===== PAGE 1 ===== Die Okonomiidien Kategorien und die Organilation der Wirtichatt Von Dr. Ridard Strigl Jena Verlag von Guitav Fifcher 1923 ===== PAGE 2 ===== Copyright 1923 by Gustav Fischer, Publisher, Jena, ===== PAGE 3 ===== Vorwort. Die Begriinder der osterreichischen nationalokonomischen Schule haben ihre Aufgabe in erster Linie darin gesehen, mit dem gegebenen wissenschaftlichen Riistzeug das theoretische System auszubauen. Neben dieser Aufgabe trat bei ihnen das Interesse an Fragen der Methoden- lehre stark zunick und wenn wir in den Schriften dieser Autoren ge- legentlich Bemerkungen iiber Methodenfragen begegnen, so lehnen sich diese immer eng an Karl Menger’s bekannte Untersuchungen iiber die Methode der Sozialwissenschaften an, die fiir diese Forscher der Kanon ihrer Methode geworden sind. (Ganz anders wurde dieses Verhaltnis, als die Schiiler von Karl Menger, Bchm-Bawerk und Wieser und noch eine Reihe anderer Autoren, die der modernen Theorie nahertraten, diese Lehre selbstindig fortzubilden suchten. So sehr auch alle Bestrebungen, die wir hier beobachten, auseinander- gehen, eines ist ihnen gemeinsam: Das starke Betonen methodischer Fragen, der immer wiederholte Versuch, eine neue Grundeinstellung fur die ganze Theorie zu gewinnen. Und wer Gelegenheit hatte, die Bestrebungen der jlingeren Theoretiker unmittelbar zu beobachten, der weil, dag diese Probleme das Denken dieser Autoren noch weit mehr beschiftigen, als es aus ihren Schriften zu schliefen ist, — denen dabei noch wiederholt der Vorwurf gemacht wurde, dafl sie die Theorie neben der Spekulation liber die Theorie vergessen. Niemand darf sich iiber diese Entwicklung der theoretischen Schule wundern. Auf der einen Seite hat der grofie Fortschritt, den die Erkenntnis- theorie in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, der vielfach in engster Anlehnung der Erkenntnistheorie an die theoretischen Naturwissen- schaften gewonnen auch diese Wissenschaften im weitesten Ausmafle gefordert hat, den Versuch nahegelegt, die Erkenntnisse der Wissen- schaftslehre auch fiir die Skonomische Fachwissenschaft fruchtbar zu machen. Karl Menger war zweifellos mit mancher wichtigen Er- kenntnis der Wissenschaftslehre seiner Zeit vorausgeeilt, heute aber hat die Erkenntnistheorie den Standpunkt von Karl Menger aus ===== PAGE 4 ===== Iv Yurwort. dem Jahre 1883 bereits uberholt; die ckonomische Theorie mufite hier den Fortschritt der Wissenschaft mitzumachen suchen. Auf der anderen Seite sehen wir absr noch ein zweites Moment, da die oko- nomische Theorie in diese Richtung drangte. Die uberlieferte Lehre der Grenznutzentheoiie war im Wesen ein abgeschlossenes System. Wohl waren innerhalb der Schule wichtige Fragen strittig, woh! war manches Problem noch nicht gelosts aber der Bereich dessen, was mit dieser Theorie in ihrer uberlicferten Form zu behandeln ist, war zu ubersehen. Und es war zu sehen, dafl dieser Theorie Grenzen guzogen sind, an denen man nicht gerne Halt machen wollte. Die Frage, wie sich verschiedcne gesellschaftliche Erscheinungen zum Wirtschaftlichen verhaltcn, die Frage, wic jeac Momente, von denen die isohercnde Methode abstrahierte, mit dem rein Wirtschaftlichen in der Realitat zusammenarbeiten, die Fragen, welche sich aus der Betrachtung des Zieles der Wirtschaft ergaben, sobald man den scheinbar so einfachen Begriff der Bedurfnisse naher analysierte, — alle diese und noch viele anderc Fragen hatten dic dlteren Autoren nur im Vorubergehen be- handelt, ja sie hatten gelegentlich darauf hingewiesen, dafl hier die weitere Ausbildung der Theorie notwendig ware. Wer aber an die Behandlung dieser Probleme heranging, der mufite die Grundlagen der okonomischen Theorie revidieren. Man mag die Untersuchungen der jingeren Theoretiker fur wertvoll halten oder nicht, man mag die Resultate ihrer Untersuchungen annehmea oder nicht, — man mul auf jeden Fall anerkenuen, dafl ihre Arbeit dort eingesetzt hat, wo es bei der gegebenen Entwicklung des Wissenschaft geboten war. Man kann ohne weiteres zugeben, dal die okonomische Theorie in ihrer derzeitigen Verfassung kein erfreunliches Bild bictet. Ihr Lchr- gebaude scheint im ganzen festgefugt — das ist das Verdienst der Beprunder der modernen Theorie — und bei naherem Zusehen merkt man, dail seine Grundlagen wanken — hier hat die kntische Arbeit der jungeren Theoretiker manches als ungenugend erkannt und es ist schwer, aus den Versuchen eines Wiederaunfbaues, die sich so ver- schicdenartig gestaltet haben, einen sicheren Unterban zu gewinnen, Die Theorie muff uber diesen Zustand hinauskommen und wenn ich sagen darf, welche Stellung ich diesem Buche in der gegebenen Situation der okonomischen Theorie gerne eingeraumt wissen wollte, so mochte ich den Wunsch aussprechen, dafi dieses Buch ein wenig dazu beitragen mobge, unsere Wissenschaft den Weg zur theoretischen Fachwissenschaft zuruckzufuhren, zur Theorie, wic sie die Begrunder der nationalokonomischen Wissenschaft verstanden haben, freilich zu einer Theorie, welche auf sichcreren Grundlagen beruht, nachdem sie ===== PAGE 5 ===== Vorwort. V aus den neueren Untersuchungen uber die Grundlagen der Theorie — und ich glaube, da die Arbeit, die in diesen geleistet worden ist, nicht gering angeschlagen werden darf — ein breiteres Fundament gewonnen hat. Der Gegenstand meiner Untersuchungen sind die Formen des wirtschaftlichen Denkens und das Problem ist dabei in der Art in- struiert, dal es zusammenfallt mit der Frage nach den Daten des wirtschaftlichen Geschehens, mit der Frage der Stellung des Historisch- Relativen in der Wirtschaft. Eine enge Anlehnung an ein erkenntnis- theoretisches System, wie sie heute haufig in grundlegenden Unter- suchungen von Fachtheoretikern zu finden ist, habe ich vermieden. Nicht allein deshalb, weil mir der Dogmatismus fehlt, der notwendig ware, um eines der verschiedenen Systeme, welche heute die fuhrenden sind, anzunehmen und weil ich nicht den Beruf in mir fuhle, aus meiner Einstellung zu einer IFachwissenschaft heraus ein erkenntnis- theoretisches System zu gestalten, — sondern auch deshalb, weil ich uberzeugt bin, daB gerade die theoretische Nattonalokonomie in ihrer jetzigen Verfassung dabei auf einen gefahrlichen Weg gefuhrt werden wurde. Wohl glaube ich, da die theorectische Nationalokonomie in ihrem logischen Aufbau anderen Wissenschaften vollig entspricht, darauf weise ich in diesem Buche wiederholt hin; und wenn einmal das Problem der theoretischen Okonomie fur die Wissenschaft selbst eindeutig bestimmt ist, dann wird die Gelegenheit gegeben sein, ihr System nach den strengen Anforderungen einer Erkenntnistheorie zu prufen und zu revidieren., Aber wenn ich hier den Versuch mache, eine Wissenschaft rein darzustellen, deren Gebiet fur die Erkenntnis- theorie immer ein umstrittenes Gebiet war — hier streiten die Formeln Geisteswissenschaft, Kulturwissenschaft, Teleologie, Psychologie, Gesell- schaftswissenschaft usw. —, so laufe ich Gefahr, dal die Fachwissen- schaft, welche ich nach ihren eigenen Erfordernissen abgrenzen soll, nach irgend einem Erfordernis sei es auch nur der Klassifizierung der Wissenschaften gepragt wird. Und die Sachlage ist schliefllich doch die: Eine erst werdende Wissenschaft, und das ist die Nationalokonomie ohne Zweifel fiir die Erkenntnistheorie, solange sie so schwankend und unbestimmt ist, wie sie es heute ist, hat das Recht zu verlangen, da auch die Wissenschaftslehre an ihrem Lehrgebaude gepruft werde. Wenn die junge Wissenschaft in ein erkenntnistheoretisches System nicht hineinpafit, so ist noch nicht ausgemacht, daB diese Wissenschaft schlecht aufgebaut ist, — ist doch die Philosophie nicht anders Menschenwerk als jede Fachwissenschaft; und die Frage, ob die Er- kenntnistheorie den sogenannten Geisteswissenschaften immer den ===== PAGE 6 ===== VI Vorwort. richtigen Platz angewiesen hat, ist wohl nicht ohne Weiteres zu be- jaben. Wenn jemand auf dem so heiklen Gebiete unserer Wissenschaft von einem geschlossenen erkenntnistheoretischen Systeme ausgeht, so ist seine Einstellung in manchen Punkten im Voraus festgelegt. Und die 6konomische Fachwissenschaft ist noch viel zu wenig gefestigt, um sicher die Gefahr zu vermeiden, von ihrem eigentlichen Gebiete ver- dringt zu werden, Man kann in dieser Weisc den gegenwirtigen Wert eines erkenntnistheoretischen Systemes fiir die ©konomische Theorie skeptisch beurteilen und doch bestrebt sein, die wertvollen Ergebnisse der neueren Wissenschaftslehre nutzbar zu machen, wenigstens aus ihnen zu lernen, wie Fehler vermieden werden konnen, Ubrigens wird wohl mancher Anhdnger eines erkenntnistheoretischen Systems die hier vorgetragene Lehre ohne Schwierigkeit annehmen kénnen, wobei er vielleicht nur in der Formulierung gewisse Anderungen wird vornechmen miissen. Ich habe vor Allem darauf Wert gelegt, den Charakter der theoretischen Okonomie als einer Gesetzeswissenschaft klar aufzuzeigen. Beziiglich der Literatur zu den hier behandelten Problemen wire in erster Linie auf die Schriften der Begriinder der Osterreichischen nationalokonomischen Schule und auf die Arbeiten von Amonn, Gott], Schumpeter, Spann und Max Weber hinzuweisen.') Auch die neueren systematischen Darstellungen der Nationalokonomie bemiihen sich fast immer, auf diesem Gebiete weiter zu arbeiten. Die Vertreter der historischen Schule haben vielfach zu Fragen Stellung genommen, die an unser Problem heranreichen; ihre Einstellung des Problemes ist aber im Voraus eine andere als die hier vorgefiihrte, welche von den Erfordernissen der Okonomischen Theorie ausgeht. Von den eben genannten Autoren bringen Amonn, Spann und M. Weber umfangreichere Auseinandersetzungen mit einzelnen Schrift stellern, auf die ich verweisen kann, Das erste Kapitel dieses Buches ist selbstindig in der Zeitschrift fiir Volkswirtschaft und Sozialpolitik (Band 1 der Neuen Folge, 1921) erschienen. Wien, Ende Jinner 1923. R. Strigl. I) Der Aufsatz von Hans Mayer, , Untersuchungen zu dem Grundgesetz der wirtschaftlichen Wertrechnung' {Zeitschrift filr Volkswirtschaft und Sozialpolitik, N. F,, 2. Band, 1922) konste in dem bereits vor lingerer Zeit fertiggestellten Texte nicht mehr beriicksichtigt werden. ===== PAGE 7 ===== Inhaltsverzeichnis. I. Prolegomena zu einer Theorie der Skonomischen Daten . , . . . . . ~ il. Die Skonomischen Kategorien . . . . . . . . . . . . . . « . +. 3% III. Die Organisation der Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 8g IV. Das ékonomische System . . OPO 1 V. Die Bedeutung der 6konomischen Kategorienlehre . . . , . . . . . . 58 ===== PAGE 8 ===== L Prolegomena zu einer Theorie der okonomisechen Daten. 