===== PAGE 1 ===== SCHRIFTEN DES VEREINS FUR SOZIALPOLITIK 183/1 Probleme der Wertlehre Herausgegeben von Ludwig Mises und Arthur Spiethoft Erster Teil VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT MUNCHEN UND LEIPZIG 1931 ===== PAGE 2 ===== Probleme der Wertlehre Herausgegeben von Ludwig Mises und Arthur Spiethoff Frster Teil Beitriige von V. Furlan, Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld, Wilhelm Kromphardt, Robert Liefmann, Ludwig Mises, Oskar Morgenstern, Franz Oppenheimer, Othmar Spann, Wilhelm Vleugels, Hans Zeisl VERLAG VON DUNCKER &« HUMBLOT MUNCHEN UND LEIPZIG 1031 ===== PAGE 3 ===== Alle Rechte vorbehalten Plererscie Hofbuchdrudieret Stephan Geibel & Co., Altenburg, Thor, ===== PAGE 4 ===== Inhaltsverzeichnis Vorbemerkungen der Herausgeber . . . . . . . . ‘ere . I. Die drei Grundtypen der Theorie des subjektiven Wertes. Von Privat~ dozent Dr. Oskar Morgenstern, Wien . . . . . . . . . . . . .. ‘' . Hl. Die Lehre vom wirtschaftlidhen Gleichgewicat, Von Privatdozent Dr. V. Furlan, Basel . . + . . « « « + + . . Ch here eee ea ‘ BI. Vom Weg der subjektivistischen Wertlehre, Von Professor Dr. Ludwig Mises, Wien . . . . . . . ... hee ee ee es ee eee. IV. Cassels Grtinde der Ablehnung der Wertlebre. Von Privatdozent Dr. Wilhehn Kromphardt, Minster. . . . . . «+ « + + « «+ +. . oe V. Von der Wert- und Grenzertragslehre. Von Professor Dr, Robert Lief- mann, Fretburgi. Br. . . . . . . . oo 000. Cees VL. Meine Ablehnung der Wertlebre. Von Professor Dr. Friedrich Gotti- Ottlilienfeld, Bertin . . . . . . . . . . .... ee ea eae VIL. Die skonomische Theorie des Wertes. Von Professor Dr. Franz Oppen~ heimer, Frankfurt a. M. +. « © © © 4 + ov cv vt eee ee . VII. Marxismug und subjektive Theorie. Von Professor Dr. Hans Zeisl, IX. Hauptpunkte der universalistischen Wert- und Preistehre. Von Pro- fessor Dr. Othmar Spann, Wien X. Zur Verteldigung der Wertlehre. (Kritik der der Ablehnung der Wert- lehre zugrunde liegenden Gedankenginge.) Von Professor Dr. Wil- helm Vieugels, Kbnigsberg . . + + + + vv © vv vv tv vv Xl. Die psydiologischen Wurzeln des Widerstandes gegen die national- odkonomisde Theorie. Von Professor Dr. Ludwig Mises, Wien . . . . + + a 73 109 133 147 177 201 251 275 ===== PAGE 5 ===== LUDWIG MISES Die psydhologischen Wurzeln des Widerstandes gegen die nationalokonomische Theorie 18+ ===== PAGE 6 ===== Inhaltsverzeichnis Selte Einleitung . . . « + +. + + «+o LC 000000 ee. LN I. Das Problem, . . . . . . . . . . . . . . . evo... 278 II. Die marxistische (wisscnssoziologische) Hypothese . . . . . . . . 280 ITI. Die Rolle des Ressentiments . . . . . . . . . . . . « . . . 287 IV. Notwendigkeit und Fretheit . . , . . . . . . . . . . . . . 29 SchluB. . . . , . « « + « +. + Lo hve ee eee. 293 ===== PAGE 7 ===== Einleitung Untersuchungen, die sich mit den Problemen der moderner Wertlehre befassen, wiirden eine Liicke aufweisen, wenn sie sich nicht auch mit den Einwiinden anseinandersetzen, die gegen die subjektivistische Nationalskonomie vom wirtschaftspolitischen und vom schulpolitischen Standpunkte erhoben werden. Da ist zunichst die Behauptung, die subjektivistische Wertlehre sel ,.Klassenideologie der Bourgeoisie”. Fiir Hilferding ist sie ,das letzte Wort, das die biirgerliche Nationalokonomie dem Sozialismus ant- wortet”1. Bucharin will sie als ,,die Ideologic des Bourgeois, der aus dem Produktionsproze3 bereits hinausgedringt ist”, brandmarken?. Man mag iiber diese beiden Autoren denken, wie man will; doch es ist zu beachten, daf} sic zu den Machthabern der beiden volkreichsten Staaten Luropas gehdren und daher wohl imstande sind, die 6ffentliche Meinung zu be- einflussen. Die vielen Millionen, zu denen keine anderen Schriften dringen als die von der marxistischen Propaganda verbreiteten, erfahren ber die moderne Nationaldkonomie nichts werter als diese und idhnliche Ver- dammungsurteile. Dann haben wir die Richtung zu nennen, die glaubt, gegen die sub- jektivistische Nationalokonomie den Umstand ins Treffen fihren zu dirfen, dad sie von den Lehrstithlen der Hochschulen ferngehalten wird. Selbst Adolf Weber, der doch die Vorurteile des Kathedersozialismus scharfsinnig zu kritisieren gewulit hat, kommt diesem Argument in seinem Lehrbuch sehr nahe:. Dem ectatistisch gerichteten Denken, das 1 Vgl. Hilferding, Bohm-Bawerks Marx-Kuntk (Marx-Studien. I Bd. Wien 1904) 8. 61. ? Ygl. Bucharin, Die politische Okonorme des Rentners. Berlin 126 8S. 27. 8 Adolf Weber, Allgememe Volkswirtschafislehre. Munchen u. Leipzig 1928. 8. 211. — Dal} diese Fernhaltung der nalionalohonomuischen Theorie von den Hoch- schulon nicht 7u Ergebmissen geluhrt hat, die die , Praxis” befriedigen, beweisen die Ausfuhrungen des Legationsrates Dr. Bucher auf der Frankfurter Tagung des Reichs- verbandes der Deutschen Industrie. Bucher erhob gegen die Universitaten des Deut- schen Reiches den Vorwurf, dal die Volkswirte , falsch ausgebildet” werden, weil die deutsche Nationalokonomie das Gefuhl fur die tatsachlichen Aufgaben der Gegen- wart veiloren und sich sielfach das praktische okonormische Denhen abgewohnt hat“. Sie habe sich in Einzelaufgaben zersplittert und den Blick auf die Zusammenhinge ===== PAGE 8 ===== 280 Ludwig Mises schaft untersuchen will, muf} sich vorerst mit jenen befassen, die ibr in unserem Innern erwachsen. Die eigenartige Erscheinung, dafi die Ergebnisse der gesellschafis- wissenschaftlichen Forschung eine Gegnerschaft finden, die sich in ihrer Gedankenfithrung iiber alle Logik und Erfahrung hinwegsetst, 1aB3t sich nicht einfach damit erkliren, dal}, wer seine Uberzeugung zugunsten von Anschauungen, die den Machthabern lieb sind, opfert, in der Regel reichlich entschidigt wird. Eine wissenschaftliche Untersuchung darf nicht in jene Niederungen hinabsteigen, in die blinder Parteihal} den Kampf gegen die Wissenschaft der Nationalokonomie verlegt hat. Sie darf nicht einfach die Vorwiirfe umkehren, die Marx erhob, wenn er den ynbirgerlichen” Okonomen, den ,,Vulgirokonomen™ immer wieder als schurkischen Soldschreiber der ,, Bourgeoisie” bezeichnet hat, wobei er mit Vorliebe den offenbar von jhm ganz mifiverstandenen Ausdruck ,woykophant™ gebrauchte; sie darf auch die Kampfmethoden nicht iiber- nehmen, mit denen die deutschen Kathedersozialisten jede Gegnerschaft zu unterdriicken suchtent. Gesetzt den Fall, man wiire berechtigt, allen Bekimpfern der Nationalokonomie und der subjcktivistischen Preislehro den guten Glauben abzusprechen, so bliebe noch immer die Frage offen, wie es