus einer griindlichen und kritischen Behandlung der Probleme erhellen. Diese Untersuchung darf sich aber keineswegs nur auf die Betrachtung des Konjunkturwechsels beschrénken. ,,Eine Krisentheorie kann*, wie Bohm-Bawerk sagt, ,nie die Untersuchung eines abgeson- derten Teiles der sozialwirtschaftlichen Phidnomene sein, sondern sie ist, wenn sie nicht ein dilettantisches Unding sein soll, immer das letzte oder vorletzte Kapitel eines geschriebenen oder ungeschriebenen sozial- wirtschaftlichen Systems, die reife Frucht der Erkenntnis sdmtlicher sozialwirtschaftlicher Vorgénge und ihres wechselwirkenden Zusammen- hanges*‘!). Nur auf dem Boden einer umfassenden Theorie des indirekten Tausches, d. i. einer Theorie des Geldes und der Umlaufsmittelbanken, kann man eine Konjunkturtheorie aufrichten. Das wird mitunter noch immer auBer acht gelassen. Konjunkturtheorien werden leicht- 1) Vgl. Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, VIL. Bd., S. 182. 1% ===== PAGE 7 ===== — 4 — fertig anfgestellt und konjunkturpolitische Mafnahmen mit noch gréSerer Leichtfertigkeit ins Werk gesetzt. Gar mancher halt sich fiir berufen, ither die Probleme der Gestaltung des Geldwertes und des ZinsfuBes gein Urteil in Wort und Schrift abzugeben und, wenn ihm als Gesetz- geber oder als Leiter der Wahrungs- und Bankpolitik eines Staates hierzu die Moglichkeit geboten ist, radikale MaBnahmen durchzufithren, itber deren Auswirkung er sich keine kiare Vorstellung za machen weil. Und doch tite nirgends mehr Vorsicht und Voranssicht not als gerade auf diesom Felde der Wirtschaftserkenntnis und der Wirtschaftspolitik. Die Oberflachlichkeit und Leichtfertigkeit, mit denen man sozialpolitische Probleme zonst zu behandeln liebt, versagen bald, wenn man sie anf dieses Gebiet zu tibertragen versucht. Nur ernster, auf die Erfassung des Zusammenhanges aller Markterscheinungen gerichteter Denkarbeit kann es gelingen, die Aufgaben, die unserer hier warten, befriedigend zu lisen. ===== PAGE 8 ===== I. Die Stabilisiernng der Kaufkraft des Geldes. 1. Das Problem. Gold und Silber dienten den Menschen schon seit Jahrtausenden als allgemein gebriuchliches Tauschmittel, d. h. als Geld, ehe man eine auch nur einigermaBen deutliche Vorstellung von der Gestaltung des Austauschverhaltnisses zwischen ihnen und den Gebrauchsgiitern, d. h. von der Bildung der Geldpreise der Waren und der Geldlohne, gewonnen hatte. Man schenkte hochstens den Schwankungen in dem wechsel- seitigen Austauschverhiltnisse der beiden KEdelmetalle einige Beach- tung, gelangte aber auch dabei so wenig zu Klarheit, da man ohne Skrupel an der naiven Meinung, die Edelmetalle wiren ,,wertstabil' und daher ein branchbarer MaBstab des Wertes der Giiter und der Preise, festhielt. Spat erst kam man zur Erkenntnis, da Angebot und Nach- frage auch die Gestaltung des zwischen dem Gelde und den Gebranchs- giitern und Arbeitsleistungen bestehenden Austauschverhalinisses be- stimmen und gelangte so zu den ersten, noch recht mangelhaften und angreifbaren Formulierungen der Quantititstheorie. Man erkannte, daf starke Verinderungen in dem Umfang der Gewinmung der Geld- metalle allgemeine Verschiebungen der Geldpreise ausiisen. Als dann neben das ,,Hartgeld* das ,,Papiergeld* trat, fiel die Erkenntnis dieses Zusammenhanges noch leichter, als sie vorher gewesen war. Die Folgen starker Papierinflation waren nicht zu verkennen. Aus der Einsicht, die man damit gewonnen hatte, zog man fiir die Wihrungspolitik zunéichst die Lehre, da die Ausgabe von ,,Papiergeld™ am besten ganz zu vermeiden sei. Bald traten aber Schriftsteller auf, die weitergehende Forderungen aufstellten. Sie lenkten die Aunfmerk- samkeit der Politiker und der Geschiftsleute anf die Schwankungen der Kaufkraft der Edelmetalle und machten Vorschlige, die den Inhalt der auf Geld lautenden Forderungen von diesen Schwankungen unab- hangig machen sollten. Neben oder an die Stelle des Geldes als standard of deferred payments) soll der tabular standard, die Waren- oder Index- } Fur ,standard of deferred payments sagt man deutsch Zahlungsmittel Leider muB man es heute noch vermeiden, diesen Aunsdruck zu verwenden, weil ef ===== PAGE 9 ===== — ff — wahrung, treten. Fiir die Bargeschéfte, bei denen die Leistung beider Vertragsteile gleichzeitig erfolgt, soll nichts gedndert werden. Fir die Kreditgeschifte soll jedoch ein neues Verfahren eingeschlagen werden. Sie sollen, entweder allgemein kraft allgemein verbindlicher Gesetzes- bestimmung oder fallweise kraft besonderer Vereinbarung der Parteien, nicht in der Geldsumme, die im Vertrag bezeichnet ist, sondern in der Geldsumme, die jener zur Zeit der Erfiilllung in der Kaufkraft entgpricht, erfiillt werden, Damit soll verhindert werden, dal der eine Vertragsteil zugunsten des anderen geschadigt wird. Diese Vorschlige wurden schon vor mehr als hundert Jahren von Joseph Lowe gemacht und nicht lange darauf von G. Poulett Scrope wiederholt!). Seither sind sie immer wieder aufgetaucht, ohne dab irgendwo oder irgendwann der Versuch gemacht worden wiire, sie zu verwirklichen. Die Durchfiihrung der auf die Schaffung einer die Edelmetallwiihrung bioB erginzenden Warenwihrung gerichteten Vorschlige héitte das Edelmetallgeld — wir wollen der Einfachheit halber in den weiteren Ausfithrungen lediglich vom Golde sprechen — in seiner Stellung als allgemein gebriuchliches Tauschmittel fiir alle Geschifte, aus denen keine erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit fillig werdende Geldver- pflichtungen entstehen, belassen. Neben das Gold als allgemein gebriuch- liches Tauschmittel wiire die Waren- oder Indexwahrung als standard of deferred payments getreten. In den letzten Jahren sind jedoch Vorschlige gemacht worden, die weitergehen und die Warenwahrung, den tabular standard eder multiple standard, fir alle Tauschhandlungen einfithren wollen, bei denen nicht direkt Ware gegen Ware getauscht wird. Da ist zundchst der Vorschlag von Keynes. Keynes will das Gold aus seiner Geldstellung verdriingen; zumindest fiir den Verkehr innerhalb der Staatsgrenzen soll an seine Stelle eine Papierwiihrung treten, bei der die Regierung oder die von ihr mit der Fuhrung der Geldwertpolitik betraute Stelle dic umlaufende Menge dergestalt regulieren soll, da8 die Kaufkraft der Geldeinheit unverandert bleibt?). Der Amerikaner Irving Fisher will eine Wahrung schaffen, bei der die umlaufenden Geld- zeichen nicht in einer bestimmten Gewichtsmenge Gold, sondern in jener Goldmenge einlésbar sein sollen, die der Kaufkraft der Geldeinheit im durch den Gebrauch, den die Nominalisten und Chartalisten von ihm gemacht haben, kompromittiert ist, so daB seine Setzung die kanm uberwundenen Irrtimer der ,,Staat- lichen Theorie des (Geldes** heraufbeschworen konnte. !) Vgl. Jevons, Money and the Mechanism of Exchange, 13th ed., London 1902, 8, 328ff. *) Vgl. Keynes, A Tract on Monetary Reform, London 1923, S. 1771f. ===== PAGE 10 ===== — 7 — Augenblick des Uberganges zum neuen Wihrungssystem entsprioht. Der Dollar soll aufhoren, eine feste Menge Gold mit verinderlicher Kaufkraft darzustellen, und soll za einer verdnderlichen Menge Gold mit unverinderlicher Kaunfkraft werden. Von Monat zu Monat soll, der festgestellten Verdnderung der Indexzahl gemiB, die Goldmenge, die einem Dollar zu entsprechen hat, neu festgesetzt werden). Es soll also nach der Absicht beider Reformer an Stelle des Goldgeldes, dessen Wertgestaltung von der Einwirkung der Regierungen nicht abhingig ist, eine Wahrung treten, die die Regierung ,,manipuliert”, um die Kaunfkraft der Geldeinheit stabil zu erhalten. Auch diese Vorschlage sind bis nun pirgends verwirklicht worden. Doch man hat ihnen groBe Beachtung geschenkt. In den Vereinigten Staaten wird heute kaum eine andere wirtschaftspolitische Frage mit soviel Eifer und so groBem Aufwand von Geist und Scharfsinn erértert wie die der Befestigung der Kaufkraft des Geldes. Ausschiisse des Re- prasentantenhauses haben sich cingehend mit dem Gegenstand befall, viele wissenschaftliche Werke behandeln ihn, die Revuen und die Tages- blitter widmen ihm lingere Abhandlungen und Aufsitze, und grofe Vereinigungen suchen die offentliche Meinung fiir die Durchfithrung der Figherschen Ideen einzunehmen. 2. Die Goldwihrung. In der Goldwihrung ist die Wertgestaltung des Geldes unmittel- barer Einwirkung der Regierung nicht unterworfen. Die Golderzeugung ist frei und folgt allein dem Rentabilitatsgesichtspunkt. Alles Gold, das nicht anderweitigem Gebrauche oder Verbrauche in den Ge- werben zugefithrt wird, stromt als Geld in die Wirtschaft, sei es als Miinze in den Umlauf, sei es als Miinze oder als Barren in die Bank- reserven. Ubersteigt die Vermehrung der Geldmenge die Steigerung des Geldbedarfs, dann mul die Kaufkraft der Geldeinheit fallen; bleibt die Vermehrung der Geldmenge hinter der Steigerung des Geldbedarfs zuriiek, dann mu die Kaufkraft der Geldeinheit steigen?). Es besteht kein Zweifel dariiber, daB die Kaufkraft des Goldes im letzten Menschenalter gesunken ist. In den zwei Jahrzehnten, die auf die Durchfiithrung der deutschen Geldreform und auf die groBe Wirt- 1) Vgl. Fisher, Stabilizing the Dollar, New York 1925, S. 791. 2) Es ist hier nicht der Platz, auf die Lehre von der Gestaltung der Kaufkraft des Geldes naher einzugehen. Vgl. dariiber meine Theorie des Geldes und der Um- lanismittel, 2. Aufl, Munchen und Leipzig 1924, S. 73—147. ===== PAGE 11 ===== — 8 — schaftskrise des Jahres 1873 felgten, wurde aligemein iiber Rickgany der Warenpreise geklagt. Regierungen beriefen Sachverstindige zur Beratung iiber die Mittel, die zur Abstellung dieses allgemein empfun- denen Ubels einzusehlagen waren. Miichtige politische Parteien empfahlen MaBnahmen, die durch Vermehrung der Geldmenge die Preise in dic Hohe treiben sollten; an Stelle der Goldwahrung wollten sie die Doppelwéhrung oder die Silberwidhrung oder gar eine Papierwihrung setzen, da sie die jahrliche Ausbeute der Goldgewinnung fir zu gering hielten, um dem steigenden Geldbedarf ohne Steigerung der Kaufkraft der Geldeinheit zu geniigen. Alle diese Klagen verstummten im letzten Jahrfiinft des vorigen Jahrhunderts. Nioht lange darauf begann man allenthalben fiber die wachsende Teuerung zu klagen. Hatte man in den 8Cer und in den 90er Jahren Reformen des Geldwesens vorgeschlagen, um dem Riickgang der Preise entgegenzuwirken, so schligt man nun MaBnahmen vor, um ihre Erhihung zn unterbinden. Die allgemeine Erhéhung der Goldpreise aller Waren und Dienst- leistungen ist das Ergebnis der Gestaltung der Golderzeugung und der Nachfrage nach Gold sowohl fiir den Gelddienst als auch fiir den ander- weitigen Bedarf. Uber die Golderzeugung und ihren Einflu auf den Sachpreis des Goldes ist nicht viel zu sagen; es ist klar, dal eine geringere Zunahme der der Menschheit zur Verfigung stehenden Goldmenge Krafte ansgelost hatte, die der Goldentwertung entgegengewirkt hiitten. Auch iiber den industriellen Goldbedarf ist nichts Besonderes zu be- merken. Dagegen mu man dem dritten in Betracht kemmenden Faktor, der Gestaltung des monetdren Goldbedarfs, eingehende Aufmerksamkeit widmen, um so mehr, als ihn die {ibliche Erorterung des Problems un- gebithrlich vernachlassigt. In dem Menschenalter, fiir das wir die Entwicklung der Kaufkraft des Goldes betrachten, sind verschiedene Gebiete, die frither Silber oder Kreditgeld (,,Papiergeld*) im inneren Verkehr verwendet haben, zur Goldwahrung @ibergegangen. Uberall hat der Umiang der durch das Geld zu bewirkenden Umsitze sehr betrdchtlich zugenommen. Die Arbeitsteilung hat grofe Fortschrittc gemacht. Die Selbstver- sorgung und der Naturaltausch sind zuriickgegangen; Geldumsitze sind nun in Bezirke des Wirtschaftslebens eingedrungen, denen sie frither fremd waren. Das hat eine starke Vermehrung des Geldbedarfs aus- gelost. Es wire vergebens, zu untersuchen, ob diese Steigerung der Kassenhaltung der einzelnen wirtschattenden Subjekte so groB war, dal sie (mit dem Goldhedari fiir nicht monetire Verwendung) hin- gereicht hitte, die Wirkung des aus den Produktionsstitten nem ein- ===== PAGE 12 ===== — 9 — stromenden Goldes auf die Preise zu kompensieren. ZahlenmiBige Angaben iiber die GroBe der Kassenhaltung und ihre Verdnderung stehen nicht zur Verfigung, und wiren sie uns auch bekannt, so wire mit ihnen nicht viel anzufangen, da das MaB der Wirkung von Ver- dnderungen im Verhdltnis von Angebot und Nachfrage auf die Preise dem AusmaB dieser Veriinderung nicht entspricht. Von griBter Wichtig- keit aber ist die Feststellung, daB die Steigerung des Geldbedarfs nicht gleichzusetzen ist einer Steigerung des Goldbedarfs fiir den Gelddienst. In der Kasse der einzelnen Wirtschafter leisten auf Geld lantende Forde- rungen, die allgemein als sicher angesehen werden und jederzeit fillig gind, die Dienste des Geldes, Diese Geldswrogate — Scheidemiinzen, Banknoten und auch Guthabungen bei Banken, iiber die jederzeit zu Zahlungen mit Scheck oder in #hnlicher Weise verfiigt werden kann (Kassenfithrungsguthaben) — kénnen ja gerade so wie das eigentliche Geld zur Begleichung aller Umsatze verwendet werden. Nur ein Teil der Geldsurrogate ist aber in den Reserven der Banken durch hinter- legte Goldvorrdte gedeckt. In den Jahrzehnten, von denen wir sprechen, ist die Verwendung von Geldsurrogaten zweifellos stiarker gestiegen als der Steigerung des Geldbedarfs emtsprochen hitte, und gleichzeitig hat sich das Deckungsverhaltnis verschlechtert. Das Ergebnis ist das, dal trotz betrichtlicher Steigerung des Geldbedarfs der Goldbedarf nicht so betrichtlich gestiegen ist, dal der Markt die ihm aus der Pro- duktion zustrémenden Mengen Neugold ohne Senkung der Tauschkraft des Goldes hiitte anfnehmen konnen. Wenn man nun heute den Riickgang der Kaufkraft des Goldes beklagt und darauf sinnt, ein Geldwesen zu schaffen, dessen Kaufkraft hestindiger sein soll als es die des Goldes in den letzten Jahrzehnten gewesen ist, so darf man nicht auBer acht lassen, daB die vornehmste Ursache des in diesem Zeitraum eingetretenen Sinkens des Goldwerts in wihrungspolitischen MaBnahmen zu suchen ist und nicht in den Verhilltnissen der Golderzeugung. Denn daB das nicht durch Gold gedeckte Geldsurrogat — das wir das Umlaufsmittel nennen — heute im gesamten Geldvorrat {Geldvorrat im weiteren Sinme = Vorrat an cigentlichem Geld 4 Vorrat an Umlaufsmitteln) der Welt einen ver- héltnismiBig groBeren Raum einnimmt als vor Jahren, ist nicht auf eine Entwicklung zuriickzufithren, die sich ohne Mitwirkung oder gar gegen die Absicht der Wahrungspolitik der Staaten vollzogen hitte. Es war im Gegenteil die Wahrungspolitik selbst, die bewuBt auf eine nErsparung’ an Gold hingearbeitet und damit jene Bedingungen ge- schaffen hat, die zur Entwertung des Goldes filhren mufBten. ===== PAGE 13 ===== — 10 — DaB wir als Geld ein Gut wie das Gold verwenden, das mit einem nicht unbedeutenden Aufwand von Kapital und Arbeit produziert wird, legt der Menschheit gewisse Kosten auf, Konnte man die auf die Ex- zeugung der Goldmenge, die der Gelddienst festhdlt, aufgewendeten Mengen an Kapital und Arbeit freisetzen und anders verwenden, dann wiirde man die Versorgung der Menschen mit Giitern fir den unmittel- baren Bedarf verbessern. Das ist nicht zu bestreiten; andererseits hat man eben zu beachten, da wir gegen diesen Kostenanfwand den Vorteil eintauschen, fiir die Abwicklung der Umsiitze iber ein verhiltnismiBig wertbestindiges und vor allem iiber ein in seiner Wertgestaltung der unmittelbaren Einwirkung von Regierungen und politischen Parteien entriicktes Geld zu verfiigen. Doch es ist leicht zu verstehen, dal man darauf zu sinnen begann, ob es nicht mdglich wire, ein Geldsystem zn schaffen, das alle Vorteile, die die Goldwihrung bietet, mit dem Vorzug geringerer Kosten verbindet. Adam Smith hat das Gold und Silber, das in einem Land als Geld umldnft, mit einer Landstrafie verglichen, auf der alles Futter und Korn zu Markt gebracht wird, auf der selbst jedoch auch nicht das Mindeste davon wichst. Der Ersatz des Edel- metallgeldes durch Noten schaffe aber gleichsam einen Fahrweg dureh die Lifte und ermogliche es, einen grofen Teil der Strafien in Acker und Weiden zu verwandeln und damit den jahrlichen Ertrag der Volks- wirtschaft betrdchtlich zu steigern. Ricardo hat dann 1816 den be- rilhmten Plan der Goldkernwihrung entworfen. England soll die Gold- wihrung, die sich in jeder Beziehung bewahrt hat, beibehalten, Im inlindischen Verkehr sollen jedoch die Goldmiinzen durch Banknoten ersetzt werden. Diese Noten sollen einlgslich sein, aber nicht in Gold- miilnzen, sondern allein in Goldbarren. Damit wire die Gleichwertigkeit der Noten und des Goldes gewdhrleistet, und das Land wiirde den Vor- teil haben, mit geringerem Kostenaufwand eine alle Eigenschaften der Goldwéhrung tragende Wiahrang zu besitzen. Ricardos Vorschlige blieben jahrzehatelang unausgefithrt, ja sie gerieten selbst in Ver- gessenheit. Doch im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wurde die Goldkernwihrung von einer Reihe von Staaten — anfangs meist nur als vorlaufiger Notbehelf und ohne die klare Absicht, der Wahrungs- politik eine neue Richtung zu geben — angenommen., Heute ist sie so sehr verbreitet, daB man sie mit Recht als ,,dic Wahrung unserer Zeit" bezeichnen durfte'). Dabei aber hat die Goldkernwihrung in den meisten oder doch in einer Rejhe von Staaten eine Ausgestaltung erfahren, die 1) Vel. Machlup, Die Goldkernwahrung, Halberstadt 19256, S. XI. ===== PAGE 14 ===== berechtigen wiirde, eher von einer Golddevisenkernwihrung zu sprechen. In Ricardos Plan sollte die Ersparnis dadurch erzielt werden, da8 die Kosten der Ausprigung und der Abniitzung der Miinzen im Umlauf vermieden werden, und dal} die von der Bank zu haltende Goldreserve kleiner ist, als die bei ,,reiner** Goldwihrung von ihr zu haltende Reserve zuziglich der umlaufenden Goldmenge wire. Schon die Durchfiihrung dieses Planes in einem einzelnen Lande mufl selbstverstindlich caeteris paribus die Kaufkraft des Goldes mindern, und je allgemeiner dieses System angenommen wird, desto mehr mull die Kaufkraft des Goldes sinken. Nimmt ein einzelnes Land die Goldkernwihrung an, wihrend die {ibrigen beim ,reinen** Goldumlauf verbleiben, dann kann es einmal auf Kosten der iibrigen Linder einen Gewinn erzielen. Die Goldmenge, um die der Goldbedarf bei ,reiner* Goldwihrung den Goldbedarf bei Goldkernwihrung fibersteigt, gibt es an das Ausland ab und erhilt dafiir andere Giiter, deren Zuwachs als eine durch die Einfithrung der Goldkernwihrung erzielte Wohlstandsmehrung zu betrachten ist. Die Goldkernwihrung leistet ihm alle Dienste der Goldwahrung, bringt aber in der Gestalt dieses Giiterzuwachses einen Gewinn. Gehen alle Staaten der Welt gleichzeitig von der ,reinen* Goldwahrung zur Gold- kernwahrung fiber, dann ist kein Gewinn dieser Art zu erziclen. Die Verteilung der Goldmenge auf die einzelnen Gebiete bleibt unveriandert, es gibt kein Land, in das man eine iiberfliissig gewordene Goldmenge abschieben konnte, um fiir ste andere Giiter einzutauschen, und die Annahme des neuen Wiahrungssystems #ubert sich lediglich in einer allgemeinen, nun stirkeren Senkung der Kaufkraft des Goldes. Diese Geldentwertung bringt wie jede Geldwertverinderung Verschiebungen in den Einkommens- und Vermigensverhditnissen der einzelnen Wirt- schafter hervor und kann auf diesem Wege unter gewissen Umstanden mittelbar auch zu Stdrkung der Kapitalshildung fithren. Unmittelbar aber macht sie die Welt nur ingsoweit reicher, als auf der einen Seite nun der anderweitige Goldbedarf {Goldbedarf fiir industrielle und #hnliche Zwecke) besser befriedigt werden kann und auf der anderen Seite die geringere Rentabilitdt zu einer Einschrinkung der Golderzeugung filhrt, womit Kapital und Arbeit fir andere Zwecke freigemacht werden. Neben diesen Bestrebungen zur ,,Verbillignng* der Goldwihrung durch Verminderung des nationalen Goldbedarfs liefen noch anf dasselbe Ziel gerichtete Bestrebungen anderer Art. Den Notenbanken bereitet die Haltung einer Goldreserve Kosten durch Zinsenentgang. Es lag nahe, diese Kosten dadurch herabzudriicken, dal man an die Stelle des zins- ===== PAGE 15 ===== los in den Kellern lagernden Goldes verzinsliche, auf Gold lautende, jederzeit fallige Guthabungen im Auslande und auslindische, in Gold zahlbare Wechsel treten lic. Aktiven dicser Art setzen die Notenbank chenso instand, Anforderungen von Gold fir den Auslandsverkehr zu befriedigen wie der Besitz cines Veorrates von Goldmimzen und Barren; ja der Arbitrageur, der Noten zur Einlésung vorlegt, wird die Einlosung durch Ausfolgung von Wechseln und Schecks — Devisen — der Gold- einldsung vorzichen, da die Kosten der Versendung von Devisen niedriger sind als die der Versendung von Gold. Zunéchst waren es die Notenbanken der kleineren und drmeren Linder, dic dazu ubergingen, einen Teil ihrer Reserve in Devisen anzulegen. Besonders groll war der Anrciz hierfiir in den Lindern der Goldkernwihrung, wo die Bank nicht damit zu rechnen hatte, daB von ihr Gold hir den Bedarf des effektiven inléin- dischen Umlaufs verlangt werden kénnte. So wurde die Goldkern- wahrung zur Golddevisenkernwihrung. Doch das Ziel dieser Politik war nicht allein die Herabsetzung der Kosten, die die Goldzirkulation und die Haltung eines aus effektivem Gold bestehenden Barschatzes bereiten. In vielen Staaten, so auch im Deutschen Reich und in Osterreich, dachte man, auf diesem Wege zu einer Verbilligung des ZinsfuBes zu gelangen. Vor Jahrzehnten hatte man unter dem geistigen Einflusse der Currenecytheorie eine Bank- gesetzgebung geschaffen, die die Ausgabe von nicht dureh Gold ge- deckfen Banknoten begrenzte, um die Folgen einer Noteninilation zu vermeiden. Noch standen diese Gesetze in Kraft, doch das neue Ge- schlecht, durch die historisch-realistische Schule des nationalékeno- mischen Denkens entwohnt und, soweit es iiberhaupt die Probleme zu verstehen suchte, im Banne der Bankingtheorie, verstand ihren Sinn nicht mehr. Seine epigonenhafte Schwiche hinderte es zwar daran, einen grundstiirzenden Wechsel des Systems anzubahnen und, den nun allgemein herrschenden Auffassungen gemiB, die Beschrinkungen der Ausgabe von metallisch nicht bedeckten Banknoten zu beseitigen. Man lieB die alten Gesetze nur unwesentlich verindert weiterbestehen, suchte aber ihre Wirkung durch die Einleitung verschiedener Mafnahmen zu schwichen. Die bemerkenswerteste dieser MaBnahmen war die plan- méBige und zielbewnBte [Forderung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Von der Verdringung der Bargeldumséatze durch Scheck- wnd Giroe- zahlung erhoffte man sowohl Vermindernng des Bedarfs an Banknoten als auch Riickstromen von Goldmiinzen zur Bank und damit Starkung des Barschatzes. Da das deutsche (und auch das dsterreichisehe) Bank- gesetz fiir die Noten perzentuelle Deckung,in Gold vorschrieben, konnte ===== PAGE 16 ===== —_ 18 — for die in die Bank zuriickilieBende Goldmenge das Dreifache (in Oster- reich das Zweicinhalbfache) an Noten ausgegeben werden. Es kenn- zeichnet das banktheoretische Denken der letzten Jahrzehnte, daf man davon eine Verbilligung des Leihgeldsatzes erwartete. Wir miissen, wenn wir auch nur einen fliichtigen Blick anf die wihrungs- und bankpolitischen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte werfen, feststellen, daB die Entwertung des Goldes zu einem betracht- lichen Teil auf MaBnahmen der Politik zuriickzufiihren ist. Die Senkung der Kaufkraft des Goldes und die fortschreitende Erhdhung der Gold- preise aller Giiter und Dienstleistungen waren kein Elementarereignis, sie waren zamindest auch die Folge einer Wirtschaftspolitik, die zwar anderen Zielen zustrebte, jedoch notwendigerweise zu diesem Ziel ge- langen muBte. Quantitativ bestimmte Aussagen konnen fiber diese Dinge, wie schon erwihnt wurde, nie gemacht werden. Doch es steht fest, daB die Steigerung der Goldproduktion die seit 1896 beobachtete Goldentwertung entweder iiberhaupt nicht oder zumindest nicht in ihrem ganzen AusmaBe herbeigefithrt hat; die auf die Verdringung des Goldes aus dem effektiven Umlaunf gerichteto Politik, die auf den Ersatz der alteren ,.reinen* Goldwahrung durch die Goldkernwihrung und durch die Golddevisenkernwahrung zielte, hat den Goldwert herabgedrilckt oder zumindest herabdriicken mitgeholfen. Vielleicht wlrden wir heute, wenn diese Politik nicht eingesetzt hatte, eher iiber Goldwertsteigerung als Qiber Goldentwertung klagen hiren. Das Gold ist durch die mene Wihrungspolitik nicht demonetisiert worden, wie etwa kurze Zeit vorher das Silber, denn es blieb Grundlage unseres gesamten Geldwesens und ist nach wie vor unser Geld. Es kann schon gar nicht die Rede davon sein, daB es ,.entthront® worden wire, wie gedankenlose Erfinder von Schlagwortern und Phrasen vorgeschlagen haben, die die Welt vom ,,Goldwahn* heilen wollten. Doch es ist aus dem effektiven Verkehr des groBen Publikums gezogen, es ist fir die Menge unsichtbar gemacht und in den Kellern der Bank- und Wahrungs- reserven konzentriert worden, Man hat das Gold devulgarisiert, und das muBte eine Tendenz zur Goldentwertung auslisen. Wenn man heute auf die in den letzten Jahrzehnten beobachtete allgemeine Preissteigerung hinzeigt, um die Unzulanglichkeit der Gold- wihrung zu erweisen, so irrt man. Nicht die Goldwihrung des alten Stils, wie sie die englischen und deutschen Goldwahrungspolitiker emp- fohlen haben, hat uns ein Geldwesen beschert, von dem man aussagen muB, da es in den letzten Jahrzehnten zu fortschreitender Preissteigerung gefiihrt hat, sondern die Wahrungg- und Bankpolitik, die an Stelle jener ===== PAGE 17 ===== — 14 — ,reinen‘* oder ,klassischen® Goldwahrung die Goldkernwihrung und Golddevisenkernwiahrung mit ausschlieflichem Noten- und Scheide- geldumlauf und Konzentration der Goldbesténde in Bank- und Wihrungs- reserven hat treten lassen, 3. Die Manipulierbarkeit der Goldwihrung. Fir die alte ,reine‘ oder klassische Goldwiahrung, wie sie zuerst England herausgebildet und wie sie dann das Deutsche Reich nach der Reichsgriindung @thernommen hat, sprach vor allem das, daB sie die Preisgestaltung von der Einwirkung der Politik und der sie beherrschen- den wechselnden Anschauungen unabhingig stellte. Dieser Umstand empfahl die Goldwéhrung vor allem den Liberalen, die von dem Be- streben der Regierungen, einzelne Schichten der Bevilkerung auf