1. Der Popularbegriff der Wirtschaft und die Begriffsbildung der Gkonomischen Theorie. — II, Der Geltungsbereich der ékonomischen Theorie. — III. Die Skonomischen Kate- gorien. — IV. Der Tatbestand der Wirtschaft. — V. Die Organisation der Wirtschaft, — VI. Dateninderungen. — VII. Reine und spezielle Theorie. Die Organisation der Wirtschaft als Gegenstand der Wirtschafisgeschichte. — VIII. Das Soziale in der Wirtschaft, — IX. Riickblick. Strigl, Die tkonomischen Kategorien, ===== PAGE 9 ===== L Wenn wir wissen wollen, was wir mit dem Ausdrucke ,, Wirtschaft” bezeichnen sollen, so konnen wir auf zwei verschiedenen Wegen zu diesem Ziele gelangen. Wir konnen zundchst versuchen, in einer Definition alles das zu umfassen, was der gemeine Sprachgebrauch Wirtschaft nennt, Da werden sich der praktischen Durchfithrung nicht unbedenkliche Schwierigkeiten entgegenstellen: Der Sprachgebrauch ist schwankend und neben einem Kern von Erscheinungen, welche mit einiger Bestimmtheit als Wirtschaft zu bezeichnen sind, gibt es Er- scheinungen, bei denen dies strittig sein wird. Soll nun die Begriffs- bestimmung der Wirtschaft dazu dienen, den Bereich einer Gesetzes- wissenschaft abzugrenzen, so wird diese Art der Abgrenzung nicht die geniigende Sicherheit bieten konnen, mu es doch hier immer zum guten Teil der Willkiir iiberlassen bleiben, diese oder jene Bedeutung des Wortes Wirtschaft als sprachiiblich zu bezeichnen oder nicht, Ein zweiter Weg der Begriffsbestimmung geht von dem Bestande einer theoretischen Wissenschaft aus. Indem diese es sich zur Aufgabe macht, durch ihre Gesetze einen Zusammenhang in Erscheinungen der Erfahrungswelt festzustellen, erscheint der in diesen Gesetzen zu fassende Bereich der Erfahrung abgegrenzt. So kann aus dem Systeme der theoretischen Nationalokonomie heraus das Gebiet der Wirtschaft er- faBt werden, und wenn die theoretische Okonomie in voller Exaktheit ausgearbeitet ist, so mufl sich auf diesem Wege cine eindeutige und sichere Begriffsbestimmung ergeben. Der so gewonnene Begriff wird sich nun mit dem Popularbegriffe der Wirtschaft wenigstens ungefibr decken. Freilich ist der Sprachgebrauch nicht mit der Absicht ge- bildet worden, das Objekt einer theoretischen Wissenschaft zu definieren, aber indem er an verschiedenen Erscheinungen ein Gemeinsames fest- halt, indem er im Gewirre von Mannigfaltigkeiten Ordnung zu schaffen hestrebt ist, tragt seine Prigung unbewufit die Tendenz in sich, einen Begriff zu bilden, der taugliches Objekt allgemeiner Aussagen ist. Wenn das, was uns der Gebrauch der Sprache als mehr oder weniger scharf * ===== PAGE 10 ===== — 4 — umgrenzte Tatsache , Wirtschaft hinstellt, fiir die Forschung ein rohes Material darbietet, so kann erst die theoretische Untersuchung einen klaren Begriff herausarbeiten. ,Es gibt kein empirisches Gesetz, das aicht auf die Verkniipfung der gegebenen, wie auf die ErschlieBung nicht gegebener Gruppen von Tatsachen ginge; wie auf der anderen Seite jede ,Tatsache” bereits im Hinblick auf ein hypothetisches Ge- setz festgestellt ist und durch diese Riicksicht erst jhre Bestimmtheit erhdlt. Die cmpirische Naturwissenschaft selbst hat daher, seit sie zuerst in den ,stetigen Gang einer Wissenschaft“ eingelenkt ist, an dem Streit, den die philosophischen Parteien um die Rechte der yInduktion” und , Deduktion” fithrten, keinen erheblichen Anteil mehr genommen. Sie muBte, sobald sie ihr eigenes Verfahren priifte, begreifen, dal es sich hier um eine falsche und kiinstliche Trennung von Er- kenntnisweisen und Erkenntniswegen handelt, die ihr beide schon in der Festsetzung ihres urspriinglichen Bestandes gleich unentbehrlich sind.“ 1) Die theoretische Nationalékonomie steht hier prinzipiell nicht anders da, als alle anderen empirischen Gesetzeswissenschaften, in einer Richtung hat sie jedoch mit einer ganz besonderen Schwierigkeit zu kimpfen. Sowie die Wissenschaft zuerst mit BewuBtsein darangeht, das empirische Material der Wirtschaft theoretisch zu bearbeiten, so wie sich die ,eingeborenen Fachausdriicke (Gottl) aufdringen, welche Er- scheinungen bezeichnen, die sich formlich von selbst um den rohen Tatbestand der Wirtschaft gruppieren, findet die nationalékonomische Forschung ihr Material in einem eigenartig verdorbenen Zustande vor. Wohl sind die Tatsachen der Wirtschaft im Hinblick aufmogliche Gesetze von der vorwissenschaftlichen Geistesarbeit geprigt, und in allem, das da mit dem Sprachbegriff der Wirtschaft zusammenhingt, zeigen sich leicht Zusammenhinge und Regelmiafigkeiten, die Forschung hat bald Problemstellungen und Problemlésungen vor sich. Aber es will nicht gelingen, alle diese verschiedenen Probleme um ein zentrales zu gruppieren, aus den Gesetzen der Wirtschaft ein System zu machen, es finden sich immer wieder nebeneinander wesensfremde Elemente, welche bald zu Voraussetzungen der Wirtschaft werden, bald wieder ihre eigenen Gesetze in der Wirtschaft irgendwie sich auswirken lassen. Und das ist das Erstaunliche an dem Bild der Wirtschaft, wie wir es aus dem Sprachgebrauche gewinnen: Es besteht aus einer iibergroflen Zahl von Bestandteilen, von denen jeder fiir sich Gegenstand einer eigenen Wissenschaft ist, die aber im Bereiche der Wirtschaft neuerlich erscheinen und uns die Aufgabe stellen, sie irgendwie in den 1) Cassirer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff, 1910, Seite 313. ===== PAGE 11 ===== — 5 —. Rahmen wirtschaftlicher Erkenntnis einzupassen. Da erscheinen Men- schen mit bestimmten Fahigkeiten und Bedurfnissen, mit geistigen und korperlichen Eigenschaften, da erscheinen Sachguter, welche dem Natur- gesetze unterliegen, da erscheinen rechtliche und gesellschaftliche Er- scheinungen, Klima und Bodenbeschaffenheit, technische Errungen- schaften, religiose und nationale Ideale — das und noch vieles andere ist irgendwie Bestandteill der Wirtschaft oder wirkt in ihr und mitten unter alle dem mul der Kern des Wirtschaftlichen gesucht werden. Da ist es nun kein Wunder, wenn es Schwierigkeiten bereitet, die Tatsachen der Wirtschaft so zu formulieren, daf} sie fur eine theoretische Wissenschaft brauchbar werden, und sie so rein herauszuschalen, daf alles wegfallt, das nicht zum Wirtschaftlichen gehort. So erklart es sich, da der Umfang der Nationalokonomie niemals klar abgegrenzt war, da in ihr Lehrsystem immer technische, psychologische, sozio- logische Satze sich eindrangten, ohne daBl dies anders gerechtfertigt ware als durch einen auflerlichen Bezug auf die wirtschaftliche Er- fahrung. Wenn wir die unzerfallten Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens in ihrer Lebendigkeit uns vorhalten, so erscheinen sie aller- dings als ein Resultat des Ineinandergreifens von Kraften und Elementen der verschiedensten Art; wollte man alles, das da irgendwie dem kausalen Regrefl als Ursache sich darbietet, aufzahlen, man konnte alles vorbringen, das menschlicher Geist je betrachtet hat: technische Wissenschaften, Psychologie, Rechtslehre, Volkerkunde, Geographie wurden nur Teile des Materials behandeln. Aber jede dieser Wissen- schaften, die das Erfahrungsmaterial betrachten, welches den Inhalt des Popularbegriffes der Wirtschaft bildet, hat thre Gesetze und Regel- matligkeiten und wo das vorwissenschaftliche Denken Formeln zur Erfassung der komplexen Erscheinungen, welche Wirtschaft enthalten, zu pragen versucht, da fuhlt es sich dadurch, dal es andere als rein okonomische Gesetze ahnt oder schon kennt, bei der Bildung der Sprachbegriffe immer wieder von der Richtung zur spezifisch okono- mischen Betrachtung abgedrangt und von meta-okonomischen Unterscheidungen und Rethenbildungen beeinflult, Das haben wir gemeint, wenn wir sagten, dal die theoretische Nationalokonomie ihr Material in einem verdorbenen Zustande vorfindet, viel schlechter vor- bereitet als irgendeine andere Wissenschaft. Wir konnen kaum eines der Worte, welche die einfachsten Begriffe der Wirtschaftslehre be- zeichnen sollen, aussprechen, ohne an technische, psychologische, recht- liche, ethische oder ,soziale Zusammenhange zu denken. Dieses Ver- haltnis mag kein Hindernis sein fur die Entwicklung der Faustregeln des Alltages, man kann auch uber Popularbegriffe, denen eine sichere ===== PAGE 12 ===== —_— 6 — Bestimmung fehlt, etwas denken und aussagen. Sollen aber die Ge- setze der Wirtschaft in einem wissenschaftlichen System erfafit werden, so ist es erste Voraussetzung des Erfolges, dal die Probleme als rein 6konomische gefaBBt werden, daB alles Meta-Okonomische aus ihnen ausscheidet. Die Erfahrung als Gegenstand der theoretischen National- tkonomie betrachten heifit das rein Okonomische in ihr sehen — und wenn anders die theorctische Nationalokonomie cine Gesetzeswissenschaft ist, also bestimmtc Relationen 6konomischer Begrific feststellt, so heifit das weiter: dic Erfahrung in spczifisch 6konomische Be- griffe und deren Relationen fassen. Bevor wir diesen Gedankengang weiter verfolgen, wollen wir noch von einer anderen Seite her ein grundlegendes Postulat fur unsere weiteren Untersuchungen formulieren. IL Eine Wissenschaft, welche es sich zur Aufgabe macht, Vorginge der Erfahrungswelt in ihrer Gesetzmifligkeit zu erfassen, mul not- wendig bestrebt sein, ihren Geltungsbereich so weit als moglich aus- zudehnen; wenn sie zunidchst nur vereinzelte Regelmifigkeiten erkennt, muf3 sie trachten, diese in einem theoretischen System zu vereinigen, wo sie ,Ausnahmen” von ihren Gesetzen findet, muf} sic das allge- meinere Gesetz suchen, welches auch diese erfafit. Gerade in einem Gebiete, in dem ein starker Wechsel der Bedingungen die lirscheinungen in eine iiberreiche Mannigfaitigkeit zersplittert, in dem das Auge des Betrachters zunidchst nur ein Gewirre von Widerspriichen und Regel- losigkeiten sieht, in einem solchen Gebiete ist eine Orientierung erst daon méglich, wenn eine Wissenschaft von hoher Allgemeinheit ein festgefiigtes System von Gesetzen vermittelt, welche imstande sind, jeden Einzelfall zu erfassen. Es bleibt daneben der Spezialarbeit tiber- lassen, die Wirkungen dieser Gesetze in speziellen Fillen, unter be- stimmten niher definierter Voraussetzungen zu betrachen, so da in die allgemeine Theorie speziellere Theorien eingebaut erscheinen, welche jeweils nur einen Teil der KErscheinungen — eben jene, bei denen die aufgenommenen Voraussetzungen zutreffen, — erkliren konnen. Die wissenschaftliche Forschung hat sich vielleicht niemals vor einem Erfahrungsobjekt von so reicher Mannigfaltigkeit gesehen wie damals, als sie daran ging, die Tatsachen der Wirtschaft in ihrer Gesetzmifigkeit zu erforschen. Auf einem Gebiete von ungeheueren Dimensionen hat die bahnbrechende Arbeit der grofflen Begriinder unserer Wissenschaft wertvolle Erkenntnisse zutage gefordert, sicher ist ===== PAGE 13 ===== v— 7 —_— die Eigenart des Objektes mit eine Ursache dafiir, da die theoretische Nationalékonomie sich seither nicht im steten Flusse fortentwickeln konnte. Immer lauter wies man auf die Veranderungen der Wirtschaft in der Geschichte hin, hatte es Aufgabe der Theorie sein miissen, das allen Formen der Wirtschaft Gemeinsame zu suchen, so stellte die aufkommende historische Schule die Verschiedenheiten und Verande- rungen in den Vordergrund des Interesses. Es ist leicht zu verstehen, dal da die Theorie verzagen konnte. Gerade der Umstand, der die Notwendigkeit der reinen Theorie am eindringlichsten hatte zeigen sollen, wurde zu einem Argument gegen die Theorie: Will man alles das, was fliglich als Wirtschaft bezeichnet werden kann, verstehen, so mul man die Gesetze kennen, denen jede Wirtschaft unterworfen ist; nur langer Arbeit konnten sich solche Gesetze erschlieflen, und das Ziel