kommt, dai die ffentliche Meinung solche Wortfihrer duldet und nicht licher den wahren Propheten Gefolgschafl leistet als den falschen®. Ii. Die marxistische (wissenssoziologische) Hypothese Wenden wir uns zunfichst der Lehre zn, dic die Abhingigkeit des Denkens von der Klassenlage des Denkers lehrt. Nach der Auffassung des Marxisinug gliedert sich die menschliche Ge- gellschaft in der Zeit, die zwischen dem Untergange der Gentilverfassung der goldenen Urzeit und dem Umschlagen des Kapilslismus in das kom- munistische Paradies der Zukunft liegl, in Klassen, deren Interessen sich in uniiberbriickbarem Gegensatz befinden. Dic Klassenlage -- das gesell- schaftliche Sein — eines Individuums bestimmt sein Denken; das Denken frdert daher Lehren zutage, die den Klasseninteressen des Denkers ent- + Vgl. die Kennzeichnung dieser Methoden durch Pohle, Die gegenwiirtigs Krisis in der deutschen Volkswirtschaftelehre, 2. Aufl. Leipzig 1931. S. ri6fl. 5 Die Widerstinde, von denen wir sprechen, sind nicht nur bei einem Volke aufgetreten; sie sind in den Vereinigten Staaten oder in England gerade so, wenn vieleicht auch in geringerer Starke, zu finden wie in Deutschland oder Italien. ===== PAGE 9 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die navionalokon. Theorie 281 sprechen. Sie bilden den ,,ideologischen Uberbau™ der Klasseninteressen, sie sind Apologien der Klassenintercssen, sie verhiillen ihre Nacktheit. Der ecinzelne Denker mag subjektiv ehrlich sein; es ist ihm jedoch nicht gegeben, in seinem Denken die Schranken, die ihm durch seine Klassen- lage gesetzt sind, zu (ibersteigen. Er vermag die Ideologien der anderen Klassen zu enthillen und zu entlarven, bleibt aber doch zeitlebens in der Ydeologie befangen, die seine eigene Klassenlage ihm vorschreibt. in den Bibliotheken, die zur Verteidigung dieser Lehre geschrieben wurden, wird bezeichnenderweise kaum die Frage gestreift, ob die Voraussetzung, dal3 die Gesellschaft in Klassen zerfillt, deren Interessen in unversdhnlichem Gegensatz stehen, wirklich zuiriffts, Fiir Marx lagen da die Dinge sehr einfach. Er fand die Lehre von der Gliederung der Gesellschaft in Klassen und von der Gegensatzlichkeit der Klassen- interessen in Ricardos System der Katallaktik vor oder glaubte zu- mindest, sie daraus herauslesen zu diirfen. Ileute ist dic Wert-, Preis- und Verteilungstheorie Ricardos lingst iiberholt, und die subjektivistische Verteilungslehre bietet uns nicht den geringsten Anhalispunkt zar Stiit- zung der Lehre vom unversShnlichen Klassengegensatz. Wenn man die Bedeutung der Grenzproduktivitit fiir die Einkommensbildung erkannt hat, kann man nicht’ linger an der Vorstellung des uniiberbriickbaren Klassengegensatzes festhalten. Doch da Marxismus und Wissenssoziologie in der subjektivistischen Wertlehre eben nichts anderes als einen letzten ideologischen Versuch zur Rettung des Kapitalismus erblicken, wollen wir uns auf die immanente Kritik ihrer Thesen beschrinken. Fir den Proletarier gibt es, wie Marx selbst zugibt, nicht nur Klasseninteressen, sondern auch andere, dem Klasseninteresse entgegensiehende Interessen. So heilit es im Kommu- nistischen Manifest: ,,Dic Organisation der Prolelarier zur Klasse und damit zur politischen Partei wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst.” 7 19s isl also nicht so, daR der Proletarier nur Klasseninteressen hat; er hat auch andere Inter- essen. Welchen soll er folgen? Der Marist wird antworlen: Natiirlich den Klasseninteressen; Klasseninteresse geht vor allem andern. Doch das ist dann keineswegs mehr ,nalirlich®, isl eben, sobald man zugegeben hat, daft auch anderes Handeln méglich und den Interessen gemald ist, kein ¢ Das gilt vor allem auch von denen, die, wie z. B die ,,Wissenssozmologen' und die Schule von Max Adler, den Marusmus ,sonologisch”, d. h. losgelost von aller Nalional- okonomie betrachten wollen. Fur sie ist die Unuberbruckbarkeit des Gegensatzes der Klasseninteressen ein Dogma, an dessen Wahrheit nur Verworiene zweifeln konnen. ? Vgl. das Kommunistische Manifest -, autorisiente deutsche Ausgabe. Berlin 1906. S. 3o. ===== PAGE 10 ===== 278 Ludwig Mises heute itberall herrscht, enispricht es, eine Lehre schon darum fiir abgetan zu halten, wetl die Behidrden, die ber Stellenbesetzungen verfiigen, von ihr nichts wissen wollen, und das Kriterium der Wahrheit in der An- erkennung durch das Ministerium zu erblicken. Niemand wird bestreiten kénnen, da man Anschauungen, die so weit verbreitet sind, nicht einfach mit Schweigen tibergehen darf. L Pas Problem Jede neue Lehre triflt zunéchst auf Ablehnung und Widerspruch. Die Anhinger der alten, der herrschenden Auffassung treten ihr entgegen, verweigern ihr die Anerkennung, erkliren sie fiir verfehlt und wider- sinnig. Es miissen Jahre, ja Jahrzehnte vergehen, ehe es dem Neuen gelingt, das Alte ganz zu verdringen. Ein junges Geschlecht mul} heran- wachsen, bevor sein Sieg sich entscheidet. Um dies zu verstehen, mufl man sich darauf besinnen, daf} die weitaus iiberwiegende Zahl der Menschen nur in der Jugend neuen Gedanken zugénglich ist. Mit dem Fortschreiten des Alters nimmt die Aufnahms- fahigkeit ab, und das friher erworbene Wissen erstarrt zum Dogma. Zu diesen inneren Widerstinden treten solche, die aus der Riicksichtnahme auf juBere Verhiltnisse entstehen. Das Prestige leidct, wenn man sich gendtigt sieht, zuzugestehen, daB man lange Zeit einer nun als verfehlt erkannfen Lehre angehéngt hat; die Eitelkeit wird getroffen, wenn man zugeben mufd, dal andere das Bessere gefunden haben, das man selbst nicht zu finden vermocht hat. Mit der alten Lehre hat sich im Laufe der Zeit die Autoritit der offentlichen Zwangsanstalten, des Staates, der Kirche, der Parteien, irgendwie verschwistert; diese Gewalten, ihrem Wesen nach jeder Verinderung abhold, bekimpfen nun die neue Lehre, schon weil sie neu ist. Wenn wir von den Widerstinden, denen die subjektivistische Wert- lehre begegnet, sprechen, dann haben wir jedoch etwas anderes im Ange als diese lindernisse, dic jeder neue Gedanke findet. Es handelt sich uns nicht um die Erscheinung, die auf allen Teilgebieten des mensch- lichen Denkens und Wissena aufirit, nicht wm den Widerstand gegen verloren'. (Siehe den Bericht in der ,Frankfuter Zoitung” vom 4. September 1927.) Dieses vernichtende Urleil ist um so bemerkenswerter, als Bucher wirlschaitspolilisch, wio aus den Gbrigen Ausfuhrungen dieser Rede hervorgeht, ganz auf dem Boden der Gegner des laissez-faire und der Bofurworter der , durchorganisierten