Kosten der iibrigen zu begiinstigen, Beeintrichtigung der Ergiebigkeit der wirt- schaftlichen Arbeit befiirchteten. Man darf freilich nicht aufler acht lassen, daB auch auf die Wert- gestaltung der ,reinen Goldwdhrung Regierungsmalnahmen von grofem Einflu@ sein kénnen. DaB Lander zur Goldwahrung neu oder wieder iibergehen oder daB sie die Groldwihrung wieder aufgeben, ist in erster Linie durch das Verhalten der Regierungen bedingt, wenn man sich auch die Einwirkung der Regierungsmafnahmen, woraunf hier nicht niher einzugehen ist, ganz anders vorzustellen hat, als sie von den nun heute endlich allgemein als unsinnig erkannten ,staatlichen Theorien dargestellt werden. Die fortschreitende Verdringung der Silberwahrung durch die Goldwahrung und der Ubergang einiger Linder vom Kredit- geld zum Golde haben in der Zeit vor dem Kriege die Nachfrage nach Gold fiir den monetdren Gebrauch erweitert; die wahrungspolitischen Ereignisse des Krieges, die bei den kriegfithrenden und bei einigen neutralen Staaten zur AbstoBung groBer Goldbetrige fiihrten, haben das Angebot von Gold erhoht, Jede wihrungspolitische MaBnahme stellt, soweit sie auf die monetdre Nachirage und anf das Angebot des Goldes riickwirkt, eine ,,Manipulation* der Goldwahrung dar und zieht alle an der Goldwihrung festhaltenden Staaten in Mitleidenschaft. So wie ,.reine* Goldwahrung und Goldkern- und Golddevisenkern- wihrung sich nicht grandsitzlich, sondern nur in dem AusmaBe, in dem in ihnen fiir den effektiven Umlauf Geldsurrogate verwendet werden, unterscheiden, so unterscheiden sie sich auch in dem Punkte der Mani- pulierbarkeit nicht grundsitzlich. Die ,reine* Goldwahrung ist dem Einfluf wihrungspolitischer MaBnahmen einerseits insofern unter- worfen, als die Wahrungspolitik imstande ist, die Annahme der Gold- ===== PAGE 18 ===== —_ 1h wihrung und die Abkehr von der Goldwahrung fir ein Staatsgebiet za beeinflussen, und andererseits insofern, als bei grundsitzlichem Fest- halten an der Goldwahrung durch die Wahrungspolitik Veranderungen im Goldbedarfe (durch Vermehrung oder Einschrinkung der effektiven Goldzirkulation oder durch Verinderung des Deckungsverhiltnisges der Noten und Kassenfiihrungsguthaben) bewirkt werden kénnen. Gerade soweit, aber auch nicht weiter, reicht der Einflul der Wahrungs- politik auf die Wertgestaltung in der Goldkern- und in der Golddevisen- kernwihrung. Auch hier kinnen die Regierung und die anderen Fak- toren, die die Wahrungspolitik fithren, durch Anderung des wahrungs- politischen Kurses die Gestaltung des Goldwertes beeinflussen. Wie groB dieser KinfluB ist, hingt davon ab, wie groB die Vermehrung oder Verminderung der nationalen Nachfrage nach Gold im Verhaltnis zu der gesamten Goldnachfrage der Welt ist. Wenn die Befiirworter der alten ,reinen‘ Goldwihrung von der Unabhiingigkeit der Gestaltung des Goldwertes von Regierungseinfliissen gesprochen haben, so ist dies so zu verstehen, dab, wenn einmal iiberall Goldwéhrung angenommen ist — und daB dies sehr bald der Fall sein werde, ja daf es schon fast iiberall geschehen ist, daran zweifelten die Goldwahrungsménner in den 70er, 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht im Geringsten — weiterhin von politischen Einwir- kungen auf die Geldwertgestaltung nichts mehr zu spiiren sein werde. Das gilt aber von der Goldkern- und von der Golddevisenkernwihrung nicht minder. Wenn man heute davon spricht, daBl ein Wechsel in der voit dem amerikanizchen Federal Reserve Board befolgten Politik oder die Rickkehr europiischer Linder zum effektiven Goldumlanf oder auch nur zur Haltung groBerer Goldreserven den Goldwert stark ver- schieben miiBten, so ist dies nichts, was die Voraussetzungen, von denen die einsichtigen Beftirworter der ,reinen‘* Goldwahrung ausgegangen sind, nmstiirzen kinnte. In diesem Sinne sind unter den Bedingungen moderner Wirtschaftsgestaltung alle Wihrungssysteme ,manipulier- bar“. Der Vorzug der Goldwahrung — gleichviel ob ,;reine‘* oder Xern- wahrung — liegt allein darin, da sie, wenn sie einmal in einer bestimmten Gestaltung allgemein angenommen ist und daran festgehalten wird, weiterhin besonderen wihrungspolitischen Eingriffen nicht mehr zu- ganglich ist. Die wihrungspolitischen Aktionen der Kriegs- und Nachkriegs- zeit haben das Geldwesen der ganzen Welt radikal umgebildet. Nun kehren die einzelnen Linder nach und nach zur Goldbasis zuriick. Man kann voraussehen, daB dieser ProzeBS bald abgeschlossen sein wird. ===== PAGE 19 ===== Fs taucht jetzt ein zweites Problem auf: Soll man bei der allgemein herrschenden Kernwihrung verbleiben oder soll man wieder wie einst in der ,reinen* Goldwihrung fir die Umsitze mittleren Umfanges zum effektiven Goldgebrauch zuriickkehren? Soll man, auch wenn man bei der Kernwihrung verbleibt, effektive Goldreserven (und in welcher Hohe) halten oder kinnen sich einzelne Staaten mit Golddevisenreserven begniigen? (DaB die Devisenkernwihrung nicht allgemein werden kann, daB zumindest ein Land die Reserve in effektivem Gold anlegen muB, wenn es schon nicht effektiven Goldumlauf annimmt, ist klar.) Nur wenn man den augenblicklich in jedem einzelnen Gebiete herrschen- den Zustand verewigt, wenn man also die Dinge so 14Bt, wie sie gerade sind, mithin auch das Deckungsverhiltnis so bestehen 148t, wie es heute ist, konnte man die Goldwahrung schon heute wieder in jenem oben umschriebenen Sinn als nicht manipulierbar bezeichnen, Werden aber diese Probleme in einer Weise gelist, die die Nachfrage nach Gold fiir monetire Zwecke stark verandert, dann mu die Kaunfkraft des Goldes entsprechende Verinderungen erleiden. Es gilt, sich dariiber klar zu werden, daB sich damit nichts von dem wesgentlich veréindert hat, was die Befiirworter der Goldwihrung als deren Vorzug bezeichnet haben. DaB Anderungen in der Geldverfassung aller groBen und reichen Linder die Gestaltung des Goldwertes stark beeinflussen miissen, und dab dies nun, da diese Anderungen sich einmal vollzogen und auf die Kaufkraft des Goldes ausgewirkt haben, auch von einer Rilckkehr zur alten Geldverfassung, wie sie vorher bestanden hat, gelten miifite, schwicht die Richtigkeit der Behauptung nicht ab, daB die Goldwahrung, solange an ihrer Struktur und in der Ausdehnung ihres unmittelbaren Geltungsgebietes keine wesentlichen Anderungen vorgenommen werden, in ihrer Wertgestaltung von der Politik nn- abbiangig ist. Wenn Irving Fisher und mit ihm viele andere die Goldwahrung als eine schlechte Wahrung bezeichnen, weil die Kaufkraft des Goldes seit 1896 und besonders seit 1914 betrichtlich gesunken ist, so mu man das dahin richtigstellen, da der Riickgang der Kaufkraft des Goldes auf die Wahrumgspolitik zuriickzufithren ist, die zwischen 1896 und 1914 durch MaBnahmen zur , Ersparung® von Gold und seit 1914 in vielen Landern durch die Abkehr von der Goldbasis auf die Minderung der Kaufkraft des Goldes hingearbeitet hat. Wenn andere wieder die Gold- wahrung fiir schlecht erkliren, weil die bevorstehende Riickkehr zum effektiven Goldumlauf und die Verstirkung der Goldreserven in den Landern der Kernwshrang eine Steigerung der Kaufkraft des Goldes ===== PAGE 20 ===== — 17 — nach sich zichen mu, so ist hier woh! klar, daB es sich um die Folgen whhrungspolitischer MaBnahmen handelt, die die Goldwihrung in ihrer Struktur umgestalten. Die Kaufkrait des Goldes ist nicht ,stabil. Davon, daB es ,stabile Kanfkraft iiberhaupt nicht gibt, noch geben kann, daf die Vorstellung der ,,Wertstabilitit* unklar und verschwommen ist und da nur eine im strengsten Sinne des Begriffes rubende Volkswirtschaft, in der alle Preise unverindert bleiben, kaufkraftfestes Geld haben kinnte, wird noch zu sprechen sein. Aber daf die Goldwahrung, einmal allgemein ange- nommen und unverindert beibehalten, die Gestaltung der Kaufkraft des Geldes ven der Einwirkung wechselnder polifischer Bestrebungen unabhiingig macht, ist eine Tatsache, die man nicht bestreiten kann. Da das Gold nur an einigen wenigen Fundstétten gewonnen wird, die frither oder spater erschopft werden, hort man immer wieder die Befiirchtung aussprechen, es kiénunte einmal zu einer Goldknappheit und als Folge davon zu einem fortschreitenden Niedergang der Waren- preise kommen. Solche Befirrchtungen wurden besonders laut in der zweiten Hilfte der 70er und in den 80er Jahren des vorigen Jahr- hunderts. Spater verstnmmten sie; erst in den letzten Jahren wagen sie sich wieder hervor., Man rechnet damit, daB die Fundstitten, die gegenwiirtiy aunsgebeutet werden, in absehbarer Zeit erschiépif sein werden, und man glaubt, daB keine Aussicht vorhanden sei, daf irgend- wo neue aunsgiebige Goldfundstatten erschiossen werden kommten, Wird nun der Geldbedarf auch in Hinkunft in demselben MaBe steigen, in dem er in der jiingsten Vergangenheit gestiegen ist, dann scheint ein all- gemeiner Preisfall unausweichlich, wofern wir bei der Goldwahrung ver- bleiben). Man muB mit Voraussagen dieser Art sehr vorsichtig sein. Vor einem halben Jahrhundert hat der Geologe Eduard Suef die Ansicht ausgesprochen und wissenschaftlich zu begriinden gesuchi, dal mit einem unaufhaltsamen Riickgang der Goldproduktion zu rechmen sei. Die Tatsachen haben ihm sehr bald unrecht gegeben. Es mag sein, da} die, die heute dhnliche Ideen vortragen, ebenso schnell und ebenso griindlich widerlegt werden. Doch wir wollen annehmen, da sie Recht behalten, daB die Preise eine fallende Tendenz aufweisen und dal alle sozialen Folgen des Steigens der Kaufkraft ausgelost werden. Was unter den gegebenen Verhiltuissen in diesem Fall unternommen werden kann, um die unerwiinschte Gestaltung der Marktlage zu #ndern, wird am Ende des zweiten Teiles dieser Arbeit zu erdrtern sein. 7) Vgl. Cassel, Wihrungsstabilisierung als Weltproblem, Leipzig 1928, S. 12, v. Mises, Geldweristabillsierung. 2 ===== PAGE 21 ===== — 18 — 4. Die MeBbarkeit der Verinderungen der Kaufkraft des Geldes. Alle Vorschlige, das Sachgeld Gold durch ein besseres, weil , wert- stabileres** Geldwesen zu ersetzen, gehen von der unklaren Vorstellung aug, man konnfe die Verinderungen der Kaufkraft irgendwie messen. Nur von diesem Standpunkt aus kann man dazu gelangen, das Ideal eines Geldes von unverinderlicher Kaufkraft aufzustellen und Wege zu suchen, die uns zur Verwirklichung dieses Ideals fithren sollen. Auf dem Boden der #lteren, heute lingst iiberwundenen objektivistischen Werttheorie entsprungen — nebenbei bemerkt, auch mit ihr nicht recht iibereinstimmend — nehmen sich diese verschwommenen und inner- lich widerspruchsvollen Vorstellungen inmitten des Systems der modernen subjektivistischen Nationalokonomie recht wunderlich aus. Man ver- mag das Ansehen, dessen sic sich noch immer erfrewen, nur damit zu erkliren, daB die subjektivistische Nationalokonomie bis vor kurzem sich darauf beschrinkt hat, die Lehre vom unvermittelten (direkten) Tausch zu behandeln, und dab sie erst spit dazu gelangte, auch die Lehre vom vermittelten (indirekten) Tausch, d. i. die Lehre vom all- gemeinen Tauschvermittler (Geldlehre) und die Lehre von den Umlaufs- mitteln (Banklehre) mit allen hierher gehorigen Problemen in den Kreis ihrer Anfgaben zu ziehent). Aber nun ware es wohl hochste Zeit, die Irrtiimer und Fehler dieser Vorstellung endgiiltig preiszugebon. Die Austanschverhidltnisse des Marktes sind immerfort Verdnde- rungen unterworfen, Denken wir uns einen Markt, auf dem kein all- gemein gebranchliches Tauschmittel, kein Geld, verwendet wird, so er- kennt man unschwer, wie widersinnig die Vorstellung von der Me8barkeit der in den Austauschverhaltnissen vor sich gehenden Verschiebungen ist. Erst wenn wir zur Fiktion vollstindiger Unbeweglichkeit der zwischen den fibrigen Tauschgiitern untereinander bestehenden Austauschver- hiltnisse greifen, und wenn wir dann den iibrigen Taunschgitern das Geld gegeniiberstellen, konnen wir uns vorstellen, dal das zwischen dem Gelde und jedem einzelnen der iibrigen Tauschgiiter bestehende Austauschverhaltnis gleichmiB8ig verandert wird, kénnen wir von gleich- miBiger Hebung oder Senkung der Geldpreise aller Tauschgiiter, von Hebung oder Senkung des Preisniveaus sprechen. Doch vergessen wir nicht, daB es sich hier um eine echte Fiktion im Sinne Vaihingers handelt, um ein Als-Ob, um eine bewnBt falsche Vorstellung, die freilich fiir unser wissenschaftliches Denken unentbehrlich ist. Vielleicht wird das not- wendigerweise Falsche dieser Vorstellung manchem noch deutlicher ') Vgl. daruber meme Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, a. a. O., S. 951. ===== PAGE 22 ===== — 19 — worden, wenn wir sie nicht vom objektiven Tauschwert des Marktes, sondern vom subjektiven Tauschwert des einzelnen Wirtschafters aus fassen. Denn wenn wir das tun wollen, dann miissen wir einen ewigen Menschen mit ewig nnverinderlichen Wertschitzungen fingieren. Dieser Mensch konnte an der ewig unverinderlichen Skala seiner Wert- gchitzungen die Kaufkraft des Geldes ablesen, er kdnnte sagen, wie sich die Geldmenge, die er ausgeben muS, um denselben Stand von Bediirfnisbefriedigung zu erlangen, verdndert hat. Doch die Vorstellung eines allgemeinen Preisstandes, eines Preispiveaus, das gleichmiBig gehoben oder gesenkt wurde, ist nicht minder fiktiv. Wir wollen dabei ganz davon absehen, daB jede Verdinderung des zwischen den Tausch- giitern einerseits und dem Gelde andererseits bestehenden Austausch- verhiltnisses notwendigerweise zu Verschiebungen in der Verteilung des Vermigens und des Einkommens unter die einzelnen Wirtschafter fithren mu, daB sie also als ein dynamisches Agens wirken muB, so dal es mithin schon von diesem Gesichtspunkt nicht znlidssig ist, derartige Annahmen zu machen. Wir benttigen jedoch diese Fiktion, um uns klar machen zu konnen, dal die zwischen den einzelnen wirtschaftlichen Giitern bestehenden Austauschverhiltnisse von der Seite eines jeden einzelnen aus eine Verschiebung erfahren kounnen. Sie ist das caeteris paribus der Lehre von den Austauschverhéltnissen, und sie ist genau so fiktiv und genau so unentbehrlich wie jedes caeteris paribus. Wenn auBerordentliche Verhiltnisse auBergewchnlich groBe und daher auifallende Veridnde- rungen der Austauschverhiltnisse auftreten lassen, dann finden wir in den Daten des Wirtschaftsablanfes Hilfen, die uns das anschauliche Durchdenken dieser Probleme erleichtern miogen; doch auch dann, und zwar dann erst recht, miissen wir, wollen wir auch nur einigermafen klar sehen, zu den unentbehrlichen Fiktionen unserer Theorie greifen. Wir sehen, wie die Ausdriicke ,, Inflation und ,, Deflation, vor wenigen Jahren noch dem deutschen volkswirtschaftlichen Sehrifttum kaum bokannt, heute tiglich gebraucht werden. Dal sie fiir die Aufgaben der wirtschaftspolitischen Erérterung in der breiten (ffentlichkeit trotz ihrer Unexaktheit geeignet sind, ist nicht zu bestreitenl). Versucht man aber, sie genau zu fassen, dann muB man mit Denknotwendigkeit zu jenen Fiktionen gelangen, deren bewuSte Falschheit ans nun klar ist. Nicht der unwichtigste Dienst, den uns diese Fiktion leistet, ist der, daB sie uns instand setzt, bei den Verinderungen des zwischen 1} Ebendort S. 224f, 9% ===== PAGE 23 ===== —_ 90 — dem Gelde und den iibrigen Tauschgiitern bestehenden Austausch- verhiltnisses zu unterscheiden, ob sie ihren Ausgang von der Geldseite oder von der Seite der Tauschgliter her genommen haben. Auch diese Unterscheidung bendtigen wir dringend fiir das Verstindnis der auf dem Markte immerfort vor sich gehenden Verschiebungen und noch mehr fiir die Beurteilung der Bedeutung unternommener oder vorge- schiagener wihrungs- und bankpolitischer Mabnahmen. Doch auch hier kann es uns nie gelingen, das Bild, das uns unsere Fiktion gibt, mit dem Bilde, das der Markt wirklich bietet, in Ubereinstimmung zn bringen; wir kinnen an Hand der Fiktion die Wirklichkeit besser verstehen, aber wir miissen uns dessen bewulBt bleiben, was Fiktion und Wirklichkeit scheidet?). Die Methode, mit der man aus den Daten iiber die Verdinderungen der Geldpreise der einzelnen wirtschaftlichen Giiter zur Messung der Verinderungen der Kaufkraft des Geldes gelangen will, beruht auf dem Gedanken, daB bei gewissen rechnungsmifigen Zusammenfassungen der Preishewegung einer Vielheit von Kaufgiitern oder aller Kaufgiiter, die 1) Karl Menger hat die Frage nach der Natur und dem MaBe des Einflusses, welchen die Anderung der auf Seite des Geldes liegenden Bestimmungsgriinde der Preisbildung auf die Austauschverhiltnisse des Geldes und der Kaufgiiter ausiibt, als das Problem des inneren Tauschwertes des Geldes und seiner Bewegung bezeichnet, ond unter dem Ausdruck , Bewegung des auBeren Tauschwerts des Geldes™ das Problem der drtlichen und zeitlichen Veriinderungen des objektiven Tauschwertes des Geldes iberbanpt zusammengefaBt. Ich habe diese Ausdrucksweise als nicht gerade gliicklich gewidhlt bezeichnet (Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, a. a. 0., 8. 104), sie aber dennoch, da sie nun einmal durch Menger in der Wissenschaft das Birgerrecht erlangé hat, beibehalten und dort, wo dies mit Nutzen gesohehen kann, verwendet. Es hat wenig zu sagen, wie eine Bezeichnung, die einem brauch- baren oder uunentbehrlichen Begriff beigelegt wird, Iautet; die Hauptsache sind die Begriffe und nicht die Ausdriicke, die sie bezeichnen. Es ist grober Unfug, wenn man fiir einen Begriff, dem schon ein Name beigelegt wurde, ohne Not einen anderen Aus- druck wihlt, Mein Schiller Haberler hat mich darob heftig getadelt und mir vorge- worfen, ich stiinde unter ,,der Herrschaft des Worts* (vgl. Haberler, Der Simm der Indexzahlen, Tilbingen 1927, S. 109f). In seinen sachlicher Ausfithrungen kommt aber Haberler ither das von mir Gebrachte nicht hinaus; er unterscheidet iibrigens ebenfalls zwischen Preisverinderungen von der Warenseite her und solchen ven der Geldseite her. Anfinger sollten ihren Ehrgeiz daran setzen, nene Erkenntnisse zu finden und jhre Zeit nicht damit verlieren, an dem Sprachausdruck herumzumikeln, Dab es, wie Haberler meint, vergebene Mithe wire, ,.in der Welt der Wirklichkeit einen inneren und duBeren Tauschwert des Geldes zu suchen“, ist klar; Begriffe ge- horen aber uberhaupt nicht der ,, Welt der Wirklichkeit* an, sondern der des Gedankens und der Wissenschaft, DaB Haberler meine Kritik an den Versuchen, den Geldwert zu messen, ,,nicht ganz glieklich® findet, ist um so erstaunlicher, als er sie doch ganz von mir iibernommen hat, ===== PAGE 24 ===== — 9 - Einwirkungen der auf Seite der Kaufgiiter liegenden Bestimmungsgriinde sich gegenseitig aufheben, so dad sich ans derartigen Zusammenfassungen die Wirkung der auf Seite des Geldes liegenden Bestimmungsgriinde der Preisbewegung nach Richtung und Ma8 erkennen lassen. Das Wesen dieser Methode liegt also darin, da sie durch Errechnung von Mittel- werten die bei den verschiedenen Kaufgiitern aufgetretenen Preiséinde- rungen zu einem Generalwert, der als Index der Geldwertveranderung an- gesehen werden soll, zu verarbeiten sucht. Wir wollen von den Schwierig- keiten, die sich der Beschaffung der als Grundlage fiir solche Berech- nungen erforderlichen Preisangaben in der Praxis entgegenstellen, ganz absehen und uns nur auf das beschriinken, was {iber die grundsatzliche Tauglichkeit dieser Methoden fiir die Losung unseres Problems zu sagen ist. Da ist zunfichst zu bemerken: Es gibt verschiedene Mittelwerte. Welchen sollen wir wihlen? Das ist eine alte Streitfrage. Zugunsten eines jeden Mittelwerts wurden Griinde geltend gemacht, gegen jeden wurden Einwénde erhoben. Fiir uns ist aus dieser Erdrterung nur das wichtig, da8 die Frage nicht in einer von allen unbestritten als ,,richtig* anerkannten Weise entschieden werden kann. Das andere Moment von grundsitzlicher Bedeutung ist die Frage nach der Beriicksichtigung der Wichtigkeit der verschiedenen Kauf- gliter. Zieht man den Preis eines jeden Gutes mit dem gleichen Gewichte zur Bildung des Indexwertes heran, dann ergibt sich etwa, dal, wenn wir das arithmetische Mittel suchen, die fiinfzigprozentige Erhéhung des Brotpreises durch den Riickgang des Diamantenpreises auf die Halfte ausgeglichen wird, so daB der Index sagen wiirde, es habe sich an der Kaufkraft (am Preisniveau) nichts geéindert. Da dieses Ergebnis offenbar widersinnig ist, will man zur Bildung der Indexzahl die Preise der verschiedenen Waren nach MaBgabe ihrer Wichtigkeit verwenden. Die Preise sollen mit einem Wichtigkeitskoeffizienten in die Rechnung eingehen; man nennt dann das Ergebnis das ,,gewogene* Mittel. Doch da bringen wir in unser Verfahren das zweite arbitrire Moment. Was ist ,,Wichtigkeit*? Man hat verschiedene Gesichtspunkte heranzuziehen versucht. Fir jeden wurden Griinde geltend gemacht, gegen jeden Ein- wendungen vorgebracht. DaB eine eindeutige, alle befriedigende Losung des Problems nicht gefunden werden kann, ist klar. Man beachte be- sonders die Schwierigkeit, daB die Umstiinde, die fiir die — sei es wie immer gewihite — Methode zur Ermittlung der ,,Wichtigkeit* in con- creto in Betracht kommen, sich bestindig im Flusse befinden, so daB der Wichtigkeitskoeffizient selbst sich bestindig mit verandert. In dem Augenblick, in dem man die ,,Wichtigkeit* der verschiedenen Giiter zu ===== PAGE 25 ===== — 92 — beriicksichtigen beginnt, verlafit man den — wie sich eben gezeigt hat, zu offenbar widersinnigen Ergebnissen fithrender — Boden des objek- tiven Tauschwerts und begibt sich auf den des subjektiven Tausch- werts. Da es eine allgemein anerkannte und unwandelbare ,,Wichtig- keit** der Giiter nicht gibt, da von ,subjektivem‘ Wert nur vom Stand- punkt der einzelnen Wirtschafter gesprochen werden kann, mu man damit, je genaner man die Sache itherdenkt, schlieBlich zu der schon besprochenen subjektiven Methode gelangen, zu jenmer unzuldssigen Fiktion des ewigen Menschen mit ewig unverdnderlichen Wertschitzungen. Da man auch das, weil es doch gleichfalls offenbar unsinnig ist, ver- meiden will, bleibt man unschliissig auf halbem Wege stehen. Nun ist man von den beiden offenbar unsinnigen Methoden — ungewogenes Mittel auf der einen Seite, Fiktion des ewigen Menschen mit den ewig unverénderlichen Wertschitzungen auf der anderen Seite — gleich weit entfernt, und glaubt daher, etwas Brauchbares gefunden zu haben. Doch die Wahrheit ist nicht das Mittel zweier Unwahrheiten. Dall jede der beiden Methoden sich, wenn man sie folgerichtig bis ans Ende fiihrt, als widersinnig entpuppt, beweist doch nicht, da8 ihre Verbindung das Richtige wire, Alle Indexberechnungen setzen sich iiber diese unwiderlegharen Einwendungen leicht hinweg und rechnen mit beliebig gewahlten Wich- tigkeitskoeffizienten. Wir aber haben festzustellen: Auch das Problem der Beriicksichtigung der Wichtigkeit kann nicht in einer von allen unbestritten als ,,richtig* anerkannten Weise gelost werden. Die Vorstellung, es konnten die Verinderungen der Kaufkraft des Geldes gemessen werden, ist wissenschaftlich unhaltbar. Das wird niemand iiberraschen, der mit den Grundproblemen der modernen sub- jektivistischen Katallaktik vertraut ist und die Tragweite der modernen Untersuchungen fiber die Wertmessung!) und iitber die Bedeutung der Geldrechnung?) erkannt hat. Man kann freilich Indexzahlen zu ermitteln suchen, und nichts ist heute bei den Statistikern beliebter. Doch alle diese Berechnungen ruben auf schwankender Grundlage. Sie sind, ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die der Feststellung der Gleichartigkeit der Waren, deren Preise zugrundegelegt werden, in verschiedenen Zeitpunkten ent- gegenstehen, in doppelter Hinsicht arbitrir: in bezug anf die Wahl des Mittels und in bezug anf die Wahl der Wichtigkeitskoeffizienten. !) Vgl. meine Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, 2. a. O., S. 10ff. ) Vgl. meine Gemeinwirtschaft, Jena 1922, S. 1001f, ===== PAGE 26 ===== Wir haben keine Handhabe, eine der vielen moglichen Methoden als allein , richtig”, die anderen als ,falsch* zu kennzeichnen; jede ist gleich berechtigt oder unberechtigt, keine ist wissenschaftlich sinmvoll. Es ist demgegeniiber ein magerer Trost, wenn manche darauf hin- weisen, daf die Ergebnisse der verschiedenen Methoden nicht allzu stark voneinander abweichen. Auch wenn das zutreffen wiirde, kénnte es die Schlisse, die wir aus unseren Feststellungen zu ziehen haben werden, nicht.im mindesten bheeinflussen. Daf man iiberhaupt darauf verfallen konnte, so geniigsam zu sein, 14B8t sich nur aus den Erfahrungen der groBen Inflationen, inshesondere der jiingsten und groBten, erklaren. Um fiber die gewaltige Geldemtwertung, wie sie etwa die deutsche Inflation brachte, eine rohe Aussage zu machen, mochte jede Index- methode gut genug sein. Da hatte die Indexberechnung eine didaktische Aufgabe zu erfiillen: die in den etatistischen Vorstellungen vom Gelde befangene Bevilkerung aufzuklaren. Doch was sich als Methode der Volks- aufklirung bewéhrt, ist darum lange noch nicht wissenschaftlich korrekt oder fiir die Anwendung im Leben brauchbar. 