wire der Mihe wert gewesen. Aber man glaubte nicht an die Mbglichkeit der allgemeinen Theorie: was sollte die Wirtschaft der Naturvolker mit der des Hochkapitalismus gemeinsam haben, was die Wirtschaft der von Zunften beherrschten mittelalterlichen Stadt mit der Planwirtschaft der kommunistischen Gesellschaft! Immer Neues hat der Ablauf der Jahrhunderte in der Wirtschaft zutage gebracht, wir haben keinen Anlal, die Verhaltnisse unserer Zeit als Abschiu einer Entwicklung anzusehen: Neues wird auch die Zukunft bringen. Wenn schon Gleichartiges zusammengefaBt werden soll, so hie} es, dann moge man dieses nicht in dem unendlichen Proze8 der Geschichte suchen, sondern auf relativ eng umgrenzten Stadien der Entwicklung. Die Frkenntnis ist wohl recht naheliegend, dal jede Wirtschaftsstufe ihren eigenen Gesetzen unterliegt, dal es ebensoviele Systeme von okonomischer Theorie gibt als typische Formen der Wirtschaft. Aber sowie wir diese Theorien nebeneinander stellen, werden wir sehen, da sich unter ihmen Gruppen von verwandten Systemen bilden, dai all- gemeinere Gesetze fiir verschiedene Wirtschaftsformen, von denen jede auch ihren eigenen Gesetzen unterliegt, sich finden lassen. Und wenn alles das, was in diesen verschiedenen Objekten als Wirtschaft bezeichnet wird, durch einen gemeinsamen Problemzusammenhang charakterisiert ist, wenn wir also wirklich das Recht haben, alles das scheinbar so Verschiedene mit einem Ausdrucke als Wirtschaft zu bezeichnen, dann mufl es méglich sein, uber all die ein- zelnen Wirtschaftstheorien eine letzte und allgemeinste theoretische Okonomie zu setzen. Wahrend das spezielle System an weitgehende Voraussetzungen gebunden ist, von Bedingungen abhingt, welche einmal vorliegen und ein andermal nicht, 1a8t der ===== PAGE 14 ===== —_— 8 — Fortschritt zur reinen Theorie immer mehr von diesen veranderlichen Ge- bilden der Geschichte fallen. Alles was die Wirtschaft einer bestimmten Zeit — oder auch: eines bestimmten Volkes, eines bestimmten Klimas — neben anderen Wirtschaften kennzeichnet, verschwindet und die reine Theorie kennt nur noch das, was jeder Wirtschaft zugehort. Wo liegt nun fiir die 6konomische Theorie die Grenze bei diesem Prozel der Loslosung von dem Gewordenen und Verginglichen? Diese Frage kann eine recht verschiedene praktische Bedeutung erhalten, je nachdem, wo wir uns diese Grenze vorzustellen versuchen. Nehmen wir an, es warc gelungen, fiir die verschiedenen Stufen der abendiindischen Wirtschaft spezielle Wirtschaftstheorien zu finden es wire weiter gelungen, fiir alle diese Wirtschaftsformen cine gemein- same Theorie aufzustellen. Nehmen wir des weiteren an, es wire dasselbe fiir die chinesische und indische Wirtschaft gelungen, so daf wir fiir drei Kulturkreise drei Wirtschaftstheorien haben, welche alle zur hochsten Allgemeinheit aufgestiegen sind, die in ihrem Gebiete moglich und notwendig ist. Nun verlangt unser Programm, dal wir iiber die drei schon recht allgemeinen Wirtschaftstheorien eine Wirtschafts- theorie von noch grofierer Allgemeinheit setzen. Es wire nun denk- bar, da das schlechterdings nicht mdéglich ist. Da waren wir bei einer recht nahen Schranke auf dem Wege zur reinen Wirtschafts- theorie stehen geblieben — ja wir hitten diese scheinbar nicht erreicht. Scheinbar nur! Denn wenn uber die abendlandische, die indische und die chinesische , Wirtschaft” sich etwas Gemeinsames nicht aus- sagen lift, dann hat der allgemeine Popularbegriff der Wirtschaft fiir die theoretische Wissenschaft keinen Sinn, dann bedeutet , Wirtschaft” bei den drei Kulturen etwas Unterschiedliches, das fiir die theoretische Er- kenntnis nicht zu einen ist, etwas das man — solange man im Rahmen gesetzeswissenschaftlicher Forschung bleibt — nicht mit einem Worte bezeichnen solite. Dann wire eben fiir uns Europier die Theorie der abendlindischen Wirtschaft die reinste und ,absolute Theorie der fiir uns aktuellen Wirtschaft, dann wire die theoretische Nationalokonomie nur als Wissenschaft von stark historisch-relativem Charakter méglich, sie wiirde von Voraussetzungen ausgehen, welche aur in einem relativ engen Abschnitte des historischen Geschehens vorliegen; und wer unserer Wirtschaft eine Prognose fiir die Zukunft stellen wollte, miiite priifen, wie lange diese Voraussetzungen noch vorliegen werden, — sobald sie wegfallen, kann nicht mehr von Wirtschaft gesprochen werden, wenn dieses Wort als Fachausdruck das Objekt einer Gesetzeswissenschaft bezeichnet. Manche mogen ===== PAGE 15 ===== — 9 — heute geneigt sein, an der eben bezeichneten Grenze die letzte Schranke fur die tkonomische Theorie zu sehen, wenn sie nicht gar schon fruher unubersteigbare Hindernisse fur diese Wissenschaft furchten. DaB wir vor dieser Grenze nicht Halt machen mussen, das wird sich spater zeigen, das Forschen nach Gesetzen der Wirtschaft fuhrt schnell zu Satzen von auflerordentlich hoher Allgemeinheit, mit einem erstaunlich weiten Wirkungsbereich; es wird sich zeigen, daf, so grofl auch das Trennende in verschiedenen Wirtschaften zu sein scheint, eine Befrachtung, welche das spezifisch Okonomische heraus- zuheben versteht, deutlich die Elemente sieht, die alle Wirtschaft kenntlich machen und wir werden sehen, dal der ubliche Gebrauch des Wortes Wirtschaft ungefahr jenen Bereich bezeichnet, welchen die reine okonomische Theorie beherrscht. IIL Wir haben nunmehr zwei Grundsatze gefunden, welche uns bei Bearbeitung des rohen empirischen Materials der Wirtschaft leiten mussen: Wir mussen zunachst darauf hinzielen, das im Sinne einer theoretischen Wissenschaft rein Okonomische festzuhalten, und wir mussen des weiteren trachten, uns so aligemein zu fassen, da} wir wirklich alles das ergreifen, was von dieser Fach- wissenschaft in ihren denkbar weitesten Gesetzen umspannt werden kann. Wenn wir das, was die Sprache als Wirtschaft be- zeichnet, zu dem der theoretischen Nationalokonomie zugrunde liegenden Tatbestand der Wirtschaft sublimieren wollen, mussen wir diese Prin- zipien im Auge behalten, Der theoretisch definierte Tatbestand der Wirtschaft hat zunachst nur fur die Fachwissenschaft einen Sinn, er ist nur nach Maflgabe der Erfordernisse der theoretischen Nationalokonomie zu pragen, — und er ist derart zu formulieren, da er das Gebiet der Nationalokonomie so weit erstreckt, als es fur diese Wissenschaft uberhaupt moglich ist. Wenn wir diesen Tatbestand definieren wollen, so werden wir dazu einige Begriffe brauchen, welche von grundlegender Bedeutung sein mussen: Einerseits werden wir, wo wir in der Erfahrung Erscheinungen dahin uberprufen, ob sie ,Wirtschaft* im Sinne der okonomischen Theorie sind, uns immer zunachst fragen mussen, ob wir in ihnen etwas finden, das in den bezeichnenden Begriffen erfabar ist, — und andererseits wird, wie alle Wirtschaft nur mit dem defi- nierten Tatbestand der Wirtschaft gegeben ist und aus diesem gleich- sam herauswachst, die ganze theoretische Nationalokonomie nur ein Abwandeln des okonmomischen Tatbestandes sein; sie wird ihre Aufgabe ===== PAGE 16 ===== einzig darin sehen, die Relationen, welche sich zwischen den diesen Tatbestand umgrenzenden Begriffen entwickeln konnen, aufzuzeigen. Die Begriffe, welche derart den fiir die theoretische Nationalokonomie relevanten Tatbestand der Wirtschaft definieren, nennen wir die 6ko- nomischen Kategorien. Unsere Aufgabe wird es sein, diesec okonomischen Kategorien zu finden, wir wollen uns daruber klar werden, welchen Weg wir da ein- zuschlagen haben. Die Fachwisscnschaft der theoretischen Nationalékonomie ist von der Grenznutzenschule zum ersten Male in cinem befriedigenden theo- retischen Systeme ausgearbeitet worden, es ist dieser Schule gelungen, die wichtigsten Probleme, welche hier liegen, erfolgreich zu bearbeiten, und ein gut Teil dieser Probleme ist wohl endgultig gelost — soweit man dies von irgendeiner wissenschaftlichen Erkenntnis sagen kann. Wenn wir aus unseren Okonomischen Kategorien ein System der theoretischen Nationalokonomie abzuleiten versuchen werden, so werden wir in allen prinzipiellen Fragen zu denselben Resuitaten kommen, wie die moderne Theorie, und wenn es sich vielleicht zeigen wird, dal wir an manchen Stellen etwas an Problemlésungen beitragen konnen, wenn es uns gelingt, aus der Art unserer Formulierung der Grundprobleme einen Gewinn fiir die Behandlung von Spezialfragen zu erzielen, so wird dies uns nur ein erfreuliches Zeichen fiir die Brauchbarkeit unserer Untersuchungen sein. Wie immer dem sein mag: Wir rechnen bei unseren Untersuchungen mit dem Bestande einer Fachwissenschaft, und wir werden uns stets an dieser zu orientieren haben. Es wird von Vorteil sein, wenn wir hier an dem Beispiele eines der Theorie entnommenen Gesetzes ausfuhren, welchen Sinn die folgenden Untersuchungen haben sollen. Das Grundgesetz der Wert- lehre lautet nach Bohm-Bawerk: Die Grofle des Wertes eines Gutes bemifit sich nach der Wichtigkeit desjenigen konkreten Bediirf- nisses oder Teilbediirfnisses, welches unter den durch den verfugbaren Gesamtvorrat an Giitern soicher Art bedeckten Bediirfnissen das mindest wichtige ist.” Hier wird gesagt, da der Guterwert durch bestimmte Momente definiert ist, durch die gréflere und kleinere Wichtigkeit von Bediirfnissen und durch den verfiighbaren Gesamtvorrat an Giitern. Sind diese Daten bekannt, so ist die Grofle des Wertes eindeutig bestimmt. Es ist klar, da} jede praktische Wertschiatzung nach dieser ) B6bm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins, 2. Abteilung, Positive Theorie des Kapitales, 3. Auflage 1909 und 1912, Seite 246. ===== PAGE 17 ===== Formel eine Wichtigkeit von Bedurfnissen und einen verfiig- baren Gutervorrat voraussetzt. So sind diese beiden Ausdrucke Bezeichnungen fur notwendige Voraussetzungen des Wert- gesetzes. Nicht nur in unserer modernen Wirtschaft verlangt jede konkrete Wertschatzung derartige Daten, sondern in jeder denkbaren Wirtschaftsform sind diese Daten Voraussetzung des wirtschaftlichen Wertens. Wenn nun die Wertschatzungen, von denen der oben zitierte Satz von Bohm-Bawerk spricht, etwas sind, das in dieser Art in jeder denkbaren Wirtschaft vor sich geht, wenn also dieser Satz in dieser Form ein Gesetz der reinen okonomischen Theorie ausdruckt — das mag uns einstweilen problematisch sein —, so ergibt sich mit Notwendigkeit die absolute Geltung der Begriffe ,Wich- tigkeit von Bedurfnissen“ und ,verfiigbarer Gutervorrat” fur die Wirt- schaft, das Wertgesetz druckt dann eine notwendige Folge dieser seiner Voraussetzungen aus — und vielleicht noch anderer Voraus- setzungen, welche dann in entsprechender Weise zu formulieren sind, das wird sich noch zeigen. Dabei konnen diese Voraussetzungen ver- schiedenartig ausgestaltet, konkretisiert sein. Die allgemeinsten Begriffe derartiger Daten, die alles das enthalten, was fur die okonomische Betrachtung wesentlich ist, und die daneben frei sind von allen meta- okonomischen Elementen, sind dann die okonomischen Kategorien in dem Sinne, in welchem wir diesen Ausdruck gebrauchen wollen: Sie sind allgemeine Formen fur das, woran die Gesetze der Wirtschafts- theorie sich férmlich anknupfen. Wenn wir nun gesagt haben, dal