Wirtschaft” steht, mathin eines Sinnes ist mt der intervenlionisiisch-otatistischen Richtung der deutschen Volkswirte. ===== PAGE 11 ===== Die psycholeg, Wurzeln des Widerstandes gegen die natiopalskon, Theorie 279 das Neue, sondern um eine Erscheinung, die wir nur in der Geschichte des soziologischen und insbesondere des nationalokonomischen Denkens festzustellen haben, um den Widerstand gegen die Wissenschaft als solche, um einen Widerstand, den die Jahre nicht pur mcht beseitigt oder geschwiicht, sondern cher gestirkt haben. DaB es hier in der Tat nicht um die subjektivistische Wertlehre allein, sondern iberhaupt um die Katallaktik geht, ersieht man am besten daraus, daB heute keine andere Preistheorie mehr der des Subjektivismus entgegensteht. Ab und zu versucht ein marxistischer Parteibeamter noch die Arbeitswertlehre zu verfechten; im iibrigen wagt es niemand mehr, eine von der subjektivistischen Lehre im WWesen abweichende Theorie vorzutragen. Alle Auseinandersetrungen iiber die Theorie des Preises stehen ganz auf dem Boden der subjektivistischen Iehre, mogen auch manche Schriftsteller — wie z. B. Liefmann und Cassel — glauber, dafi sie von ihr sehr weit entfernt sind. Wer die subjektivistische Wertlehre heato radikal ablehnt, der lehut auch jede nationalokonomische Theoris radikal ab und will in der wissenschaftlichen Behandlung gesellschaft- licher Probleme nichts als Empire und Geschichte gelten lassen. Was Logik und Erkenntnistheorie {iber diese Haltung zu sagen haben, fallt nicht in den Rahmen, der dieser Arbeit gesetzt ist; sie hat sich mit den psychologischen Wurzeln der Ablehnung der subjektivistischen Wert- lehre zu befassen. Daher haben fiir uns auch die Anfeindungen aufier Belracht zu bleiben, denen die Wissenschaften von der Gesellschaft und von der Wirtschaft von auflen her begegnen. Solche dufieren Widerstinde sind genug vor- handen. Doch sie sind wohl kaum imstande, den Fortschritt des wissen schaftlichen Denkens aufzahalten. Man mufs schon sehr stark in den etatistischen Vorurteilen befangen sein, wenn man glaubt, die Achtung einer Lehre durch den Staatsapparat und die Fernbaltung ihrer Anhénger von staatlichen und kirchlichen Benefizien kénnten ihrer Entwicklung und Verbroitung auf die Dauer Eintrag tun. Selbst Ketzerverbrennungen haben der modernen Nataurwissenschaft den Weg nicht zu verlegen ver- mocht. Es ist fiir das Schicksal der Gesellschafiswissenschaft ziemlich gleichgiltig, ob sie an den ecuropéischen Beamtenschulen gelehrt wird, und ob die jungen Amerikancr des College in den Stunden, die ihnen Sport und Vorgniigen [rei lassen, in ibe unterwicsen werden. Dall man es aber wagen durfte, Soziologie und Nationalskonomic an den meisten Lehranstalten durch Facher zu erselzen, die geflissenilich allem sozio- logischen und nationalokonomischen Denken aus dem Wege gehen, ist nur méglich gewesen, weil innere Widerstinde vorhanden sind, die diesen Vorgang rechtfertigen. Wer die dueren Schwierighkeiten unserer Wissen- ===== PAGE 12 ===== Lond Ludwig Mises »oein®, sondern ein , Sollen”. Der Marxismus sagt nicht von den Prole- tariern, dal} sie keinen anderen als ihren Klasseninteressen folgen kénnen, sondern er sagt den Proletariern: Ihr seid eine Klasse und sollt eurem Klasseninteresse folgen; werdet eine Klasse, indem ibr dem Klasseninteresse gemily denkt und handelt. Dann obliegt es thm aber zu beweisen, daf3 die Klasseninteressen den anderen Interessen voranstehen sollen. Doch selbst wenn wir annehmen, daft die Gesellschaft in Klassen mit widerstreitenden Interessen zerfilli, und wenn wir zugeben wollien, dafi jedermann die Pflicht habe, das Klasseninteresse und nichts als das Klasseninteresse wahrzunehmen, bleibt noch die Frage offen: Was dient dem Klasseninteresse am besten? Das ist der Punkt, wo ,,wissenschafi- licher” Sozialismus und ,,Wissenssoziologie'* ihren Charakter als Partei- mystik bewshren. Sie nehmen ohne weiteres an, dal das, was das Klassen- interesse erfordert, in jedem Augenblick eindeutig und evident ists. Der Klassengenosse, der anderer Meinung ist, kann nur ein Klassenverriter sein. Was vermag der marxistische Sozialismus dem zu erwidern, der gerade auch im Interesse der Proletarier das Sondereigentum an den Produk- tionsmittein und nicht Vergesellschaftung der Produktionsmittel fordert? Er kann ihn entweder, wenn er ,,Proletarier’” ist, als Klassenverriiter oder, wenn er kein ,,Proletarier” ist, als Klassenfeind brandmarken, oder alter er mull sich mit ihm in eine Erérterung der Probleme einlassen. Wihlt er diesen Weg, dann hat er den Boden seiner Theorie verlassen; denn wie kdnnte man sich mit Klassenverritern, denen ihre moralische Minderwertigkeit, oder mit Klassengegnern, denen ihre Klassenlage es verwehrt, die Ideologie der Proletarierklasse mu erfassen, geistig aus- einandersetzen? Die geschichtliche Funktion der Klassentheorie erkennt man am besten, wenn man ihr die Theorie der Nationalisten gegeniiberstellt. Auch Nationalismus und Rassenlchre verkiinden, daB cs uniiberbriickbare Gegensitzo der Interessen gibt — sie sehen diese allerdings nicht zwi- schen den Klassen, sondern zwischen den Vilkern und Rassen —, und daft das Denken durch das volkische und rassische Sein bestimmt ist. Die Nationalisten bilden Vaterlandsparteien und Nationalparieien, dic es far sich in Anspruch nehmen, allein die Ziele zu verfolgen, dic dem Wohle des Vaterlandes und des Volkes dienen. Wer nicht mit ihnen geht, 8 Der Einzelne irrt hiufig in der Wahrung seiner Interessen: eine Klasse irrt niemals auf die Dauer!™ sagt F. Oppenheimer (System der Soziologie. II. Bd. Jena 1926. 8. 