5. Fishers Stabilisierungsplan. Den Vorzug der Goldwihrung erblicken wir darin, daB die Ge- staltung des Goldwertes unabhingig von wirtschaftspolitischen Ein- wirkungen vor sich geht. Dal der Wert des Goldes nicht ,stabil* ist, ist klar; doch Wertstabilitit gibt es nicht und kann es nicht geben. Hatten wir ein ,,manipuliertes* Geldwesen, bei dem es zu den Aufgaben der Regierung gehoren wiirde, den Geldwert zu beeinflussen, so wiirde die Frage, in welchem Sinne dieser Einflu auszuiiben ist, bald in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Interessen riicken. Man wiirde von der Regierung verlangen, dal sie durch ihre Eingriffe die Kauf- kraft des Geldes so veriindere, daB bestimmte politisch machtige Schichten auf Kosten der itbrigen Bevilkerung begitnstigt werden. Uber Richtung und MaB der geldwertpolitischen Verfiigungen wiirden heftige Partei- kimpfe entbrennen. Je nach den augenblicklichen Machtverhiltnissen witrde bald dies, bald das unternommen werden. Die ruhige gedeihliche Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit wiirde immerfori von Seite des Geldes her Stérungen erfahren. Das Ergebnis der Manipulation wiirde uns ein Geldwesen hescheren, das gewil nicht stabiler wire als die Goldwahrung. Daran wiirde sich auch nichts findern, wenn man sich entschliefen wiirde, die Kaufkraft des Geldes so zu beeinflussen, daB die Indexzahl immer unverandert bleibt. Wir haben geschen, daB es nicht nur einen, ===== PAGE 27 ===== — 24 —- sondern viele Wege zur Ermittlung von Indexzahlen gibt, dab wir keinen dieser Wege als den allein richiigen bezeichnen kinnen und daff wir aunt jedem Wege zu einem anderen Ergebnis kommen. Jede Partei wiirde jeweils die Indexmethode befiirworten, deren Ausdrack ihr gerade fiir ihre politischen Zwecke zusagt. Kein Richter kénnte zwischen den um die richtige Methode der Errechnung streitenden Gruppen eine objektive Entscheidung fallen, da es eben wissenschaftlich nicht angeht, einer der vielen Methoden objektive Richtigkeit zuzusprechen und alle iibrigen als falsch zuriickzuweisen. Dazu kommt aber noch ein anderer sehr wichtiger Umstand. Die alteren Vertreter der Quantitétstheorie batten die Auffassung vertreten, daB die durch Verinderung der Geldmenge bewirkten Verinderungen der Kaufkraft der Geldeinheit genau verkehrt proportional seien, se daB also etwa einer Verdoppelung der Geldmenge eine Verringerung der Kaufkraft der Geldeinheit auf die Hilfte entsprechen miisse. Der neueren Geldtheorie ist es gelungen, nachzuweisen, da diese Fassung der Quantitatstheorie nicht halthar ist. Eine Vermehrung der Geld- menge mub zwar caeteris paribus eine Senkung der Kanfkraft der Geld- einheit nach sich ziehen; doch diese Geldwertverminderung entspricht in ihrem AusmaBe keineswegs dem Ausmaf} der Vermehrung der Geld- menge. Eine feste quantitative Beziehung zwischen den Bewegungen der Geldmenge und denen der Kaufkraft 1a0t sich nicht herstellen?). Daraus miiBiten sich fiir jede Wahrungsmanipulation ganz besondere Schwierigkeiten ergeben. Der Kampf der Parteien wiirde nicht blof um die Feststellung der Erforderlichkeit einer Malinahme gehen, sondern sich, auch wenn das Ziel, der die MaBnahme dienen soll, schon fest- gestellt wurde, um das AusmaB der Inflation oder Restriktion drehen. All das erklirt uns zur Geniige, warnm die Vorschlige zur Schaffung einer manipulierten Wihrung keinen Anklang fanden und warum man das Kreditgeld (das ,,Papiergeld” des volkstiiumlichen Sprachgebrauches), anch wenn man von dem MiBbrauch, den die Finanzminister damit getrieben hatten, ganz absehen wollte, wegen seiner Manipulierbarkeit als schlechtes Geld bezeichnete. Die Vorschlige, die Edelmetallwahrung in der Funktion als standard of deferred payments durch die Warenw#hrung zn ersetzen oder zu erginzen, gehen keineswegs darauf aus, ein manipuliertes Geldwesen zu schaffen. Sie wollen an der Edelmetallwihrung selbst und an ihrer 1) Vgl. meine Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, a. a. O., 8. 120if. ===== PAGE 28 ===== — 95 — Wertgestaltung nichts dndern. Sie wollen lediglich einen Weg zeigen, der alle Geschifte, die eine kiinftige Geldleistung zum Inhalt haben, von der Einwirkung der Geldwertverinderungen befreit. Auch das ist leicht zu verstehen, warum diese Vorschlige nicht verwirklicht wurden. Sie hatten ja, auf dem schwankenden und wissenschaftlich nicht fundier- baren Boden der Indexerrechnung ruhend, keinen wertstabilen standard of deferred payments geschaffen, sondern nur einen mit anderer Wert- bewegung als der des goldenen Wihrungsmetalls. Fishers Vorschlage kniipfen insofern an die dlteren Warenwilhrungs- ideen an, als sie ganz wie diese von den sozialen Begleiterscheinungen der Geldwertveranderungen lediglich die Wirkung auf den Inhalt von Verpflichtungen zu kiinftiger Leistung von Geld ausschalten wollen. Darauf, dab es auch noch andere soziale Wirkungen der Geldwertver- dnderungen gibt als diese, hat Fisher ebensowenig Riicksicht genommen wie die groBe Mehrzah! der angle-amerikanischen Bearbeiter der Probleme der sozialen Begleiterscheinungen der Geldwertverdnderungen und die dlteren Vorschlige zur Schaffung einer Warenwahrung. Auch Fisher baut seine Vorschlige ganz auf den Indexzahlen auf. Was seinen Entwurf zundchst vorteilbaft von den Vorschligen zur Ein- filhrung eines multiple standard zu nnterscheiden scheint, ist der Um- stand, daB er die Indexzahlen nicht unmittelbar zur Feststelung der im Verlaufe langerer Zeitraume eingetretenen Verinderungen der Kaui- kraft verwendet, sondern zunfichst nur um die von einem Monat zum nichsten eingetretenen Verinderungen zu erfassen. Manche Bedenken, die gegen die Verwendung der Indexmethode fiir die Beobachtung langerer Zeitraume sprechen, werden vielleicht dort als weniger begriindet erachtet werden, wo nur die Beobachtung kleinerer Zeitrdume zur Er- orterung steht, Wir haben uns jedoch hier mit dieser Frage nicht zu be- fassen. Denn Fisher beschrinkt ja das Anwendungsgebiet seines Ent- wurfes nicht auf kurze Perioden. Wenn auch die Korrektur immer nur von Monat zu Monat vorgenommen werden soll, so soll sie doch immer weiter fortgesetzt werden, so daBl schlieBlich mit Hilfe der Indexzahl doch Operationen durchgefithrt werden, die sich {ther lange Zeitrdume erstrecken und fiir die aus der Mangethaftigkeit der Indexzahlen Fehler sehr betrichtlichen Umfangs eintreten miissen. Der wichtigste Beitrag, den die Geldlehre Fisher verdankt, ist die Hervorhebung der frither nur wenig beachteten Riickwirkung der Geld- wertverdnderungen auf die Gestaltung des ZinsfuBes?). Soweit die Be- 1} Vgl. Fisher, The Rate of Interest, New York 1907, S. 77if. ===== PAGE 29 ===== — 26 — wegungen der Kaufkraft des Geldes nicht nur nach der Richtung, die sie ginschlagen werden, sondern wenigstens annihernd auch nach ihrem AusmaBe vorhergesehen werden kiénnen, kommen sie in dem Brutto- zinssatz zum Ausdruck, Bezeichnen wir den Teil des Bruttozinses, der im Hinblick auf erwartete Kaufkraftverinderungen gefordert und gewihrt wird, als Kaufkraftverinderungspramie oder als Preisverande- rungspramie, welchen schwerfalligen Ausdruck wir durch den kiirzeren Preispramie eisetzen wollen, so verstehi man ohne weiteres, daB bei Erwartung allgemeiner Preissteigerungen die Preispramie den Brutto- zins erhiht (positive Preisprimie), bei Erwartung allgemeiner Preissenkung ihn ermafigt (negative Preisprimie). Da im allgemeinen den wirtschaf- tenden Subjekten der Umstand, daB der innere objektive Tauschwert des Geldes sich veriinderf, nicht bewuBt wird, und selbst wenn dies der ¥all wire, die Schwierigkeiten, die der Bildung eines auch nur halbwegs zu- verlassigen Urteils {iber Richtung und MaB der zu erwartenden Vezande- rungen entgegenstehen, auBerordentlich groB, wenn nicht geradezu un- iiberwindlich sind, wird das Geld in naiver Weise im Kreditverkehr im allgemeinen als ,,wertstabil” betrachtet, so dal cine Preisprimie bei der Vereinbarung der Bedingungen, unter denen Kredite gewdhrt und in Angpruch genommen werden, nicht miteingerechnet wird. Das gilt so gut wie ausnahmslos vom langfristigen Kredit. Wenn in bezug auf cine bestimmte Geldart die Auffassung der , Wertstabilitit® ergchiittert ist, dann wird sie bei langfristigen Kredifgeschiften iiberhaupt nicht ver- wendet. So wurden in allen Staaten, in denen ein in der Kaufkraft heftig schwankendes Kreditgeld in Verwendung stand, langfristige Kreditvertrige in dem als wertstabil geltenden Gold geschlossen. Als man in Deutschland und einigen anderen Lindern wihrend der jiingsten Inflationsperiode ans etatistischer Verbohrtheit und Halsstarrigkeit diesen Weg nicht gleich einschlagen wollte, griff man zu Roggen- und zu Kalianleihen. Die Bérsenkurse der auf Mark, Kronen und zhnliche Inflationswithrungen lautenden Anleihen hitten sich so tief stellen miissen, daB in der effektiven Verzinsung eine positive Preispramie, dem AusmaB der erwarteten weiteren Entwertung dieser Valuten entsprechend, zum Ausdruck gekommen wire, wenn nicht die Hoffnung einer spiteren Aufwertung dieser Anleihen entgegengewirkt hatte. Im kurzfristigen Kreditverkehr liegen die Dinge anders. Jeder Geschiftsmaun rechnet mit den fir die nachste Zeit zu erwartenden Veranderungen der Preise und richtet sich danach in seinen Kaufen und in seinen Verkdufen. Erwartet er Preiserhohung, dann wird er kaufen und mit dem Verkauf zuriickhalten und, um sich dic Mittel fiir dieses ===== PAGE 30 ===== —_ 97 — Verhalten zu beschaffen, bereit sein, hohere Zinsen zu gewihren; er. wartet er Preisfall, dann wird er trachten, zu verkaufen, und von Kiufen abstechen und bereit sein, die dadurch verfiigbar gewordenen Mittel zu billigerem Satz zu verleihen. Das macht, da8 die Erwartung von Preis- steigerungen zu einer positiven, die von Preisriickgangen zu einer nega- tiven Preisprimie fithrt. Soweit diese Beriicksichtigung der erwarteten Preishewegung die tatsichlich eintretende Preishewegung richtig erfafi hat, kann man vom kurzristigen Kreditverkehr nicht gut behaupten, daB durch die Verinderung der Kaufkraft des Geldes der Inhalt der Schuldvertriige in einer von den Parteien nicht vorausgesehemen und von ihnen nicht beabsichtigten Weise umgestaltet werde und daB dadurch Verschiebungen in den Einkommens- und Vermogensverhaltnissen der Gléubiger und der Schuldner eintreten. Mithin ist es, soweit kurziristiger Kredit in Frage kommt, iiberfliissig, nach einem vollkommeneren standard of deferred payments Umschau zu halten. Wir sehen also, was Fishers Vorschlag uns bringt; es ist nicht mehr, als jeder dltere Entwurf eines multiple standard schon gebracht hat. Fir die langfristigen Vertrige unzulidnglich, fiir die kurziristigen unzu- langlich und iiberfliissig, muB das Urteil lauten, soweit es im Hinblick anf die Funkfion des Geldes als standard of deferred payments gefllt wird. Doch die sozialen Begleiterscheinungen der Geldwertverinderungen erschipfen sich nicht darin, daB sie den Inhalt von Verpflichtungen, die auf kinftige Leistung von Geld lauten, umgestalten. Neben diesen sozialen Begleiterscheinungen der Geldwertverinderungen, mit denen sich die englisch-amerikanische Literatur in der Regel allein beschiftigt, gibt es noch andere. Die Verinderungen der Geldpreise treten nimlich nie gleichzeitig allen Waren gegentiber auf und beriihren die Preise der verschiedenen Giiter nicht in gleichem Male. Die Verschiebungen des Verhiltnisses von Nachifrage und Angebot von Geld fir die Kassen- haltung, die die Bewegungen des inneren objektiven Tauschwertes des Geldes auslosen, treten nicht gleichzeitig und gleichméfig in der ganzen Volkswirtschaft zutage. Sie miissen notwendigerweise von einem be- stimmten Gebiet aus ihren Ausgang nehmen, erfassen mit ihren Wir- kungen zun#chst nur einen Teil der Wirtschafter, beeinflussen zunichst nur deren Wertsehitzungen und damit nur die Preise der Waren, die von diesen begehrt werden. Erst allmahlich setzt sich die Kaufkraft- veriinderung in der ganzen Volkswirtschait durch. Steigt z. B. die Geldmenge, 50 kann dies nicht anders vor sich gehen, als daB die zusitz- liche neue Geldmenge zuniichst bestimmten Wirtschaftern (etwa den ===== PAGE 31 ===== _— 98 — Goldproduzenten oder bei Papierinflation den Staatskassen) zustrémt, zunichst nur deren Einkommen und Vermigen und damit nur ihre Wertschatzungen verandert. Es steigen also vorerst nicht alle Gater im Preise, sondern nur die Giiter, die von diesen erstem NutznieBern der Inflation begehrt werden und erst allm#hlich dann die iibrigen Giiter in der Folge, in der die znsatzliche Geldmenge sich fiber das ganze Land verteilt und zu allen Wirtschaftern gelangt®). Aber auch dann, wenn schlieBlich die Umwélzung aller Preise durch die neu anfgetretene Geld- menge zur Ruhe gekommen ist, sind die Preise aller Giiter und Dienst- leistungen nicht in dem gleichen MaBe gestiegen. Denn gerade durch den Umstand, daB die Preissteigerungen nicht mit einem Male allen Waren gegeniiber aufgetreten sind, wurden Verschiebungen der Ein- kommens- und Vermdigensverhéltnisse bewirkt, die Angebot und Nach- frage bei den einzelnen Giitern verschieden beeinflussen und daher zu einer Neuorientierung des Marktes und seiner Preise fithren miissen. Sehen wir von den Riickwirkungen der Geldwertverinderungen auf den Inhalt der auf kiinftige Leistung von Geld lautenden Vertrige ab und nehmen wir an, daB die Verinderungen der Kaufkraft des Geldes gich gleichzeitig und gleichmaBig allen Waren gegeniiber in der ganzen Volkswirtschaft vollziehen, so miiBten wir feststellen, daB die Geldwert- verdnderungen keine Anderungen in der Vermigenslage der einzelnen Wirtschafter herbeifiihren. Die Geldwertverdnderungen hitten dann keine andere Bedeutung als Anderungen der MaBe und Gewichte oder des Kalenders. Nur weil sie niemals gleichzeitig iiberall und allen Waren gegeniiber auftreten, bringen sie (auBer ihrem EinfluB auf den Inhalt der Schuldvertriige auch noch andere) Verschiebungen des Einkommens und des Vermigens mit sich. Diejenigen Gruppen, die die Waren er- zeugen und verkanfen, die zuerst im Preise gestiegen sind, werden durch die Inflation begiinstigt, da sie zundchst schon hihere Gewinne erzielen, die Waren ihres eigenen Bedarfs aber noch zu den niedrigeren, dem urspritnglichen Stande der Geldversorgung entsprechenden Preisen ein- kaufen kinnen. Seo haben in der Inflation des Weltkrieges die Erzeuger von Kriegsbedarf und die Arbeiter der Kriegsindustrie, zu denen der Segen der Notenpresse frither kam als zu den iibrigen Schichten des Volkes, aus der Geldentwertung Vorteil gezogen, wabrend die, deren Einkommen nominell zunichst anf dem alten Stande verblieben war, dar- unter zu leiden hatten, da8 sie mit den Kriegsgewinnlern beim Einkaufen 1) Vgl. Gossen, Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und dez Saras flieBenden Regeln fir menschliches Handeln, Neue Ansgabe, Berlin 1889, ===== PAGE 32 ===== — 99 wetteifern muten. Bei den Gffentlichen Angestellten lagen die Dinge besonders klar zutage; es war nicht zu verkennen, daB sie dadurch zu kurz kamen, daB die Gehaltserhthungen zu spit erfolgten, so da8 sie noch eine Zeitlang aus ihrem — den alten Preisen angepaBten — Geldeinkommen Preise bezahlen muBten, in denen die Vermehrung der Geldmenge sich schon ausgewirkt hatte. Nicht schwerer war es, im AufBienhandel die Wirkungen des Umstandes zu erkennen, daB die Preisinderungen der einzelnen Waren nicht gleichzeitig erfolgten. Die ausfuhrbeginstigende Wirkung der sinkenden Valuta ergibt sich aus dem Umstande, dad ein Teil der zur Herstellung der Ausiuhrware bendtigten Rohstoffe, Halb- fabrikate und Arbeitsleistungen noch zu den alten niedrigeren Preisen beschafit werden kann, wogegen sich im Valutenkurs der Borsen schon die Kaufkraftverinderung, die vorldufiz nur einem Teil der Waren gegeniiber zum Ausdruck gekommen ist, ausgewirkt hat, so daB der Exporteur einen spezifischen Gewinn erzielt, DaB man die von der Geldseite ansgehenden Verschiebungen der Kaufkraft als storend empfindet, ist also nicht blo8 auf die durch sie bewirkte Umgestaltung des Inhalts der auf kiinftige Leistang von Geld lautenden Verpflichtungen zuriickzufithren, sondern auch auf die Folgen der Ungleichzeitigkeit der Verinderung der Preise der verschiedenen Waren und Dienstleistungen. Kann nun Fishers werifester Dollar auch diese ausschalten? Um diese Frage beantworten zu konnen, miissen wir feststellen, daB Fishers Entwurf die Verinderungen des Geldwertes nicht behebt, sondern fortlaufend — von Monat zu Monat — korrigiert. Die Folgen, die mit dem nur schrittweisen Sichdurchsetzen der Kaufkraftinderungen verbunden sind, werden also zundchst nicht ausgeschaltet, sie wirken sich im Laufe des Monats aus. Kommt es dann am Ende des Monats zur Korrektur, dann ist damit der Lauf der Geldentwertung noch nicht abgeschlossen. Denn die Korrektur erfolgt auf Grund der Indexzahl des vergangenen Monats, in der noch die volle Geldentwerturg nicht zum Ausdruck kommen konnte, weil eben noch nicht alle Preise von ihr erfa(¢ worden waren. (Andererseits freilich haben die Giiter, deren Nachirage durch die zusitzliche Geldmenge zuniichst emporgetrisben wurde, einen Hochstand erreicht, den sie spater nicht ganz beibehalten werden kénuen. Es hingt aber von den konkreten Daten des einzlnen Falles ab, ob diese zwei Abweichungen einander derart emtsprechen, dal sie sich in ihrer Wirkung aufheben konnen.) Die Geldentwertang wird sich daher im folgenden Monat noch fortsetzen, auch wenn in diesem eine weitere Vermehrung der Geldmenge nicht eimtreten wide, und das ===== PAGE 33 ===== — 30 — wiirde fortgehen, bis der ProzeB endlich abgeschlossen wird durch eine allgemeine Erhthung der (Gold-)Preise der Waren nnd demgema8 durch eine Erhohung des Goldwertes des Dollars auf Grund der Indexzahl. Die sozialen Begleiterscheinungen der Ungleichzeitigkeit der Preisver- anderung wirden, da die Ungleichzeitigkeit der Preisverinderung der einzelnen Waren und Dienstleistungen nicht behoben wird, mithin nicht ausbleibent). Es ist mithin gar nicht notwendig auf die wahrungstechnischen Schwierigkeiten, die der Verwirklichung von Fishers Plan im Wege stehen, niher einzugehen. Auch wenn es gelingen kénnte, ihn ins Werk zu setzen, wiirden wir kein Geldwesen erhalten, das die Einkommens- und Vermogensverteilung ungestort 1aBt. 6. Verinderungen der Kaufkraft des Geldes ven der Warenseite und von der Geldseite. Die Verdinderungen des zwischen dem Gelde und den einzelnen wirtschaitlichen Guitern bestehenden Austauschverhaltnisses konnen ent- weder von der Geldseite oder von der Warenseite ausgehen. Das Ziel der Stabilisierungspolitik geht dahin, nicht nur die von der Geldseite ausgehenden Verinderungen, sondern alle Verinderungen schlechthin fiir die Zukunft auszuschalten, mag dies anch in der Regel nicht klar ansgesprochen und mag es mitunter selbst bestritten werden. Es ist fiir die Aufgaben. die uns beschaftigen, nicht notwendig, auf die Marktvorginge ndher einzugehen, die bei unverindertem Stande der Geldmenge Vermehrung oder Verminderung aller Kaufgiiter aus- losen minBten?). Es geniigt uns, festzustellen, dal neben Verschiebung der zwischen den einzelnen Kaufgittern untereinander hestehenden Aus- tauschverhéltnisse auch Verschiebungen der zwischen dem Gelde und der groBeren Zahl der Kaufgiter bestehenden Austauschverhiltnisse in dem Sinne aunftreten wiirden, da Verminderung der Warenmenge die Kaufkraft der Geldeinheit schwicht, Vermehrung die Kaufkraft erhtht. Es ist dabei zu beachten, dafl die soziale Umschichiung, die als Folge dieser Verdnderungen des Angebotes an Waren auftreten muB, ihrerseits wieder eine Umgestaltung der Kassenhaltung und damit des Geld- bedarfes auslosen wird und daB diese in einer Richtung erfolgen kann, 1) Im ubrigen vgl. zur Kritik des Fisherschen Vorschlages meine Theorie des Geldes und der Umlanfsmittel, a. a. O., S. 413ff. *) Ob man diesen Fall als Veranderung der Kaufkraft von der Geldseite her oder als Veranderung der Kaufkraft von der Warenseite her ansehen will, ist eine Frage der Terminologie. ===== PAGE 34 ===== — 81 — die die unmittelbare Wirkung der Andernng der Warenmenge auf die Kaufkraft abschwiichen kann. Doch auch dies kann fiir uns znnichst aubBer acht bleiben. Das Ziel aller Stabilisierungsvorsehlige geht, wie wir gesehen haben, dahin, den urspriinglichen Inhalt der auf kiinftige Leistung von Geld lautender Vertrige unveriindert aufrechtzuerhalten. Gliubiger und Schuldner sollen an Kaufkraft weder gewinnen noch verlieren. Das soll angeblich ,gerecht* sein. Dariber, was Recht oder Unrecht ist, kann man natiirlich ein wissenschaftliches Urteil nicht abgeben. Das ist eine Frage der ethischen Wertung und des Wollens, keine Frage des Seins. Wir wissen nicht, was es ist, was den Vorkimpfern der Kauf- kraftstabilisierung gerade die unverinderte Aufrechthaltung der Kauf- kraft der Schuldsumme als das allein Gerechte erscheinenr 138t. Doch wir ktnnen wohl annehmen, daB sie weder den Schuldner noch den Glanbiger gewinnen oder verlieren lassen wollen, daB sie den Schuld- vertrag inmitten der sich von Minute zu Minute verindernden okono- mischen Welt maoglichst unverdndert fortbestehen lassen, daB sie ihn gewissermaBen aus dem Klusse des Geschehens in ein zeitloses Sein versetzen wollen. Nun beachte man, was hier vorgegangen ist. Alle Produktion ist ertragreicher geworden, der Giiterstrom stromt reicher denn je zuvor, wo frither eine Mengeneinheit dem Verbrauch verfiigbar war, sind es nun zwei. Doch da die Geldmenge nicht vermehrt wurde, ist die Kanfkraft der Geldeinheit gestiegen, fir eine Geldeinheit kann man nun, sagen wir, 1% mal soviel Giiter kaufen als frither. Ob das wirklich nun bedeutet, da dort, wo keine Warenwihrung besteht, der Schuldner benachteiligt und der Gliubiger begitnstigt wird, ist nich s0 ohne weiteres klar, Betrachtet man die Dinge vom Standpunkte der Preise der Produktionsmitie), dann wird man diese Aunffassung freilich bestatigt finden. Denn der Schuldner konnte mit der Schuld- summe Produktionsmittel erwerben, deren Preis, wenn ihr Realertrag mittlerweile nicht gestiegen ist, zuriickgegangen ist, oder, falls ihr Real- ertrag gestiegen ist, keine entsprechende Steigerung erfahren hat; man kann jetzt Produktionsmittel, die heute den Realertrag bringen, den die um die Schuldsumme zur Zeit der Schuldbegriindung kiuflichen Produktionsmittel damals gebracht haben, fir weniger Geld erwerben. Wir wollen auf das Problematische solcher Hypothesen, die den EinfluB, den die eingetretenen Verschiebungen auf Unternehmergewinn, Kapital- zins und Rente ausiiben, nicht berilcksichtigen, gar nicht besonders cingehen. Wenn wir aber die Veriinderungen der Reallohne betrachten, ergibt es sich klar, daB die Dinge doch auch anders angesehen werden ===== PAGE 35 ===== — 32 — kionnen, als sie jenen erscheinen, die fiir die Stabilisierung eintreten. Der Glinbiger kann, wenn er dieselbe Nominalsumme zuritckerhilt, nun freilich mehr Giiter kaufen, doch seine soziale Lage ist damit nicht verbessert worden, er ist gegeniiber der allgemeinen Steigerung der Real- einkommen, die sich vollzogen hat, nicht begiinstigt worden. Kiirzt ihm nun die Warenwébrung einen Teil der Nominalforderung, dann wird er sozial gedritckt, dann wird ihm etwas genommen, das, wie er glauht, ihm nach Billigkeit zukommen sollte. Man mufl dabei beachten, daB unter der Herrschaft der Warenwihrung auch die jeweils filligen Zinsen, die Leibrenten, Unterhaltsbeitrige, Pensionen un. dgl. m. nach MaBgabe der Indexzahl in ihrem Sollbetrag erhiht oder vermindert werden, so dal derartige Befrachtungen vom Standpunkte des Verbrauchers durchaus nicht von vornherein als unzulissig abgelehnt werden kénnen. Wir sehen, dal die Warenwiahrung und auch der Vorschlag von Irving Fisher auf der einen Seite gar nicht imstande sind, jene sozialen Begleit- erscheinungen der Geldwertverinderungen auszuschalten, die sich aus der Ungleichzeitigkeit des Auftretens und der UngleichmiBigkeit des Ausmafes der Preisanderung ergeben, und daf sie auf der anderen Seite ihre Riickwirkung auf den Inhalt der Schuldvertrige in einer Weise auszuschalten suchen, daB unter Umstiénden besonders geartete Ver- schiebungen der Einkommens- und Vermogensverhiltnisse ausgelost werden, die zumindest von denen, zu deren Lasten sie erfolgen, als offenbar ungerecht empfunden werden diirften, Die Frage der ,,Ge- rechtigkeit* der vorgeschlagenen Reformen steht somit nicht so un- zweifelhaft fest, wie ihre Befiirworter anzunehmen pflegen. Die Sympathie, mit der diese und dhnliche Bestrebungen im all- gemeinen aufgenommen werden und die ihnen selbst bei denen, die ihre Mangelhaftigkeit und Undurchfiihrbarkeit erkennen, zumindest die An- erkennung verschafft, man miisse es bedauern, daBl das zweifellos erstrebenswerte Ziel dberhaupt nicht oder wenigstens nicht auf diesem Wege erreicht werden konne, wurzelt in letzter Linie in dem zugleich geistigen und physischen Triigheits- und Beharrungstrieb des Menschen. Wohl wiinscht jedermann den Stand der Giiter- deckung und Bediirfnisbefriedigung verbessert zu sehen, wohl hofft jeder auf Verinderungen, die ihn reicher machen kinnten. MiBtrauen in die eigenen Krifte und Fihigkeiten, die Unlust, sich im Denken und im Handeln neuen Lagen anpassen zu miissen, schlieBlich in vorgeritckten Lebensjahren das BewuBtsein, daB man neuen Anforderungen nicht mehr mit der Lebenskraft der Jugend zu entsprechen vermag und manche andere Umstiande wirken jedoch dahin, daB das Alte und Uberkommene, ===== PAGE 36 ===== — 33 — weil es ein Gewohntes ist, dem Neuen vorgezogen wird. Freilich, wenn das Neue der eigenen Wohlfahrt forderlich ist, wird es begriibt und dank- bar hingenommen. Jede Verinderung aber, die, ob nun aus eigenem Ver- schulden oder ohne solches, Nachteile bringt oder auch nur zu bringen scheint, wird als ungerecht empfunden. Die durch die neue Lage der Dinge ohne eigenes Verdienst Begiinstigten nehmen die Wohlfahrts- erhéhung als etwas Selbstverstindliches und ihnen schon lingst Ge- btihrendes schweigend hin, die Geschidigten aber erheben laute Klage. Aus solchem Empfinden heraus entsprangen die Vorstellungen vom »gerechten Preis‘ und vom ,,gerechten Lohn*. Wer mit der neuen Zeit nicht mitkam, wer ihren Anforderungen nicht zu entsprechen vermag, wird zum Lobredner der Vergangenheit und zum Befiirworter des Still- standes, Dem Ideal des nie rastenden Fortschritts wird das Ideal des Ruhezustandes, der stationdren Wirtschaft entgegengestellt. Lange Zeit hindurch galt die Sympathie der dffentlichen Meinung dem Schuldner, Das Bild des reichen Gliubigers, der dem armen Schuldner gegeniiber auf seinem Schein besteht, beherrschte die volks- timliche Beurteilung der Schuldverhdltnisse und die ressentiment- erfiillten Ausfithrungen der Morallehrer. Ein Nachklang davon findet sich noch in der von den Zeitgenossen und den Epigonen der Klassiker gemachten Gegeniiberstellung des idle rich und des industrious poor. Doch mit der Ausbildung der Teilschuldverschreibung und der Spar- einfage, die es bei dem steigenden Wohlstand den Massen ermoglichte, Gliubiger zu werden, und mit dem Riickgang des Kleinhetriebs und dem Aufkommen des GroBbetriebs trat ein Umschwung der Stimmung ein. Nun ist nicht mehr der , ,Reiche® typisch Glaubiger und der , Arme* typisch Schuldner; das Verhéltnis ist in vielen Fallen, vielleicht in der Mehrzah! der Fille, umgekehrt, Heute ist der Schuldnerstandpunkt, von Bauern- und Farmerlindern abgesehen, nicht mehr der Standpunkt der Massen und mithin auch nicht mehr der der Demagogen. Wenn einst inflationistische Politik ihre stirkste Stiitze bei den verschuldeten Massen finden konnte, so ist das heute anders. Hente kann Restriktionspolitik den Massen nicht unlieb sein, weil sie als Glaubiger daraus sicher Vorteil zu ziehen hoffen und weil sie als Lohn- und Gehaltsempfénger erwarten, daB dic Herabsetzung ihrer Beziige dem Riickgang der Warenpreise nachhinken, thm keinesfalls vorauseilen werde. Man kann es mithin verstehen, da die Vorschlage zur Schaifung eines ,,wertstabilen* standard of deferred payments, die in den Jahren des Niedergangs der Warenpreise fast in Vergessenheit geraten waren, in den letzten drei Jahrzehnten wieder aufgenommen wurden. Vor- v. Mises, Geldwertstabilizierung. 