das System der okonomischen Kategorien sich im Wesen mit der modernen okonomischen Theorie decken wird, so haben wir damit auch schon gesagt, was ungefahr unsere ckonomischen Kategorien sein werden: Allgemeine Formeln fur die Begriffe, von denen die theoretische Nationalokonomie etwas aus- gesagt hat. Wir werden okonomische Kategorien erhalten, welche wenigstens ungefahr dasselbe besagen wie z. B. die Ausdrucke ,,Wichtig- keit von Bedurfnissen und ,verfugbarer Gutervorrat”. Freilich wird es notwendig scin, diese Begriffe als rein okonomische zu formulieren. Bei dem Ausdrucke Bedurfnis denken wir immer an psychische Er- scheinungen (im Sinne eines Popularbegriffes), es wird zu untersuchen sein, in welcher Form diese zu Tatsachen der Wirtschaft werden; bei dem Ausdruck Gutervorrat denken wir an ,Gegenstande der Auflen- welt”, welche den Gesetzen der physischen Natur unterworfen sind, — wir werden sehen, wie diese als Elemente eines rein okonomischen Systems erscheinen; bei dem Ausdrucke ,verfugbar* spurt man viel leicht schon leise ein Hineinwirken einer sozialen Kategorie in das rein ===== PAGE 18 ===== Okonomische, es wird unsere Aufgabe sein, hier eine prizise Formulierung zu versuchen. So weit wiirde das Wertgesetz von Bohm-Bawerk Begriffe an- wenden, welche wir als allgemeine Formeln fiir die Daten der Wirt- schaft bezeichnen koOnnen, die vielleicht noch nicht in jener Exaktheit umschrieben sind, welche man von der gereiften Wissenschaft verlangen muf, die aber doch die wescatliche Arbeit auf dem Wege zur Pragung der Skonomischen Kategorien voraussetzen. Hier konnte es scheinen, daf wir leicht von den Arbeiten der modernen Theoretiker unmittel- bar ausgehen und unsere Aufgabe nur darin schen konnten, die Be- grifte, mit denen sic arbeiten, von wescnsfremden Elementen zu reinigen: Wir konatea so die allgemeinen Degriffe bilden, uber welche die Gesetze der okonomischen Theorie etwas zu sagen haben. Das eigenartige Verhaltnis, in dem die iberkommene okonomische ‘Theorie zur Wirklichkeit steht, macht aber diesen Weg ungangbar. Sehen wir naher zu, wie der wesentliche Inhalt der theoretischen Nationalokonomie definiert wird! ,Das Problem der Statik lafit sich stets in das folgende Schema bringen. Gegeben: Eine bestimmte Be- volkerung von bestimmten Anlagen und Bedurfnissen in einem ge- gebenen geographischen Milieu und in gegebener Weise sozial und wirtschaftlich organisiert, ausgestattet mit bestimmten Produktions- methoden und Gutervorraten. Gesucht: Die Mengen und Preise aller Guiter, die unter diesen Verhaltnissen erzeugt und ausgetauscht werden.” 1) Mancher Theoretiker mag nun nicht mit der Art, wie hier die Auf- gabe der Okonomie formuliert wird, vollig einverstanden sein, soweit aber Schumpeter hier von den Gegebenheiten der Wirt- schaft spricht, wird wohl kaum jemand einigermafien weitgehende Einwendungen machen. Im Prinzipe wird jeder zugeben, da derartige ,Daten fiir jede Wirtschaft vorhanden sein mussen. Der okono- mische Prozefl erscheint gleichsam in das Bett der Daten eingelagert, ist mit diesen notwendig verkniipft, an sie gebunden. Es ist ja klar: Diese Daten miissen immer vorhanden sein. Wo es Wirtschaft gibt, dort gibt es auch Menschen mit irgendwelchen Anlagen und Bedurf- nissen, gibt es ein geographisches Milieu und eine ,soziale und wirtschaft- liche Organisation”, und immer gibt es irgendwelche Gutervorrate und Produktionsmethoden, — wo etwas von dem fehlt, da kénnen wir uns nicht gut , Wirtschaft" vorstellen. So bilden diese Daten nicht ihrem konkreten Inhalt nach, sondern ihrer allgemeinen Form nach notwendige Voraussetzungen der Wirtschaft. Damit ist 'Yy Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, igi2, Seite 464. ===== PAGE 19 ===== — 13 — eines fur uns gegeben: Wollen wir den Tatbestand der Wirt- schaft vollstandig erfassen, so mussen wir auch von die- sen Daten alles das in die Definition aufnehmen, was an ihnen fur die Wirtschaft notwendige Voraussetzung ist. Wir durfen nicht irgend etwas als stillschweigend gemachte selbstver- standliche Voraussetzung stehen lassen, ohne es in den Kreis unserer Untersuchungen bewufit einzubeziehen, wir durfen uns nicht damit begnugen, das zu analysieren, was die theoretische Nationalokonomie ausdrucklich behandelt, wir mussen auch ihre auflenstehenden An- nahmen betrachten. Wenn aber die theoretische Nationalokonomie ,Menschen mit bestimmten Anlagen und Bedurfnissen®, ein ,geogra- phisches Milieu usw. als gegeben ansieht, so baut sie ihre Untersuchungen auf eine Grundlage von ihr wesensfremden Elementen auf. Alle diese Worte bereichnen entweder ganzlich unbestimmte Popularbegriffe oder aber Begriffe, welche wissenschaftlichen Systemen angehoren, die der Nationalokonomie fremd sind, — in beiden Fallen sind sie in dieser Bildung in der theoretischen Nationalokonomie nicht zu brauchen. Wir wollen nicht darauf hinaus, die Bedeutung etwa des geographischen Milieus, der ,sozialen und wirtschaftlichen Organisation” usw. fur die Wirtschaft zu leugnen: Diese Worte bezeichnen etwas, das unzweifel- haft fur wirtschaftliche Erscheinungen mitbedingend ist. Aber die Ausdrucke, welche das hier Wirkende in dieser Art bezeichnen sollen, sind fur unsere Wissenschaft unbrauchbar, sie konnen nicht den Tatbestand der Wirtschaft definieren, weil sie nicht im vorhinein allein mit Rucksicht auf die Gesetze der Wirtschaft gepragt wurden. Eine Untersuchung uber die okonomischen Kategorien muf jeden- falls auBer dem herkommlichen Begriffssystem der Nationalokonomie auch alles das betrachten, was unausgesprochen als Datum der Wirt- schaft unterlegt wird. So kann unser Ausgang nicht eine Betrachtung der herkommlichen Grundbegriffe der Wirtschaftstheorie sein, wir mussen ebendort beginnen, wo die Wirtschaftstheorie ihren ersten Ausgangspunkt findet. IV. Wirtschaft entspringt aus der, Lebensnot¥, die G ottl die Dominante der Wirtschalt genannt hat.) Aus der Tatsache, dal weniger Guter da sind, als gebraucht werden, folgen gewisse Erscheinungen, welche 1) Gott], Wirtschaft und Techmk (Grundnf der Sozialokonomik, IL Abteilung, 1914), Seite 208. ===== PAGE 20 ===== — 14 — einer eigenen Gesetzlichkeit unterliegen, jener Gesetzlichkeit, welche in den QGesetzen der Okonomischen Theorie erfafit wird. Der Tat- bestand der Lebensnot ist nun zunichst wenig prazise umschrieben, Wenn wir aus thm heraus den klar definierten Tatbestand der Wirt- schaft gewinnen wollen, so wird unsere Problemstellung so lauten: Welche Elemente lassensichausdem — vorwissenschaft- lich gefaiten — Tatbestand der Lcbensnot gewinnen und miissen als notwendige Voraussetzungen der Mog- lichkeit okonomischer Gesetze gedacht werden in der Weise, dal ohne die Setzung dieserElementeein 6kono- misches Gesetz nichtdenkbarist,da aber auch zugleich mit der Setzung aller dieser Elemente notwendig sich der im O6konomischen Gesetz bezeichnete Zusammen- hang ergibt. Diese Elemente, die 6konomischen Kate- gorien, wie wir sie genannt haben, definieren dann den Tatbestand der Wirtschaft mit der strengen fiir die Fachwissenschaft notwendigen Exaktheit. Hier mag es am Platze sein, cine kurze Bemerkung iiber die Frage des Umfanges der Geltung der Skonomischen Theorie einzuschieben. Der Tatbestand der Lebensnot ist in der menschlichen Geschichte immer gegeben gewesen und er wird ohne Zweifel immer gegeben sein. Selbst wenn es gelingt, die Versorgung aller Menschen in Bezug auf die Existenzbediirfnisse vollkommmen ausreichend zu gestalten, und wenn die hier in Betracht kommenden Giiter so reichlich vorhanden wiren, da} sie iiberhaupt nicht bewirtschaftet werden miiSten, — schon das ist Utopie —, selbst dann wiirde es noch immer irgendwelche Giiter geben, die knapp sind, und scien es auch die iiberfliissigsten Luxus- gegenstinde. Der Tatbestand der Lebensnot wire dann wenigstens fir diese Giiter gegeben, wenn auch mit einer so sehr verschiedenen Einstellung des Einzelnen zu diesem Tatbestande, da man nicht gerne von , Not“ sprechen wird, — es wird sich zeigen, dafl die gefiihls- miBige und ethische Betonung, welche auf dem Worte ,Not“ liegt, fiir die Wirtschaft nicht wesentlich ist. Wenn wir nun bei unseren weiteren Deduktionen zur Gewinnung der okonomischen Kategorien von dem allgemeinen Tatbestande der Lebensnot ausgehen, so sind die Skonomischen Kategorien und die aus ihnen abgeleiteten dkonomischen Gesetze in demselben Ausmafle Jhistorisch-relativ® wie dieser Tatbestand der Lebensnot, oder aber: Sie sind mit diesem Tatbestande fiir die Geschichte der Menschheit allgemein gililtig, sie enthalten kein Element, das nur fiir begrenzte Teile der menschlichen Geschichte als eine engere historisch-relative ===== PAGE 21 ===== Determinante Geltung hitte. Wenn wir den 6konomischen Kategorien Absolutheit oder allgemeine Geltung zuerkennen, so soll das in diesem Sinne verstanden sein; doch wir kommen auf dieses Problem noch zuriick. V. Wenn die okonomischen Kategorien dazu dienen sollen, eine exakte okonomische Theorie aufzubauen, und wenn sie aus der komplexen Erfahrung das rein Okonomische hervorheben sollen, so bedeutet ihre Gewinnung einen Schritt auf dem Wege zur Lésung des Problemes, wie sich das rein Okonomische zu den meta-6konomischen Erscheinungen verhdlt. Wir erinnern wieder an den zitierten Satz von Schumpeter, der eine Reithe von auflerdkonomischen Elementen nennt, die sicher in einem nahen Konnex mit dem ¢konomischen Ge- schehen stehen. Es ist unzweifelhaft, da} eine Erscheinung nur dann im Sinne eines Skonomischen Gesetzes determiniert sein kann, wenn die Daten unverindert bleiben; eine Anderung etwa der Produktions- methoden oder der Bediirfnisse wird auch in der Wirtschaft zu Ver- schiebungen fithren; die Art und Weise, wie jedes dieser Daten aus- gestaltet ist, wird von mafigebendem EinfluB auf die Wirtschaft sein. So erscheint die Wirtschaft leicht als ein Gebiet, das nicht einer Eigen- gesetzlichkeit allein unterworfen ist, sondern in seiner Beeinflussung durch fremdartige Gebilde gleichsam auf einem beweglichen Boden steht und allen Bewegungen, die dieser macht, mitfolgen mus. Die konsequente Durchfiihrung der Gedanken, welche uns bei der Auf- stellung der okonomischen Kategorien leiten, wird hier zu einer Klar- stellung des Verhiltnisses zwischen dem rein Okonomischen und dem Meta-Okonomischen fiihren. Wenn wir eine gegebene Situation in den Formeln der okonomischen Kategorien erfassen, so finden wir die Konkretisierungen dieser reinen Begriffe in einer historisch gegebenen Situation. Die Bestimmung eines konkreten Objektes fiir unser Er- kennen mag niemals in vollkommener Weise nétig sein — wir fragen hier nur, welcher Art die Aufgabe ist, die uns da vorliegt. Wir miissen jene Aussagen gewinnen, welche uns angeben, wie jede einzelne okonomische Kategorie in dem angegebenen Falle reali- siert ist. Wenn nun die 6konomischen Kategorien in ihrer allgemeinen Form alles das zu erfassen imstande sind, was fiir die Wirtschaft wesentlich ist, wenn sie den okonomischen Tatbestand voll erfassen, dann miissen die konkreten Ausgestaltungen der okonomischen Kate- gorien alles das enthalten, was irgendwie Voraussetzung der Wirtschaft ===== PAGE 