559). Das ist Metaphysik und nicht Wissenschaft. ===== PAGE 13 ===== Die psycholog, Wurzeln des Widerstandes gegen dic nationalokon. Theorie 283 gilt, je nachdem, ob man ihm die Volkszugehdrigkeit aberkennt oder zacrkennt, als I'eind oder als Verrditer. Dem Nationalisten will es nicht eingeher, dal auch die Programme anderer Parteien dem Wohle des Vaterlandes und des Volkes dienen wollen. Er kann es nicht fassen, dafd auch der, der mit Nachbarvilkern in Frieden leben will oder fir Frei- handel gegen Schutzzoll eintritt, diese Forderungen nicht im Interesse des Fremdvolkes stellt, sondern in dem des eigenen Volkes zu handeln glaubt und handeln will. Der Nationalist glaubt an sein Programm so felsenfest, dall er es gar nicht verstehen kann, dall ein anderes Programm zum Wohle seines Volkes noch denkbar sel. Wer anders denkt, kann nur Verrater oder volksfremder Feind sein. Beiden Theorien, der margistischen Wissenssoziologie und der natio- nalistisch-rassenpolitischen Lehre, ist mithin gemeinsam die Annahme, dal das Interesse der Klasse, der Nation, der Rasse eindeutig ein be- stimmtes Handeln verlangt, und daf} dartiber, wie dieses Handeln he- schaffen sein muB, fiir den Klassenangehérigen, fiir den Volksgenossen, fiir den Reinrassigen kein Zweifcl bestehen kann. Eine Erdrterung des Fiir und Wider verschiedener Programme mit geistigen Mitten crscheint ihnen undenkbar. Die Klassenlage, die Velkszugehédrigkeit, das Rassegut Jaf dem Denker keine Wahl; er mul} so denken, wie sein Sein es fordert. Solche Theorien sind natitrlich nur dann méglich, wenn man von vorn- herein ein vollstindiges Programm aufgestellt hat, an dem auch nur zu zweifeln verboten ist. Logisch und zeitlich vor der materialistischen Ge- schichtsauffassung steht Marxens Bekenntnis zum Sozialismus, steht vor dem npationalistischen Programm die militaristisch-protektionistische Lehre. Beide Theorien sind auch aus der gleichen politischen Lage ent- sprungen. Gegen die von den Philosophen, Nationalskonomen und Sozio- logen des 18. und der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts entwickelien liberalen Lehren vermochte man und vermag man mit den Waffen der Logik und der Erfahrungswissenschaft nichts vorzubringen. Wer den Liberalismus bekimpfen will, dem bleibt eben nichts anderes ibrig, als diese beiden — Logik und Lrlaheungswissenschalt -—— zu entthronen, ihnen ihren Anspruch, allgemeingiiltige Siilze zu lehren, zu bestreiten. Dem ,,Absolutismus® ihrer Losungen wird entgegengchalien, daf sie nur ,biirgerliche”, ,englische”, ,,jidische'” Wissenschaft brichten; die ,,pro- letarische®, die ,,deutsche’, die ,,arische’’ Wissenschaft seien zu anderen Ergebnissen gelangt. (Daf die Marxisten von Marx und Dietzgen bis herab zu Mannheim bestrebt sind, threr eigenen Lehre doch eine Aus- nahmestellung zuzuerkennen, die sie Uber den Stand einer blofien Klassenlehre hinausheben soll, ist inkonsequent genug, kann aber hier ===== PAGE 14 ===== 284 Ludwig Mises auler Betracht bleiben.) An die Stelle der Widerlegung der Lehren tritt die Entlarvung ihrer Schépfer und ihrer Anhiinger. Das Mifliche an diesen Verfahren ist, dali es in folgerichtiger An- wendung jede Auseinandersetzung mit Argument und Gegenargument unméglich macht. Der Kampf der Geister wird durch die Uberprifung des gesellschaftlichen, nationalen, rassenmibigen Seins der Gegner er- setzt. Bei der Verschwommenheit der Begriffe Klasse, Volk und Rasso gelingt es immer, diese Uberpriifung mit ciner Entlarvung des Gegners abzuschlieBen. Es ist so weit gekommen, da man als Klassengenossen, Volksgenossen, Rassebruder nur noch den anerkennt, der dic solchem Sein vermeintlich allein adiquaten Ideen teilt. (Es ist ein hcsonderer Mangel an Folgerichtigkeit, daly man sich auf das Zeugnis von Anhéingern der eigenen Ideologie, dic auflerhalb des Kreises der Angehdrigen der eigenen Klasse, Nation und Rasse sichen, mit der Wendung heruft: selbst die Klassenfremden, Volksfremden, Fremdstimmigen miissen, wenn sia erleuchiet und ehrlich sind, unsere Auffassung teilen.) Ein Kriterinm, an dem man die dem Sein adaquate Lehre erkennen kénnte, wird leider nicht angegeben, kann auch gar nicht angegeben werden. Die Entschei~ dung durch die Mehrheit der diesem Sein Zugehorigen wird ausdrick- lich abgelehnt. Die drei Axiome, die diese antiliberalen Lehren vorausseizen, lauten: 1. Die Menschheit ist in Gruppen geschieden, deren Interessen in un- versohnlichem Widerstreit liegen. 2. Jeder Gruppe — richtiger: jedem Angehdrigen jeder Gruppe — ist das Gruppeninteresse und das Han- dein, das ihm am besten dient, unmittelbar evident. 3. Das Kriterium der Gruppenscheidung ist a) die Klassenzugehdrigkeit, b) die Volkszugehorig- keit, ¢) die Rassenzugehorigkeit. Der erste und der zweite Satz ist ailen diesen Lehren gemeinsam; durch den besonderen Inhalt, den sie dem dritten geben, unterscheiden sie sich. Es ist miflich, dal jeder dieser drei Sitze fir sich allein und alle drei als Einheit zusammengefafit durchaus jene Denknotwendigkeit und Unmittelbarkeit der Evidenz enthehren, die der Charakter als Axiom er- fordern wiirde. Man kann von ihnen nicht sagen, da} sic eines Beweises nicht bendtigen, wenn man auch leider sagen mull, dal} sie cines Be- weises nicht fihig sind. Denn um sie zu beweisen, mille man ein ganzes System der Soziologie aufstellen, als dessen Abschluff sie zu erscheinen hitten. Wie sollte das aber méglich sein, da sie doch logisch vor jedem Denken, zumindest vor jedem soziologischen (die Wissenssoziologen sagen: seinsgebundenen) Denken stehen? Fangt man damit an, mit diesen Axiomen im Denken Emst zu machen, dann gerdt man zu einem Skepti- ===== PAGE 15 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen dic nationalgkon, Theorie 285 zismus, der den Standpunkt von Pyrrhon und Aenesidemus an Radika- lismus weit bertrifft. Doch diese drei Axiome bilden nur die Voraussctzung der Lehre; sie sind noch nicht die Lehre sclbst, und, wie wir gleich sehen werden, mit ihrer Aufzihlung sind noch nicht alle axiomatischen Voraussetzungen der Lehre erschopft. Die marxistisch-wissenssoziologische Lehre, der wir uns wieder zuwenden und mit der wir uns in den weiteren Ausfiihrungen allein befassen wollen, besagl, da} das Denken vom Sein {der Klassen- zugehdrigkeit) des Denkers dergestalt abhingig ist, dal alle von ihm erzeugten Theorien nicht allgemeingiillige Wahrheit, wie ihre Urheber vermeinen, sondern eine den Klasseninteressen dienende Ideologie bringen. Nun aber kann kein Zweifel dariber besiehen, dal den Klassen- angehdrigen, die die Intercssen ihrer eigenen Klasse am besten wahr- nehmen wollen, die durch keinerlei ideologische Irrliumer getriibte Er- kenntnis des wahren Sachverhaltes ganz besonders dienlich sein miifite. Je besser sie ihn kennen, desto besser werden sie die Mittel zur Verfol- gung ihrer Klasseninteressen zu wihlen wissen. Freilich: wenn die Er- kenntris des Wahren zur Einsicht fiihren sollte, dal3 das Klasseninteresse anderen Werten geopfert werdem soll, dann konnte sie den Eifer, mit dem die vermeintlichen Klasseninteressen vertreten werden, schwichen, und dann wire eine falsche Lehre, die diesen Nachteil vermeidet, der wahren an Kampfwert diberlegen. Doch wenn man diese Maglichkeit zu- gibt, hat man die Grundlage der ganzen Lehre aufgegeben. Die Forderung, die die kimpfende Klasse durch die falsche Lehre erfihrt, kann mithin nor darin bestehen, daf3 