3 ===== PAGE 37 ===== — 34 — schlige dieser Art sind immer vor allem zur Abwehr von Schadigung des Glaubigers, kaum je zum Schutze gefihrdeter Schuldnerinteressen gemacht worden. Sie sind in England aufgetaucht, als England der groBe Weltbankier war, sie wurden in den Vereinigten Staaten in dem Augen- blicke erneuert, in dem dieses Land sich anschickte, aus einem Schuldner- land ein Glaubigerland zu werden, sie wurden dort geradezn volkstiim- lich, als Amerika der groBie Weltgliubiger wurde. Manche Anzeichen sprechen heute dafar, daf die Periode der fort- schreitenden Geldwertverringerung sich ihrem Ende nahert. Sollte das wirklich der Fall sein, dann dirfte auch der Widerhall, den die Idee der manipulierten Wahrung heute bei den Glaubigernationen findet, schwiicher werden. 7. Das Ziel der Geldwertpolitik. Die Geldwertpolitik der vorliberalen Zeit war enfweder rohe Minz- verschlechtornng zugunsten der Finanzverwaltung (nur ausnahmsweise als Seisachtheia geplant) oder noch rohere Papiergeldinfiation, bei der schon frithzeitig neben dem fiskalischen Zweck oder an seiner Stelle die Absicht, den Schuldner anf Kosten des Glaubigers zu begiinstigen, den treibenden Beweggrund bildete. Der entwerteten Papierwihrung gegeniiber nahm der Liberalismus éfter den Standpunkt ein, man miisse durch Restriktion den Geldwert bis zur Hohe der alten Paritidt mit dem Metallgelde heben. FErst als man erfahren hatte, dal man die als un- gerecht empfundenen Einkommens- und Vermigensverschiebungen der Inflationszeit durch die Restriktion keineswegs riickgingig machen konne, dal vielmehr die Kaufkraftsteigerung wiederum Einkommens- und Vermigensumschichtungen mit sich bringt, die man nicht erwiinscht fand, trat allmihlich die Forderung der Riickkehr zur Metallwihrung mit dem augenblicklichen Metallpari der entwerteten Valuta an die Stelle der Forderung zur Wiederherstellung des alten Pari. Gegeniiber dem Edelmetallgelde erschopfte sich die Wihrungs- politik lange Zeit in fruchtlosen Versuchen, der Doppelwihrung Leben und Bestand einzuflofien. Die Folgen, die die Festlegung eines gesetz- lichen Austanschverhiltnisses zwischen den beiden Edelmetallen Gold und Silber nach sich ziehen muBte, kannte man schon lange, bevor die klassische Nationalokonomie die Erkenntnis von der GesetzmaBigkeit der Markterscheinungen gelehrt hatte; das Greshamsche Gesetz, die Anwendung der Lehre von den Preistaxen auf den besonderen Fall des Geldwesens, erwies sich immer wieder als richtig. SchlieSlich gab man es auf, das Ideal der Doppelwihrung anzustreben. Nun war dag nichste ===== PAGE 38 ===== — 35 — Ziel, den immer mehr an Bedeutung wachsenden AuBenhandel von den Einwirkungen der Schwankungen des Preisverhéltnisses der beiden Edelmetalle zu befreien. Das Ergebnis war die Ausbreitung der Gold- wihrung und die Zuriickdringung der Alternativwdbrung und der Silberwiahrung. Das Gold wurde zum Weltgeld. Mit der Erreichung des Goldmonometallismus hielten die Liberalen das Ziel aller Geldwertpolitik fiir erreicht. (Wie sie es fiir ndtig er- achteten, die Wihrungspolitik durch die Bankpolitik zu erglinzen, wird noch eingehend erdrtert werden.) Das Gold war in seiner Wertgestaltung von unmittelbarer Einflunahme der Regierungen, der Politik, der dffent- lichen Meinung und der Parlamente unabhingig, man muBte nicht fitrchten, daB, solange die Goldwihrung aufrecht blieb, heftige Be- wegungen der Preise von der Geldseite her ausgelist werden konnten. Mehr wollten dic Anhdnger der Goldwihrung nicht, obwohl ibner zu- niichst nicht ganz klar war, dal man mehr auch gar nicht erreichen konnte. Wir haben gesehen, wie es gekommen ist, da die Kaufkraft des Goldes in den letzten drei Jahrzehnten immerforf gesunken ist. Das war nicht, wie vielfach behauptet wird, einfach die Folge der Steigerung dor Golderzeugung. ¥s mag dahingestellt bleiben, ob, wenn die Politik picht eingegriffen hétte, der Zuflug an Gold ans den Erzewgungsstiitten sich nicht eher als zu gering erwiesen hitte, um dem Steiger des Geld- bedarfes ohne Steigerung der Kaufkraft zu entsprechen. Nur weil man in einer Reihe vom Staaten nicht, wie die Goldwihrungsanhinger er- wartet hatten, die , reine’ Goldwihrung einfithrte, sondern Goldkern- wihrung und Golddevisenkernwihrung und weil man in den Liandern der ,reinen‘ Goldwihrung MaBnahmen ergriff, die sich als Schritte auf dem Wege zur Kernwihrung darstellten und als solche auch ge- dacht waren, und weil man schlieBlich seit 1914 das Gold so ziemlich iiberall aus dem effektiven Umlauf zuriickzog, hat das Gold jenen Preis- fall erlitten, der die jiingste wahrungspolitische Erdrterung hervor- gerufen hat. Das, was man heute an der Goldwihrung auszusetzen findet, ist mithin nicht der Goldwahrung zunzuschreiben, sondern einer Politik, die die Goldwihrung bewuBt untergraben wollte, um die Kosten des Geldgebrauchs herabznsetzen, vor allem aber, um ,billiges Geld“ (im Sinme: niedriger Darlehenszins) zu erhalten. Es ist klar, daB diese Politik dag Ziel, das sie sich gesetzt hatte, nicht erreichen konnte und dag sie schlieBlich nicht niedrigen Darlehenszins, sondern Preissteigerungen und UngleichmaBigkeit im Ablauf der Wirtschaft zeitigen muBte. Geniigt 8* ===== PAGE 39 ===== es nun, alle Versuche, durch wihrungs- und bankpolitische Kunstgriffe den ZinsfuB zu erméBigen, aufzugeben und die Wihrungspolitik von Rilcksichten auf die Kosten des Geldumlaufs und auf die Moglichkeit, im Notfalle Papierinflation zu treiben, freizumachen ? Die Vorkampfer der ,reinen* Goldwahrung, die dem Geldwesen der wichtigsten Staaten Europas, Amerikas und Australiens die Ver- fassung gegeben haben, die bis zum Ausbruche des Weltkriegs in Kraft stand und die das wiahrungspolitische Schrifttum bis in die jiingste Zeit als das wihrungspolitische Ideal angesehen hat, haben ohne Zweifel die Tatsache der von der Geldseite ausgehenden Verdinderungen der Kaufkraft des Goldgeldes zu leicht genommen. Sie haben das Problem der ,,Stabilisierung** der Kaufkraft des Geldes kaum beachtet und es jedenfalls fiir ganz und gar unpraktisch erachtet. Wir mogen uns heute rithmen, die Grundfragen der Preis- und Geldtheorie tiefer erfaBt zu haben, wir sind iiber manche Auffassungen, die die wahrungspolitischen Schriften einer gar nicht fernen Vergangenheit beherrscht haben, hinauns- gekommen, doch wir kinuen, gerade auch, weil wir das Wertproblem heute besser zu verstehen glauben, die Vorschlige, das Geldwesen anf den Indexzahlen aufzubauen, nicht annehmbar finden. Es mag dem politischen Denken der Zeit entsprechen, jede Anregung, die auf Er- weiterung des Einflusses der Regierung zielt, zu begriien. Wenn man den Vorschlidgen von Fisher und Keynes zustimmt, weil man die unmittel- bare Beeinflussung der Wertgestaltung des Geldes durch die Regierung bestimmten wirtschaftspolitischen Zwecken diensthar machen will, dann kann man das verstehen, wenn man es auch nicht zu billigen vermag. Doch wer fiir die Indexwabrung eintritt, weil er die Kaufkraft ,stabili- giert sehen will, befindet sich in einem schweren Irrtum. Wenn man darauf verzichtet, der Chimére eines Geldes von unver- anderlicher Kaufkraft nachzujagen, so liegt darin weder Resignation noch auch Geringschiatzung der sozialem Folgen der Geldwertveridnde- rungen. Man zieht nur die notwendige SchluBfolgerung aus der Ein- sicht, dal Bestindigkeit der Kaufkraft des Geldes Bestindigkeit aller Austauschverhiltnisse und damit véllige Ruhe des Marktes und der Wirtschaft voraussetzt. Man hat immer wieder die Frage aufgeworfen, was einmal zu ge- schehen haben wird, wenn durch eine technologische Umwilzung die Golderzeugung in einem MaBe steigen sollte, das das weitere Festhalten an der Goldwiahrung unmdiglich macht. Dann werde man, meint man, zur Indexwihrung Gbergehen milssen, und da wire es doch nur zweck- miBig, dies schon jetzt freiwillig zu tun. Es ist jedoch miiBig, sich heute ===== PAGE 40 ===== — 37 — mit Problemen zu befassen, die sich der Geldpolitik der Zukunft mdg- Yicher-, wenn auch nicht allzu wahrseheinlicherweise bieten werden. Wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen an ihre Lisung zu schreiten sein wird. Es mag sein, wir wollen es dahingestellt sein lassen, dal unter Um- sténden die Verhéltnisse keine andere Losung als die Annahme eines auf einer Indexzahl beruhenden Systems zulassen werden. Doch damit wiirde kaum ein zweckmifBigeres Geldwesen geschaffen werden als das, das wir heute besitzen. Ungeachtet aller Mangel, die ihr anhaften, ist die Goldwihrung eine brauchbare und nicht unzweckmiBige Wihrung. ===== PAGE 41 ===== II. Konjunkturpolitik zur Ausschaltung der Konjunkturschwankungen. 1. Die Stabilisierung der Kautkraft des Geldes und die konjunktur- freie Wirtschaft. Die ,,Stabilisierung* der Kaufkraft des Geldes wilrde zugleich auch das Ideal einer konjunkturfreien Wirtschaft verwirklichen. Ir der stationiren Wirtschaft gibt es eben kein Auf und Nieder des Ganges der Geschifte, da flieBt der Strom des Geschehens gleichmiBig nnd ruhig dehin, da stort kein unvorhergesehenes Ereignis die Giiterver- sorgung, da erfahrt der Wirtschafter keine Enttiuschung dadurch, daB die Dinge sich nicht so entwickeln, wie er es in seinem auf die kiinftige Bedarfsdeckung gerichteten Handeln angenommen hat. Wir haben ge- sehen, dab dieses Ideal nicht verwirklicht werden kann, und da8 es iiber- haupt nur aufgestellt werden konnte, weil man die Probleme der Kauf- kraftgestaltung nicht ganz durchgedacht hat, und daB schlieBlich statio- nire Wirtschaft (gesetzt den Fall, da sie verwirklicht werden kinnte) gewiB nicht das erfilllen wiirde, was man von ihr erhoffen mag. Doch mit dieser Feststellung und mit der engeren Absteckung der Ziele der Geld- wertpolitik ist durchaus noch nicht gesagt, da alles das, was sich heute unter dem Schlagworte ,, Politik zur Ausschaliung der Konjunktur- schwankungen* birgt, sinnlos wire. Es ist wahr, einem Teil der Schriftsteller, die sich mit diesen Problemen befafit haben, schwebt dunkel die ,,Stabilisierung des Preisniveaus‘ als der Weg vor, auf dem die Ziele, die sie der Konjunkturpolitik setzen, erreicht werden kénnten. Doch daB die Konjunkturpolitik sich nicht in den fruchtlosen Versuchen zur Festlegung der Kaufkraft des Geldes erschopft, zeigt schon allein der Umstand, daB die Bemiihungen, durch bankpolitische MaSnahmen den Aufschwung zu dimpfen und damit auch den auf den Aufschwung endlich folgenden Niedergang nicht so tief gehen zu lassen, wie es der Fall sein miiBte, wenn man den Dingen freien Lauf gelassen hitte, be- sonders eifrig zu einer Zeit aufgenommen und zu einer Reihe von weit- tragenden Mafnahmen gefiihrt haben, da man den Gedanken, es kénnte ===== PAGE 42 ===== 80 etwas wie eine Stabilisierung des Geldwertes erdacht und angestrebt werden, nicht kennen wollte. Man sollte iiberhaupt nicht einen Augenblick daran vergessen, was alles von der Currency-Schule zur Klarstellung unseres Problems, sowohl des theoretisch-wissenschaftlichen als auch des praktisch-politischen, geleistet worden ist. Gerade die modernste Behandlung des Problems in der Theorie, in der Tatsachen-Beobachtung und -Statistik und in der Politik fubt doch ganz auf dem, was die Currency-Schule vollbracht hat. Wir sind nicht soweit {iber Lord Overstone hinausgekommen, da wir berechtigt sein sollten, auf seine Leistungen geringschiitzig zu blicken. Viele moderne Konjunkturforscher verachten nicht nur diese oder jene Theorie, sondern alle Theorie schlechthin und geben vor, nur die Tatsachen sprechen zu lassen. Auf keinem zweiten Teilgebiete unserer Wissenschaft ist der Wahn, die Theorie misse sich aus den Ergebnissen unvoreingenommener Tatsachenerforschung herausdestillieren lassen, mehr zu Hause als auf dem der Konjunkturlehre. Und doch ist es nirgends klarer als gerade hier, daB es ein Erfassen von Tatsachen ohne Theorie nicht gibt. Es ist heute wohl nicht mehr nétig, die logischen Irrtiimer der historisch-empirisch-realistischen Richtung der , wirtschaftlichen Staatswissenschaften* nochmals aufzudecken. Diese Arbeit ist in den letzten Jahren wiederholt mit griBter Griindlichkeit von berufenen Minnern unternommen worden. Dessenungeachtet begegnen wir neuer- dings Versuchen, das Konjunkturproblem unter vermeintlichem Ver- zicht auf theoretische Erfassung zu behandeln. Man gibt sich dabei der unbegreiflichen Tduschung hin, anzunehmen, die Tatsache des Konjunkturwechsels sei uns in unmittelbar evidenter Weise unzweifelhaft gegeben und es komme — fiir die Wissenschaft — lediglich darauf an, sie zu erkliren und — fur die Politik als Kunstlehre — Mittel und Wege zu ihrer Beseitigung zu finden. DaB alle Geschdfte zn gewigsen Zeiten gut gehen und zu anderen wieder schlecht, daB es Zeiten gibt, in denen der Unternehmer seine Gewinne tiglich in frither nicht gehofftem MaBe steigen sieht, in denen er dann, durch die Erfolge, die ihm in den Schof gefallen sind, wagemutig gemacht, zur Erweiterung seiner Unternehmungen schreitet, und daB auf solchen Aufschwung dann durch jihen Wechsel der Umstande bald arge Enttanschung folgt, groBe Verluste eintreten, alte Huser zusammen- brechen, bis allgemeine Entmutigung eintritt, die oft jahrelang anhalt, das waren Erfahrungen, die sich dem Kaufmann der kapitalistisch wirt- schaftenden Lander schon lange aufdringten, ehe man anfing, auch im ===== PAGE 43 ===== — 40 — Schrifttum von einem Krisenproblem zu sprechen. Der schnelle Wechsel von — zumindest dem Anscheine nach — héchster Steigerung der Prosperitat zu bbsestem Niedergang der Gewinstmoglichkeiten war zu auffallend, um nicht allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken, Daf Leute, die gestern noch reich waren oder doch als reich gegolten hatten, plotzlich verarmten, daB Fabriken stillgelegt, in Angriff genommene Bauten stehen gelassen wurden, da Arbeiter die Arbeitsgelegenheit verloren, waren Dinge, die selbst von denen beachtet werden multen, die von dem ,schndden Mammonsdienst'* der Geschiftswelf nichts wissen wollten. Fiir den Kaufmann aber gab es begreiflicherweise nichts, was ihm n#hergehen konnte als dieses Problem. Fragte man den Unternehmer, was denn hier vorgehe, dann gab er wohl zur Antwort, dab — abgesehen von den aus erkennbaren Ursachen vor sich gehenden Verdnderungen einzelner Warenpreise — das ganze Preisniveau bald nach aufwiirts, bald nach abwiirts tendiere. Aus un- erklirlichen Griinden treten mitunter Verhéltnisse ein, unter denen man alle oder doch die meisten Waren iiberhaupt nicht oder nur mit Verlust abzusetzen vermoge, und was das merkwilrdigste sei, solche Ungliicks- zeiten brichen immer gerade dann herein, wenn man es am wenigsten erwartet habe, gerade dann, wenn alle Geschifte schon eine Zeitlang immer besser gegangen wiren, so da man nun endlich mit dem Anbruch eines Zeitalters ungestorter rascher Entwicklung nach anfwirts gerechnet habe. Dem sehirfer denkenden Geschaftsmann mufte es freilich schlie@- lich klar werden, da schon in der Hochkonjunktur der Keim der folgen- den Krise zu suchen sel, und der wissenschaftliche Beurteiler, dessen Blick naturgemil auf die Betrachtung eines lingeren Zeitabschnittes eingestellt ist, konnte bald feststellen, dal Auwfsechwung und Niedergang anscheinend gesetzmiBig abwechseln. Damit war das Problem halb- wpgs gestellt, und die Wissenschaft begann sich die Frage vorzulegen, wie diese GesetzmiiBigkeit zn verstehen und zu erkliren sei. Zwei dieser Erklirungsversuche, die Theorie der allgemeinen Uber- produktion und die Unterkonsumtionstheorie, konnte die theoretizche Priifung als ganz verkehrt abweisen; sie verschwanden aus der wissen- schaftlichen Erirterung und fristen ihr Dasein nur noch auBerhalb der Wissenschaft: die Theorie der allgemeinen Uberproduktion im Vor- stellungskreis des Durchschnittsbirgers und die Unterkonsumtions- theorie im Sehrifttum des Marxismus. Nicht so leicht hatte es die Kritik mit einer dritten Gruppe von Erkldrungsversuchen, die die Schwankungen der Konjunktur aus dem periodischen Wechsel natiirlicher Voraus- setzungen des Bodenertrages ableiten wollten. Man kann an diese Lehren ===== PAGE 44 ===== — 4] — mit den Mitteln der theoretischen Untersuchung allein nicht heran- kommen. Es wire denkbar, dal solche Einfliisse sich in regelmaSiger Wiederkehr geltend machen; ob es wirklich der Fall ist, kann nur der Versuch lehren, die Theorie an der Beobachtung zu verifizieren. Diese Probe hat nun bis heute keine der Wetter-Theorien bestanden?), Eine ganze Reihe von im iibrigen recht verschiedengearteten Er- klarungsversuchen geht von einer behaupteten UngleichméBigkeit in der seelischen und geistigen Veranlagung der Menschen aus. Diese UngleichméiBigkeit a&ulere sich in der Wirtschaft in dem Wechsel von zuversichtlicher Beurteilung der kommenden Dinge, die den Aufschwung auslist, und von Niedergeschlagenheit, die zur Krise und zur Geschafis- stille fihrt, oder in dem Wechsel von wagemutigem Einschlagen neuer Wege und ruhigem Wandeln auf ausgetretenen Pfaden. Was an diesen Lehren und an manchen der ihnen mitunter nahestehenden psycho- logischen Disproportionalititstheorien in erster Linie auszusefzen ist, ist dae, dal sie nicht erkliren, sondern nur das Problem anders stellen. Sie konnen den Wechsel der Konjunktur nicht auf eine anch schon sonst festgestellte und erkannte Erscheinung zurtickfithren. Von den periodi- schen Sehwankungen des seelischen und geistigen Geschehens erfahren wir nur durch sie, und keine andere Beobachtung auf dem Arbeits- gebiete der Gesellschaftswissenschaften oder anderer Wissenschaften zeigt uns, daf man anch auf anderem Wege zur Annahme von Schwan- kangen dieser Art gelangen kinnte. Solange das Auftreten solcher Schwankungen nicht auch irgendwie anders glaubhaft gemacht werden kann als durch die Tatsache des Wechsels von Aufschwung und Nieder- gang im Ablauf der Wirtschaft, bedeuten die psychologischen und die ihnen verwandten Kriseniehren fiir uns kaum mehr als die Zuriickfithrung eines Unbekannten auf ein anderes ebenso Unbekanntes. Von allen Konjunkturtheorien hat nur eine den Rang einer aus- gebildeten nationaldkonomischen Lehre erreicht und behauptet: die von der Currency-Schule vorgetrageme, die in Vorgingen des Zirkulations- kredits das den Wechsel der Konjunktur Bewirkende findet. Immer wieder kehren alle Krisentheorien, auch wenn sie gich sonst noch so weit von den Gedankengingen der Currency-Lehre zu entfernen trachten, doch in ihre Bahnen zuriick, immer wieder werden wir auf Beobach- tungen gefithrt, die uns die Auffassung der Currency-Schule neuerdings zu bestatigen scheinen. Man kann eigentlich sagen, dag die Zirkulations- 1) Vgl. iiber die Theorien von Jevons, Moore und Beveridge die Ausfithrungen bei Mitchell, Business Cycles, New York 1927, S, 12ff. ===== PAGE 45 ===== —_ 42 kredittheorie des Konjunkturwechsels!) heute von allen Schriftstellers anerkannt wird und daf die iibrigen Theorien, die heute vorgetragen werden, nur darauf abzielen, zu erkliren, wieso es kommt, dal der Um- fang des durch die Banken gewidhrten Zirkulationskredits periodisch schwankt. Alle Versuche, den Ablauf der Konjunkturschwankungen empirisch-statistisch zu beobachten, und alle Bestrebungen, die Ge- staltung des Konjunkturwechsels durch wirtschaftspolitische MaB- nahmen zu beeinflussen, beruhen auf der Zirkulationskredittheorie. Erst durch die Aufstellung einer unserer Kritik zuldnglich erschei- nenden Konjunkturtheorie wird die Tatsache des gesetzmaBigen Kon- junkturwechsels erwiesen, wird uns gezeigt, dab es sich bei der Frage- stellung der Konjunkturforschung nicht um ein Scheinproblem handelt. Wire es uns nicht gelungen, eine befriedigende Theorie vom Konjunktur- wechsel zu finden, dann wire noch immer die Frage offen geblieben, ob nicht jede einzelne Krise einer besonderen Ursache entspringt, die wir erst aufzuspiiren hitten. Die Nationalokonemie ist zum Krisenproblem gelangt, indem sie vorerst alle Krisen auf besondere ,sichthare und ,,offenkundige** Ursachen wie Krieg, Elementarereignisse, Anpassung an neue Daten des Wirtschaftens (z. B. Anderungen des Bedarfs und der Technik oder Auffindung giinstigerer natirlicher Produktionshedingungen) zurfickzufithren gesucht hat. Die Krisen, die auf diesem Wege nicht erklirt werden konnten, wurden uns zum sgpezifischen Krisenproblem. Weder der Umstand, daB diese noch unerkldrten Krisen immer wieder- kommen, noch der Umstand, dal ihnen immer ein Zeitabschnitt beson- deren Aufschwungs vorausgeht, konnten uns unzweifelhaft dartun, da es sich hier um eine eigenartige und aus einer spezifischen Verursachung entspringende Erscheinung handelt. Die Wiederkehr erfolgt nicht nach gleichlangen Zwischenpausen, und dal eine Krise um so stiarker beachtet wird, je mehr sie sich von der Gestaltung der Dinge in dem ihr unmittel- bar vorangegangenen Zeitabschnitte abhebt, ist nicht schwer zu verstehen. Man kénnte also immerhin noch annehmen, daB es ein spezifisches Krigen- problem gar nicht gibt und daB die noch unerklarten Krisen ebenso aus verschiedenen besonderen Ursachen erklirt werden mitten wie etwa die ,,Krise®, in der sich die mitteleuropdische Landwirtschaft seit dem Auftreten des Wettbewerbs der auf besserem Boden arbeitenden osteuropliischen und iiberseeischen Landwirtschaft befindet, oder die »Krise‘ der europaischen Baumwollindustrie zur Zeit des amerikanischen 1) Fir diese Theorie ist, wie schon erwihnt wurde, die Bezeichnung ,,monetare Theorie am gebriuchlichsten, Aus manchen Griinden ist jedoch die Bezeichnung slirkulationskredittheorie* vorzuziehen. ===== PAGE 46 ===== — 43 Bitrgerkriegs, Was von der Krise gilt, kann auch auf die Hausse ange- wendet werden. Auch hier kénnten wir statt nach einer allgemeinen Haussetheorie nach besonderen Ursachen jeder einzelnen Hausse suchen. Weder die Verkniipfung der Hausse und der Baisse noch der zyk- lische Wechsel der Konjunktur sind Tatsachen, die wir unabhingig von der Theorie festzustellen vermogen. Erst die Konjunkturtheorie 1a8t uns in der wirren Fiille von Geschehnissen den Wellenzug der Konjunktur erkennent), 2. Die Zirkulationskredittheorie. Werden von den Banken itber den Beitrag des in ihren Kassen zur Deckung erliegenden Geldes hinaus Noten ausgegeben oder Kassen- fihrungsguthaben, iber die mit Scheck oder in dhnlicher Weise verfiigt werden kann, erdffnet, dann wird dieselbe Wirkung auf die Preise erzielt, die eine Vermehrung der Geldmenge nach sich zieht. Denn diese Um- laufgmittel, wie wir die metallisch nicht bedeekten Noten und Kassen- fihrungsguthaben bezeichnen, leisten den Wirtschaftern als allgemein fiir sicher anerkannte, jederzeit fillige Geldforderungen Gelddienst, sie kénnen wie Geld fir alle Umsédtze verwendet werden, sind daher richtige Geldsurrogate; sie vermehren mithin, da sie iiber den Betrag des ge- gebenen Geldvorrates (Geldvorrat im engeren Sinne) hinausgehen, den Geldvorrat im weiteren Sinne. Diesen unbestreitbaren und von keiner Seite bestrittenen Fest- stellungen wird von der Banking-School die praktische Bedentung fiir die Gestaltung der Preise durch die Behauptung abgesprochen, da der Ausgabe von Umlanfsmitteln in dem Geldbedarfe der Volkswirtschaft eine feste Grenze gezogen sei. Werden die Umlaufsmittel von den Banken nur im Eskompte von kurzfristigen Warenwechseln ausgegeben, dann konnten nie mehr in den Verkehr gelangen, als die Abwicklung der Um- sitze gerade erfordert, Auf die Grife der im Warengeschéft umgesetzten Betrige konne das Verhalten der Banken keinen EinfluB iiben. Die Kaufe und Verkiufe, aus denen die kurzfristigen Warenwechsel her- stammen, brichten schon in dem Weechsel selbst ein Kreditpapier zur Entstehung, das durch Weiterbegebung dem Umsatz von Waren und Dienstleistungen dienstbar gemacht werden kann. Wenn die Bank den Wechsel eskomptiert und dagegen etwa Noten ausgibt, so sei das fiir den Markt ein neutraler Vorgang; da hier nichts anderes geschehe, als ') Wenn in der Konjunkturlehre Ansdriicke wie Zyklus, Wellenbewegung u. dgl. verwendet werden, so sind das Bilder, die die Darstellung erleichtern sollen. Mehr kann und darf man in einem Vergleich, der als solcher immer hinkt, nicht suchen. ===== PAGE 47 ===== daB ein technisch fiir die Zirkulation weniger geeignetes Instrument, der Wechsel, durch ein geeigneteres, die Note, ersetzt wird, so kiénne die Wirkung der Notenausgabe nicht die sein, da der Geldumlauf ver- mehrt wird, Wird der Wechsel bei Verfall eingelist, so strémen die Noten wieder zur Bank zuriick, und neue konnen erst wieder in den Verkehr gelangen, bis aus neuen Geschiften wieder neue Warenwechsel ent- standen sind. Der wunde Punkt dieser berithmten Beweisfithrung liegt in der Behauptung, daB die Hohe der in den Kaufen und Verkaufen, aus denen Warenwechsel entspringen kinnen, erzielten Umsitze von dem Verhalten der Banken unabhiingig sei. Wenn die Banken zu einem niedrigeren Satz eskomptieren, dann werden mehr Kreditkadufe durchgefiihrt als bei einem hoheren Zinssatze. Geschifte, die bei 59/, nnrentabel sind und daher nicht gemacht werden, kionnen bei 4% rentabel sein, Die Banken kinnen daher durch die Ermé8igung des Zinssatzes die Nachfrage nach Kredit und durch die Befriedigung dieser Nachfrage die Umlanfsmittelzirkulation erhohen. Hat man das einmal erkannt, so fillt das einzige Argument, das die Banking-Theorie gegen die preisheeinflussende Kraft der Um- laufsmittelausgabe vorzubringen wnBte, in nichts zusammen. Man muB sich hitten, ganz allgemein von den Wirkungen des Kredits auf die Preise, von , Kredifinflation und von , Kreditexpansion* schlechthin zn sprechen. Man muf den Kredit, der aus eigenen oder aus den von Einlegern zur Verfitgung gestellten fremden Mitteln erteilt wird (wir nennen ihn Sachkredit), streng von jenem sondern, der durch die Ausgabe von Umlanfsmitteln, d. h. von nicht durch Geld gedeckten Noten und Kassenfithrungsguthaben, gewdhrt wird und den wir Zirku- lationskredit nennen. Nur durch die Gewdhrung von Zirkulationskredit konnen die Preise aller Waren und Dienstleistungen unmittelbar be- einflubt werden. Wenn die Banken durch Eskomptierung eines Dreimonatswechsels Zirkulationskredit gewihren, dann tauschen sie ein kiinftiges Gut — eine in drei Monaten fillige Forderung — gegen ein Gegenwartsgut aug, das sie aus dem Nichts schaffen. Es ist daher nicht richtig, za behaupten, es sei gleichgiiltig, ob der Wechsel von der Umlanfsmittelbank eskomp- tiert wird oder ob er, von Hand zu Hand begeben, im Verkehr bleibt. Wer den Wechsel im Verkehr nimmt, kann es nur tun, wenn ihm dazu Mittel zur Verfiigung stehen. Die Umlaufsmittelbank aber eskomptiert, indem sie die dazu erforderlichen Mitte] neu schafft und in den Verkehr bringt. Wohl stromen die Umlaufsmittel bei Verfall des Akzeptes wieder zu ihr zuriick; gibt sie sie dann picht wieder aus, ===== PAGE 48 ===== — 45 — dann treten eben dic Folgen einer Verminderung des Geldvorrats im weiteren Sinne ein. Der Umstand, dafl die Banken die Umlaufsmittel nur im Betriebe des Bankgeschifts als Darlehen an Erzeuger und Handler ausgeben, macht, daB die Umlaufsmittel zandchst nicht unmittelbar zu Konsum- zwecken, sondern produktiv, d. h. zum Ankauf von Produktionsmitteln und zur Lohnzahlung, verwendet werden. Es steigen also infolge einer durch Umlaufsmittelansgabe bewirkten Vermehrung des Geldvorrates im weiteren Sinne zunichst die Preise der Rohstoffe, der Halbfabrikate und der anderen Giiter héherer Ordnung und die Lihne; erst spiter folgen die Preise der Giiter erster Ordnung nach. Der Weg, den die Geldwertverinderung nimmt, und demgemaB auch ihre sozialen Be- gleiterscheinungen sind bei einer durch bankm#Bige Ausgabe von Um- Iaufemitteln ausgelisten Kaufkraftinderung anders als bei einer durch neue Edelmetallfunde oder durch Ausgabe von Papiergeld bewirkten. Doch die Wirkung auf die Preise ist in letzter Linie bei beiden von gleicher Arf. Veranderungen der Kaunfkraft des Geldes wirken nicht nnmittelbar auf die Hohe des Zinssatzes ein. Mittelbar kann eine Beeinfiugsung der Zinshthe dadurch eintreten, dal die im Gefolge der Geldwertverinderung auftretenden Verschiebungen der Einkommens- und Vermogensver- hiltnisse die Spartitigkeit und damit die Kapitalbildung beeinflussen. Wenn eine Geldentwertung die reicheren Schichten auf Kosten der drmeren begiinstigt, dann wird ihre Wirkung voraussichtlich in einer Erhshung der Kapitalbildung bestehen, da fir die Spartatigkeit vor allem die wohlhabenderen Schichten in Betracht kommen und desto mehr von thnen zuriickgelegt wird, je mehr ihr Einkommen und ihr Ver- mogen wachsen. Wird durch Umlaufsmittelausgabe eine Geldentwertung herbeigefiihrt, dann wird, wenn die Lohne der Steigerung der Waren- preise nicht allzu schnell nachfolgen, die Kaufkraftminderung zweifellos diese Wirkung in besonders starker Weise auslésen. Das ist das ,.er- zwungene Sparen‘, auf das in der jiingsten Literatur mit Recht nach- driicklich hingewiesen wird). Man sollte aber dabei drei Dinge nicht 1) Hahn (Axt, Kredit im , Handworterbuch der Staatswissenschaften®, 4, Aufl, V. Bd, 8. 