22 ===== —_— 16 — werden kann, In der Beschreibung einer konkreten okonomischen Situation darf nichts fehlen, das den zu erwartenden 6konomischen Vorgang influenziert.!) Da diese Situation als eine okonomische erfaBt werden soll, kann dies nur in den Formeln der bdkonomischen Kategorien geschehen: Das Mecta-Okonomische erscheint als Inhalt der dkonomischen Kategorien, die Daten der Wirtschaft sind Konkretisie- rungen Okonomischer Kategorien. Die Satze, welche uns nun die Ausgestaltung dieser Kategorien in einer konkreten Situation angeben, wollen wir dic Organisation der Wirtscha{t nennen, wobei wir uns die Rechtfertigung dieser Bezeichnung, die sicher auf den ersten Blick etwas ungewohnt erscheint, fur spater vorbehalten mussen. Die Organisation erfagt alles Historisch-Relative in der Wirtschaft. Alle die meta-okonomischen Elemente, welche fur die Wirtschaft relevant werden konnen, mussen Teil der Wirtschaftsorganisation werden. Viel- leicht ist es vorteilhaft, wenn wir diesen Gedanken noch in anderer Formulierung wiederholen. Alle die Daten der Wirtschaft, die etwa die Tatbestandsbeschreibung Schumpeter’s neant, (Menschen mit Bediirfnissen und Anlagen, soziale und wirtschaftliche Organisation, Gutervorrate usw.), sind als Tell der Wirtschaft in ihrer konkreten Ausgestaltung Inhalt okonomischer Kategorien und werden als solcher in den Satzen der Organisation der Wirtschaft erfafft. Es ware unrichtig, diese Daten selbstandig vor und aufler- halb des Wirtschaftlichen stehen zu lassen: Das wurde fiir sie eine Begriffsbildung bedeuten, die nicht nach den Erfordernissen der Okonomie vollzogen ist, — in der Gkonomischen Betrachtung nehmen die Daten die Form der okonomischen Kategorien an. Mit dieser Bestimmung des Verhaltnisses des Meta-Okonomischen zu den okonomischen Kategorien haben wir unsere Stellung zu einer Frage bereits im wesentlichen festgelegt, welche fur die okonomische Theorie stets von grofler Bedeutung gewesen ist, — wenn sie auch von Fachtheoretikern verhaltnismaBig wenig ex offo bearbeitet wurde, und wenn auch die Zahl der Untersuchungen, welche, vom Standpunkte der 6konomischen Theorie ausgehend, eine prinzipielle Losung versuchen, eine recht sparliche ist: Es ist die Frage, welche Bedeutung die ,soziale Kategorie“ in ihrem Verbhaltnisse zu dem rein Okonomischen hat. Zunichst wollen wir hier festhalten, da fur uns die Frage nach den sozialen Bedingungen der Wirtschaft keine selbstandige Stellung hat neben der Frage nach dem Historisch-Relativen in der Wirtschaft 1} Uber Datenanderungen, welche sich wahrend des Ablaufes eines Wirtschafts- prozesses vollziehen konnen, und iiber die ErfaSbarkeit der Wirkungen derselben sprechen wir spiiter. ===== PAGE 23 ===== uberhaupt: Wir haben, als wir die Daten der herkémmlichen Tat- bestandsbestimmung fur einen Teil der Wirtschaftsorganisation erklirten, keine Unterscheidung gemacht zwischen den sozialen lilementen (,soziale und wirtschaftliche Organisation”) und den ,naturlichen Gegcbenheiten® (geographisches Milieu etc). Die Elemente, welche dic Organisation der Wirtschaft konstituieren, sind wohl recht verschiedener Art, sie kommen aus den verschiedensten Bereichen der Erfahrung her — das ist unzweifelhaft. Was wir postulieren, — und wir hoffen, da die Durchfithrung unserer Untersuchungen die Erfullbarkeit dieses Postulates erweisen wird, — das ist eines: dal diese disparaten Elemente fur die Okonomie einheitlich erfaBt werden. Wir dehnen nun — das sei gleichfalls hier schon festgestellt — dieses Postulat iiber die herkémm- lichen Daten der Wirtschaft hinaus auch auf jene Elemente aus, welche -—— obwohl sie zweifellos geeignet sind, die konkreten Er- scheinungen der Wirtschaft zu beeinflussen — von der Theorie mit Absicht aus dem Bereiche des rein Okonomischen verwiesen wurden: Wir meinen jene Momente, welche als aulerwirtschaftliche Motive und Momente zusammengefait werden und als solche dem wirtschaftlichen Motiv entgegenwirken.!) Hier gehen wir von der herrschenden Lehre weiter ab als sonst irgendwo. Zweifellos hat die Methode der isolierenden Betrachtung der Wirkung eines wirtschaftlichen Motives so viele Nachteile fur das Bild der Wirtschaft, das uns die Theorie gibt, dal man leicht annehmen kann, die Vertreter der Isoliermethode hatten aus der Not eine Tugend gemacht, hitten von den auBerwirtschaftlichen Motiven deshalb ab- gesehen, weil es nicht gelungen ist, sie in den Rahmen des theoretischen Systems einzuspannen. Dann wird es nur erfreulich sein, wenn sich aus unserem Ausgangspunkte ergibt, dal die Einbeziechung dieser Elemente moglich ist, ja da} sie notwendig ist. Daruber wird an ge- eignetem Orte gesprochen werden, hier sei nur gezeigt, was wir auf unserem Wege gewinnen kdénnen. Wenn Wirtschaft jeder Erfahrungs- inhalt ist, der in den allgemeinen Begriffen der okonomischen Kate- gorien erfafit werden kann, wenn weiter die Organisation der Wirt- schaft jene Determinanten erfafit, welche die konkreten Ausgestaltungen der Skonomischen Kategorien ergeben, wenn die Wirtschaftstheorie die Gesetze aufzeigt, welche sich aus den okonomischen Kategorien ableiten lassen, dann ist die empirische Wirtschaft ein Dasein, das nach diesen allgemeinen Gesetzen bestimmt ist, dann ist die Nationalékonomie als eine theoretische Wissenschaft von empirischen Er- scheinungen begriundet. Nicht als eine empirische Wissenschaft im ) So 2. B. Béhm-Bawerk, Macht oder Gkonomisches Gesetz? Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, 23. Bd., 1914. Strigl, Die tkonomischen Kategorien, 2 ===== PAGE 24 ===== Sinne jener, welche nur vom Sammeln der Tatsachen ausgehen wollten, ohne eine vorhergehende theoretische Analyse gelten zu lassen, — wohl aber als eine Wissenschaft von der Erfahrung in dem Sinne, wie es irgendeine Naturwissenschaft ist, die Erscheinungen als gesetzmifig begreifen will. Es ist fiir eine Wissenschaft des physischen Geschehens oft schwer, alle Bedingungen, unter welchen ihre Gesetze in einem gegebenen Falle wirken, zu erfasscn. Lin oft gebrauchtes Beispiel: Wenn die Meeres- wogen an eine zerkliftete Kiiste stoflen, so sehen wir in der Brandung ein wirres Durcheinander, das im Einzelnen zu bestimmen unméglich wire, — und doch zweifelt niemand, dal der Weg eines jeden Wasser- tropfens nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist. Nicht die Unvoll- kommenhciten der Wissenschaft, noch weniger die Unmdglichkeit der Aufstellung allgemeiner Gesetze oder das Ineinanderwirken verschieden- artiger, einander widerstreitender Gesetze sind die Griinde, welche die Erfassung des Details verwehren., Wir kennen alle Krifte, die da wirken,aber wirkennennichtdasDetailderBedingungen, unter denen sie wirken, wir kennen nicht die Daten, welche ihrer Wirkung im Einzelnen zugrunde liegen. Nicht anders ist die Sachlage auf dem Gebiete unserer Wissenschaft. Es wird sich zeigen, dal auch im Bereiche der Wirtschaft das Irrationelle, das oft im Einzel- falle beobachtet wird, nur in den Daten liegen kann, die nicht immer voll zu erfassen sind, wihrend die skonomischen Gesetze in strengster Konsequenz die Wirkungen, die sich an den gegebenen Tatbestand, kniipfen, bestimmen. VL Die Gesetze der okonomischen Theorie sagen uns, was bei ge- gebener Organisation der Wirtschaft eintreten wird, Und doch ist es nicht moglich, alles Geschehen, das sich im Bereiche der Wirtschaft abspielt, mit diesen Gesetzen zu erfassen. Bei der vorgetragenen Auffassung des Wirtschaftlichen ergibt sich eine Zerfillung alles dessen was es in diesem Bereiche zu erkennen gibt, in zwei Teile: Einerseits die dkonomischen Kategorien und anderer- seits die Organisation der Wirtschaft — wobei die enge Beziehung zwischen diesen beiden Teilen bereits erwiesen ist, die Organisation der Wirtschaft ist nur Erfiillung der Skonomischen Kategorien. Nun konnen zweitellos Anderungen in den Datcn der Wirtschaft eintreten. Es wird unter Umstianden vielleicht moglich sein, diese Anderungen aus den wirtschaftlichen Vorgingen unmittelbar abzuleiten (so etwa eine Vermehrung des Giitervorrates, eine Verinderung der ===== PAGE 25 ===== Giiterverteilung), daruber ist hier nichts weiter zu sagen, — es wird aber auch oft cinc Datenanderung eintreten, welche sich nicht als Wirkung cines okonomischen Gesetzes erfassen lafit; ein ganz prignantes Beispiel: Vernichtung von Guitern durch elementare Naturereignisse. Derartige lireignisse verandern das, was wir die Organisation der Wirtschaft genannt haben, und wenn die neuen Daten Grundlage wirtschaftlichen Geschehens werden, so wird zwischen dieser neuen Wirtschaft und der alten, vor Eintritt der Datendnderung bestandenen, einc Bruchstelle sich zeigen, die mit der Skonomischen Theorie nicht uberbriickt werden kann. Das ist eine notwendige Folge des Ver- haltnisses der Organisation der Wirtschaft zu den 6konomischen Kate- gorien, Nur aus den allgemeinen Formen der okonomischen Kategorien lassen sich die Gesetze der Wirtschaftstheorie ableiten, nur bei ge- gebener konkreter Ausgestaltung dieser Okonomischen Kategorien durch eine bestimmte Organisation der Wirtschaft, nur bei gegebenen Daten zeigt sich das wirtschaftliche Geschehen durch die 6konomischen Gesetze bestimmt. Eine Anderung der Daten bedeutet eine Ver- schiebung der Ankniipfungspunkte fiir die okonomischen Gesetze, sie wirkt im wirtschaftlichen Geschehen wie eine Revolution, die sich auflerhalb des Rabmens des Gesetzes vollzieht. Es ist klar, daB der- artige Ereignisse sich oft im Begriffssystem einer anderen Wissen- schaft als der Okonomie etfassen lassen, daB wir da eine andere als die ckonomische Gesetzlichkeit feststellen konnen, aber fur den Bereich der Fachwissenschaft der theoretischen Okonomie ist ein derartiges Geschehen grundsitzlich irrationell. Wenn wir alles Meta-Okonomische aus dem Bereiche des Wirtschaftlichen ausschliefen wollten und wenn wir alles das, was in diesem Bereiche geschieht, in einer eigenartigen Gesetzlichkeit erfassen wollten, so konnte es jetzt scheinen, als ob das Ausgeschlossene gleichsam durch eine Hintertiire wieder in unser System hineindrangte. Wenn wir jetzt auf dieses Verhaltnis hin- gewiesen haben, so geschah dies vor allem um festzustellen, daf hier die Reinheit unseres Systems nicht gestért wird. Es handelt sich darum, der Okonomie ein Gebiet zu sichern, in dem sie autonom ist, in dem sie nach ihren Erfordernissen die Tatsachen pragt, in dem das Geschehen nach ihren (Gesetzen bestimmt ist. Nun ist empirische Wirtschaft der in den Formeln der Okonomischen Kategorien erfaB3- bare Erfahrungsinhalt. In ihrer volien Konkretisierung bilden die er- fullten okonomischen Kategorien die Daten des einzelnen wirtschaftlichen Geschehens. Was sich an diese Daten anschlief3it, das ist durch ckonomische Gesetze erfaSbar, solange die Daten unverdndert bleiben. Das ist das klar umschriebene und strenge 2°* ===== PAGE 26 ===== — 20 — bestimmte Gebiet der Wirtschaft, das ist der Bereich, in dem die theoretische Okonomie Herrin ist. Was dariiber hinaus geht, ist fiir uns irrationell, hier ist der &konomischen Forschung eine Schranke gesetzt, jenseits der andere Wissenschaften ihr Glick versuchen mégen; wir haben