sie die Kampfkraft der gegnerischen Klassen schwiicht. Die , biirgerliche” Nationalokonomie z. B. fordert die Bourgeoisie einmal im Kampfe gegen die vor- kapitalistischen Michie und damn wieder im Widerstande gegen das Proletariat, indem sie diesen Gegnern die Uberzeugung von der Not- wendigkeit der Herrschaft des kapitalistischen Systems beibringt. Wir kommen nun zu der vierten und letzten der axiomatischen Voraus- setzungen dieses Stiickes der marxistischen Lehre: Die Férderung, die eine Klasse durch den Umstand, dal ihre Angehdrigen nur in Apologien (Ideologien) und nicht in richtigen Theorien denken kdnnen, erfihrt, {iberwiegt den Nachteil, der daraus erwichst, da ihr eben dadurch die Yorteile entgehen, die der Besitz einer nicht durch das falsche Bewufst- sein getriibten Erkenntnis des wahren Sachverhaltes im praktischen Handeln gewihren miifite. Man mul} sich dariiber klar werden, da die Lehre von der Abhiingig- keit des Denkens von der Klassenlage des Denkers alle diese vier Axiome zur Grundlage hat. Diese Abhingigkeit erscheint als eine Forderung der ===== PAGE 16 ===== 286 Ludwig Mises Klasse im Klassenkampfe; da ihr Denken nicht absolut richtig, sondern klassenbedingt ist, ist eben darauf zuriickzufiihren, dafl das Interesse dem Denken den Weg vorzeichnet. Wir wollen hier nun gar nicht den Versuch machen, diese vier Axiome, die man gemeiniglich ohne Beweis gelten 1af3t, weil man sie eben auch gar nicht beweisen kann, irgendwie in Zweifel zu ziehen. Unsere Kritik hat allein der Beanlwortung der Frage zu gelten, ob die Klassentheorie zur Entlarvung der modernen Nationalokonomie als Klassepideologie der Bourgeoisie herangerogen werden kann, und sie mu versuchen, ihre Aufgabe immanent zu lssen. Man mag nun immerhin auf dem Standpunkte des vierten der oben dargelegten Axiome stehen, wonach es fiir eine Klasse vorteilhafter sei, einer den Sachverhalt entstellenden Lehre anzuhingen, als den Sachverhalt richtig zu erfassen und darnsch zu handeln. Doch das kann zweifellos hachstens fiir die Zeit gelten, in der die anderen Klassen noch nicht fiber die ihrem Sein adiquaie Lehre verfitgen; denn spfiter wiirde doch gweifellos die Klasse, die ihr Handeln nach der richtigen Lehre ein- richtet, liberlegen sein den Klassen, die eine falsche — wenn auch sub- jektiv ehrliche — Lehre zugrunde legen, und der Vorteil, den die klassen- bedingte Lehre sonst gewahrt, indem sie den Widerstand der feindlichen Klassen schwiicht, wiirde jetzt, da diese ihr Denken schon von dem der anderen Klassen emanzipiert haben, nicht mehr gegeben sein. Wenden wir das auf unser Problem an. » Marxisten und Wissenssoziologen sagen: Diese moderne Schule der subjektivistischen Nationolékonomie ist ,biirgerliche” Wissenschaft, ein letzter aussichtsloser Versuch, die kapitalistische Ordnung der Dinge zu retten. Wenn man diesen Vorwurf gegen die klassische Nationaldkonomie und ibre unmittelbaren Nachfolger erhoben hat, so hatte das noch immer- hin Sinn. Damals, als es noch die proletarische ,Nationalskonomie™ nicht gegeben hat, konnte man meinen, dafy das Biirgertum durch seine Wissenschaft das Proletariat am Erwachen zum Bewulisein sciner Klassenlage hindern kénne. Doch nun ist die ,,proletarische” Wissenschaft geboren, das Proletariat ist klassenbewnl3t. Wenn das Birgertum heute mit einetn neuen apologetischen Versuch kommt, mit neuer birgerlicher Wissenschaft, mit neuer , Ideologie”, dann ist es zu spit; am Klassen- bewulitsein des Proletariers, der nicht mehr anders als klassenmifig denken kann, miissen alle Versuche, damit Erfolg su erzielen, abprallen. Heute konnte es den Interessen des Biirgertums nur schaden, wenn sein Denken eine neue Klassentdeologie ausbriiten wiirde. Die gegnerischen Klassen kdnnte man nicht mehr unter die Herrschaft dieser Lehre bringen. Dafs aber das Handeln des Biirgertums durch diese falsche Lehre bestimmt wird, mifite den Erfolg seiner Kampfhandlungen ge- ===== PAGE 17 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die pationalSkon. Theorie 287 fihrden. Wenn es das Klasseninteresse ist, das das Denken bestimmt, 30 mifite das Birgertum heute zu einer Theorie gelangen, die, frei von jeder Triibung durch falsches BewuBltsein, ausspricht, was wirklich ist. Dem marxistischen und wissenssoziologischen Krittker kdnnte man also, wenn man sich auf seinen eigenen Standpunkt stellen wollte, sagen: Bis zum Auftreten von Karl Marx focht das Biirgerlum mit einer ,ldeo- logie”, dem System der Klassiker und der Vulgirikonomie. Als aber durch das Erscheinen des ersten Bandes des , Kapital” (1867) dem Pro- letariat die seinem gesellschafilichen Sein entsprechende Lehre gegeben worden war, hat das Biirgertum seine Taklik geiindert. Eine ,,Ideologie” konnte ihm nicht mehr linger diznlich sein, seit das Proletariat, zum Bewuftsein seines gesellschaftlichen Seins als Klasse erwacht, damit nicht mehr gekédert und eingelullt werden konnte. Jetzt bedurfte das Biirger- tum einer Lehre, die, frei von jeder ideologischer Trilbung das wahre Sein der Dinge niichtern erschauend, ihm die Moglichkeit bot, in dem groflen Entscheidungskampf der Klassen stets das zweckmifiigste Mittel zu ergreifen. Schnell war die alte Okonomik aufgegeben und seit 1870, zuerst durch Jevons, Menger, Walras, dann durch Béhm, Clark, Pareto die neue, die richtige Lehre ausgebildet, die die verinderte Klassenlage der Bourgeoisie nun forderte, Denn die Klassenlage der Bourgeoiste im Stadium ijhres Kampfes gegen das zum Bewufitsein seiner Klassenlage bereits erwachte Proletariat bringt es mit sich, dafi die dem Klassensein des Biirgertums adiquate Lehre, d. h. seinem Klasseninteresse am besten dienende Lehre nicht ,,Ideologie”, sondern Erkenntnis des absolut Rich- tigen ist. Mit Marxismus und Wissenssoziologie lilt sich eben alles beweisen und nichts. IIL, Die Rolle des Ressentiments In der Schrift de officiis hat Cicero einen Kodex gesellschaftlicher Respektabilitit und Ehrbaikeit niedergelegt, dor die Anffassungen liber Vornehmheit und Anstiindigkeit, die Jahrtausende hindurch in der abend- lindischen Zivilisation geherrscht haben, getreu widerspiegelt. Cicero hat in seinem Werke nichts Neues gebracht oder bringen wollen; er hat iltere griechische Vorbilder beniitzt, und die Ansichien, die er vortriigt, entsprachen durchaus dem, was schon seit Jahrhunderlen in der Welt des Griechentums und des Hellenismus und im republikanischen Rom gegolten hatte. Roms republikanische Verfassung wich dem Kaisertum, Roms Gotter dem Christengotte; das rémische