951) und Schumpeter (Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 2. Aufl., Miinchen 1926, S. 156 Anm.) haben mir die Urheberschaft des Ausdruckes ,.ex- zwungenes Sparen' oder ,gezwungenes Sparen* zugeschrigben. Ich habe zwar den Vorgang schon 1912 in der ersten Auflage meiner Theorie des Geldes und der Umlaufs- mittel (S. 227if,, 4114f.) beschrieben, den Ausdruck selbst aber m. W. dort nicht gebraucht. ===== PAGE 49 ===== — 46 — vergessen: Erstens, da8 es immer von den Daten des besonderen Falles abhiingt, ob Vermogens- und Einkommensverschiebungen, die zu er- hohter Spartatigkeit fithren, wirklich ausgeldst werden; zweitens, da unter Umstinden, auf die hier nicht niher einzugehen ist, eine in ihrem AusmaB sehr betrachiliche Geldentwertung durch Verfalschung der auf der Geldrechnung der Handelsbiicher beruhenden Wirtschaftsrechnung zu Kapitalsaufzehrung filhren kann, ein Fall, der wihrend der jingsten Inflationsperiode zeitweilig eingetreten ist; drittens, daB jede wirtschafts- politische MaBnahme, die den , Reichen** Mittel zufiihrt auf Kosten der ,, Armen‘, ebenfalls die Kapitalbildung firdert, was besenders die Befiirworter der durch Umlanfsmittelausgabe zu hewirkenden Inflation beachten sollten. Innerhalb enger Grenzen kann schlieBlich auch die Umlaufsmiitel- ausgabe zu erhihter Kapitalbildung und damit zu Erma8igung des Zing- fuBes fithren. Zunaechst aber tritt durch die Umlaufsmittelausgabe eine sofortige und unmittelbare ErmiBigung des Leihsatzes ein, die von jener endlichen ZinsermiBigung in Art und Maf unabhingig ist. Die neu von den Banken auf dem Geldmarkte angebotenen Mittel missen selbstverstandlich einen Druck auf den ZinsfuB augitben. Bei dem Zinssatz, der vor der Ausgabe der zuséitzlichen Umlaufsmittelmenge in Kraft stand, waren Angebot und Nachfrage nach Leihgeld ausge- glichen; der zusidtzliche Betrag kann nur untergebracht werden, wenn mit dem Zinssatz hinuntergegangen wird, Das ist den Banken noch immer rentabel, da die Vermehrung der Umlaufsmittelmenge von ihnen, ab- gesehen von den banktechnischen Kosten (z. B. des Notendrucks und der Buchfihrung) keinen Aufwand erfordert. Die Banken konnen mithin die Zinssitze, die sich auf dem Leihmarkte ohne ihr Dazwischentreten bilden wiirden, unterbieten und damit, da ihr Wetthewerb die #tbrigen Geldverleiher zur ErmiBigung ihrer Zinsforderung zwingt, den Zins- satz des Marktes zunichst ermiBigen. Bleibt es bei dieser ErmaSigung ? Das ist das Problem. Nach dem Vorgang von Wicksell nennen wir jenen Zinssatz, der durch Nachfrage und Angebot festgestellt werden wiirde, wenn die Realkapitalien ohne Vermittlung des Geldes in natura _dargelichen wiirden, den natiirlichen Kapitalzins, und jenen Zinssatz, der fiir Dar- lehen, die in Geld oder Geldswrrogaten bestehen, verlangt wird, den Geldzins. Es ist den Banken moglich, den Geldzins durch fortgesetzte Erweiterung der Umlaufsmittelausgabe bis auf das durch die Kosten des Bankbetriebes gegebene MaB, praktisch gesprochen also bis nahezu auf Null, herabzudriicken. Eine Reihe von Schriftstellern haben daher ===== PAGE 50 ===== gemeint, daB man den Zins auf diesem Wege ganz beseitigen konnte, und ganze Schulen von Reformern wollten durch bankpolitische MaB- nahmen die Unentgeltlichkeit des Kredits anbahnen und damit die wsoziale Frage losen. Kein verniinftiger Mensch aber zweifelt heute daran, daB man den Zing keineswegs ,,aufheben kann und daB der durch die Erweiterung der Umlaufsmittelausgabe herabgedriickte Geld- zing sich iiber kurz oder lang wieder auf den Stand des natiirlichen Kapitalzinses heben mu. Die Frage ist nur, wie diese unvermeidliche Anpassung vor sich geht. Die Antwort erklirt uns zugleich auch die Schwankungen der Konjunktur. Die Currency-Theorie hat dieses Problem zn eng formuliert. Sie faBte blo8 den Fall ins Auge, der fitr das England ibrer Zeit allein praktische Bedeutung hatte: da namlich nur in einem Lande die Um- laufsmittelausgabe vergréBert wird, wihrend in den ibrigen alles beim Alten bleibt, Unter diesen Voraussetzungen liegen die Dinge recht Klar: allgemeine Preissteigerung im Inlande, daher Wachsen der Einfuhr und Riickgang der Ausfuhr von Waren, somit Abstromen des Metall- geldes (die Noten kinnen nur im Inland umlaufen) ins Ausland. Um sich das Metallgeld fiir die Ausfuhr zu beschaffen, prisentieren die Noteninhaber die Noten zur Einlosung, der Metallschatz der Banken sinkt, und nun nétigt die Riicksichtnahme auf ihre eigene Zahlungs- fihigkeit die Banken zur Einschrinkung der gewahrten Kredite. Das ist der Augenblick, in dem der Aufschwung der Geschifte, den die leichte Kreditbeschaffungsmoglichkeit herbeigefithrt hat, sich als Scheinbliite erweist, in dem ein jaher Umschwung eintritt, der Zinssatz in die Hohe schnellt, Unternehmungen, denen der Kredit entzogen wird, zusammen- brechen und die Banken, die ihre Glaubiger sind, mitreien. Nun folgt eine lange andauernde Geschaftsstille; die Banken, durch die gemachte Erfahrung zur Zuriickhaltung gemahnt, unterbieten nicht nur nicht mehr den Zinssatz des Marktes, sondern iiben die gréfte Vorsicht in der Kredit- gewihrung, Um dieses Schema zu ergédnzen, miissen wir zunidchst auch die Preisprimie berficksichtigen. Wie die Banken damit anfangen, den Um- fang des Zirkulationskredites zu erweitern, bewirkt die Aufwirtsbewegung der Preise potentiell das Auftreten einer positiven Preispramie. Selbst wenn die Banken ihren Nominalzinssatz gar nicht mehr weiter herab- setzen, erweitert sich damit die Spannung zwischen dem Geldzins und dem Zinssatz, der sich ohne ihr Dazwischentreten gebildet hatte. Da nun Leihgeld billiger zu erhalten ist, als den gegebenen Verhiltnissen entspricht, wiichst die Unternehmungslust, man schliet neue Geschafte ===== PAGE 51 ===== — 48 ab in der Erwartung, das erforderliche Kapital durch Kreditauinahme beschaffen zu kénnen. Wohl erhéhen jetzt die Banken angesichts der wachsenden Anspriiche den NominalzinsfuB, doch sie stellen die weitere Kreditgewahrung nicht ein, sie erweitern daher die Menge der ansge- gebenen Umlaufsmittel, worauf die Kaufkraft weiter sinken mmf, Der Zinsfu$ steigt wohl nominell wahrend der Aufschwungsperiode, aber er bleibt stéindig hinter dem Satze zuriick, der der Marktlage entsprechen wiirde, d. i. natiirlicher Kapitalzins vermehrt um die positive Preispramie, Solange dieser Zustand anhilt, dauert der Aufschwung fort. Die Preise und die Gewinne steigen, die lagerndem Warenvorrate werden leicht verkauft, und die Unternehmungen werden mit Auftrigen itberhiuft, weil alle mit einem weiteren Steigen der Preise rechnen; die Arbeiter finden bei steigendem Lohn Beschaftigung. Das aber kann nicht in alle Ewigkeit so fortgehen. Der natiirliche Kapitalzing setzt sich in der Hohe fest, die auf dem Markte Gleichgewicht schafft: es gibt keine unbeschéftigten Kapital- giiter, und es gibt keine unausgeniitzten Moglichkeiten, rentable Unternehmungen einzuleiten; nur die Geschifte, die bei dem geltenden Satz des natiirlichen Xapitalzinses nicht mehr rentieren, werden nicht unternommen., Nun ist aber durch das Eingreifen der Banken das Gleichgewicht gestort. Man kann Geld unter dem Satze des natiir- lichen Kapitalzinses beschaffen, man kann sohin Geschifte anfangen, die frither nicht rentabel waren, es erst durch die durch die Erweiterung des Zirknlationskredits eingetretene Verbilligung des Leihsatzes wurden. Hier sehen wir wieder den Unterschied, der zwischen einer durch Erweite- rung des Zirkulationskredits bewirkten Kaufkvaftsenkung und einer durch Vermehrung der Geldmenge bewirkten hesteht. Bei dieser werden ent- weder nur die Preise der Konsumgiiter oder die Preise sowohl der Kon- sumgiiter als auch die der Produktivgiter von der Preissteigerung zu- nidchst ergriffen, je nach dem, ob die, in deren Vermigen oder Ein- kommen die zusatzliche Geldmenge zuerst ilieBt, von dem neuen Reichtum produktiven oder konsumtiven Gebrauch machen. Ist jedoch die Kauf- kraftsenkung durch eine Vermehrung der Umlaufsmittel ausgelost worden, dann sind es zuerst die Preise der Produktivgiiter, die von ihr erfali werden; die Preise der Konsumgiiter folgen erst in dem Mable nach, in dem die Profite und Lihne hinaufgehen. Da es immer mehr oder weniger lang dauern mite, bis auf dem Markie villiges Gleichgewicht eingetreten ist, sind die statischen — oder, um dem Sprachgebrauch der Klassiker und Wicksells zu folgen, natiirlichen — Preise, Lohne und Zinssatze nie wirklich in Geltung, ===== PAGE 52 ===== da der Proze8, der zu ihrer Festlegung fiihrt, regelmiafiig noeh nicht zum AbschluB gelangt ist, wenn schon wieder neue Verinderungen eine neue Gleichgewichtslage bedingen. Es gibt auch auf dem unbehinderten Markte zu Zeiten eine gewisse Menge von unverkauften Giitern, die fiber das Mab der der Statik entsprechenden Lagerhaltung hinaus- geht, von unbeschiftigten Produktionsmittelanlagen und von unbe- gohiftigten Arbeitern. Diese Rerserven werden nun zundchst von der Belebung der Gesehifts- und Produktionstétigkeit erfaft. Sind sie aber einmal verschwunden, dann muB die Vermehrung der Umlaufsmittel- menge Stérungen besonderer Art auslisen. Die in einem gegebenen Zustand der Volkswirtschaft durchfiihr- baren Produktionsmoglichkeiten sind durch die Menge der verfiigharen Kapitalgiiter begrenzt. Produktionsumwege konnen nur soweit ein- geschlagen werden, als genug Subsistenzmittel vorhanden sind, um die Arbeiter wahrend der ganzen Dauer der verlingerten Produktions- periode zu erhalten. Alle jene Produktionsprozesse, fiir deren Durch- fiihrung keine Mittel znr Verfiigung stehen, miissen unterbleiben, migen sie auch ,,technisch®, d. h. ohne Riicksicht auf den Stand unserer Kapital versorgung, als durchfiibrbar erscheinen; durch die von den Banken bewirkte Verbilligung des Leihsatzes werden aber solche Geschifte fir den Augenblick rentabel und daher in Angriffi genommen. Fir sie reicht jedoch der gegebene Subsistenzmittelfonds nicht aus. Das muB friiher oder spéter zum Vorschein kommen. Dann zeigt es sich, da die Pro- duktion falsche Wege gegangen ist, da Anlagen errichtet wurden, die iber die Mitte] der Volkswirtschaft hinausgehen, daB die Spekulation, d. h. die auf die Versorgung mit kiinftigen Giitern gerichtete Tatigkeit, irregeleitet war. In den letzten Jahren wurde grolle Bedeutung dem Umstande beigelegt, daB das ,,erzwungene Sparen‘, das durch die im Gefolge der Umlaufsmittelvermehrung auftretende Kaunfkraftsenkung eintreten kann, zur VergrofBerung der Kapitalmenge fithrt. Der Subsistenzmittelionds wird dadurch gestreckt, dal die Arbeiter weniger verzehrem, weil die Lohne dem Steigen der Giiterpreise nicht ganz nachkommen, nnd die Schichten, die aus dieser Einkommensschmalerung der Arbeiter Vorteil zichen, sparen zumindest einen Teil ihres Gewinnes. Ob es tatsdchlich zum ,erzwungenen Sparen‘ kommt, hingt, wie schon erwihnt wurde, von den Umstinden des Falles ab; es sei das hier nicht ndher untersucht. Doch damit, daB man die Tatsache des ,erzwungenen Sparens’ fest- stellt, ist noch lange nicht gesagt, daB die durch die Banken vorge- nommene Erweiterung des Zirkulationskredits nicht zu einer iiber die v. Mises, Geldwertstabilisiorung. 4 ===== PAGE 53 ===== — BO — gegebonen Moglichkeiten hinausgehenden Verlingerung der Produktions- umwege fiihrt. Um das zu beweisen, mute man aufzeigen kinnen, daB die Banken nur in dem MaBe in der Lage sind, durch Erweiterung der Umlaufsmittelausgabe den Geldzins herabzudriicken, in dem durch das ,erzwungene Sparen‘ eine Herabsetzung des natirlichen Kapital- zines eintritt. Daf diese Annahme geradezn widersinnig wire, braucht nicht niher ausgefithrt werden; es ist kaum anzunehmen, da8 sie jemand vertreten wollte. Was uns beschiftigt, ist das Problem einer durch die Banken bewirkten Erma8igung des Geldzinses unter das MaB des natiir- lichen Kapitalzinses. Soweit unter gewissen Umstanden und nur innerhalb enger Grenzen im Gefolge dieses Verhaltens der Banken auch der patiir- liche Kapitalzins sinkt, ist das uns gestellte Problem eben nicht vor- handen. Niemand zweifelt jedoch daran, daB das ,,erzwungene Sparen im besten Fall den natiirlichen Kapitalzing nur um einen Bruchteil dessen ermiBigen kann, was die es ausiosende Herabsetzung des Geld- zinses ausmacht?). Die Mittel, die durch die neu in Angriff genommenen Produktions- verlingerungen beansprucht werden, fehlen dort, wo sie sonst eingesetzt worden wiren. Die ErmaBigung des Leihsatzes ist allen Produzenten zugute gekommen, es sind daher alle Produzenten durch sie in die Lage versetzt worden, hohere Preise fiir die Produktionsmittel und hohere Lihue zu zahlen, Thr Wettbewerb treibt die Preise der Produktionsmittel und die Liéhne in die Hohe, doch er kann die Menge der verfiigharen Giiter héherer Ordnung und die Zahl der Arbeitskrifte, abgesehen von den schon besprochenen Méglichkeiten, nicht vermehren, Der Subsistenz- mittelfonds reicht nicht aus, um die Arbeiter wiahrend der verlingerten Produktionsperiode zu erndhren. Es zeigt sich, daB das Einschlagen der nenen, lingeren Produktionsumwege ima Hinblick auf den Kapital- stand nicht angebracht war; die Unternehmungen merken dies zundchst daran, daf die ihnen zur Verfiigung stehenden Mittel nicht hinreichen, um die Geschifte fortzufiihren, dal das ,,Geld” knapp wird. Das aber ist so gekommen. Die allgemeine Preissteigerung bewirkt, dal alle Geschdfte mehr Mittel beanspruchen, als bei ihrem Eingehen — bet der ,Entrierung®, heiBt es im Kaufmannsjargon — berechnet ?) Ich glaubte, darauf hier noch einmal hinweisen zu miissen, obwohl ich in dem, wag ich oben 8. 45 und in meiner Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (I. Aufl, 8. 429%, IL Aufl, 8, 8701.) dariber gesagt habe, alles erschopft zu haben meine, was zu dem Gegenstand zu bemerken ist. Wer die Erérterungen der letzten Jahre verfolgt hat, wird verstehen, warum es notwendig wurde, diese Dinge immer wieder zu betonen. ===== PAGE 54 ===== — Bl — wurde. Um sie durchzufithren, werden neue Mittel benitigt. Die von den Banken ausgegebene zusitzliche Menge von Umlaufsmitteln ist aber bereits erschopft. Weiteren Anspriichen konnen die Banken daher nicht mehr Geniige leisten; sie miissen daher mit dem Leihsatz wieder in die Hohe gehen, einmal, weil das Auftreten der positiven Preisprimie sie gezwungen hat, fiir fremde Gelder, die sie hereinnehmen, héhere Zinsen zn zahlen, dann aber auch, um zwischen den Kreditantréigen eine Aus- wahl treffen zu konnen. Diesen erhéhten Zinssatz konnen nicht alle Unternehmungen tragen; die, die es nicht konnen, geraten in Schwierig- keiten. Nun freilich gehen die Banken in der Erweiterung des Zirkulations- kredits nicht so vor, dal sie eine fest begrenzte Dosis von Umlaufs- mitteln neu in den Verkehr pumpen und dann innehalten, sondern sie erweitern eine Zeitlang immerfort die Umlaufsmittelzirkulation, schicken gewissermaBen der ersten Gabe eine zweite, dritte, vierte und so fort nach. Sie unterbieten nicht bloB einmal den Satz des natiirlichen Kapital- zinses und passen sich dann nicht gleich dem Stande des natiirlichen Kapitalzinses an, sondern sie setzen die Ubung, unter dem Satz des natiirlichen Zinssatzes auszuleihen, eine Zeitlang fort. Wohl mag sie der wachsende Umfang der an sie herantretenden Kreditanspriiche veranlassen, den Nominalzinsfufl zu erhéhen, doch selbst wenn sie damit zu dem Satze zuriickkehren, der vor dem Eingreifen ihrer Kreditexpan- sionsmaBnahmen auf dem Markte in Geltung war, bleiben sie noch immer hinter dem Satze zuriick, der jetzt auf dem Markte in Geltung wire, wenn sie nicht zu neuer Krediterweiterung schreiten wiirden, weil in diesem Satze mun auch eine positive Preisprimie enthalten wire. Mit Hilfe dieses neuen Zusatzes von Umlaufsmitteln befriedigen nun die Banken das verstirkte Kreditbediirfnis der Geschaftslente. Es kommt daher noch nicht zur Krise, die in Angriff genommenen Unternehmungen der Produktionsverlingerung werden fortgesetzt; bei dem Umstande, daf die Preise weiter steigen, erweist sich die Berechnung der Unter- nehmer als richtig, sie erzielen Gewinne, kurz: der Aufschwung geht fort. Die Krise bricht erst aus, bis die Banken ihr Verhalten #ndern und zumindest die weitere Neuausgabe von Umlanismitteln und das Unterbieten der Zinssitze einstellen oder gar zur Einschrinkung des Zirkulationskredits schreiten. Wann und warum sie das einmal tun, wird noch zu untersuchen sein. Zunachst aber miissen wir uns die Frage vorlegen, ob es nicht denkbar wire, daB die Banken auf dem einmal eingeschlagenen Weg bleiben, immerfort neue Umlaufsmittelmengen in den Verkehr stromen lassen und immer weiter fortfahren, unter dem 4% ===== PAGE 55 ===== — FB — Satze, der sich ohne ihr Eingreifen mit neu geschaffenen Umlaufsmittein auf dem Markie bilden witrde, auszuleihen, Kinnten die Banken so vorgehen, so kionnten sie filr dauernd schones Wetter sorgen, bei dem die Geschifte immerfort besser gehen, sie konnten den Aufschwung verewigen. DaB sie es doch nicht kénnen, liegt daran, da8 ad infinitum fort- gesetzter Inflationismus nicht durchfithrbar ist. Wenn die Umlaufs- mittelausgabe immer von neuem vergrofert wird, steigen die Preise immer weiter und damit auch die positive Preispramie. (Wir wollen davon absehen, daB auch die Riicksichtnahme auf die verhiltnismaBig immer mehr abnehmende Deckung der Umlaufsmittel durch Geld und die Riicksichtnahme auf die Kosten ihres Betriebes die Banken irgend- einmal zur Einstellung der weiteren Ausdehnung des Zirkulationskredits nitigen miiBte.) Die lawinenartig fortgesetzte Erweiterung der Umlaufs- mittelmenge fiihrt, gerade wenn und weil ihr Ende nicht abzusehen ist, zu immer stirkeren Preissteigerungen und schlieflich zu einer Panik, in der die Preise und der Leihsatz sprunghaft in die Hohe gehen, Wollten die Banken dann noch immer das Rennen nicht aunfgeben, wollten sie nock immer fortfahren, die ins Ungemessene anschwellenden Kredit- wiingche dureh Zirkulationskredit zu befriedigen, um den Leihsatz zu driicken, dann wiirden sie das Ende, den Zusammenbruch des gesamten Umlaufsmittelsystems, nur beschleunigen. Die Inflation kann nur so- lange fortgehen, als die Meinung besteht, dal sie doch einmal anfhiren werde. Hat aber die Bevilkerung die Uberzeugung gewonnen, da die Inflation nicht mehr zum Stillstand kommen wird, dann wendet sie sich von dem Gebrauche dieses Geldes ab, fliichtet zu den ,,Sachwerten*, zum auslindischen Geld, zum Edelmetall und zum Tauschhandel. Es ist also nicht zu vermeiden, daB frither oder spiiter durch eine Wendung in dem Verhalten der Banken die Krize zum Ausbruch kommen mull. Je spdter nun die Krise ausbricht, je linger die Periode war, in der durch die Ausgabe zusidtzlicher Umlaufsmittel die Kalkulation der Unternchmer irregeleitet war, und je groBer diese zusitzliche Menge gowesen war, desto mehr Produktionsmittel wurden in der Zwischenzeit in Verwendungen festgerannt, die nur unter der Herrschaft des kiinstlich erméBigten ZinsfuBes als rentabel schienen und sich nun, da der Zinstuf} wieder gestiegen ist, als uarentabel erweisen. Durch verfehlte Kapitalanlage sind groBe Verluste entstanden. Manche der neuen An- lagen bleiben im Bau stecken, andere, die schon vollendet wurden, stellen den Beirieb ein, wieder andere werden, da wenigstens der Be- trieb der schon stehenden Anlage rentiert, mach Durchfiihrung von ===== PAGE 56 ===== — B3 — Abschreibungen, die die eingetretenen Kapitalsverluste ausdriicken, weitergefiihrt. Auf die Krise mit ihren auffilligen Erscheinungen folgt die Stagna- tion. Die verfehlten Unternehmungen und Geschéfte der Aufschwungs- zeit sind schon liquidiert; Bankrotte und Umstellung haben die Lage bereinigt. Die Banken sind zuriickhaltend geworden, sie hiiten sich davor, den Zirkulationskredit zn erweitern, und sind nicht geneigt, dem Kredit- begehren der Faiseure und Projektepmacher Gehor zu schenken. Dem Geschaft fehlt nicht nur der kiinstliche Ansporn durch Erweiterung des Zirkulationskredits; selbst Geschiifte, die im Hinblicke auf den Stand der Kapitalgiiterversorgung durchfiihrbar wiren, unterbleiben, weil die aligemeine Entmutigung jede Nemerung verdichtig erscheinen laBt. Der Geldzins sinkt unter das Niveau des nattirlichen Kapitalzinses. Als die Krise ausbrach, schnelite der Leihsatz in die Hohe, weil die ge- tahrdeten Unternehmungen die hichste Verzinsung fir die Uberlassung der Mittel boten, mit deren Hilfe sie sich zu retten hofften. Nachher, da die Panik geschwunden war, machte sich der Umstand, daB infolge der Einschrinkung des Zirkulationskredits und des Bestrebens, die grofen Warenlager abzustoBen, die Preise stindig fallen, in dem Auftreten einer negativen Preisprimie geltend. Dieser niedrigere Stand des Leih- zinses wird noch eine Zeitlang beibehalten, nachdem der Preisriickgang schon zum Stillstand gekommen ist, so daB eine negative Preisprimie nicht mehr den Verhiltnissen entspricht. So kommt es, da8 der Geld- zing tiefer steht als der natiirliche Kapitalzins; der Anreiz zu stérkerer Betitigung im Geschéfte, der sonst in diesem Umstande gelegen wire, wird aber zunichst nicht wirksam, weil die schlechten Erfahrungen der eben abgelaufenen Krise alle dngstlich gemacht haben. Es vergeht eine geraume Zeit, bis die mittlerweile durch Spartitigkeit wieder gemehrten Kapitalien einen so starkem Druck auf den Darlehenszins ausiiben, daB es wieder zur Erweiterung der Unternehmungstitigkeit kommt. Damit ist dann der Tiefpunkt iiberwunden, der neue Aufschwung setzt ein. ~ 8. Die Wiederkehr der Zyklen. Dem Wesen nach ist der Ablauf der Dinge von dem Augenblick, da die Banken damit anfangen, den Umfang des Zirkulationskredits zu erweitern, bis zu dem Augenblick, da sie ihr Verhalten dndern, der gleiche, den eine jede Vermehrung der Geldmenge auslost. Der Unter- schied, der daher kommt, daB die Umlaufsmittel in aller Regel bank- méBig, d. bh. als Darlehen, in den Verkehr kommen, die Geldvermehrung dagegen als Einkommens- und VermogensvergroBerung bestimmter ===== PAGE 57 ===== — 54 — Wirtschafter, wurde schon erwibnt und kommt an dieser Stelle hier nicht weiter in Betracht. Ein anderer Unterschied zwischen den heiden Erscheinungen ist fiir uns ungleich bedeutsamer. Vermehrung und Verminderung der Geldmenge stehen in keinem Zusammenhang mit der Vermehrung und Verminderung des Geld- bedarfs. Wenn etwa infolge des Wachstums der Bevilkerung und fort- schreitender Verdringung der Selbstversorgung und des Naturaltausches durch den Geldverkehr der Geldbedarf steigt, dann muB darum noch keineswegs die Geldmenge steigen; es kann sein, da sie gerade da zuriick- geht. Jedenfalls wird es sich nur auBerordentlich selten ereignen, daB die Veranderungen des Geldbedarfs durch entsprechende Verinderungen der Geldmenge anfgehoben werden, so daB es zu keiner Anderung der Kaufkraft kommen muB, damit beide sich decken. In der Volkswirt- schaft gehen mithin immerfort Geldwertveranderungen vor sich. Perioden ginkender Kaufkraft wechseln mit solehen steigender Kaufkraft ab. In der Regel gehen bei metallischer Wahrung diese Verinderungen so miBig und langsam vor sich, daf ihre Wirkung nicht allzu heftig ist. Immerhin aber miissen wir feststellen, daB anch bei einer Edelmetall- wihrung, die auSer dem metallischen Kurant nur Scheidemfinzen fiir die kleineren Umsitze, mithin keine anderen Umlaufsmittel (weder Noten noch Kassonfithrungsguthaben, wenn sie nicht voll gedeckt sind) und selbstverstindlich auch kein Papiergeld kennt, Perioden des Awuf- schwungs und solche des Niedergangs unregelmaBig abwechseln wtirden. Man konnte auch da von einem Auf und Ab, von einer Wellenbewegung sprechen, doch man wire wohl kaum darauf verfallen, von in kurzen Absténden einander ablosenden Aufschwungs- und Niedergangsperioden, von regelmiBigen wiederkehrenden Zyklen zu sprechen. Die Perioden gleichgerichteter Bewegung der Kaufkraft, sei es des Auf oder des Nieder, hitten wahrscheinlich eine solche Linge, da8 die Geschiftslente die Tatsache der Abwechslung kaum heachtet und da erst die Wirtschafts- historiker auf sie anufmerksam geworden waren. Auch der Umstand, daB der Ubergang von einer Periode steigender zu einer solchen sinkender Preise sich allm#hlich voliziehen wiirde, so daB Panik und Krise aus- bleiben wiirden, hitte dazu beigetragen, daB die Kaufleute und die Berichterstattung iiber die Marktvorginge durch die Zeitungen sich mit diesen ,,langen Wellen* der Konjunktur weniger beschiftigt hitten?). 