unsere Aufgabe erfiillt, ein bestimmtes Geschehen als durch vkonomische Gesetze dcterminiert abzugrenzen. Es ist nicht schwer, Beispiele dafiir zu finden, daB auch fir andere Wissensgebiete das empirische Geschehen nur soweit bestimmt ist, als irgendwelche Daten sich nicht indern. Die Flugbahn eines geworfenen Balles ist durch bestimmte Daten fixiert, wenn der fliegende Ball von einem Spieler aufgefangen wird und seine Flugbahn nicht weiter verfolgen kann, so ist eine Dateninderung eingetreten; und wenn der Spieler den BBall nunmchr zurickschleudert, so setzt er neue Daten fiir eine neue Flugbahn. Auch hier kann eine theoretische Wissenschaft nicht alle Wege des Balles aus einer Ursprungssituation ableiten, sie kann immer nur den Weg von einer Datensetzung zu einer neuen Datensetzung beschreiben, die Setzung der Daten muf3 fiir diese theoretische Wissen- schaft irrationell bleiben — das kann weder der Brauchbarkeit, noch der Richtigkeit ihres Systems Abbruch tun. Fiir die &konomische Theorie konnen wir hier sehen, wie notwendig es ist, klar zu erfassen, was fiir ihr System ein Datum ist, wie grundlegend die Erkenntnis der allgemeinen Formeln dieser Daten, der ckonomischen Kategorien ist. VIL Wir haben als Inhalt der reinen Gkonomischen Theorie die Ab- leitung der mit den o©konomischen Kategorien gegebenen Gesetz- zuldssigkeit erkannt. Doch ist mit dieser reinen dkonomischen Theorie noch nicht alles das erschopft, was im Gebiete des Wirtschaftlichen in seiner GesetzmiBigkeit erfaBbar ist, es ist auch Skonomische Theorie moglich, die einen engeren Geltungsbereich hat. Die Organisation der Wirtschaft bedeutet eine Determination der okonomischen Kategorien bis in das Detail der empirischen Mannig- faltigkeit. Es ist nun denkbar, dal diese Sitze, welche in den einzelnen praktischen Fillen die konkrete Ausgestaltung der okonomischen Kategorien zeigen, in einer solchen Weise zusammengefafit werden, dafl die Struktur einer Wirtschaft in ihren wesentlichen Ziigen unter Vernachlidssigung von Ausnahmen und Details sichtbar wird. Es ist weiter moglich, diese Typen einer Wirtschaftsorganisation von der Wirklichkeit mehr oder weniger weit entfernt zu konstruieren, so dal wir zwischen der in ihrer Mannigfaltigkeit uniibersehbaren Erfahrung ===== PAGE 27 ===== _— 21 — einerseits und dem jedc denkbare Wirtschaft erfassenden System der reinen okonomischen Kategorien, welches nur durch die allgemeinsten Formen der Daten einer Wirtschaft bestimmt ist, andererseits, einen Bau von verschiedenen Wirtschaften mit einer jeweils typischen Orga- nisation erhalten. Und wenn diese typischen Wirtschaftsformen in geeigneter Weise konstruiert sind, so ist es ohne weiterecs moglich, fiir sie eigene theoretische Gesetze zu finden. Wie die Daten einer solchen konstruierten Wirtschaft durch eine nihere Bestimmung der okonomischen Kategorien gebildet sind, so sind die gewonnenen Sitze von diesen Determinanten, von der vorausgesetzten typischen Organisation der Wirtschaft abhangig: Wir erhalten in das System der reinen okonomischen Theorie eingebaut eine Reihe von spezielleren Theorien, von denen jede nur fiir eine zeitlich und raumlich begrenzte Wirtschaft gilt, eben fiir jene, in welcher diese vorausgesetzten Daten sich finden. ?) Es bleibe einstweilen vollig dahingestellt, welche verhiltnismaBige Bedeutung den einzelnen theoretischen Systemen zuzuschreiben ist, ob die spezielleren Systeme viel mehr sagen konnen als das allgemeinste, ob vielleicht das letztere nur ganz wenige und ganz inhaltsleere Aus- sagen enthilt, welche allein die Miihe fiir seinen Aufbau kaum recht- fertigen. Hier handelt es sich ja zunichst nur darum, in groben Um- rissen zu zeigen, in welcher Richtung unsere weiteren Untersuchungen sich bewegen sollen. Und wir glauben jetzt imstande zu sein, noch eine ins Gewicht fallende Rechtfertigung fiir das Suchen nach den okonomischen Kategorien vorzubringen. Selbst wenn das Schwergewicht der theoretischen Erkenntnis der Wirtschaft in den spezielleren Theo- rien liegen sollte, selbst wenn also nur die Aufoahme von vielleicht in hohem Ausmafle historisch-relativen Determinanten ein brauchbares Erkenntnisgebiet fiir wirtschaftstheoretische Forschung zu konstruieren vermag, selbst dann bleibt nur durch die Erkenntnis der reinen &kono- mischen Kategorien der Zusammenhang der verschiedenen Wirtschafts- formen gewahrt. Die 6konomischen Kategorien bilden das feste Ge- riiste, um das sich alles in der Wirtschaft dreht, und je mehr einer die Bedeutung der Verinderungen in der Struktur der Wirtschaft erkennt, desto mehr muf er bestrebt sein, das Wenige, das behartt, zu erfassen. Es mag einer der reinen Theorie noch so skeptisch gegeniiberstehen, 1) Wieser hat in seiner Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft (Grundriss der Sozialskonomik, 1. Abteilung, 1914) in dieser Weise die okonomische Theorie verschie- dener Wirtschaftsformen geschrieben, indem er zunichst die Theorie der einfachen Wirtschaft behandelt, und dann durch Heranziehung von neuen Delerminanten der Wirklichkeit niher zu kommen strebt, ===== PAGE 28 ===== er kann den Weg, den wir gehen wollen, nicht im voraus als einen Irrweg bezeichnen. Wir legen uns ja nicht auf die Herausarbeitung der reinen Theorie fest, wir wollen die allgemeinen Formen jeder Wirtschafts- theorie kennen lernen, um erst dann zu sehen, was wir mit ihnen anfangen koénnen, — wenn wir sehen werden, da auf dem Gebiete der reinen Theorie mit den richtig formulierten 6konomischen Kate- gorien sich ein System von groSSlem Erkenntniswert bilden 138t, so ist das ein Resultat unserer Untersuchungen, nicht ihr Ausgangspunkt. Wenn wir dic allgemeinen Formeln der Daten, die 6konomischen Kategorien, suchen, so wollen wir zunichst nur die Elemente kennen lernen, welche die Wirtschaft aufbauen, wir wollen das Prinzip sehen, welches das Baugesetz jeder Wirtschaft ist, — und wenn wir die Orga- nisation der Wirtschaft ihrem Wesen nach erfassen wollen, so wollen wir das kennen lernen, was in ewig wechselnder Reichhaltigkeit sich in diese toten Formeln ergiefit und aus ihnen lebendige Wirklichkeit macht. Wollen wir auf der einen Seite die Begriffe definieren, deren starr gesetzliche Relationen die Wirtschaftstheorie behandelt, so wollen wir auf der anderen Seite sehen, wie vor und auferhalb der Wirtschaft stehende Elemente, die der Ablauf der Jahrhunderte in immer neuer Gestalt hervorbringt, Teil der Wirtschaft werden. Indem wir so das Veranderliche in strengen, unabidnderlichen Formen sehen, wollen wir versuchen, die historische Betrachtung der Wirtschaft in die theoretische einzubauen, derart, daf§ bei aller Verschiedenheit des Er- kenntnisweges und des Erkenatniszieles doch beide Richtungen in einer Einheit erscheinen. Es kann wohl nicht bezweifelt werden, daB hier die 6konomische Theorie die Fiihrung ubernehmen muf. Sind die Aussagen iiber die konomischen Kategorien Gegenstand der theoretischen Nationalokonomie, so ist die Organisation der Wirtschaft Gegenstand wirtschaftsgeschichtlicher Betrachtung. Soll Wirtschafts- geschichte selbstindig neben anderen historischen Disziplinen bestehen kénnen, so muf} sie ein eigenes Ziel haben, und dieses ist gegeben durch den Bezug ihres Gegenstandes, der Wirtschaftsorganisation, auf den durch die ockonomischen Kategorien definierten Tatbestand der Wirtschaft. Zur Organisation der Wirtschaft gehort dabei das, was die 6konomischen Kategorien in einer zeitlich und &rtlich umgrenzten Wirtschaft konkre- tisiert: Wirtschaftsgeschichte ist Geschichte der Daten der Wirtschaft und der Wirkungen, welche sich in 6konomischer GesetzmiBigkeit an diese gekniipft haben. Keineswegs wollen wir das Postulat der Selbstindigkeit der Wirtschaftsgeschichte dahin aufgefafit wissen, dal diese Disziplin nur den Ablauf der Anderungen in der Wirtschaftsorganisation schildern ===== PAGE 29 ===== soll, ohne den Zusammenhang mit dem AuBerwirtschaftlichen zu suchen, Im Gegenteil, unsere Ausfuhrungen werden noch zeigen, wie sehr die Wirtschaftsorganisation mit allen denkbaren meta-okonomischen Er- scheinungen verknupft ist und nur im Zusammenhang mit diesen verstandlich wird, und die Wirtschaftsgeschichte kann es sich nicht verbieten lassen, ihre Forschungsergebnisse in den Zusammenhang des ganzen gesellschaftlichen Lebens einer Zeit einzufugen, — aber in dem Sinne muf} die historische Nationalékonomie selbstindig sein, dafl sie sich das Ziel setzt, aus dem Material der Geschichte eine besondere Seite hervorzuheben, und dieser besondere ,Teilinhalt® (Spann) der Gesellschaft soll gegeben sein durch den Bezug auf das Erkenntnis- gebiet einer Gesetzeswissenschaft von der Wirtschaft: Erst wenn eine theoretische Nationalokonomie da ist, welche der Wirtschaftsgeschichte ihr Gebiet abgrenzt, hat die historische Nationalokonomie das Recht, als selbstandige historische Disziplin aufzutreten. Der Bezug auf den Popularbegriff der Wirtschaft kann hier nur eine ganz vorlaufige Um- schreibung des Gebietes bedeuten, welche an ailen den Mangeln leidet, die die Sprachbegriffe fur die Wirtschaftstheorie mit sich brachten. Wie die theoretische Okonomie Schwierigkeiten hat, wenn sie ihr eigenes Gebiet bestimmen will, so fehlen auch der historischen National- ckonomie die Kennzeichen, welche ihr Gebiet von dem Gebiete der Rechtsgeschichte, der Volkerkunde und der politischen Geschichte tren- nen — oder besser: nicht von den anderen Gebieten trepnen, sondern in dem einheitlichen Zusammenhang als eigenes Interessengebiet be- zeichnen. Die Formeln der ¢konomischen Kategorien erst geben auch der historischen Nationalokonomie eine fest umrissene Aufgabe. Dar- uber wird mehr zu sagen sein, sobald wir uns uber den Inhalt dessen, was wir die Organisation der Wirtschaft genannt haben, vollstandig klar geworden sein werden. VIL Nur in einer Hinsicht soll schon hier eine nahere Bestimmung der Organisation der Wirtschaft durchgefuhrt werden, indem wir einiges iiber das Verhaltnis des ,Sozialen® zum Wirtschaftlichen aussagen. Dabei koénnen wir an die Untersuchungen anknupfen, die Amonn der Bestimmung des Objektes der Wirtschaft gewidmet hat.?) Amonn will das Objekt der Nationalokonomie bestimmen ,als das Objekt, das die Eigenart jener Probleme begrifflich erfafit aus driickt, welche zweifellos nach dem gegenwartigen Zustand der Wissen- 1) Amonn, Objekt und Grundbegnfle der theoretischen Nationalokonomie, 1911, ===== PAGE 30 ===== — 24 — schaft als die spezifisch nationalokonomischen, d. h. zu dieser be- stimmten, tatsdchlich vorhandenen, als Nationalokonomie bezeichneten Wissenschaft gehorigen gelten“?) Er findet als Grundproblem der Nationalokonomie das Lohn., Zins-, Rentenproblem, die Probleme des Geldes, des Kredites, der Unternchmung u. a.?). Dann fragt er: »Worin liegt nun das Wesen, die besondere Eigenart dieser Probleme 2 und er findet, ,dafl die Eigenart dieser Grundprobleme durch ihren sozialen Charakter konstituiert wird, also darin liegt, dal sie sozial- wissenschaftliche Probleme im methodologischen Sinn sind“. 