Weltreich brach za- ===== PAGE 18 ===== 288 Ludwig Mises sammen, aus den Stiirmen der Volkerwanderung entsland ein neues Europa, Papstiom und Ksisertum stiirzten von ihrer Hobe, neue Michte traten an ihre Stelle, doch die Geltung der sozialen Wertmafistibe Ciceros blieb unerschilttert. Voltaire nannte die Schrift de officiis das niitzlichste Handbuch der Moral?, und Friedrich der Grofie hielt es fiir das beste Werk anf dem Gebiete der ethischen Philosophie, das jemals geschrieben worden ist oder geschricben werden wird: In allem Wandel der gesellschaftlichen Schichtung blieb fiir den Moral- philosophen der Grundgedanken der Ciceronischen Lehre unerschiittert in Geltung: Gelderwerb befleckt. Das war die Auffassung der vornehmen Grofigrundbesitzer und der fiirstlichen Hoflinge, Offiziere und Beamten, das war aber auch die Meinung der Literaten, sei es nun, dafl sie als Almosenempfanger am Hofe eines Grofien leblen oder als Inhaber kirch- licher Pfriinden in gesicherter Stellung wirken durfien. Die Sidkulari- sierung der hohen Schulen und dic Umwandlung der prekiren Llof- literatenstellungen in aus Sffentlichen Mitteln bestritlene Sinekuren hat das Miftrauen des fiir sein Wirken als Lehrer, Forscher und Schrift- steller besoldetlen Intelickivellen gegen den unabhingigen IMorscher, der von dem meist nur diirftigen Ertrage seiner Schriften oder von irgend- welcher anderer Titigkeit seinen Unterhalt bestreiten muf, nur noch ver- gchirft. Durch ihre Stellung in die Hierarchie von Kirche, Staatsver- waltung und Heeresdienst eingegliedert, blickten sie wie alle durch Be- teilung aus Steuercingingen dem Erwerbslehen Entriickten mit Ver- achtung auf den Kaufmann, der dem Mammon dient. Diese Verachtung verwandelte sich in dumpfen Groli, als mit der Ausbreitung des Kapita- lismus Unternehmer zu groflem Reichtum nnd damit zu hohem Ansehen aufzusteigen begannen. Es wire ein schwerer Irrtum, anzunehmen, daf} das Ressentiment gegen Unternehmer und Kapitalisten, gegen Reichtum und ganz besonders gegen neuen Reichtum, gegen Gelderwerb und be- sonders gegen Handel und Spekulation, dag heute unser ganzes dfient- liches Leben, die Politik und das Schrifttum beherrscht, seinen Ursprung von den Gefiithlen der breiten Volksschichten herleitet. Eg staimmt gerade aus den Kreisen und Anschauungen der im 6ffentlichen Dienste mit festein Sold und in staatlich anerkanntem Range stehenden Gebildeten. Es ist demgemaf in einem Volke um so stirker, je williger es sich von der Obrigkeit und ihren Organen fiihren I86t; es ist in Preufien-Deutsch- land und in Osterreich stirker als in England und Frankreich, schwacher ® Vel. Zielifiski, Cicero im Wandel der Jahrhunderte. 4. Aufl. Leipzig 1929. 8. 2486, 10 ebenda S. 248. ===== PAGE 19 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die nationatdkon. Theorie 289 noch in den Vereinigten Staaten, am schwichsten in den britischen Do- minions. Gerade der Umstand, daf§ viele dieser obrigkeitlich geeichten Gebil- deten durch Beziehungen der Blutsverwandtschaft und Schwigerschaft, der Schulkameradschaft und des geselligen Umgangs mit den Angehori- gen der Schicht der Erwerbenden enge verbunden sind, verschirit noch die Neid- und Halgefithle. Die Empfindung, dal sie den gering ge- schitzten Kaufleuten in vielem unterlegen sind, bringt in den Wirtschafis- fremden Minderwertigkeitskomplexe zur Entstehung, die das Ressenti- ment verstirken. Nicht der handelnde Mensch gestaltet die cthischen Wertmalstibe, sondern der procul negotiis lebende Schrifisteller. Eine Moral, deren Schopfer in den Kreisen der Priester, Beamten, Professoren und Offiziere zu suchen ist, hat fiir Unternchmer, Kapitalisten und Speku- lanten nur Abscheu und Verachtung iibrig. Und nun bringt man dicsen von Ila} und Neid erfillten Gebildelen eine Lehre, die bewulit wertfrei die Markterscheinuiigen erklirt. Preis- und Zinssteigerungen und Lohnsenkungen, die man sonst auf die Hab- sucht und Herzlosigkeit der Reichen zuriickfiihrte, werden da ganz natiir- lich als Reaktion des Marktes auf Verinderungen von Angebot und Nach- frage zuriickgefithrt, und es wird gezeigt, dad eine arbeitsteilende, auf dem Sondereigentum beruhende Gesellschaftsordnung ohne diese Rege- lung durch den Markt gar nicht besiehen kénnte. Was als moralisches Unrecht, ja als sirafwidriges Verbrechen verdarmemt wurde, wird hier gewissermaflen als Nataverscheinung angesehen. Kapitalisten, Unter- nehmer und Spekulanten erscheinen nicht mehr als Schmarotzer und Ausbeuter, sondern als Organe der gesellschaftlichen Organisation, deren ‘Funktion schlechthin unentbehrlich ist. Das Herantragen pseudo-mora- lischer MaBstabe an Vorgidnge des hlarktes verliert jede Berechtigung, die Begriffe Wucher, Preistreiberei, Ausbeutung werden ihres ethischen Sinns entkleidet und damit ganz sinnlos. Und schlicBlich fihrt die Wissenschaft mit harter und unwiderlegbarer Logik den Nachweis, dab die Ideale der Gegner des Erwerbslebens hohl sind, dal sozialistische Ge- sellschaftsordnung unverwirklichbar und dafy interventionistische Gesell- schaftsordnung sinn- und zweckwidrig, dafi also die Marktwirtschaft die einzig maogliche Ordnung gescllschaftlicher Kooperation ist. Es ist nicht erstaunlich, daf} diese Lehren in den Kreisen, deren LEthik in der Ver- urteilung des Irwerbstriebes gipfelte, auf heftigen Widerstand stolen muBten. Die Nationalokonomie hat den Glauben, der von der Uberwindung des Sondereigentums und der Tausch- und Marktwirtschaft das Heil erwartete, zerstort. Sie hat gezeigt, dafl die Allmacht der gesellschafthchen Gewalten, Schriften 183. I. 19 ===== PAGE 20 ===== 290 Ludwig Miscs von der man Wunder erhoffte, ein Wahngebilde ist, und da es fiir den die gesellschaftliche Kooperation aufbauenden Menschen, fiir das Ldov moMTixdy, geradeso unitherschreitbare Grenzen gibt wie fiir den die orga- nische und anorganische Natur in der Produktion lenkenden homo faber. Das mufiten die Diener dieses Gewaltapparates, sowobl die im imperium als die im magisterium, auch als Herabsetzung ihrer persdnlichen Geltung ansehen. Als Halbgétler, die Geschichte machen, oder zumindest als die Gehilfen dieser Halbgdtter fiihlten sie sich; nun sollten sie nichts als Vollstrecker einer unabédnderlichen Notwendigkeit sein. Wie die deter- ministischen Lehren auch, ganz abgesehen von den kirchlich-dogma- tischen Bedenken, auf inneren Widerstand des sich frei fihlenden Menschen stieflen, so stiefien diese Lehren auf den Widerstand der sich in ihrer politischen Macht frei fithlenden Regierer