1} Um Milverstindnisse zu vermeiden, sei festgestellt, daB der Ausdruck ,.lange Wellen der Konjunksur* hier weder in dem Sinne zu verstehen ist, in dem ihn Ropke, noch in dem Sinne, in dem ihn Kondratieff verwendet. Rapke (Die Konjunktur, Jena 1922, 8, 21) bezeichnet als langwellige Konjunkturen die, deren Schwingungs- ===== PAGE 58 ===== — 5% Anders steht es schon mit den Wirkungen der durch Vermehrung von Papiergeld hervorgerufenen Inflationen. Auch sie schaffen Preis- steigerungen und damit ,gnte Konjunktur®, die durch die scheinbare Forderung der Ausfuhr und Hemmung der Einfuhr noch verstirkt wird. Komm{ dann die Inflation, sei es durch noch rechtzeitiges Ein- halten in der weiteren Vermehrung der Geldmenge wie z. B. jiingst in Frankreich und in Italien, oder durch vollkommene Entwertung des Papiergeldes durch bis auf die Spitze getriebene Inflationspolitik wie 1923 im Deutschen Reiche, zum Ende, dann stellt sich die ,,Sanierungs- krise* ein. Deren Wurzel und Erscheinung entspricht ganz dem der Krise, die eine Periode der Erweiterung des Zirkulationskredits abschlieBt. Man hat sie streng von den Wirkungen zu scheiden, die eine etwa auf den Abschluf der Inflationspolitik folgende Deflationspolitik nach sich ziehen muf. Papiergeldinflationen zeigen keine RegelmiéBigkeit der Wieder- kehr. Sie entspringen im allgemeinen einer bestimmten Lage der Politik und nicht irgendwelchen Vorgéingen innerhalb der Wirtschaft. Nur soviel kann man mit Bestimmtheit sagen, daB ein Staat, der die Inflationspolitik bis zum Ende oder doch sehr weit getrieben hat, nicht sobald wieder die Moglichkeit hat, sich dieses Mittels mit Erfolg zur Behebung seiner finanziellen Schwierigkeiten zu bedienen. Die durch die Erfahrung miBtrauisch gewordene Bevilkerung wiirde der Erneune- rung des Inflationsversuches Widerstand entgegenstellen, man wiirde die Noten zuriickweisen oder doch gleich von allem Anfang nur mit jenem, der schon eingetretenen Vermehrung ihrer Menge weit vorauseilenden Disagio nehmen, das die letzten Phasen der Inflationszeit kennzeichnet. So miiBte der Versuch entweder ganz miligliicken oder sehr schnell zum katastrophalen Ende fithren. Man kann annehmen — und die Wihrungsgeschichte besttigt es, widerlegt es zumindest nicht —, daB ein neues Geschlecht heranwachsen muf, ehe man wieder daran denken kann, durch die Notenpresse den Staatsfinanzen aufzuhelfen. Manche Staaten haben niemals Papierinflationismus betrieben, manche haben nur einmal in ihrer bisherigen Geschichte dazu gegriffen. . Doch selbst die klassischen Staaten des Notendrucks haben das Experiment nicht allzu oft wiederholt. Osterreich hat nach der Bankozettelwirtschaft dauer im allgemeinen 5~10 Jahre betrigt. Kondratieff (,,Die langen Wellen der Konjunktur* im Archiv fiir Sozialwissenschaft, 56. Bd., S. 573{f,) sucht, m. E. ohne Erfolg, zu beweisen, daB es auBer den 7—11jihrigen Zyklen der Konjunktur, die er die mittleren nennt, auch noch Weller von einer Durchschnittslinge von 50 Jahren gibt, die einen gesetzmifig zyklischen Charakter haben, ===== PAGE 59 ===== der napoleonischen Zeit fast ein Menschenalter gewartet, bis es wieder anfing — in bescheidenerem Umfang als zu Beginn des 19. Jahrhunderts —- Inflationspolitik zu treiben, und zwischen dem Ende seiner zweiten und dem Beginn seiner dritten und letzten Inflationsperiode lag wieder fast ein halbes Jahrhundert. Nirgends kann man von einer zyklischen Wiederkehr von Papiergeldinflationen sprechen. Nur fiir die von den Verhaltnissen des Zirkulationskredits ausgehen- den Erscheinungen konnte man RegelméBigkeit der Wiederkehr fest- stellen. Seit die Umlaufsmittelbanken angefangen haben, im Wirtschafts- leben der Volker eine grifere Rolle zu spielen, haben sich alle paar Jahre die Krisen wiederholt; auf die Krise folgte die Stagnation, auf diese wieder der Aufschwung. In wundervoll plastischer Weise hat das schon vor mehr als neunzig Jahren Lord Overstone beschrieben: We find the state of trade subject to various conditions which are periodically re- turning; it revolves apparently in an established eycle. First we find it in a state of quiescence, — next improvement, — growing confidence, — prosperity, — excitement, — overtrading, — convulsions, — pressure, — stagnation, — distress, — ending again in quiescence). Man mub gich diese in ihrer Knappheit und Anschaulichkeit uniibertreffliche Charakteristik vor Augen halten, um zu erkennen, wie fehl man geht, wenn man die Uberfihrung des Krisenproblems in das Konjunktur- problem spiteren Nationalokonomen zuschreibt. Man hat die Feststellung, dafl die Konjunkturzykien aufeinander- folgen, in wenig glitcklicher Weise dadurch zu ergiinzen gesucht, daB man dem Ablanf eine bestimmte Lange zuschreiben wollte. Dazu haben begreiflicherweise jene Theorien geneigt, die die Verursachung des Konjunkturwechsels in der Wiederkehr bestimmter kosmischer Vorgange gesucht haben. Die Beobachtung der Wirtschaftsgeschichte kann uns derartige Annahmen nicht bestitigen. Sie zeigt Wiederkehr der Konjunkturwellen, aber nicht Wiederkehr von Wellen gleicher Lange. Diese Wiederkehr ist das Problem, das wir noch zu Ilisen haben. Die Zirkulationskredittheorie zeigt uns den typischen Ablauf eines Zyklus in rohen Umrissen, aber sie zeigt, soweit wir sie bisher geprilft haben, noch nicht, warum das gleiche immer wiederkehrt. Fir die Zirkulationskredittheorie steht es fest, daB der unmittelbare 1) Vgl Lord Oversione, Reflections suggested by a perusal of Mr. J. Horsley Palmer's Pamphlet on the causes and consequences of the pressure on the money market, 1837 (wiederabgedruckt in: Tracts and other publications on metallic and paper currency, London 1858), S. 31. ===== PAGE 60 ===== — BT — AnstoB zur Auslisung der Wellenbewegung im Verhalten der Banken zu suchen ist. Indem sie anfangen, den Geldzins durch Erweiterung des Zirkulationskredits unter dem Satz des mnatiirlichen Kapitalzinses herab- zudriicken, lenken sie den Gang der Dinge von dem Wege der gleichméaBigen Entwicklung ab und schaffen Verhiltnisse, die zwangslinfig zum Auf- gchwung und zur Krise fiihren. Das Problem liegt mithin in der Frage, was die Banken immer wieder zur Erneuerung des Versuchs veranlaBt, den Umfang der Zirkulationskreditgewdhrung zu erweitern. Manche Schriftsteller meinen, daB den Banken der AnstoB zu ihrem Verhalten von aullen her kommt, da8 irgendwelche Ereignisse sie dazu veranlassen, mehr Umlaufsmittel in den Verkehr zu pumpen, und daf sie, wenn diese Ereignisse ausbleiben wiirden, anders vorgehen wiirden. Auch ich habe in der ersten Auflage meiner ,, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel* dieser Annahme zugeneigt!). Ich vermochte es mir nicht zu erkliren, warum die Banken aus der Erfahrung nicht lernen sollten, und dachte, daB, wenn nicht fuBere Umstinde sie zur Aufgabe ihrer Politik der Vorsicht und Zuriickhaltung veranlassen wiirden, sie gewi bei ihr ver- bleiben wiirden. Erst spater habe ich die Uberzeugung gewonnen, daB es vergebens wire, nach einem &uBeren AnstoB fiir den Wechsel in dem Verhalten der Banken zu suchen und da die Schwankungen der all- gemeinen Konjunktur ganz aus den Verhiltnissen der Umlaufsmittel- zirkulation abzuleiten sind. Jede Neunausgabe von Umlaufsmitteln iibt jene Wirkungen, die wir beschrieben haben: sie driickt zundchst den ILeihsatz herab und ermiBigt dann die Kaufkraft der Geldeinheit; jede folgende Neuausgabe bringt dasselbe Ergebnis. Die Errichtung neuer Umlaufsmittelbanken und die von ihnen schrittweise ins Werk gesetzte Erweiterung des Zirku- lationskredits lost mithin schon den Mechanismus der aufsteigenden Konjunktur aus und fithrt damit zur Krise und zu dem anschlieBenden Niedergang. Wir verstehen ohne weiteres, daB die Umiaufsmittelbanken zur Erhohung der Rentabilitit ihres Befriebes bereit wiiren, den Um- fang der Kreditgewihrung und die Hohe ihrer Emissionen zu erweitern. Was einer besonderen Erklarung bedarf, ist, warum die Bestrebungen, das Wirtschaftsleben durch Erweiterung des Zirkulationskredits zu heben, ungeachtet des offenkundigen MiBerfolges, den sie erlitten haben, von ihnen immer wieder aufgenommen werden? ') Vel a. a. 0, 1, Aufl, 8. 4331. Es hatte auf mich einen tiefen Eindruck ge- macht, daB auch Lord Overstone dieser Auffassung zuzuneigen scheint. Vgl. Reflections a. a. 0, 8. 82i. ===== PAGE 61 ===== Die Antwort hat zu lauten: Weil die herrschende Ideologie des Geschaftsmannes und des Wirtschaftspolitikers in der ErmiBigung des ZinsfuBes ein wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik erblickt und weil sie die Erweiterung des Zirkulationskredits als das geeignetste Mittel zur Erreichung dieses Zieles erachtet. Der naive Inflationismus des 17. und des 18. Jahrhunderts hat auf die Dauner der Kritik der Nationalokonomie nicht standhalten kionnen; er wurde im 19. Jahrhundert nur von wenig heachteten Schriftstellern, die keine Beziehung mit der Wissenschaft und der wirtschaftspolitischen Praxis verband, vertreten, und nur die aus rein politischen Griinden vollzogene Achtung jeglicher Beschiftigung mit den Problemen der nationaldkonomischen Theorie durch den ,,empi- risch-historischen Realismus‘ brachte es zuwege, da er, vor allem auch in Deutschland, im Zeitalter des Weltkrieges voriihergehend wieder zu groBem Ansehen gelangte. Der Umlaufsmittel-Inflationismus hat sich zaher behanptet. Adam Smith hat ihn schon schwer erschiittert; manche andere hatten es schon vor ihm getan, vor allem der Amerikaner William Douglass; viele sind ihm nachgefolgt, ganz besonders die Currency- School. Doch dann kam ein Riickschlag. Die Banking-School verwirrte alle Begriffe, und waren auch thre Begriinder sehr weit von dem Irrtum entfernt, man konnte den ZinsfuB durch Erweiterung des Zirkulations- kredits driicken (sie bestriiten ja die Moglichkeit einer solchen Erweite- rung iiber den ,,Bedarf‘* hinaus), so gab es doch in ihren Lehren Ansitze, die man nur fortentwickeln muBte, um auf den Standpunkt zu gelangen, daB der Zinsfu8 durch das Verhalten der Banken erm#Bigt werden konnte, Zumindest waren die Bearbeiter dieser Probleme in ihrer Auffassung zu schwankend geworden, als dal} sie der offentlichen Meinung, die stirmisch von den Bankem ,billiges Geld“ verlangte, entschieden hiitten cntgegentreten kionnen. Die volkswirtschaftliche Presse iiber- nahm den bedenklichen Sprachgebrauch der Gesechaftswelt, bei der Er- orterung der ZinsfuBgestaltung von Geldknappheit und von Geldfiilie zu sprechen und den Darlehensmarkt fiir kurzfristige Anlage Geldmarkt zn nennen. Der Zurickhaltung der Umlaufsmittelbanken, die, durch die Erfahrung zur Vorsicht gemahnt, zogerten, dem allgemeiner Wansche der Regierungen und der Parlamente, der politischen Parteien und der Presse, der Unternehmer, der Grundbesitzer und der Arbeiter nach billigerem Kredit entgegenzukommen, wurden unlautere Motive unter- schoben. Selbst Blatter, die es besser wuSten, und Politiker, deren Pflicht gewesen wire, es besser zu wissen, wurden nicht miide zu be- haupten, die Notenbanken wiirden gewiB mehr und billiger eskomptieren, wenn sie nicht aus Ricksicht anf die Rentabilitit ithres Botriebes und anf ===== PAGE 62 ===== — BY — die Interessen der sie beherrschenden Kapitalisten den Zinsfu moglichst hoch zu halten streben wiirden. Die Errichtung der groBen Notenbanken war auf dem eurepéischen Festlande fast durchaus im Hinblick auf die Erwartungen vorgenommen worden, es konnte durch die Umlaufsmittelausgabe eine Verbilligung des Leibsatzes eintreten. Unter dem Eindrucke der Lehren der Currency- Schule wurden zuerst in England und dann in allen iibrigen Léandern, in denen nicht schon <ere Gesetze die Notenausgabe beschrinkten, Verfiigungen getroffen, um die Erweiterung des Zirkulationskredits, zu- mindest des durch Ausgabe von ungedeckten Banknoten gewahrten, zu begrenzen. Doch die Currency-Lebre verlor durch die Kritik Tookes und seiner Anhénger bald an Ansehen. Wohl wagte man nicht jene Gesetze umzustoBen und die Notenausgabe freizugeben, doch man sah nichts Bedenkliches darin, sie zu umgehen. Unter den Griinden, die zur Ausbreitung der Goldkernwihrung gefilhrt haben, spielte auch der eine betrachtliche Rolle, daB eine Konzentration des nationalen Edel- metall-Bestandes in den Kellern der Notenbank bei Beachtung des Wortlautes der Bankgesetze eine Vermehrung der Umlaufsmittelausgahbe zulie8. Man schente sich vor dem Kriege in Deutschland nicht, 6ffentlich zugunsten der Zuriickziehung des Goldes aus dem Verkehr geltend zu machen, dal die Reichsbank fiir jedes ihrem Goldschatze zuwachsende Zwanzigmarkstiick sechzig Mark in Noten auszugeben berechtigt war. Man machte fiir die Ausbreitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs mit der Begriindung Propaganda, da man dadurch eine wesentliche Verbillignng des Zinssatzes erzielen konnte!). Ahnlich, wenn auch vielleicht mit mehr Vorsicht in der Ausdrucksweise, war es im Ausland. Jede einzelne Konjunkturwelle — der Aufstieg zum Gipfel des Wellenbergs und der darauf folgende Abstieg ins Tal — wird durch die Bemiihung der Umlaufsmittelbanken, den Umfang des Zirkulations- kredits durch Vermehrung der Umlaufsmittelmenge (nicht durch Geld gedeckte Banknoten und nicht durch Geld gedeckte Kassenfithrungs- guthaben) zn erweitern und dadurch den Leihsatz zu driicken, ansgeldst. Dal diese Bemithungen immer wieder ungeachtet threr allgemein be- klagten Folgen aufgenommen werden, so daf sich Konjunkturwelle an Konjunktnrwelle reiht, ist auf das Vorherrschen einer Ideologie zuriick- zafiibren, die in aufsteigenden Warenpreisen und ganz besonders in niedrigem Stand des ZinsfuBes ein Ziel der Wirtschaftspolitik erblickt 1) Vgl. die Belege hierfiir in meiner Theorie des Geldes und der Umlaunfsmittel, a, a. 0., S. 397i. ===== PAGE 63 ===== — 80 — und der Meinung ist, auch dieses zweite Ziel durch Erweiterung der Umlaufsmittelausgabe erreichen zu kinnen. Man bekiagt die Krise und man beklagt die Depression, doch weil man den Kausalzusammenhang zwischen dem Vorgehen der Umlaufsmittelbanken und den beklagten Ubeln unrichtig beurteilt, fordert man eine Zinspolitik, die notwendiger- weise letzten Endes wieder zu Krise und Depression fithren muB. Jede Abweichung von den auf dem unbehinderten Markte ge- bildeten Preisen, Lohnen und Zinss#tzen muB zu Stérungen des volks- wirtschaftlichen Gleichgewichts fithren. Die durch die Bemithungen, den ZinsfuB kfinstlich zu dritcken, hervorgerufene Stérung ist eben die Krise. Die letzte Wurzel der Erscheinung, daf Konjunkturwelle auf Xon- junkturwelle folgt, ist mithin ideologischer Natur. Solange mar glaubt, den Zinssatz durch Bankpolitik und nicht durch Kapitalbildung senken zu kounnen, werden sie nicht verschwinden. Auch wenn die Regierungen sich niemals um die Umlanfsmittel- ausgabe bekiimmert hitten, wiirde es Umlaufsmittelbanken und Um- Iaufsmittel, sowohl in der Gestalt von Noten als auch in der von Kassen- fiihrungsguthaben, geben. Keine Beschrankung wire der Umlanfsmittel- ausgabe durch die Gesetze auferlegt, es wiirde Bankfreiheit herrschen, aber die Banken miilten gerade im Hinblick auf die Empfindlichkeit des Rufes der Umlaufsmittel, zu deren Annahme niemand gezwungen werden kann, besonders vorsichtig sein. Die Bevilkerung der kapita- listischen Lander hitte es im Laufe der Zeit erlernt, zwischen guten und schlechten Banken zu unterscheiden, und die der zuriickgebliebenen Lander wiirde allen Banken mifitrauen. Keine Regierung wiirde auf die Banken einen Druck ausiiben, mit leichterer Hand zu eskomptieren, als sie eg selbst verantworten kionnen. Die Leiter der soliden und ange- sehenen Banken aber, deren Umlanfsmittel allein jenes aligemeine Ver- frauen genieBen wiirden, das die Voranssetzung der Geldswrrogatqualitit des Umlaufsmittels ist, hitten aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Wenn sie auch schwerlich die tieferen Zusammenhiinge erkannt hatten, hitten sie doch gewuBt, wie weit sie gehen diirfen, ohne die Gefahr des Zusammenbruches heraufzubeschworen. Die vorsichtig zurlickhaltende Politik der angesehenen und wohlfundierten Banken hitten die leichtfertigeren Leiter anderer Banken mitmachen miissen, wie sehr sie auch gewiinscht hatten, freigebiger 2u eskomptieren. Denn die Erweiterung des Zirkulationskredits kann niemals das Werk einer einzelnen Bank oder selbst einer Gruppe von einzelnen Banken sein. Thre Voraussetzung ist immer, da8 die Umlaufsmittel allgemein als ===== PAGE 64 ===== Geldsurrogate genommen werden. Bestehen nun mehrere Umlaufsmittel- banken gleichberechtigt nebeneinander und sucht ein Tell von ihnen den Umfang des Zirkulationskredits zu erweitern, wihrend die iibrigen ihr Verhalten nicht dndern, dann werden sich bei allen Abrechnungen zwischen den Banken stindig Forderungsiiberschiigsse zugunsten der konservativen Unternehmungen ergeben, die dann durch Prisentation der Noten zur Einlésung und durch Zuriickziehen der Kassenfiithrungsgut- haben die expansiv vorgehenden Banken sehr schnell wieder zur Ein- schrinkung des Umfanges ihrer Emissionen nétigen wiirden. In den Anfingen der Ausbildung des Umlaufsmittel-Bankwesens hatten sich Krisen nicht vermeiden lassen. Sobald aber einmal die Bankiers die Gefahren der Ansdehnung des Zirkulationskredits erkannt hitten, hitten sie im eigenen Interesse alles darangesetzt, um die Krise zu vermeiden, und den einzigen Weg eingeschlagen, der zu diesem Ziele fithrt: groBte Zuriickhaltung in der Ausgabe vor Umlaufsmitteln. DaB die Entwicklung der Umlaufsmittelbanken eine andere Richtung ein- schlug, ist allein dem Umstande zuzuschreiben, dal} die Ausgabe von Banknoten, die lange Zeit das einzige Umlaufsmittel waren und noch heute, selbst in den Vereinigten Staaten und in England, das wichtigste Umlaufsmittel sind, zu einer offentlichen Angelegenheit wurde. Der Bankier und die private Aktienbank wurden durch die privilegierte Notenbank verdringt, weil die Regierungen aus fiskalischen und aus kreditpolitischen Erwigungen die Erweiterung des Zirkulationskredites begiinstigten. Die bevorrechteten Institute konmten nicht nur darum bedenkenlos in der Kreditgewdhrung vorgehen, weil sie in der Regel das Monopol der Notenausgabe hatten, sondern auch, weil sie daranf rechnen durften, da die Regierung ihnen im Notfalle zuhilfe kommen werde. Der Bankier wurde bankrott, wenn er sich zu weit vorgewagt hatte; die bevorrechtete Bank erhielt die Erlaubnis, ihre Zahlungen einzustellen, und ihren Noten wurde zum Nennwerte Zwangskurs ver- lichen. Hitte man aus den Erkenntnissen, die wir der Currency-Theorie verdanken, den SchluB gezogen, daB man den Umlaufsmitteln alle Privi- legien entziehen und sie als Forderungen in allen Beziehungen ausnahmslos dem gemeinen Recht unterstellen miisse, dann hitte man vermutlich mehr zur Beseitigung der Krisengefahr beigetragen, als durch die starre Kontingentierung der Ausgabe von Umlanfsmitteln in Notenform und Beschrankung der Bankfteiheit auf die Ausgabe von Umlaufsmitteln in Gestalt von Kasgenfilhrungsguthaben geschah. Der Grundsatz der Bank- freiheit blieb aber auf das Gebiet des Kassenfithrungsguthabens be- ===== PAGE 65 ===== schrinkt. Und hier konnte er nicht dahin wirken, daB er die Banken und Bankiers zur Zuritckhaltung veranlaBt hidtte, weil die Gffentliche Meinung das ,,zu Hilfe kommen als leitenden Gesichtspunkt fiir die Staatspolitik und fir das Verhalten der Zentralnotenbanken in Krisen- zeiten erzwungen hat. Man hat 1847, 1857 und 1866 die Peelsche Akte suspendiert, un die Bank von England in die Lage zu versetzen, den Banken auszuhelfen, die durch die Erweiterung des Zirkulationskredits in die Klemme geraten waren; man hat solche Hilfe — in dieser oder in einer anderen Form — iiberall und immer wieder gewihrt. In den Ver- einigten Staaten hatten die Gesetze iiber die Nationalbanken die Ge- wihrung dieser Aushilfen technisch erschwert, wenn auch durchaus nicht unmoglich gemacht. Gerade wegen der Erschwernisse, die die Gesetze der Unterstitzung der notleidend gewordenen Kreditgeber und der Statzung des Wertes der von ihnen gewihrten Zirkulationskreditein den Weg stellten, empfand man das System als besonders unbefriedigend, und unter den Gritnden, die zur groBen Reform des amerikanischen Banksystems fiihrten, stand in erster Reihe der Gesichtspunkt, da man fiir Krisenzeiten vorsorgen miisse, d. h. dab man den Zusammenbruch der Banken und Bankiers, deren Verhalten zur Krise gefiihrt hatte, durch technisch vollkommenere Mittel verhindern miisse, als es die Notgemeinschaft der Clearinghouse-Zertifikate ausgebenden Banken sein konnte. Man erachtet es allgemein fiir ganz besonders wichtig, die Folgen der Erweiterung des Zirkulationskredits von jenen abzuwehren, von denen sie ausgegangen ist; hier einzuspringen gilt als eine der vor- nehmsten Aufgaben der Zentralnotenbanken und jener iibrigen Banken, denen es dank ihrer Vorsicht gelungen ist, ihre Festigkeit auch in der allgemeinen Krise zn bewahren. Es mag wohl fraglich sein, ob der Schaden, den die Irreleitung der Unternehmungstatigkeit durch die kiinstliche Herabsetzung des Leih- satzes angestiftet hat, gréBer werden kinnte, wenn man der Krise freien Lauf lieBe. Gewif konnte der Panik auch manche Existenz zum Opfer fallen, die man durch das Eingreifen rettet, und am Untergange solcher Unternehmungen wiirden sich andere Unternehmungen bereichern. Doch der Gesamtverlust, der durch den ,,Aufschwung* herbeigefiihrt wurde und den die Krise nicht erzeugt, sondern nur sichtbar werden 14Bt, liegt vornehmlich darin, daB Produktionsmittel in Verwendungen festgerannt wurden, die nach der Lage der 6konomisehen Daten nicht die dringendsten waren, und dafB sie nun in dringenderen fehlen; er wird weder dem Umfange nach geringer noch auch nur weniger fithlbar, wenn man durch Intervention verhindert, da8 Giiterbesitz aus der Hand ===== PAGE 66 ===== — 83 — unvorsichtiger Unternehmer in die Hand von Unternehmern iibergeht, die, weil sie mehr Voraussicht bewiesen haben, ihn nun iibernchmen wiirden. Jedenfalls aber hat die Ubung, zugunsten der durch die Krige notleidend gewordenen Banken und ibrer Kunden zu intervenieren, den Erfolg, daB sie die Kraft ausschaltet, die aus der Wirtschaft heraus gegen die Wiederkehr der Uberspannung eines neuen Aufschwungs und der sie notwendig abschlieBenden Krise wirken kann. Wenn die Banken aus der Krise unversehrt oder nur wenig beschiddigt hervorkommen, was soll sie dann abhalten, wieder den Versuch zu beginnen, den Zirku- lationgkredit zu erweitern und den Leihsatz kiinstlich zu driicken? Wiirde man die Krise riicksichtslos ihr Werk der Vernichtung der zahlungs- unfihig gewordenen Unternehmungen vollbringen lassen, dann wiirden in Hinkunft alle Unternehmer mehr Zuriickhaltung walten lassen; nicht nur die Banken in der Kreditgewidhrung, sondern auch die éibrigen Geschifts- leute in der Inanspruchnahme von Kredit. Statt dessen billigt die dffent- liche Meinung die Hilfe in der Krise, und ermuntert, kaum daB das Argste itberwunden ist, die Banken zu neuer Expansion des Zirkulationskredits. Dem Denken des Kaufmanns erscheint es als die natiirlichste und selbstverstindlichste Sache, da die Banken sein Kreditbediirfnis durch Schaffung von Umlaufsmitteln befriedigen. Die Banken, meint er, hitten die Aufgabe und die Pflicht, der Industrie und dem Handel ,,beizu- stehen®. Es ist nicht zu bestreiten, dal} die Erweiterung des Zirkulations- kredits innerhalb der engen Grenzen des durch sie bewirkten ,.er- zwungenen Sparens” die Kapitalbildung fordert und soweit die Er- weiterung der Produktionstitigkeit ermdglicht. Doch es kann ebenso- wenig bestritten werden, daB jeder Schritt, der dariiber hinausfiihrt, in der oben beschriebenen Weise der Unternehmungstitigkeit eine ange- sichts der Lage der Dinge verfehlte Richtung gibt und daB das MiB- verhiltnis zwischen dem, was die Unternehmer tun, und dem, was ihnen der nicht beirrte Markt vorschreiben wiirde, in der Krise zum Vorschein kommt. Allein dem Umstand, daf die Ideologie, die alle entscheidenden Faktoren — die Volkswirte, die Staatsminner und die Politiker, die Presse und die Geschiftswelt -— beherrscht, die Erweiterung des Zirku- lationskredits nicht nur billigt, sondern fordert, ist es zuzuschreiben, da auf jede Krise und ihre Nachwehen wieder ein neuer ,,Aufschwung‘ folgt, der dann schlieBlich wieder in die Krise einmiinden muS. 4. Die Krispnpolitik der Currency-Schule,. Wie alles, was bis in die jingste Zeit zur Erhellung des Problems der Konjunkturschwankungen geleistet wurde, Verdienst der Currency- ===== PAGE 67 ===== Schule war, so verdanken wir auch aunsschliellich dieser Schule alle Gesichtspunkte, die fiir die auf Ausschaltung der Konjunkturschwan- kungen gerichtete Politik maligebend waren. Der verhiungnisvelle Trrtum der Currency-Schule lag darin, dab sie die Gleichartigkeit der Banknoten und der Kassenfiihrungsguthaben als Geldsurrogate und demgemiB als Geldzertifikate und als Umlaufsmittel verkannte. In ihren Augen war nur dic Banknote Geldsurrogat, konnte daher nur die Einfithrung einer nicht durch Geld gedeckten Banknote die rein metal- lische Zirkulation zu einer gemischten machen. Sie dachte daher, alles, was zur Behebung der periodischen Wiederkehr von Krisen zu ge- schehen habe, konnte durch starre Kontingentierung der Menge nicht metallisch bedeckter Banknoten erreicht werden. Die Ausgabe von Umlaufsmitteln in Gestalt von nicht metallisch bedeckten