3) , Es handelt sich offenbar um sozial bedingte Tatsachen, und zwar in dem ganz einfachen und klaren Sinn, dal wir es mit Tatsachen zu tun haben, die nur unter der Voraussetzung eines sozialen Zusammenlebens und Zusammenwirkens der Menschen, also eines irgendwie gearteten sozialen Verkehrs denkbar und moéglich sind, Tatsachen, die zwar von Individuen gesetzt werden, aber nicht in isolierter Selbstindigkeit, sondern in Abhingigkeit vom Wollen und Handeln anderer Individuen.“4) Dann erhebt sich die Frage: ,,Welche Art sozialer Bedingtheit ist es tatsdchlich, die die Grundprobieme der Nationalokonomie in ihrer spezifischen sozialwissenschaftlichen Eigenart konstituiert?“ oder auch: Unter welchen Bedingungen entsteht und besteht jener eigenartige soziale Charakter, der die Grundprobleme charakterisiert und zu einer theoretischen Einheit zusammenschlie8t 1“%) SchlieBSlich stellt Amonn folgende positive Grundsitze fir die Nationalokonomie als gegebene theoretische Sozialwissenschaft auf: , Das nationalokonomische Preis- problem und im Anschluff daran alle spezifisch nationalokonomisch- sozialwissenschaftlichen Probleme entstehen: nur bei einem sozialen Tausch, d. h. bei einem zwischen mehreren Personen auf Grund eines sich gegenseitig bedingenden und miteinander korrespondierenden Willens sich vollziehenden Tausches, bzw. sozialen Verkehres . . . und nur unter der Voraussetzung einer eine bestimmte Form des Tauschesodersozialen Verkehrs bedingenden, die Tauschenden in der Art ihres Tauschens in gleicher Weise bestimmenden, bestimmten iduBeren, d. h. unabhingig vom Willen der Tauschenden geltenden, sozialen Ordnung oder Organisation des sozialen Tauschverkehrs, und diese wird charakterisiert durch die folgenden vier wesentlichen Momente: 1. Die Anerkennung einer in gewisser Hinsicht aus- ——— 1} a. a. O,, S. 12. ?) a. a. Q., S. 150. 3) a. a. O, 8S. 151. Y a. a 0, 8. 150. % a. a. O, S. 165. ===== PAGE 31 ===== —_ 25 — schlielichen (d. h. von allen anderen zu respektierenden, aber nicht notwendig unbeschrinkten) individuellen Verfligungsmacht iiber duflere, d. h. auflerhalb der Person eincs der Tauschenden befindliche Objekte (als Voraussetzung des Tausches). 2. Die Aner- kennung eines freien, d. h. ganz von dem individuellen Willen der sozialen Verkehrssubjekte abhingigen Wechsels dieser Verfiigungs- macht (als Zweck des Tausches) zugleich mit der dauernden Bindung an die einmal getroffene Verfiigung, 3. Freiheit (d. h. lediglich vom individuellen Willen der Tauschenden abhingige Mogilichkeit) der Bestimmung des quantitativen Verhédltnisses der auszu- tauschenden Verkehrsobjekte (weil darin alle nationalékonomischen Probleme, speziell das Preisproblem, wurzeln). 4. Die Anerkennung eines allgemeinen sozialen Wertmafies und Tauschmittels (als Bedingung der Vergleichungsmoglichkeit dieser sozialen Tausch- oder Verkehrsakte). ) Wir haben Amonn's Objektbestimmung der theoretischen Nationalokonomie in ausfiihrlicher Weise wiedergegeben, weil wir hier den Versuch sehen, einen Gedanken festzuhalten, dessen grundlegende Bedeutung auch wir betont haben: es soll das der Wirtschaft als Objekteinertheoretischen Wissenschaft Wesentliche herausgegriffen und allein zur Objektbestimmung ver- wendet werden; so ist unsere Problemstellung mit jener Amonn’s recht nahe verwandt. Nichtsdestoweniger ist unsere erste Einstellung der NationalSkonomie eine ganz andere. Schon Spann?) hat gegen- iiber Am onan darauf hingewiesen, daB die Beschrinkung der Wirtschaft auf soziale Beziehungen keine Berechtigung habe. ,Notwendig sind alle Elemente der Verkehrsbegriffe auf robinsonadische Grundverhaiit- nisse zuriickfiihrbar, weil jede Verkehrsbeziehung nichts ist, als individual- wirtschaftliches Handeln. . .. Es ist... zuletzt dieselbe Art von Grundverhiltnissen, die wir in der Individualwirtschaft und in der Verkehrswirtschaft, dieselbe Art von Begriffen, die wir in der Er- zeugungslehre und in der Preislehre antreffen; beide sind nur stufen- miflig und abwartend verschieden, zeigen aber methodologisch keinen gattungsmiBigen Unterschied.”?) Dadurch da8 Amonn nur innerhalb des Bereiches sozialer Beziehungen von Nationalékonomie sprechen will, wird deren Gebiet durch eine historisch-relative Annahme gegen- iiber dem Bereiche der iiblichen nationalskonomischen Theorie einge- schrinkt. An sich wire es kein grofler Verlust, wenn die Wirtschaft 1} a. a. O., 8. 180f. %) Spann, Fundament der Volkswirtschaftslehre, 1918, S. 10ff. *) a. a O, S. 12 ===== PAGE 32 ===== — 26 — Robinsons aus der Betrachtung der Nationalckonomie ausschiede, — aber es muf8 doch darauf hingewiesen werden, dafl die geschlossene Hauswirtschaft und die Wirtschaft des kommunistischen Staates fiir die Betrachtung der theoretischen Okonomie mit der Wirtschaft des isolierten Menschen zusammenfallt, und es muff auch beachtet werden, dal die Erscheinungen der Verkehrswirtschaft durch- wegs als Komplikationen verkehrsloser Wirtschaftsakte begreifbar sind, gerade hier hat die Osterreichische Schule bedeutsame Erkenntnisse zutage gefordert. Will man wirklich das Objekt der Nationalokonomie mit Bedacht auf die bestehende Wirtschaftswissenschaft bestimmen, so ist es wohl ndtig, zumindestens den Versuch einer Bestimmung zu unternehmen, die liber die Verkehrswirtschaft hinausgreift. Und wenn schon gewisse soziale Verkehrsbeziehungen als Objekt einer Gesetzeswissenschaft um- grenzt sind, so muf} die Frage gestellt werden, ob nicht daneben eine theoretische Behandlung der verkehrslosen Wirtschaft maoglich ist und ob dann nicht, wenn diese beiden Theorien nebeneinander stehen, iiber sie eine allgemeinere, sie beide umfassende Theorie gebaut werden kann. In dieser Richtung hat Amonn nicht weiter geforscht, fiir ihn ist der sozialwissenschaftliche Charakter der Nationalokonomie im voraus feststehend.?) Will man das Verhialtnis des Gebietes der theoretischen National- o6konomie, so wie es die faktische Wissenschaft begrenzt, und des Be- reiches sozialer Bezichungen in dem alten Bilde zweier Kreise sich vorstellen, so erhilt man ohne Zweifel zwei Kreise, welche sich schneiden. Wennvondem, wasdie Wirtschaftswissenschaft interessiert, fast alles und gerade das Bedeutendste soziale Beziehungen sind, so fdllt doch ein kleiner Teil des Wirtschaftlichen aus diesem Kreis heraus. Und sun halten wir uns wieder gewissenhaft an unser Programm, fiir die Be- stimmung des Wirtschaftlichen nur das fiir die 6konomische Theorie Wesentliche heranzuziehen., Da stehen wir vor der unvermeidlichen Konsequenz: Das Soziale ist nicht ein dem von der theoretischen Okonomie Erfafiten Wesentliches, es ist ein — vom Standpunkte der 6konomischen Theorie zufillige s — Element weitaus der Mehrzahl der Erfahrungstatsachen, welche die Wirtschaftstheorie behandelt, aber kein notwendiges Element des Tatbestandes der Wirt- schaft. Damit ist die Frage nach dem ,Sozialen” fiir die &kono- !) Fir Amonn ist es ein Argument gegen Schumpeter, da dessen Theorie nicht sozial seil ===== PAGE 33 ===== -— 27 — mischen Kategorien erledigt, dicse enthalten als reine Formen nichts Soziales; Die Wissenschaft, welche ihre Bezichungen darstellt, ist keine Sozialwissenschaft. Wie ist es aber mit der Organisation der Wirtschaft? Zweifellos bedingen soziale Tatsachen und Bezichungen die Wirtschaft, zweifellos gehoren diese zu den meta-Okonomischen Komplexen, welche Voraussetzung der Wirtschaft werden komnen, wenn sie auch nicht notwendige Voraussetzungen sind. Wenn nun die Organisation der Wirtschaft alles das erfait, was — bildlich gesprochen — von auflen kommend in die Wirtschaft eingreift, so muf# diese Organisation der Wirtschaft derart sein, da sie soziale Elemente erfassen kann, und das sie diese in der Form der Skonomischen Kategorien zur Wirkung in der Wirtschaft bringen kann. Die theoretische NationalGko- nomie ist keine Sozialwissenschaft, sondern enthilt Aussagen liber Begriffe, welche soziale und auch nicht- soziale Erscheinungen erfassen kGnnen., Die soziale Wirt- schaft erscheint als eine durch Annahme einer eigenartigen Organisation — einer sozialen Organisation — niher determinierte Wirtschaft, ihre Theorie ist historisch-relativ zu dieser Annahme. Wir haben hier einen Fall vor uns, von dem wir schon friiher gesprochen haben: In die reine okonomische Theorie erscheinen theoretische Systeme mit historisch- relativen Voraussetzungen eingebaut und eines dieser Systeme mit einer Voraussetzung von relativ sehr allgemeinem Charakter ist die Theorie der sozialen Wirtschaft, Der Gedanke, die Nationalokonomie miisse eine Sozialwissenschaft sein, ist wie ein Irrlicht der Theorie auf allen ihren Wegen vorgeschwebt, manche Verirrung und manche liberfliissige Kontroverse wire der Nationalokonomie erspart geblicben, wenn die Forschung hier auf eine reinliche Scheidung mehr Bedacht gehabt hatte. Fast alle Wirtschaft ist geselischaftliche Wirtschaft, aber es gibt auch Wirtschaft, die nicht gesellschaftlich ist, es lift sich eine solche wenigstens denken. Einfacher und klarer ist wohl nichts, das auf dem Gebiete der politischen Okonomie jemals gesagt worden wire. Das Wort Wirtschaft bezeichnet hier das Objekt der faktischen Skonomischen Theorie und ist auch in Ubereinstimmung mit dem Sprachgebrauch angewendet, vorbehaltlich einer genauen Begriffsbestimmung kénnen wir es hier ohne Zweifel gebrauchen. Die Theorie der Wirtschaft hat sowohl die gesellschaftliche als auch die isolierte Wirtschaft zu be- handeln oder aber: zumindest den Versuch zu machen, ihren Bereich so weit auszudehnen. An sich ist Wirtschaft noch nicht etwas Soziales, sie kann aber sozial sein, theoretische Okonomie ist keine Sozial- wissenschaft, sie mul aber auch fiir Tatbestinde gelten, welche sozial sind. Das sei hier festgestellt. Wir werden noch sehr viel iiber das ===== PAGE 34 ===== —_— 28 a soziale Element in der Wirtschaft zu sagen haben, und es ist eine der Hauptaufgaben unserer Untersuchungen, zu zeigen, wie eng alles, was die theoretische Okonomie behandelt, fast immer mit historisch wandel- baren sozialen Momenten verkniipft ist — aber gerade deshalb ist es notwendig, dem Meta-Okonomischen den gebiihrenden Platz anzuweisen. Soviel ist festgestellt: Ein alles Wirtschaftliche iibergreifender Oberbegriff ist das Soziale nicht, nur im Berciche dessen, was wir als Oganisation der Wirtschaft bezeichnen, kann es seinen Platz finden. IX. Blicken wir nun zuriick auf den Weg, den wir hinter uns haben. Unser Ausgang war das Postulat einer spezifisch 6konomischen Begriffs- .bildung fiir den Bereich der theoretischen Okonomie, die Forderung, da} die Begriffe, mit welchen wir arbeiten, allein in Hinblick auf Sko- nomische Gesetze geprigt werden. Diese Begriffe in der hichsten er- reichbaren Allgemeinheit, die Skonomischen Kategorien, sollen aus dem Tatbestand der Lebensnot gewonnen werden. Indem diese Begriffe die allgemeinen Formeln 6konomischen Denkens bilden, miissen sie ge- eignet sein, den empirischen Tatbestand einer Wirtschaft voll zu er- fassen. Alles Historisch-Relative in der Wirtschaft erscheint der Skono- mischen Betrachtung als Inhalt der Gkonomischen Kategorien: Hierher gehort alles das, was als Datum der Wirtschaft bezeichnet worden ist, hierher gehort alles das, was an meta-6konomischen Elementen in die Wirtschaft eingreift. Damit