und ihres Anhangs. Der Macht einer herrschenden Ideologie kann sich niemand entziehen. Auch Unternchmer und Kapitalisien stehen unter dem Einflufb der Moral- anschanungen, die ihr Treiben verdammen. Mit schlechtem Gewissen treten sie zur Abwehr der wirtschaftspolitischen Forderungen an, die man aus den Grundsitzen der Beamtenmoral ableitet. Das Mifitrauen, das sie gegen alle Lehren erfiillt, die die Markterscheinungen ohne ethische Be- urteilung betrachten, ist micht geringer als das aller ibrigen Schichten. Das Minderwertigkeitsgefiihl, das in ihnen das BewuBtsein erweckt, dal thr Tun unmoralisch ist, wird nicht allzuselten durch Ubertreibung der Grundsitze der antichrematistischen Ethik {iberkompensiert. Yon dem Anteil, den Milliondre und S8hne und Téchter von Milliondren an der Bildung und Fiihrung der sozialistischen Arbeiterparteien genommen haben, ist schon oft gesprochen worden. Aber auch aullerhalb der sozia- listischen Parteien begegnen wir derselben Erscheinung. Wenn die geistige Oberschicht des deutschen Volkes die auf dem Sondereigenium an den Produktionsmitteln beruhende Gesellschaftsordnung verwirft, so ist das nicht in letzter Linie der Erfolg des Lebens und Wirkens von zwei Unternehmern, Ernst Abbe und Walther Rathenau. Iv. Notwendigkeit und Freiheit Die letzte Aussage, bis zu der die Erkenntnistheorie vorzudringen ver- mag, ohne den festen Grund der Wissenschaft zu verlieren und sich in vage Spekulationen metaphysischer Begriffsdichtung einzulassen, lautet: Die Verinderungen des unserer Erfahrung Gegebenen vollziehen sich in einer Weise, die uns im Gang der Dinge das Walten allgemeiner Regeln, die keine Ausnahme zulassen, erkennen lift. ===== PAGE 21 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die nationaldkon. Theorie 291 Unser Denken ist nicht imstande, eine Welt zu denken, in der die Dinge nicht ,,nach ewigen ehernen, grofien Gesetzen™ ablaufen wiirden. So viel aber ist uns doch klar, dal in einer so beschaffenen Welt menschliches Denken und menschliches , rationales” Handeln nicht moglich wiren, daB es also in einer so beschaffenen Welt weder Menschen noch logisches Denken geben konnte. Die Gesetzmifigkeit des Weltablaufes mufl uns mithin als die Grund- lage unseres menschlichen Daseins, als die letzte Wurzel unseres Menschentums erschetnen. An sie zu denken, kann uns nicht mit Angst erfillen, muf uns vielmehr beruhigen und uns ein Gefiihl der Sicherheit verlethen. Denn weil im Weltenlauf nicht Willkiir herrscht, sondern Ge- setze, von denen wir etwas zu erkennen vermdgen, ist es uns gegiben, zu handeln, das heifdt, unser Verhalien so einzustellen, dafl von uns ge- wiinschte Zwecke erreicht werden konnen. Wire os anders, dann wiiren wir durchaus Spielball eines uns nicht verstchbaren Treibens. Erfassen konnen wir nur die Regel, die in der Verinderung des Ge- gebenen zum Ausdruck kommt; das Gegebene selbst bletbt uns immer unerklirbar. Unser Handeln muff das Gegebene hinnehmen, wie es ist. Doch auch die Kenntnis der Regeln macht das Handeln nicht frei. Es vermag nie mehr, als bestimmie eng umgrenzte Ziele zu erreichen. Uber die unibersteigharen Schranken, die ibm gezogen sind, kann es nie hinaus- gehen, und auch innerhalb des ihm ecingeriumlen Spielraums hat es immer mit dem Einbruch unbeherrschbarer Krifte, mit dem Schicksal za rechnen. Hier tritt uns nun eine eigenartige psychologische Talsache entgegen. Mit dem Unbekannten, das schicksalhaft iiber uns kommt, rechten wir weniger als mit dem Ergebnis des Wirkens der Regeln, die wir erfafit haben. Denn das Unbekannte ist auch das Unerwartete; wir kdnnen sein Herannahen nicht sehen, wir erfassen es erst, his es schon da ist. Was aus der bekannten Regel fliefit, konnen wir voraussehen und erwarten. Ist es unseren Winschen widrig, dann liegt in diesem Warten auf das Unheil, das kommt, ohne dal} wir es wenden kannen, arge Qual. Dal} das Gesetz unerbittlich ist und keine Ausnahmen macht, wird uns ein un- ertriiglicher Gedanke. Dal3 die Regel wider alles Erwarten diesmal, dies eine Mal, doch ausweichen moge, auf das Wunder bauen wir unsere Hoff- nung; der Glauben an das Wunder wird zum einzigen Trost. Mit ihm lehnen wir uns gegen die Harte des Naturgesetzes auf, bringen wir die Stimme unseres Denkens zum Schweigen; vom Wunder erwarten wir, da es den voraussichtlichen, uns jedoch nicht genehmen Gang der Dinge wenden soll. 19+ ===== PAGE 22 ===== 292 Ludwig Mises Yon der ehernen Unerbiitlichkeit und Strenge des Gesetzes, die unser Denken und Handeln in der , Natur” lingst schon zu erkennen gendtigt wurden, glaubte man auf dem Gebiete menschlichen Verhaltens und dem- gemafl anch auf dem des gesellschaftlichen Lebens frei zu sein, bis seit dem 18. Jahrhundert die Ausbildung der Wissenschaft der Soziologie und insbesondere ihres bis heute am meisten ausgestalteten Teilstiickes, der Nationalokonomie, auch hier das , Gesetz” erkennen lief. Wie man, che die Einsicht in die Gesetzméfigkeit des Naturgeschehens aufge- dammert war, sich in Abhidngigkeit von (bermenschlichen Wesen, von Gottheiten, fiihlte, die man zuerst als ganz willensirei, d. h. in threm Tun und Lassen Uber jede Bindung erhaben, dachte, und dann zumindest als Souveriine, die Ausnahmen von der sonst geltenden Regel in ein- zelnen Filler zu verfiigen befihigt sind, so empfand der Mensch bis dahin im Gesellschaftlichen nichts als Abhéngigkeit von Gewalten und Gewalthabern, deren gesellschaftliche Macht unbegrenzt erschien. Von ihnen, von den Grofien und Erhabenen, konnte man alles esrwarten; im Guten wie im Bosen gab es fiir sie keine irdischen Schranken, mochie man auch hoffen, dafi das Gewissen im Hinblick auf die Vergeltung im Jenseits sie meist davon abhalten werde, ihre Macht zum Bosen zu mifi- brauchen. Diese Denkungsart wurde von der individualistischen und nomi- nalistischen Sozialphilosophie der Aufklirung in zweifacher Weise er- schiittert. Sie deckte die ideologischet? Grundlage aller gesellschaftlichen Macht auf, und sie zeigte, dal} jede Macht durch cine im Gescllschaft- lichen waltende Gesetzmabigkeit in threr Auswirkung begrenzt sei. ‘Stirker noch als die Auflehnung gegen die Lehre von der Gesetz- gebundenheit der Natur war des Aonfbiaumen gegen diese Lehren. Wie die Massen von der unerbittlichen Strenge des Naturgesetzes nichts wissen wollen und an die Stelle des Gottes der Theisten und Deisten, der an die Gesetze gebunden ist, wieder die freischaltende Gottheit treten lassen, von der Gnaden und Wunder za crhoffen sind, so lassen sie sich den