Kassenfiihrungs- guthaben lieB sie frei'). Da der Gewihrung von Zirkulationskredit durch Kassenfiithrungsguthaben kein Hindernis im Wege stand, konnte die Politik der Uberspannung des Zirkulationskredits selbst in England beibehalten werden. Was dem Kassenfiithrungsguthaben bank- und verkehrstechnisch mangelte, wurde dadurch wettgemacht, daB sich die standige Gepflogenheit herausbildete, in der Krise den Banken, die den Kredit itberspannt hatten, und ihren Kunden durch irregulare Noten- ausgabhe zu Hilfe zu kommen. Das System der indirekten Kontingentie- rung des metalliseh nicht bedeckten Notenumlanfes hat diese Ge- pflogenheit geradezm in ein System gebracht. Die Banken konnten den Umfang der Kredite ruhig erweitern, wenn sie auf die Unterstiitzung der Notenbank im Notfalle rechnen durften. Hitte man die Erweiterung der Ausgabe von Umlaufsmitteln in jeder Gestalt verboten, also den Banken etwa die Verpflichtung auf- erlegt, den vollen Gegenwert nicht nur der ausgegebenen Noten, sondern auch der jederzeit falligen Guthabungen ihrer Kunden, diber die mit Scheck oder in &hnlicher Weise verfiigt werden kann, als Reserve zn halten oder doch zumindest in ihrer Kreditgewdhrung iber ein be- stimmtes starres Kontingent von unbedeckten Noten und Kassenfith- rungsguthaben nicht hinauszugehen, so hiitte man, zumal in den Zeiten, in denen das Steigen des Geldbedarfes die Vermehrung des Geldvorrates uberfliigelte, starke Preisriickginge hervorgerufen. Der Wirtschaft hatte nicht nur jemer Antrieb gefehlt, den das ,,erzwungene Sparen‘ bringt, sie hatte zeitweilig unter den Folgen steigender Kaufkraft der 1) Auch jene Staaten, die in diesem Punkte formell anders vorgingen, haben praktisch der Entwicklung des Umlaufsmittels in Gestalt von Kassenfiibrungsguthaben kein Hindernis in den Weg gelegt. ===== PAGE 68 ===== Geldeinheit gelitten. Das hitte die Fortschritte der Kapitalbildung verlangsamt, aber gewiB nicht unterbunden. Sicher aber ist, daB es dann weder za Perioden stitrmischen Aufschwungs noch zu dem dramatischen Umschlagen des Aufschwungs in die Krise und in den Abstieg ge- kommen wire. Es hat wenig Sinn, zu erirtern, ob diese Losung der Probleme der Umlaufsmittelpolitik gliicklicher gewesen wire als die, die tatsichlich gewahlt wurde. Denn die Alternative lautet nicht allein Beschrinkung oder Freiheit der Umlaufsmittelausgabe, sondern sie lautet oder lautete zumindest auch Bankfreiheit oder Privilegierung der Umlaufsmittel- ausgabe. An diese Mdglichkeit ist allerdings kaum gedacht worden. Als die Probleme der Bankpelitik in den Vordeigrund der wirtschafts- politischen Diskussion traten, hatte sich bereits der erste Schatten des Interventionismms iiber die kapitalistische Wirtschaftsordnung gesenkt. Wohl traten Schriftsteller anf, die die Bankireiheit verteidigten. Aber ihre Stimme verhallte. Man wollte den Noteninhaber gegen die Bank schiitzen, doch man vergaB, da8 die gefahrlichen Zahlungseinstellungen der Notenbanken stets Institute betrafen, denen eine privilegierte Stel- lung durch die Gesetzgebung eingeriumt worden war. Man mag sich die Folgen des Zusammenbruches von Banken eines Systems absoluter Bankireiheit noch so gro ausmalen, man wird zugeben miissen, da sie in ihrem AusmaBe niemals auch nur im entferntesten herangereicht hitten an die Folgen, die die Kriegs- und Nachkriegspolitik der Noten- banken der drei europdischen Kaiserreiche nach sich gezogen haben. In den letzten zwei Menschenaltern gab es wohl kaum einen denken- den Kopf, der nicht gewuBt hatte, da auf den Aufschwung die Krise folgt. Nichtsdestoweniger ware es auch dem tatkriitigsten und tiich- tigsten Bankleiter unmdglich gewesen, rechtzeitig der Erweiterung des Zirkulationskredites entgegenzuwirken. Die offentliche Meinung stand dem im Wege. Man nahm die Tatsache, daB die Konjunktur in heftigen Ausschligen schwankt, als eine Notwendigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung hin und dachte, in dem Ideenkreis der Banking- theorie befangen, da8 die Banken beim Aufschwung nur mitgehen, das sie ihn aber keineswegs durch ihr Verhalten hervorrufen oder fordern. Wenn nach langer Stagnation die Banken der allgemeinen Forderung nach leichterer Kreditgewahrung wieder Rechnung zu tragen begannen, war die éffentliche Meinung stets @iber die Anzeichen beginnenden Auf- schwunges hoch erfreut, und es wire angesichts der herrschenden Ideologie den Banken ganz undenkbar gewesen, den Prinzipien Lord Overstones getreu schon im Beginn zu bremsen. Wenn dann die Konjnnktur immer v. Miaes, Geldwertetabilisierung. 5 ===== PAGE 69 ===== — 66 — besser wurde, hauften sich wohl die Stimmen, die einen Umschwung prophezeiten., Aber auch diese Warner forderten gewohnlich nicht strenge Unterbindung aller weiteren Ausdehnung des Zirkulationskredits, sondern nur MiBigung und Einschréinknng der neu zu gewihrenden Kredite anf nicht spekulative* Geschifte. Wenn dann endlich die Banken ihre Politik #nderten, wenn die Krise da war, dann wuBte man immer Schuldige zu finden. Nur den wahren Schuldigen, die falsche theoretische Einstellung, wollte man nicht finden. Und so blieb es bei dem iiblichen Verfahren, und Kon- junkturwelle folgte auf Konjunkturwelle. Die Notenbankleiter betrieben ihre Politik, ohne dither ihre Grund- lagen viel nachzudenken. Wenn das Anwachsen des Umfanges der Kredite sie zu dngstigen begann, gingen sie, nicht immer in geschickter Weise, mit Eskomptesatzerhohungen vor und zogen sich in der Offentlichkeit den Vorwurf zn, durch ihr Verhalten den Anstof zur Krise gegeben zu haben. Es ist klar, daf friher oder spiter die Krise kommen mubte und daB sie immer unmittelbar und zunichst durch die Anderung des Verhaltens der Banken hervorgerufen” werden mufite. Wenn schon von einem Verschulden der Banken gesprochen werden sollte, so hatte man von dem Verschulden an der Forderung des Aufschwunges sprechen miissen. Nicht das war an der Politik anszusetzen, dal die Zinsful- erhdhung kam, sondern nur das, daf sie zu spat kam. 5. Die moderne Konjunkturpolitik. Die Konjunkturpolitik, die heute von den meisten Schriften itber die Probleme des Konjunkturwechsels empfohlen wird und zu deren Durchfithrung in den Vereinigten Staaten bereits manche Schritte unter- nommen wurden, beruht ganz auf den Gedankengingen der Zirkulations- kredittheorie, die sie auf Grund einer mit feinen statistischen Methoden unternommenen Beobachtung des Konjunkturverlaufes der Praxis dienstbar machen will. Daf es nur eine Theorie des Konjunkturwechsels gibt, nimlich die Zirkulationskredittheorie, und dab alle anderen Versuche, dem Probleme beizukommen, der Kritik nicht standhalten konnten, bedarf keiner weiteren Erklirung mehr. Alle Krisen- und Konjunkturpolitik ist vom Boden dieser Lehre ansgegangen. Soweit in den letzten Jahr- zehnten vor dem Kriege iiberhaupt Konjunktur- und Krisenpolitik be- trieben wurde, arbeitete man mit ihren Ideen und lief dabei die — damals im Schrifttum als allein richtig anerkannte — Banking-Lehre und alle das Problem als zum Komplex der Lehre vom direkten Tausch gehorig ===== PAGE 70 ===== betrachtenden Auffassungen beiseite. Man mochte im iibrigen noch soviel von der Elastizitit einer auf der Eskomptierung vor Warenwechseln beruhenden Notenzirkulation sprechen, im Handeln der Konjunktur- politik machenden Bankleiter kamen andere Auffassungen zur Geltung. Soweit also kann man nicht davon sprechen, da der theoretische Gehalt der Konjunkturpolitik von heute neu wire. Die Zirkulations- kredittheorie ist iber die alte Currency-Theorie gewiB ein gutes Stiick hinausgekommen. Die Untersuchungen, die Walras, Wicksell nnd ich dem Problem gewidmet haben, haben es allgemeiner gefabt, es in den Kreis des wirtschaftlichen Gesamtprozesses gestellt und es vor allem als Problem der Zinsfufigestaltung und des Gleichgewichtes des Dar- lehensmarktes zu behandeln gesucht. Um das Mal des erreichten Fort- gchritts zu erkenmen, vergleiche man etwa die bertihmte Auseinander- setzung von Bastiat und Proudhon iiber die Unentgeltlichkeit des Kredits oder die im deutschen Schrifttum der Vorkriegszeit iibliche Kritik dex Quantitatstheorie mit den Ausfiilhrungen in modernen Arbeifen. Das aber darf, so hoch man seine Bedeutung fiir den Ausbau unserer Er- kenntnis veranschlagen mag, uns nicht vergessen lassen, dab schon die Currency-Theorie all das geboten hat, das die Theorie hier der Politik zn geben vermag. Man wird sicherlich auch nicht bestreiten kimnen, daf ein groBer Yortschritt dadurch erzielt wurde, daB man das Problem nicht mehr allein im Hinblick auf die Umlaufsmittel, sondern anch im Hinblick auf das ganze Problem der Kaufkraft des Geldes betrachtet. Die Currency- Schule kiimmerte sich um die Preishewegung nur insoweit, als sie durch Ausdehnung oder Einschrinkung des Zirkulationskredits bewirkt war (wobei sie, wie bekannt, nur den durch Ausgabe von Noten gewihrten Zirkulationskredit ins Auge faBte) und war weit entfernt davon, einer Stabilisierung der Kaufkraft der Geldeinheit zuzustreben. Wir sehen houte die beiden Probleme als Probleme der Theorie eng verbunden. Es macht das Wesen der einen der beiden Richtungen der modernen Konjunkturpolitik aus, daB sie die beiden Probleme als eines behandeit. Fiir diese Richtung ist das Ziel der Konjunkturpolitik nicht mehr und nicht weniger als Stabilisierung der Kaufkraft des Geldes, Was itber Bie zu sagen ist, hat im ersten Teil dieser Arbeit Platz gefunden. Die andere Richtung vill nicht Stabilisierung der Kaufkraft, sondern ganz wie die Currency-Solhule nur Krisenverhiitung. Sie setzt sich aber doch ein weiteres Ziel als das, das die Peelsche Akte und die Konjunktur- Politik der Vorkriegszeit erreichen wollten. Was sie vorsehléigt, soll nicht nur einem durch Umlaufsmittelinflation, sondern auch einem durch B* ===== PAGE 71 ===== — 68 Geldinfiation (z. B. Steigerung der Goldproduktion) ausgeldsten Auf- schwung entgegenarbeiten, wogegen wieder bei Restriktion, gleichviel ob sie als Geld- oder als Umlaufsmittelrestriktion ihren Anfang nahm, Depression vermieden werden soll. Sie will nicht die Preise stabil er- halten, aber sie will verhindern, dal der ZinsfuB des unbehinderten Marktes durch die Umlaufsmittelbanken oder durch Geldinflation vor- itbergehend gedriickt werde. Wir wollen hier zwei Faille genauer betrachten, um das Wesen dieser neuen Politik darzulegen: 1. Die Golderzeugung wichst, die Preise steigen., Im Bruttozins erscheint eine Preisprimie. Die Banken haben keinen Anlaf mit dem Leihsatz in die Hohe zu gehen, sie werden eher bereit sein, billiger zu eskomptieren, da das Verhaltnis zwischen ihren Verbindlichkeiten und ihrem Barschatz sich gebessert, gewiB nicht verschlechtert hat. Dann bleibt aber der von ihnen begehrte Leihsatz hinter dem ideellen Brutto- marktsatz zuriick, und damit ist der AnstoB zum Aufschwung gegeben. Die Krisenpolitik der Vorkriegszeit hitte in diesem Fall nicht rechtzeitig eingegriffen, da sie auf das Deckungsverhiltnis sah, das keine Ver- schlechterung erfahren hatte. Die moderne Auffassung hilt ZinsfuS- erhthung und Restriktion der Zirkulationskredite fiir angemessen, weil die Preise und Lohne steigen. 2. Der AnstoB zum Aufschwung ist bei unverinderter Menge von Geld im engeren Sinne von den Banken gegeben worden, etwa um dem allgemeinen Dringen nach Verbilligung des Kredits zur Bekampfung der Depression zu entsprechen. Da sich damit das Deckungsverhiltnis verschlechtert, hatte auch die #ltere Xrisenpolitik ZinsfuBerhthung als Hemmschuh gefordert. Ein grundsdtzlicher Unterschied zwischen der alten und der neuen Politik liegt nur im ersten Fall. Die moderne Krisenpolitik glaubt ihren besonderen Vorzug vor allem darin zu erblicken, dal sie mit feineren statistischen Methoden arbeitet, als der dlteren zu Gebote standen. Sie hat den Weg gefunden, um aus ihren Reihen und Kurven die Saisonschwankungen und die sikulare Entwicklungsrichtung (general trend) auszuschaliten, DaB die Ergebnisse der Marktbeobachtung erst durch diese Bearbeitung zur Konjunkturbeobachtung werden, ist klar. Kann man in der Bewertung dieses Erfolges den amerikanischen Forschern zustimmen, so steht es in der Frage der Verwendbarkeit der Indexzahlen anders. Doch hier ist dem, was im ersten Teil unserer Arbeit gesagt wurde, nichts mehr hinzuzufigen. ===== PAGE 72 ===== Als das wichtigste Ergebnis der Harvard-Forschungen wird die Aufstellung des Barometers der drei Mérkte bezeichnet. Da wir nicht die Miglichkeit haben, Wicksells natiirlichen Kapitalzing und die ideelle Preispramie festzustelien, sind wir darauf angewiesen, die Bewegung des Zinsfufles mit der Preisbewegung und mit einigen anderen fiir die Konjunktur charakteristischen Daten wie Produktionsziffern, Zahl der Arheitslosen u. dgl. in Beziehung zu setzen. Das ist seit Jahrzehnten immer geschehen, und man muB nur einen Blick in die Berichte der Tagesblitter und der volkswirtschaftlichen Wochen-, Monats- und Jahres- veroffentlichungen der letzten zwei Menschenalter werfen, um festzu- stellen, daB die heute von manchen mit wenig Bescheidenheit vorge- tragenen Anspriiche, die Bedeutung dieser Daten fiir die Erfassung des Konjunkturverlaufs zuerst erkannt zu haben, durchams unberechtigt sind. Das Harvard-Institut aber hat sich ein Verdiemst dadurch er- worben, daf es versucht hat, eine empirische GesetzmaBigkeit im zeit- lichen Ablauf der Bewegung von drei Kurven festzustellen. Man mu die uberschwinglichen Erwartungen fiir die praktische Verwertbarkeit des Harvard-Barometers, die in der amerikanischen Ge- schaftswelt eine Zeitlang vorgeherrscht haben, nicht teilen und kann rubig zugeben, daB es zur Mehrung und Vertiefung unseres Wissens ber die Konjunkturbewegung kanm etwas beigetragen hat; man wird dennoch seine Bedeutung fiir die Konjunkturforschung hoch ver- anschlagen kommen. Denn das Harvardbarometer bringt uns die sta- tistische Verifikation der Zirkulationskredittheorie. Noch vor zwei Jahrzehnten hatte man nicht daran gedacht, daf es moglich werden kénnte, das statistische Material so zu ordnen und zu verarbeiten, dag es fir die Konjunkturforschung brauchbar werden konnte. Hier ist scharfsinniger Arbeit, die Nationalokonomen und Statistiker vereint geleigtet haben, ein schiner Erfolg beschieden gewesen. Betrachtet man die Kurven der nach der Harvard-Methode arbei- tenden Institute, so erkemnnt man, daB die Bewegung der Kurve des Geldmarktes (C-Kurve) im Verhéltnis zu den beiden Kurven des Effekten- marktes (A-Kurve) nnd des Warenmarktes (B-Kurve) genau dem ent- gpricht, was die Zirkulationskredittheorie ausfithrt, Daf die Beweguugen der A-Kurve denen der B-Kurve in der Regel vorausgehen, ist aus der groferen Empfindlichkeit der Spekulation in Effekten gegenfiber der in Waren zu erklaren. Der Effektenmarkt reagiert schneller als der Warenmarkt, er sicht mehr und weiter, er zieht kommende Ereignisse (hier die Verinderungen des ZinsfuBes) friiher in den Bereich seiner Kombination. ===== PAGE 73 ===== _— 0 — Aber die entscheidende Frage bleibt doch: was gibt das Barometer der drei Markte dem handeinden Bankpolitiker? Sind die modernen Methoden der Konjunkturbeobachtung besser als die #lteren, zweifellos weniger vollkommenen, geeignet, die Grundlage zu bilden fir die Ent- schliisse einer Diskontpolitik, die auf méoglichste Nivellierung der Xon- junkturwellen hinarbeiten will? Auch die Bankpolitik der Vorkriegszeit hatte sich dieses Ziel gesetzt, und wir diirfen nicht daran zweifeln, daf die fir die Finanzpolitik verantwortlichen Regierungsorgane, die Leiter der Zentralnotenbanken und auch die der groBien Privatbanken und Bankhiuser, ehrlich und aufrichtig bemitht waren, es zu erreichen, und daB ihre Bemithungen — freilich erst dann, wenn der Aufschwung schon in vollem Schwunge war — zumindest von einem Teil der offentlichen Meinung und der Presse unterstiitzt wurden. Sie wullten auch ganz genau, was zu geschehen habe, um den gewiinschten Erfolg zu erreichen, sie wuBten, dal nichts als die rechtzeitige und entsprechend weitgehende Hinaufsetzung des Leihsatzes dem, was man allgemein als die ,,Aus- schreitungen der Spekulation** zu bezeichnen pflegt, entgegenzuwirken vermag. DaB sie die grundsadtzlichen Probleme verkannten, daB sie nicht verstanden haben, dafl jede zusitzliche Menge von Zirkulations- kredit -— gleichviel, ob durch Ausgabe von Banknoten oder durch Er- dftnung von Kassenfithrungsguthaben entstanden — die Welle der Kon- junktur hebt und damit den Kreislauf ausldst, der iiber die Krise wieder zum Hinabgleiten der Konjunktur fahrt, kurz, da sie sich auch zu jener Ideologie bekannten, deren Herrschaft die Schwankungen der Konjunktur hervorbringt, hinderte sie nicht daran, von dem Augenblicke an, in dem der Aufstieg der Konjunktur unzweifelhaft zu erkennen war, an das unvermeidliche Ende zu denken. Sie wuBten nicht, dal der Auf- schwung durch das Verhalten der Banken ausgelist worden war, und sie hitten vielleicht, wenn sie es gewuBt hitten, darin nur einen Segen der Bankpolitik erblickt, weil die Uberwindung der Depression ihnen, zu- mindest solange die Depression noch anhielt, als die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik erschien, doch sie wuBiten, daB der fortschreitende Aufschwung zur Krise und dann zur Stagnation fithren muB. Daher loste der Aufstieg vor allem Besorgnisse aus, und das Problem des Tages lautete bald nur noch, wie dem Fortschreiten der ,,ungesunden Ent- wicklung entgegenzutreten sei. Es war kein ,,0b%, sondern ein ,,wie* und dieses ,, wie war, da das Mittel — Erhéhung des ZinsfuBes — fest- stand, nur temporal und quantitativ: wann und in welchem AusmaB soll der ZinsfuB erhoht werden? Das MiBliche war nun, da8 die Antwort auf diese Frage nicht anf Grund unzweifelhaft feststellbarer Daten exakt ===== PAGE 74 ===== SE — ertellt werden konnte, so daB die Entscheidung immer dem Ermessen iiberlassen bleiben muBte. Je fester nun die Verantwortlichen davon itherzeugt waren, daB ihr Eingreifen durch Erhéhung des Zinssatzes der Prosperitdt des Aufschwungs ein Ende setzen werde, desto vor- sichtiger muBten sie zu Werke gehen. Wire es nicht moglich, daB die Stimmen recht hitten, die da behaupteten, der Aufschwung sei gar nicht , kiinstlich* herbeigefithrt, es liege gar keine ,,Uberspekulation* vor, das alles sei nur die natiirliche Auswirkung der Fortschritte der Technik, der Ausgestaltung der Verkehrsmittel, der ErschlieBung neuer Rohstoifschitze, der Erdffnung bisher verschlossener Wirtschaftsgebiete ? Solite man diesen erfreulichen und alle begliickenden ProzeB mit rauher Hand storen? Sollte die Regierung ihre Hilfe dazu bieten, da die wirt- schaftliche Besserung, die sie als ihr Verdienst in Anspruch nahm, einer Krise weiche? Das alles erklért zur Geniige das Zogern der zum Eingreifen bereiten Stellen. Sie hatten wohl die beste Absicht, rechtzeitig zu stoppen; sie kamen aber doch nur spit und nicht immer gleich mit ausgiebigen MaB- nahmen, Es verging immer eine geraume Weile, ehe der ZinsfuB jenen Stand erreichte, bei dem die Preise wieder herabgleiien mufiten. In der Zwischenzeit war bereits Kapital in Verwendungen festgelegt worden, denen man es nicht zugefithrt hatte, wenn der Geldzins micht unter den Satz des natiirlichen Kapitalzinses gesunken wire. An diesem Ubelstand der Konjunkturpelitik kann auch ihre Aus- richtung nach dem Stande des Konjunkturbarometers nichts éndern. Niemand, der die Ergebnisse der Konjunkturbeobachtung der mit den modernen Methoden arbeitenden Institute aufmerksam verfolgt hat, wird es wagen, die Behauptung zu vertreten, man kénnte an der Hand dieser Ergebnisse in unbestrittener Weise feststellen, wann und in welchem AusmaBe mit der ZinsfuBerhohung vorgegangen werden miisse, um dem Aufschwung rechtzeitig ein Ende zu setzen, ehe er zu Fehlinvestition von Kapital gefithrt hat. Man darf das, was die volkswirtschaftliche Journalistik der letzten zwei Menschenalter an fortlaufender Bericht- erstattung fiber die Geschiftslage geleistet hat, nicht unterschitzen, und das, was die mit groBen Mitteln arbeitenden modernen Konjunktur- institute bringen, nicht iiberschdtzen. Ungeachtet aller Verbesserungen, die die statistische Verarbeitung und die graphische Dargtellung der Daten erfahren haben, bleibt es doch dabei, daB ihre Verwendung fiir die Entschliisse der ZinsfuBpolitik dem Ermessen weiter Spielraum gibt. Man darf iiberdies nicht vergessen, daB sowoh! die Frage, in welcher Weise bei der Ausschaltung der Saisonschwankungen und der Wachstums- ===== PAGE 75 ===== —_ 79 faktoren vorgegangen werden soll, als auch die Frage, aus welchen Daten und in welcher Weise die Kurven jedes der drei Markte gebildet werden sollen, nicht eindeutig beantwortet werden konnen. An jedem Punkt des Konjunkturbarometers vermag die Krititk mit Argumenten anzu- setzen, die man nicht leicht zu widerlegen vermag. So sehr auch die Konjunkturbarometer es uns erleichtern, die Fulle der verschieden- artigen Bewegungen des Marktes und der Produktionstdtigkeit zu uber- blicken, eine feste Grundlage fur die Beurteilung der Vorkommnisse bieten sie uns ganz gewiB nicht. Auch die Konjunkturbarometer vermogen es nicht, der Konjunkturpolitik die Fragen, die fur ihr Handeln ent- scheidend sind, klar und unzweifelhaft zu beantworten. Die uberspannten Erwartungen, die heute allgemein an ce moderne Konjunkturpolitik geknupft werden, sind daher nicht gerechtfertigt. Von ungleich groflerem Werte als jede denkbare Ausgestaltung der statistischen Methoden mufite fur die Konjunkturpehtik der Zukunft eine Vertiefung der theoretischen Erkenntnis des Wesens des Kon- junkturwechsels werden. Einige Konjunkturinstitute geben sich dem Wahn hin, unvoreingenommene Tatsachenforschung frei von jeder Be- fangenheit durch theoretische Erwagungen zu betreiben. In Wahrheit ruben alle ihre Arbeiten auf den Grundlagen der Zirkulationskredit- theorie. Wurde man sich ungeachtet der Abneigung, die heute in allen okonomischen Dingen gegen folgerichtiges Durchdenken und Bis-Zum- Ende-Denken der Theoreme und Probleme besteht, entschlieflen, diese Theorie bewuBt zur Grundlage der Konjunkturpolitik zn machen, dann ware sehr viel gewonnen. Denn dann wurde man wissen, da man, um die Konjunkturwellen einzuebnen, jeder Erweiterung des Zirkulations- kredits entgegentreten muB, es ware denn, dal damit nur einer von anderer Seite her wirkenden Kraft zur Senkung der Kaufkraft des Geldes ent- gegengewirkt werden soll. Man wird die Schwierigkeiten, die in der Unzulanglichkeit aller Methoden zur Messung der Veranderungen der Kanfkraft liegen, nicht uberwinden konnen, man wird weder das Ideal des wertstabilen Geldes, noch das der konjunkturlosen Wirtschaft ver- wirklichen, aber man wird doch die Schwankungen der Konjunktur wesentlich mildern, wenn man sich einmal entschlossen haben wird, anf die kunstliche Anspornung der Unternehmungstatigkeit durch bank- politische MaBnahmen zu verzichten. Man wird dabei freilich manches liebgewordene Schlagwort aufgeben missen, so z. B. die Forderung des bargeldlosen Zahlungsverkehres. Man wird ein noch groBeres ideolo- gisches Opfer bringen mussen: man wird es aufgeben mussen, den Zins- fub irgendwie drucken zu wollen. ===== PAGE 76 ===== — 73 — DaB alles ganz anders gekommen wire, wenn man niemals vom Grundsatz voller Bankfreiheit abgewichen wire und wenn man die Umlanfsmittelausgabe in keiner Weise von den Normen des Handels- rechts befreit hitte, wurde schon dargelegt. Es mag sein, dal nur durch Herstellung voller Bankfreiheit die endgiiltige Lisung des Problems zu erzielen sein wird. Doch die in langer Arbeit vieler Generationen auf- gebaute Kreditorganisation kann man nicht mit einem Schiage um- gestalten. Kommende Geschlechter, die die grundsitzliche Verkehrt- heit aller interventionistischen Bestrebungen erkannt haber werden, werden sich auch mit dieser Frage zu befassen haben. Fir die Gegen- wart und fiir die nidchste Zukunft ist sie heute noch nicht zeitgemas. 