Glauben an die unbegrenzte Allmacht der gesellschaftlichen Gewalten nicht rauben. Wie in der Not selbst der Weise sich bei der Hoffnung auf das Wunder ertappt, so bringt thn Unzufriedenheit mit seiner gesellschaft- lichen Lage zur Hoffnung auf eine Reform, die, durch keine Schranken beengt, alles leisten kinnte. Das Wissen um die Unerbittlichkeit der Naturgesetze ist immerhin schon 50 lange in das Bewuftsein, zumindest in das der Gebildeten, ge- drungen, dafi man in den Lehren der Naturwissenschaft eine Anweisung 11 Der Ausdruck ,ideologisch’® ist hier natirlich nicht im marxistischen (wissens» soxiologischen), sondern im wissenschaftlichen Sinne gebraucht, ===== PAGE 23 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die nationalokon. Theorie 293 erblickt, wie man Ziele erreichen kann, die sonst unerreichbar blieben. Dagegen sind auch die Gebildeten noch immer so erfillt von der Vor- stellung, dal im Gesellschaftlichen alles erreicht werden konnte, wenn man genug Macht und Willensstirke aufbringt, dal sie aus den Lehren der Gesellschaftswissenschaft nur die distere Botschaft herauslesen, daf} viel von dem, was sie wollen, nicht erreicht werden kann. Die Natur- wissenschaft, meint man, zeige, was gemacht werden kénnte und wie es gemacht werden kdnnte; die Gesellschaftslehre, meint man hingegen, zeige nur, was nicht gemacht werden kdnne und warum es nicht gemacht werden kénne. Die auf der Naturwissenschaft berubende Technik wird allenthalben gepriesen: die wirtschaftspolitischen Lehren des Liberalis- mus werden abgelehnt und die Nationaldkonomie, auf der sie beruhen, als dismal science gebrandmarkt. Kaum jemand wendet sein Interesse den Problemen des Gesellschafts- lebens zu, ohne den Antrieb dazu von dem Willen, Reformen durch- gefiibrt zu sehen, empfangen zu haben; vor der Beschiftigung mit der Wissenschaft steht der EntschluB, bestimmtie Wege im Handeln zu gehen, Nur wenige haben die hraft, die Erkenntnis, da diese Wege ungangbar sind, hinzunehmen und daraus alle Folgerungen zu ziehea. Die meisten bringen leichter das Opfer des Intellekts als das Opfer ihrer Tagtriume. Sie kdnnen es nicht ertragen, dafy ihre Utopie an den unabinderlichen Bedingungen des menschlichen Daseins scheitern soll. Was sie ersehnen, ist eine andere Wirklichkeit als die in der Welt gegebene, ist ,, der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das der Freiheit”12, Sie wollen frei sein von cinem Kosmos, dessen Einrichiung sie ihren Beifall versagen. Schluf} Die romantische Auflehnung gegen Logik und Erfahrungswissenschaft beschrinkt sich nicht auf das Gebiet des Gesellschaftlichen und der Ge- sellschaftswissenschaft; sic ist Auflehnung gegen das Ganze unserer Kultur und Zivilisation. Abkehr vom Wissen und von der Technik, Riick- kehr zum Glavben wud zur Bukolik des Mittelaliers fordern sowohl Spann als auch Sombart, und alle Deulsche, die nicht im Lager des Marxismus stehen, stimmen ihnen freudig zu. Die Marxisten aber sind eifrig dabei, ihren einst niichternen ,,wissenschaftlichen” Sozialismus in einen den Massen mehr zusagenden romantischen und sentimenialen So- zialismus umzugestalten. 12 Vgl. Engels, Herrn Eugen Duhnngs Umwalzung der Wissenschaft, 5. Aufl. Stuttgart 1510. 3. 306. ===== PAGE 24 ===== 204 Ludwig Mises Der Wissenschaft wird vorgeworfen, dal sie nur zum Verstande spreche, das Gemiit aber leer und unbefriedigt lasse. Sie sei hart und kalt, wo Wirme verlangt wird; sie gebe nur Lehren und Technik, wo Trostung und Erhebung gesucht werden. Daf} es nicht die Aufgabe der Wissen- schaft sein kann, religidse und metaphysische Bediirfnisse zu befriedigen, ist nicht zu bestreiten. Sie darf die Grenzen, die ihr gezogen sind, nicht iiberschreiten, sie hat sich auf die logische Verarbeilung der Erfahrung zu beschrinken; sie baut damit die Grundlagen, auf denen die wissen- schaftliche Technologie — und dazu gehdrt auch alle Politik als Kunst- lehre des Gesellschaftlichen — ihr System errichtet. Um Glauvben und Seelenfrieden hat sich die Wissenschaft in keiner Weise 2a kiimmern. Die Versuche, Metaphysik wissenschaftlich zu begriinden oder darch monistische Feiern, die dem Gottesdienst nachgebildet werden, eine Art Religionsersatz zu schaffen, haben mit Wissenschaft nichts zu tun. An das Transzendente, an das, was jenseits der Erfahrung fiir uns unzu- ginglich ruhen mag, kommt die Wissenschaft in keiner Weise heran; sie kann sich zu Lehren, die allein das Transzendenie betreffen, weder ablehnend noch zustimmend #Huflern. Ein Konflikt zwischen Glauben und Wissen entsteht erst, wenn Reli- gion und Metaphysik aus ihrer Sphire heraustreten und der Wissenschaft den Kampf ansagen; sie greifen an, teils aus dem Bediirfnis, Glaubens- “BAtze zu verteidigen, die mit dem Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht vereinbar sind, Ofter noch, um sich gegen die Anwendung der Wissenschaft im Leben zu kehren, wenn diese dem von shnen empfohle- nen Verhalten nicht entspricht. Es ist unschwer zu verstehen, warum dabei die subjektivistische Nationalokonomie am stirksten hefehdet wird. Man darf sich nicht dariiber tiuschen, dal} heute nicht nur die Massen, sondern auch die Gebildeten, die, dic man die Intellekluellen nennt, in dieser Auseinandersetzung nicht auf der Seite der Wissenschaft zu finden sind. Manchen mag diese Haltung Herzenshediirfnis sein. Sehr viele aber rechtfertigen ihre Stellungnahme damit, dal es im Zug der Zeit liege, daf} man sich dem sehnsiichtigen Wunsch der Massen nicht verschlieflen dirfe, da der Intellekt sich demiitig vor dem Instinkt und der Einfalt des frommen Gemiits beugen miisse. So dankt der Intellektuelle frei- willig ab, verzichtet voll Selbstverleugnung auf scine Fiihrerrolle und wird zam Gefiahrten. Diese Umkehr — nicht etwa der Wissenschaft, sondern derer, die sich als die Triger der Geisteskultur ansehen — war weitaus das wichtigste geschichtliche Ereignis der letzten Jahrzehnte. Ihr Ergebnis ist eine Politik, deren Friichte wir mit Entsetzen reifen sghen. ===== PAGE 25 ===== Die psycholog. Wurzeln des Widerstandes gegen die nationalokon. Theorie 295 Wissenschaftliches Denken hat zu allen Zeiten vereinsamt. Doch nie war es um eine Wissenschaft herum einsamer als um die moderne Natio- nalékonomie. Das Schicksal der Menschheit — Fortschreiten auf dem Wege, den die Gesittung des Abendlandes seit Jahrtausenden geht, oder jiher Absturz in ein wistes Chaos, aus dem os keinen Ausweg gibt, aus dem kein neues Leben je erstehen wird — hingt davon ab, ob es daber bleiben wird.