6. Die Herrschati iiber den Geldmarkt. Manche Anzeichen sprechen dafiir, daB die offentliche Meinung die Bedeutung des Verhaltens der Banken bei der Gewihrung von Zirku- lationskredit fiir die Gestaltung der Konjunktur erkannt hat. Trifft das wirklich zu, dann wird die Beliebtheit, deren sich die auf kiinstliche Erméafigung des Leihsatzes gerichteten Bemithungen bis nun erfreut haben, schwinden, Die Banken, die den Umfang ihrer Umlaufsmittel- ausgabe erweitern wollen, werden nicht mehr auf den Beifall des Publi- kums und anf die Unterstiitzung durch die Regierung zahlen diirfen, sie werden vorsichtiger und zuriickhaltender werden. Das wird die Wellen- bewegung der Konjunktur verflachen und dem Umschlag vom auf- steigenden zum fallenden Ast die Schérfe nehmen, Es gibt aber auch Anzeichen, die dieser Annahme zu widersprechen scheinen. Dazu gehoren in erster Linie die Versuche, eine internationale Kooperation der Notenbanken herbeiznfiihren oder, genauer ausgedriickt, die Absichten, die diesen Bestrebungen zugrunde liegen. In den Hausse- perioden der Vergangenheit bildete gerade der Umstand, dal die Banken der verschiedenen Lander nicht planmaBig und verabredungsgemif zu- sammenarbeiteten, den wirkungsvollsten Hemmschuh. Da bei der engen Verkniipfung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen die Erweite- rung des Zirkulationskredits im allgemeinen nur als internationale Er- scheinung auftreten konnte, so war von den einzelnen Banken darauf Ricksicht zu nehmen, daB sie in der ZinsfuBfestsetzung nicht soweit hinter den Banken der iibrigen Lander zuriickbleiben, daB Kapital- abwanderung in groBerem Umfang auftrete. Eine Abwanderung von Leihgeld zur ZinstuBarbitrage ins Ausland und die durch die hohen Preise bewirkte Verschlechterung der Handelsbilanz hatten einerseits durch die Anspriiche, die sie an die Notenbank um Hergabe von Gold und Devisen ===== PAGE 77 ===== stellen, das Deckungeverhiltnis verschlechtert, so daB die Bank durch die gebotene Riicksichtnahme auf ihre Zahlungsfahigkeit zur Ein- sehrankung der Kredite gentigt gewesen wire; andererseits wire durch diese Verschlechterung der angenblicklichen Zahlungsbilanz eine Ver- knappung der Mittel des Geldmarktes hervorgernfen worden, die zu be- kimpfen die Banken ohnmichtig gewesen wiren. Je enger die welt- wirtschaftliche Verkniipfung der Volker wurde, desto weniger war eine nationale Hausse moglich. Die Konjunktur wurde eine internationale Erscheinung. In vielen Liéndern, ganz besonders aber auch im Deutschen Reich, wurde immer wieder von Freunden des ,,billigen Geldes* die Auffassung vertreten, nur die Goldwahrung notige die Notenbank dazu, in ihrer ZinsfuBpolitik auf den Stand des ZinsfuBes im Ausland Riicksicht zu nehmen, Wire sie von dieser Fessel frei, dann kinnte sie zum Heile der nationalen Volkswirtschaft die Anspriiche des inlindischen Geldmarktes besser befriedigen. Von diesem Gesichtspunkt aus befiirwortete man im Deutschen Reich die Doppelwahrung, dann wieder die Aufnahme der Goldpramienpolitik, wehrte man sich in Osterreich gegen die gesetzliche Festlegung der bereits faktisch erfolgten Aufnabme der Barzahlungen, Der Irrtum dieser Lehre ist leicht erkennbar. Auch die Loslosung von der Goldwihrung hitte den Banken nicht die Kraft verliehen, den Zins- fuB ungestraft unter das Niveau des natiirlichen Kapitalzinses herabzun- dritcken. Wohl hiitte die Papierwdhrung es ibnen ermbglicht, die Ex- pansion des Zirkulationskredits unbedenklich fortzufithren, weil eine ohnehin schon von der Bareinldsungspilicht enthobene Notenbank keine Befiirchtungen hinsichtlich ibrer Zahlungstahigkeit zu hegen brancht. Doch einmal hitte die Vermehrung der Noten zn Preissteigerungen und damit zur Verschlechterung der Wechselkurse gefithrt, und zweitens wire die Kreditkrise wohl spéter, aber desto schirfer gekommen, Wenn nun die Notenbanken ernstlich daran denken sollten, Ver- abredungen iiber die einzuschlagende Digkontpolitik zu treffen, so wiirde dies eine wirksame Bremsvorrichtung ausschalten. Bei einheit- lichem Vorgehen kionnten die Banken den Zirkulationskredit stirker als jetzt anspannen, ohne befiirchten zu miissen, dal jene Folgen fiir ihren Stand eintreten, die der AbfluB von Mitteln des Geldmarktes ins Ausland hervorruft. Fallt diese Riicksicht auf das Ausland fort, dann sind die Banken zwar noch immer nicht imstande, den Geldzins auf die Dauer unter den Stand des natiirlichen Kapitalzinses herabzu- dritcken; doch die Divergenz zwischen den beiden Zinssatzen kann linger aufrechterhalten werden, so daB ihre notwendige Folge — Fehlinvestition ===== PAGE 78 ===== von Kapital — in weiterem Umfange auftritt, was dann die schlieflich unvermeidliche Krise verschéirfen und die Depression vertiefen miilte. Vorderhand freilich ist zwischen dem Notembanken noch nichts vereinbart worden, was konjunkturpolitiseh bedeutungsvoll wire. Doch man kann nicht bestreiten, daf Bestrebungen, die auf Vereinbarungen dieser Art hinarbeiten, von vielen Seiten gefordert werden. Ein zweites bedenkliches Anzeichen liegt in dem Umstand, daB das Schlagwort von der Notwendigkeit der ,,Beherrschung des Geldmarktes* durch die Notenbanken noch nicht an Ansehen verloren hat. Unter den Verhaltnissen, wie sie sich vor allem in Europa bei dem System der ausschlieBlich zur Notenausgabe berechtigten Zentral- notenbank herausgebildet haben, kénnen Bestrebungen zur Ausdehnung des Zirkulationskredits im allgemeinen nur von der Zentralnotenbank ausgehen. Gegen den Willen oder die Ahsicht der Zentralbank wire jeder Versuch der Privatbanken von vornherein aussichtslos. Selbst die banktechnischen Hilfsmittel stiinden, abgesehen von den angel- sachsischen Landern, den Privatbanken nicht zu Gebote, da die Mog- lichkeit, durch Eréffnung von Kassenfithrungsguthaben Kredite einzu- réumen, in den Lindern, in denen der Scheckverkehr (abgesehen vom Giroverkehr der Zentralnotenbank und vom Postscheckverkehr) auf enge Kreise der Geschaftswelt beschrankt ist, nur gering ist. Hat aber die Zentralnotenbank mit der Politik der Kreditausdehnung eingesetzt und damit den ZinsfuB herabzudriicken begonnen, dann mag es unter Umstédnden fiir die groBten Privatbanken vorteilhaft sein, dem Beispiel der Notenbank zu folgen und gleichfalls den Umifang der von ihnen gewahrten Zirknlationskredite zu erweitern. Ein derartiges Vorgehen mag sich ihnen wm so mehr empfehlen, als es fiir sie kein Wagnis bedeutet; kommt es im Verlauf der Krise zu einer Erschiitterung des Vertrauens, 80 konnen sie mit Unterstiitzung der Notenbank den kritischen Punkt iiberwinden. Sicher aber ist, daB zumindest fiir einen groBen Teil der kreditvermittelnden Bankiers die Kreditexpansionspolitik der Noten- bark ein vorteilhafteres Gebiet der geschaftlichen Betitigung erifinet: die ZinsfuBarbitrage. Sie werden aus der Verschicbung der Spannung zwischen dem inldndischen und dem auslandischen ZinsfuB Gewinn zu ziehen suchen, sie werden Gelder kurzfristig im Ausland veranlagen. Damit aber wirken sie der Diskentpolitik der Notenbank entgegen und schidigen die vermeintlichen Interessen der Kreise, die von der kiinstlichen ErmaBigung des ZinsfuBes und dem durch sie bewirkten Anfschwung Vorteil zu zichen hoffen. Es entspricht der Ideologie, die in jedem Bestreben, den Leihsatz zu erm4Bigen, das Heil erblickt und die ===== PAGE 79 ===== —_ 7 — Erweiterung des Zirkulationskredits als das beste Mittel zur Erreichung dieses Ziels ansieht, daB man das Vorgehen der ZinsfuBarbitrageure als schindlich und sehimpflich, ja als Verrat an den Interessen des eigenen Volkes zugunsten des Auslandes begangen, brandmarkt, und da8 man den. Notenbanken im Kampfe gegen diese Spekulanten alle Unter- stiitzung angedeihen 138t. Regiernng und Notenbank suchen die Ubel- titer durch Drohungen einzuschiichtern, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, In den liberalen Weststaaten Europas konnte man, friiher wenigstens, mit solchen Mitteln nicht viel ausrichten. In den etatistischen Léandern Mittel- und Osteuropas war damit schon mehr Erfolg zu er- zielen. Wir sehen klar, was hier hinter dem Bestreben der Notenbank, den Geldmarkt zu ,,beherrschen‘ steckt: sie will ihre auf ErmiBigung des Zinsfulles gerichtete Politik der Kreditinflation durch die Ritck- sichtnahme auf die verhdltnismiBig zuriickhaltendere Politik des Aus- lands nicht behindert wissen, sie will ungestdrt nationale Haussepolitik treiben. Die herrschende Ideologie spricht aber noch in anderen Fillen davon, dag die Notenbanken die Herrschaft iiber den Geldmarkt fester in Handen haben sollten. Wenn die infolge der Expansion des Zirkulationskredits eingetzende ZingfuBarbitrage vorerst nur zu Entziehung von Mitteln aus den Bestinden der Notenbank gefiithrt hat und die Bank, durch die Ver- schlechterung des Deckungsverhiltnisses beunruhigt, zur Erhéhung des Diskontsatzes geschritten ist, so mag unter bestimmten Voraussetzungen fiir den offenen Geldmarkt noch keine Veranlassung gegeben sein, den Leihsatz anziehen zu lassen, Ihm wurden ja noch keine Mittel entzogen; die Goldexporte erfolgten aus den Bestinden der Bank, und die Diskont- erhohung ist nicht mit einer Zuriickziehung der von der Bank gewihrten Kredite verbunden worden. Es milBte noch eine Weile dauern, ehe die Mittel des Marktes dadurch verknappt werden, daB ein Teil der Wechsel, die sonst der Bank zum Diskont angeboten worden wiren, auf dem offenen Geldmarkt begeben werden. Die Notenbank aber will nicht solange auf den Erfolg ihrer MaBregel warten; sie will, voll Besorgnis um ihren Gold- und Devisenbestand, sofortige Abhilfe. Um die zu er- reichen, mul sie trachten, die Mittel des Geldmarktes zu verknappen, was sie in der Regel dadurch zu bewirken sucht, daB sie selbst als Kredit- nehmer auftritt. Ein anderer Fall, in dem um die Herrschaft auf dem Geldmarkt gerungen wird, betrifft die Verwendung der durch die freigebige Diskont- politik dem Markte zur Verfigung gestellten Mittel. Die herrschende Ideologie will ,,billiges* Geld, sie will auch hohe Warenpreise, aber nicht ===== PAGE 80 ===== — MM = immer auch hohe Effektenkurse. Der mibige ZinsfuB soll die Produktion anregen, doch keine Borsenhausse bewirken. Nun steigen aber zundchst die Effektenkurse, die Warenpreise aber werden anfangs noch nicht vom Aufschwung erfaBt. Es gibt Borsenhausse und Bérsengewinne, doch der ,,Produzent” ist noch unbefriedigt und neidet dem ,,Speku- lanten‘* den ,,Jeichten Verdienst'‘. Daher sind die Machthaber mit dem Stand der Dinge nicht einverstanden. Das Geld, das der Birse zu- stromt, fehle, meinen sie, der Produktion. Uberdies berge gerade eine Borsenhausse groBe Krisengefahr. Darum will man der Borse das Geld entziehen, um es der ,,Volkswirtschaft* zuzufithren. Wird das einfach durch Hinaufsetzung des ZinsfuBes versucht, dann bietet der Fall kein besonderes Interesse. Diese ZinsfuBerhohung ist ja schlieBlich unaus- weichlich; es kann sich nur darum handeln, ob sie frither oder spater kommt; wann immer sie ausgiebig genug kommt, beendet sie die Periode des Aufstiegs der Konjunkturwelle. Man versucht aber auch andere MaBnahmen, die, ohne den billigen Leihsatz za &ndern, Geldmittel von der Borge in die Produktion leiten sollen. Die Notenbank {ibt einen Druck auf die Kreditnehmer aus, um die Verwendung der ausgeborgten Betrige zu beeinflussen, oder sie geht direki darauf aus, die Kredit- bedingungen nach der Verwendung zu differenzieren. Wir sehen also, was es zu bedeuten hat, wenn die Zentralnotenbank die Herrschaft auf dem Geldmarkt anstrebt: entweder soll die Erweite- rung des Zirkulationskredits von den Schranken befreit werden, an denen sie sich schlieBlich doch brechen muB, oder aber es soll durch besondere MaBnahmen bewirkt werden, dal die Hausse andets ablaufe, als sie ab- lanfen mul. Das Schlagwort von der Beherrschung des Geldmarktes hat also gerade Firderung der Haussepolitik, die in die Krise enden mus, im Auge. Wenn man Konjunkturpolitik zur Ausschaltung der Krisen treiben will, mul man darauf verzichten, den Geldmarkt beherrschen und unterjochen zu wollen. Wenn man vollends mit der Absicht, durch Einschrinkung der Zirkulationskredite einer durch die Vermehrung der Geldmenge (etwa durch Zunahme der Goldgewinnung) ausgelisten Preissteigerung ent- gegenzuwirken, ernst machen wollte, werden den Zentralnotenbanken Pflichten erwachsen, deren Erfiillung man wohl kaum als Ausiibung von Herrschaft bezeichnen wird. Einschrinkung der Zirkulationskredite be- deutst fiir die Umlaufsmittelbank Verzicht anf Gewinne, unter Um- stdnden Verluste. Auch diese Politik kann nur im Einvernehmen der Notenbanken erfolgreich werden. Wird sie von der Bank eines Landes allein betrieben, dann hat sie im wesentlichen nur den Exfolg, dal das ===== PAGE 81 ===== — 78 — Gold aus dem Ausland einsiromt, so daf die Kosten des Gelddienstes erhoht werden. Soweit die angestrebte Kooperation der Notenbanken dieses Ziel im Auge haben sollte, ist sie freilich nicht als ein dem Streben nach einer die Konjunkturwellen einebnenden Politik gefihrliches Be- ginnen anzusehen. 7. Konjunkturprognose im Dienste der Konjunkturpelitik und im Dienste des Kaufmanns, Die moderne Konjunkturbeobachtung, deren Schopfung vor allem ein Verdienst der amerikarischen Volkswirte ist, verdankt ihre Beliebt- heit und Volkstiimlichkeit den iibertriebenen Erwartungen fiber ihre praktische Brauchbarkeit. Man hatte gehofft, mit ihrer Hilfe Bank- polittk und Geschiftstatigkeit mechanigieren zn kiénnen. Ein Blick auf das Konjunkturbarometer sollte dem Bankpolitiker und dem Ge- schiftsmann sagen, wie man sich zu verhalten habe, Davon kann nun freilich nicht die Rede sein. Dab die Ergebnisse der Konjunkturbeobachtung immer nur Vergangenes darstellen kinnen und dab sie die Voraussage kinitiger Entwicklung nur an der Hand einiger hichst unzulidnglicher Regeln zulassen, ist schon oft genug betont worden. Die Anwendbarkeit dieser Regeln ist aber, und das wird nicht genug beachtet, nur unter der Voraussetzung zulissig, daB jene die Er- weiterung des Zirkulationskredits heischende Ideologie ihre Geltung in der Wirtschafts- und Bankpolitik nicht eingebulBt hat. Sobald man jedoch ernstlich daran geht, Konjunkturpolitik zur Ausschaltung der Krisen zu treiben, ist die Wirksamkeit dieser Ideologie schon gebrochen. Es bleibt immerhin fur die Verwendbarkeit der Ergebnisse der modernen Konjunkturbeobachtung ein weites Feld brig: sie sollen der Bankpolitik zeigen, wann sie den ZinsfuB hinaufsetzen mu$, wenn sie nicht Kreditinflation treiben will. Wiirde die Konjunkturbeobachtung in diesem Punkte klare und nur eine Deutung zulassende Antworten geben, so dal man nicht nur uber das Ob sondern auch aber den Zeit- punkt und das Ausmafl der vorzunehmenden Diskonterhthung nur einer Meinung sein konnte, dann wire der Gewinn, den sie uns brichte, nicht hoch genug zu veranschlagen. Das ist aber keineswegs der Fall. Alles, was die Konjunkturbeobachtung uns an Material und Material- verarbeitung bringt, kann verschieden gedeutet werden. Dal das Steigen der Effektenkurse und der Warenpreise, das Wachsen der Rohstoffgewinnung, der Riickgang der Arbeitslosigkeit, die Zunahme der Auftrige an die Unternehmungen, der Abverkauf der Warenlager und anderes mehr auf Hausse deutet, wuBte man auch vor ===== PAGE 82 ===== 79 — der Aufstellung von Konjunkturbarometern. Die Frage ist, wann ge- bremst werden mu oder soll, Diese Frage aber beantwortet kein Kon- junkturinstitut zweifelsirei und eindeutig. Es wird immer von der Ein- sicht in die treibenden Faktoren der Konjunkturgestaltung und von den Zielen, die man der Konjunkturpolitik setzt, abhéngen, was man tun will. Ob man dafiir auch den richtigen Augenblick erfaft, wird man nie anders als auf Grund von genauer Beobachtung aller Marktvorginge entscheiden konnen und hat es nie anders entscheiden konnen. Daf man die verschiedenen Markterscheinungen nun iibersichtlicher als frither zu ordnen und darzustellen weil, erleichtert die Sache nicht wesentlich. Ein Blick auf die fortlaufenden Markt- und Borsenberichte der grofen Tageszeitungen und der volkswirtschaftlichen Wochenblitter der Zeit von 1840—1910 belehrt uns, dal man sich schon zeit Jahrzehnten bemitht hat, an der Hand einiger empirischer Regeln aus den Erschei- nungen der jlingsten Vergangenheit Schliisse auf die Gestaltung der nichsten Zukunft zu ziehen. Vergleichen wir die statistischen Grund- lagen, die diesen Versuchen nutzbar gemacht wurden, mit den uns zur Verfilgung stehenden, so wird man zwar ohne weiteres feststellen kinnen, daB wir heute mehr Daten heranzuziehen wissen und daf wir es auch besser verstehen, dieses Material zu ordnen, ubersichtlich zusammenzufassen und dem Auge sinnfdllig darzustellen, da wir aber keineswegs behaupten dirfen, mit den Methoden der modernen Konjunkturbeobachtung etwas dem Prinzip nach Neues begonnen zu haben. Kein Kanfmann darf irgendeine erreichbare Informationsquelle ohne Gefahr aubler acht lassen; kein Kaufmann wird daher auf die auf- merksame Verfolgung der Presseberichte verzichten konnmen. Doch auch die fleiBige Lekture der Zeitungen verburgt nicht den geschiftlichen Erfolg. Wire das so einfach, welche Reichtiimer hitten die Journalisten schon angesammelt! Im Geschiftsleben kommt es darauf an, die Dinge frither zu erfassen als die fibrigen und danach zu handeln. Das, was an ,,Tatsachen* bekannt ist, mull erst richtig gewiirdigt werden, num es fir das Unternehmen brauchbar zu machen. Hier liegt das Problem der Praxis. Auch eine Auffassung, deren Richtigkeit der spétere Verlauf der Dinge erweist, ist praktisch unverwertbar, wenn sie nur die qualitative, nicht auch die quantitative Beurteilung erméglicht. Dazu kommt noch die entscheidende Frage des Zeitpunkts. Mit genialem Blick hat Herbert Spencer schon vor Jahrzehnten erkannt, da8 Militarismus, Imperialismus, Sozialismus und Interventionismus zu groBen und schweren Kriegen ===== PAGE 83 ===== — 80 — fithren miissen. Wer aber daraufhin etwa um 1890 begonnen hiitte, die Schuldtitres der drei Kaiserreiche zu konterminieren, hitte schwers Verluste erlitten. Gro8e geschichtliche Perspektiven bieten eben keine Grundlage fiir die Effektenspekulation, die auf Tage, Wochen, hichstens auf Monate eingestellt werden muB. DaB jede Hausse einmal ihr Ende finden muB, ist allbekannt. Fiir den Kaufmann aber kommt es darauf an, genan zu wissen, wann der Umschlag eintreten wird und wo zuerst. Diese Fragen kann kein Wirt- schaftsbarometer beantworten. Es gibt nur Daten, aus denen man Schltisse ziehen kann. Und da es den Zemtralnotenbanken durch die Diskontpolitik immerhin moglich ist, den Eintritt der Katastrophe hinauszuschieben, so kommt es besonders darauf an, sich ein Urteil zu bilden fiber das Verhalten dieser Stellen. Da versagen begreiflicher- weise alle verfiigharen Daten. Wenn aber einmal die Gifentliche Meinung vollkommen von der Auffassung beherrscht ist, da die Krise unmittelbar hevorsteht, und wenn die Kaufleute darnach thr Verhalten einrichten, dann ist es schon zu #pidt, aus diesem Wissen geschiftlichen Gewinn zu ziehen oder auch nur Verluste zu vermeiden. Denn dann bricht die Panik aus, dann ist die Krise schon da. 8. Ziele und Mittel der Konjunkturpolitik. Es war ohne Zweifel ein Fortschritt, dal man fiir den Bereich der wissenschaftlichen Untersuchung das Krisenproblem zum Konjunktur- problem erweiterte?). Fir die Politik war das gewil nicht gleich vor- teilhaft. Bie Giberspannte die Ziele, sie begann mehr anzustreben, als erreicht werden kann. Konjunkturlos kinnte man die Wirtschaft nur gestalten, wenn hinter den Vorstellungen von der MeBbarkeit der Geld- wertverinderungen mehr stecken wiirde als Unklarheit des Denkens, und wenn man das MaB der Wirkung, die einer bestimmien Veranderung der Menge des Geldes und der Umlaufsmittel zugeordnet ist, im voraus bestimmen kénnte. Da diese Voraussetzungen nicht zutreffen, miissen die Ziele der Konjunkturpolitik enger gesteckt werden. Sehr viel wire schon erreicht, wenn solche schwere Erschiitterungen, wie sie etwa die Jahre 1807, 1873, 1900/01 und 1907 gebracht haben, in Hinkunft ver- mieden werden kinnten. 1) Auch schon darnm, weil es dadurch leichter worde, die Krisen, die aus be- sonderen Ursachen (politische Umwilzungen und Kriege, Elementarereignisse, Wechse! in der Bedarfsgestaltung oder in der Angebotsgestaltung) entspringen, von den 2yklisch wiederkehrenden Krisen zu sondern, ===== PAGE 84 ===== — 81 — Das wichtigste Erfordernis aller Konjunkturpolitik, mag sie in der Zielsetzung noch so bescheiden sein, lantet: Verzicht auf jeden wie immer gearteten Versuch, den Zinssatz, der sich auf dem Markte bildet, durch bankpolitische MaSnahmen herabzudriicken. Das heifit also: Riickkehr zu dem (jedoch durch Einbeziehung der in Gestalt von Kassenfihrungs- guthaben ausgegebenen Umlaufsmittel, dem Stande unserer Erkenntnis entsprechend, erweiterten) Programm der Currency-Schule, das alie kiinftige Ausdehnung des Zirkulationskredits und mithin alle weitere Sehaffung von Umlaufsmitteln verbieten will. Die Banken werden verpflichtet, den Gegenwert der ausgegebenen Noten und eréffneten Kassenfohrungsguthaben, von dem absoluten Betrag, der schon heute metallisch nicht gedeckt ist, abgesehen, stets metalliseh voll zu decken. Das wiirde eine vollkommene Neuordnung der Gesetzgebung iiber die Zentralnotenbanken bedeuten, die zu den Grundsitzen der Peelschen Bankakte, deren Bestimmungen aber nun auch auf die Giroguthabungen auszudehnen wiren, zuriickkehren mitBte. Die gleichen Deckungs- vorschriften miiBten auch fiir die groBen nationalen Giroanstalten (vor allem fiir den Postgiroverkehr) getroffen werden. Selbstverstindlich kinnte fiir diese Umlaufsmittelbanken zweiter Ordnung die Anlage der Reserve in Noten und in Giroguthabungen bei der Zenfralnotenbank der Anlage in Gold gleichgestellt werden. Jene Staaten, in denen die Kassenfithrungsguthaben bei Aktienbanken eine grofie Rolle im Verkehr spielen — vor allem die Vereinigten Staaten und England — miiBiten auch diesen Banken dieselbe Verpflichtung auferlegen. Das allein hiefe, da unter den gegenwirtigen Verhéltnissen Schaffung voller Bankireiheit und Unterstellung aller Bankgeschafte — also auch der Umlaufsmittelausgabe — unter das gemeine Handelsrecht fiir ab- sehbare Zeit nicht in Frage kommen, ernstlich Konjunkturpolitik zur Ausschaltung der Krisen betreiben. Dieser Weg kann von allen, die heute in Wort und Schrift fiir ,,Stabilisierung®, ,,Befestigung der Kauf- kraft** und ,,konjunkturlose Wirtschaft eintreten, gar nicht als radikal bezeichnet werden. Im Gegenteil. Diese Gruppen werden den Vorschlag als nicht genng weitgehend zuriickweisen, Sie fordern ja weit mehr, Thren Absichten gem&B miiBte bei steigenden Preisen Restriktion der Umlaufsmittelzirkulation soweit erfolgen, daB das Preisniveau unge- dndert bleibt, dagegen aber auch bei sinkenden Preisen Ausdehnung der Umlanfsmittelzirkulation. Was sich zngunsten des bescheideneren Programms anfiihren 1aBt, wurde schon im ersten Teil dieser Arbeit vorgebracht, Die Bedenken, die gegen alle Geldwertmanipulation sprechen, sind u. E. so groB, daB v. Mises, GQeldwertstabilisierung, 6 ===== PAGE 85 ===== — 83 — man es vermeiden mite, die Entscheidung iber die Gestaltung der Kaufkraft in die Hand von Regierungen, Parlamenten und Bank- leitungen zu legen und sie damit von wechselnden Einfliissen politischer Anschauungen abhingig zu machen. Da die Methoden, die man fir die Messung der Verinderungen der Kaufkraft zur Verfiigung hat, not- wendigerweise mangelhaft sind und die Wirkung der einzelnen MaB- nahmen, die zur Beeinflussung der Kaufkraft ergriffen werden, quantitativ weder im voraus, noch, wenn sie schon eingetreten sind, in eindeutiger Weise festgestellt werden kann, sind die Vorschlige, die anf eine auch nur annihernde Festlegung der Kaufkraft hinauslaufen, iiberhaupt als undurchfiihrbar zu bezeichnen. (Von der schon oben hinlinglich ergrterten grundsétzlichen Verkehrtheit der Vorstellung ,unverinderter Kauf- kraft‘ inmitten einer nicht stationdren Gesellschaft sei an dieser Stelle nicht mehr gesprochen.) Was fiir die praktische Wirtsehaftspolitik alleiz in Frage kommen konnte, sind inflatorische oder restriktorische MaBnahmen zur teilweisen Behebung starken Preisfalls oder starker Preissteigerung. Derartige MaBnahmen kénnten, auf Grund internatio- naler, von Fall zu Fall zu treffender Vereinbarungen, etappenweise durch- gefithrt, Glinbiger oder Schuldner befriedigen. Kine andere Frage ist es, ob es angesichts des Widerstreits der Interessen gelingen kinnte, iiber diese Fragen Vereinbarungen von Staat zu Staat zu treffen. Die Anschauungen der Gliaubigervolker und die der Schuldnervilker werden da zweifellos sehr weit auseinandergehen, und die Interessengegensitze werden die internationale Wahrungsmanipulation noch mehr erschweren als die nationale. Es wire aber auch denkbar, die Wihrungsmanipulation als Auf- gabe der einzelstaatlichen Wirtschaftspolitik anzusehen und ohne Riick- sicht auf das Ausland MaBnahmen zur autonomen Regelung des Geld- werts zu treffen. Wenn man die Wahl hat zwischen Stabilisierung des Preisstandes und Stabilisierung der Valutenkurse, miisse man sich zu- gunsten der Preisstabilisierung gegen die Wechselkursstabilisierung ent- scheiden, meint Keynes!). Ein Staat, der in dieser Weise vorgehen wollte, wiirde aber durch die Rickwirkung seiner Politik auf den Inhalt der Schuldvertrige internationale Verwicklungen schaffen. Wiirden z. B. die Vereinigten Staaten die Kaufkraft des Dollars liber die seiner bisherigen Goldparitit heben, dann wiirden die Interessen der Auslinder, die Dollar schulden, davon sehr einschneidend beriihrt werden, Wiirden wieder Schuldnerlinder die Kaufkraft ihrer Geldeinheit herabzudriicken 1) Vgl. Keynes, a. a. 0, S. 1561. ===== PAGE 86 ===== — 83 — suchen, so wiirde das die Glaubigerinteressen verletzen. Davon abgesehen, wiirden in jedem Falle jene Wirkungen auf den AuBenhandel ausgeldst werden, die man als die einfuhrfordernde Kraft steigenden und als die ginfuhrhemmende Kraft sinkenden Geldwerts kennt. Die Riicksicht- nahme auf diese Umstdnde hat in den letzten Menschenaltern zur Ver- einheitlichung des Geldwesens auf Grundlage des Goldes gedringt. LaBt man diese Rilcksicht beigeite, so wird man gewif nicht eine Ge- staltung des Geldwerts erzielen kommen, die allgemein als befriedigend angesehen wird. Angesichis der heute herrschenden handelspolitischen Anschauungen diirfte man vor allem im Verhiiltnis zum Ausland steigen- den Geldwert wegen seiner einfuhrférdernden und aunsfuhrhemmenden Wirkung als unerwiinscht betrachten. Ganz undurchfiihrbar wire der Versuch, bei Festhalten an der Goldwahrung und dem ihr entsprechenden Wechselkurs nationale Politik zur Beeinflussung des Preisstandes unabhingig von dem Vorgehen des Auslandes ins Werk zu setzen. Doch dariiber braucht man wohl kein Wort weiter zu verlieren. Die Hommnisse, die einer auf die radikale Beseitigung der Kon- junkturschwankungen gerichteten Politik entgegenstehen, sind mithin recht betrdchtlich. Es ist daher wenig wahrscheinlich, da man daran gehen wird, in der Umlaunfsmittelpolitik pene Wege zu verfolgen. Man wird sich selbst schwerlich dazu entschlicBen, die Erweiterung der Aus- gabe von Umlaufsmitteln ganz zu untersagen oder nur zur Abstellung ausgesprochener und unzweifelhaft festgestellter Tendenz zur Senkung des allgemeinen Preisstandes zuzmlassen. Man wird, unschliissig, wie man den groBen wirtschaftspolitischen Bedenken, die jeder Art vom Beeinflussung des Geldwertes entgegenstehen, Rechnung tragen soll, voraussichtlich dazu gelangen, auf jede einschneidende MaBnahme zu verzichten und es den EntschlieBungen der Leiter der Zentralnoten- banken iiberlassen, von Fall zu Fall nach Ermessen vorzugehen. Den Minnern, die das Verhalten der groBen Zentralnotenbanken bestimmen, und den Fiihrern der dffentlichen Meinung, unter deren geistigem Einfluf diese Manner stehen, wird die Konjunkturpolitik der nichsten Zeit ebenso iiberantwortet bleiben, wie dies schon in den vergangenen Jahren der Fall war. Dennoch wird sich die neue Politik von der alten wesent- lich unterscheiden, denn sie wird be wu 8t auf dem Boden der Zirkulations- kredittheorie der Konjunkturschwankungen stehen. Man wird in Hin- kunft nicht mehr immer wieder den aussichtslosen Versuch erneuern, durch Erweiterung des Zirkulationskredits den Leihsatz kiinstlich zu ermiBigen; man wird vielleicht bewuBt die Umlaufsmittelmenge aus- 6+ ===== PAGE 87 ===== — 84 — dehnen oder einschrénken, um die Kaufkraft zu beeinflussen, aber man wird sich nicht linger dem Wahne hingeben, daB man den Kredit durch banktechnische MaBnahmen verbilligen und damit Prosperitit ohne Riickschlag schaffen kann. Nur die Abkehr von diesem Wahn wird die periodische Wiederkehr der Konjunkturzyklen mit ihrer Peripetie, der Krise, beheben oder doch wenigstens mildern konnen.