ist der Weg zu jener Betrachtung der wirtschaftlichen Er- fahrung gewiesen, welche die Erscheinungen in der Weise ordnet, dafl sie den Gesetzen einer theoretischen Wissenschaft unterworfen erscheiaen. Wir fordern eine spezifisch 6konomische Betrachtung der wirtschaftlichen Erscheinungen, und das heifit: eine Betrachtung in den Denkformen der theoretischen Okonomie. Die skonomischen Kategorien sind das Riistzeug des Okonomischen Denkens, sie sind formlich die Brillen, durch welche wir die Wirtschaft betrachten miissen. Damit haben wir ein Programm entwickelt: Es handelt sich darum, gewisse elementare Faktoren der Wirtschaft aufzudecken, wobei wir a priori die Erfordernisse, welche wir an die zu gewinnenden Begriffe stellen, umschrieben haben. Wir hoffen zeigen zu konnen, dafl dieses Programm auch durchgefiihrt werden kann. Seine Durch- fihrung bedeutet nicht nur die Begriindung der theoretischen Okonomie als theoretische Gesetzeswissenschaft, welche auf einem eigenen Fundament steht und nichts, das auBlerhalb der Wirtschaft liegt, als ===== PAGE 35 ===== — 20 — Voraussetzung aufnehmen mufl, — sondern sie muB auch eine Antwort geben auf die Frage nach dem Okonomischen Ort fiir alles das Historisch-Relative, das wir in der Wirtschaft sehen. Wir haben darauf hingewiesen, da das o6konomische Denken immer beeinflult war von Begriffsbildungen, welche einer dem &kono- mischen Denken fremden Art kausalwissenschaftlichen Denkens ent- stammen. Von diesem Fehler wollen wir uns freihalten — und damit zugleich noch von einem anderen Fehler, welcher ein altes Erbiibel der Volkswirtschaftslehre war: Nicht nur das Denken iiber das Bestehende in nichtokonomischen Denkformen hat die Okonomie irregefiihrt, auch der Drang, ein Objekt wie die Wirtschaft, das den Menschen zugleich als ethischen Subjekten immer Probleme stellen mufite, nach den Geboten eines Sollens zu gestalten, hat die Skonomische Forschung oft auf gefahrliche Abwege gefiithrt. Diese Gefahr koénnen wir mit Sicherheit vermeiden, wenn wir die 6konomischen Kategorien als reine Denkformen der Wirtschaft ableiten und die Wirtschaftstheorie in strenger Konsequenz mit diesen aufbauen. Wenn die Elemente, von denen wir in der Skonomischen Theorie ausgehen, nichts sind, als die notwendigen Elemente des Tatbestandes der Wirtschaft, dann kdnnen wir sicher sein, da wir den Rahmen einer Gesetzeswissenschaft nicht iiberschreiten werden. ===== PAGE 36 ===== 11. Die okonomisehen Kategorien. I. Die Verfiigungsgewalt iiber die Giiter, — II. Die Gilterverteilung, — Iil. Die sozialen Elemente der Giiterverteilung. — IV, Die Verwendungsmoglichkeiten der Giiter. — V. Die Giitereinheiten, — VI. Zwei notwendige Elemente des Tatbestandes der Wirtschaft. — VII. Die historisch-rechtlichen Verhiltnisse, — VIII. Die Organisation der Arbeit. — IX. Die Okonomische Formel der Arbeit. — X. Das Wirtschaftssubjekt. ~— XI. Die Wichtigkeit der Giiterverwendungen., — XII. Der Prozefl der Giiterverwendung., — XII. Die Wertskalen. — XIV. Die auBerwirtschaftlichen Motive in der Wirtschaft, Der Geltungszusammenbang der Zwecke, — XV. Der Popularbegriffi des wirtschaftlichen Handelns. — XVI. Die ,richnige Wirtschaft. — XVII, Die Freiheit des Menschen und die Gesetze der 6konomischen Theorie, — XVIII. Das unpersénliche Wirtschaftssubjekt. — XIX. Die Einheitlichkeit der Organisationen der Wirtschaft. ===== PAGE 37 ===== IL Bohm-Bawerk hat in seinen eingehenden Untersuchungen iiber sRechte und Verhiltnisse vom Standpunkte der volkswirtschaftlichen Giiterlehre !) ausgefiihrt, da zur Gutsqualitit eines Dinges notwendig sei eine derartige Verfugungsgewalt liber dasselbe, dal es auch wirklich zur Bediirfnisbefriedigung herangezogen werden kann. Da die Gutsqualitit auf einer Beziehung von Subjekt und Sache beruht, konne man eigentlich aur von einem , Gut fiir A oder B" sprechen. Die wirtschaftlichen Zwecke fordern ein ,Haben" der Giiter?. Ein ,Recht” werde nur dann geschiitzt, wenn es mit dem Haben verbunden ist oder wenn es eine Aussicht auf dieses ertffne?®). Aber nicht das ,Haben* sei das wirtschaftliche Gut wie auch die einzelnen niitzlichen Eigenschaften nicht Giiter neben dem Sachgute seien?®), Und Béhm- Bawerk fuhrt ein Beispiel an: Der Regenschirmhindler verkauft nicht aufler dem Schirm noch seine Schonheit, seine Existenz, seinen Glanz, seinen Besitz — das wire Pleonasmus. , Es wichst das Eigentums- recht an einer Sache ebenso wie das faktische Haben derselben nicht neben dem Gute, auf welches es sich bezieht, zu einem zweiten, selb- stindigen Gute empor, sondern indem es einen (egenstand mein macht, indem es der in einem geordneten Staate fiir sich allein keine aus- reichende Gewidhr bietenden faktischen Verfiigungsgewalt auch noch die rechtliche Verfiigungsmacht hinzufiigt, hilft es denselben erst zu einem Gut fiir mich zu machen“®), Hier deutet Béhm-Bawerk einen Gedanken an, der uns im Folgenden niher beschaftigen soll: Das Eigentum und das faktische Haben, das erst macht eine Sache zu einem Gut fiir mich. Der Schirmhindler gibt mir nicht neben der Sache I) Boéhm-Bawerk, Rechte und Verhiltoisse vom Standpunkte der volkswirt- schaftlichen Giiterlehre, 1881, S. 17H, %) a. a. O. 8S. 37. 3) a. a. O. S. go. 4) a. a. O. S. 44. 5) a, a. O. S. 46. Strigl, Die konomischen Kategorien. 3 ===== PAGE 38 ===== noch etwas anderes, sondern er gibt mir die Verfugung uber die Sache, uber alle Nutzleistungen welche mit dieser verbunden sind, er uber- tragt das Haben des ganzen Eigenschaftskomplexes. Die Sache ist fur jeden anderen genau so ,objektiv’ gegeben, wie fur den Besitzer, ihre Nutzleistungen genieffen kann aber nur der, welcher die faktische Ver- fugung uber die Sache hat. Das Haben ist nach dem vor jedem wirt- schaftlichen Erwagen und Handcln objektiv gegebenem der letzte Grund, der eine Sache zu einem Gut fur ein Wirtschaftssubjekt macht. Es konnte irrefuhren, wenn Bohm-Bawerk gelegentlich diese Ver- fugungsgewalt in cine Reihe stellt mit den einzelnen Eigenschaften einer nutzlichen Sache. Nicht schon deshalb, weil eine Sache nutzliche Eigenschaften hat, kann sie jemand sich nutzbar machen, sondern erst wenn er uber diese nutzlichen Eigenschaften tatsachlich verfugt. Es ist demnach eine Ungenauigkeit, wenn der Theoretiker die nutzlichen (und in wirtschaftlichen Mengenverhaltnissen stehenden) Dinge ohne weiteres als Objekt der Wirtschaft bezeichnet?), erst dadurch, da sie der Verfugungsgewalt eines Menschen unterliegt, kann eine Sache Ob- jekt des wirtschaftlichen Handelns werden 2). Es liegt auf der Hand, dal das, was wir hier mit dem Ausdrucke Verfugungsgewalt bezeichnet haben, recht verschiedenartige Ver- haltnisse bezeichnen kann. Zunachst ergibt sich ein Unterschied zwischen der Wirtschaft des isolierten Menschen und der gesellschaft- lichen Wirtschaft. Der isolierte Wirt kann alle jene in ihrer Nutzlich- keit erkannten Sachen gebrauchen, welche er in den ortlichen Bereich seiner Tatigkeit ziehen kann. Wenn hier gesagt wird, dieses oder jenes Gut stehe in seiner Verfugungsgewalt, so wird damit zunachst einfach die Tatsache festgestellt, da dieser Wirt physisch im Stande ist, uber diese Sache zu verfugen, ihre Nutzleistungen zu beziehen. Anders in der gesellschaftlichen Wirtschaft. Hier sehen wir den Um- kreis der Guter, welche praktisch der Verfugungsgewalt des einzelnen Menschen unterliegen, gegenuber den Verhaltnissen des isolierten Menschen stark verschoben und dies in mehreren Richtungen: Zunachst unterliegt nicht alles das der Verfugungsgewalt eines Menschen, was physisch in seinen Bereich fallt — der einzelne wird gehindert, die anerkannte Besitzessphare seines Nachbarn zu beeintrachtigen —-, des 1} Vergleiche zu diesen Ausfubrunger vor allem Amonn’s Ausfubrungen uber den Gutsbegnff a. a. O ®) Bei der ublichen Definition des Gutes als einer , der menschlichen Verfugungs- gewalt unterworfenen Sache fehlt die Bestimmung der Bezichung ener Sache zum ein- zelnen Wirtschaftssubjekte. ===== PAGE 39 ===== weitern gibt es in der gescllschaftlichen Wirtschaft fur einzelne Menschen Mittel und Wege, sich mittelbar die Nutzlcistungen von Dingen zu Gute kommen zu lassen, welche weit von ihnen entfernt liegen, indem sie etwa ihre Verfugungsgewalt uber diese Guter durch Mittelspersonen ausuben lassen, — und endlich: Wahrend der isolierte Mensch mit seiner Verfugungsgewalt stets seine Sache ganz erfafit, kann in der gesellschaftlichen Wirtschaft die Verfugungsgewalt uber eine Sache verschiedenen Menschen in der Weise zugewiesen sein, dal der ganze Komplex der Verfugungsgewalt inhaltlich geteilt erscheint. Es unterliegt keinem Zweifel, dafl alle angefuhrten Modalitaten der Verfugungsgewalt fur die Wirtschaft relevant sind, so dal es nicht als eine muflige Spielerei erscheinen wird, wenn wir uns das, was wir mit diesem Ausdrucke bezeichnet haben, naher ansehen. Wir wollen in erster Linie jene kompliziertercn Formen der Verfugungsgewalt betrachten, welche wir in der gesellschattlichen Wirtschaft finden, um aus ihnen einen fur die Okonomie wesentlichen Gehalt herauszulosen. Freilich: In dem spezifisch Sozialen, das hier der Erscheinung der Verfugungs- gewalt anhaftet, wird dieser rein okonomische Gehalt nach dem schon fruher Ausgefuhrten nicht liegen, die spezifisch okonomischen Momente, welche wir fur einen rein okonomischen Begriff brauchen, mussen wir auch in der Wirtschaft des isolierten Menschen finden. So werden wir aus dem mit dem Worte Verfugungsgewalt Bezeichneten zunachst Elemente der Organisation der Wirtschait abspalten mussen — aber wir werden unsere Aufgabe darin sehen, fur alle diese historisch-rela- tiven Elemente eine allgemein giltige rein okonomische Form zu finden. IL In der gesellschaftlichen Wirtschaft ist die Menge der Guter, uber welche jeder Einzelne verfugen kann, bestimmt. Es ist nicht schwer, die Notwendigkeit einer Verteilung der vorhandenen Giuter aus dem der Wirtschaft zu Grunde liegenden Verhaltnisse der Lebensnot abzuleiten. Der Kreis der Gegenstande der Auflenwelt, welche fur die Wirt- schaft in Betracht kommen, ist nicht ein fur allemal festgelegt. Das Wachstum der Bevolkerung hat freie Guter zu wirtschaftlichen gemacht und andererseits konnen wirtschaftliche Guter wieder zu freien werden, wenn die Nachfrage nach ihnen abnimmt oder wenn sie in ausreichender Menge gefunden werden. Fur die Wirtschaft handelt es sich jedenfalls immer (oder wenigstens in erster Linie) nur um jene Dinge, welche zur Zeit in knapper Menge vorhanden sind und das heiit: Es ist so 3* ===== PAGE 40 ===== wenig von diesen Gutern da,daB nicht jeder Mensch von ihnen nehmen kann so viel als er will. Diese Umschreibung des Grundverhaltnisses der Lebensnot genugt fur uns einstweilen. Wenn nicht jeder Mensch so viel haben kann, als er will, so muB irgendwie eine Auslese unter den Bewerbern um die Sachguter er- folgen, es mussen wenigstens einzelne weniger bekommen, als sie haben mochten, das folgt mit mathematischer Notwendigkeit aus der Sachlage: Wenn der Dividend — Zahl der Einheiten der vorhandenen Guter — kleiner ist als der Divisor — Zahl der Einheiten, welche im Ganzen verlangt werden, — so 1st der Quotient ein echter Bruch, das heiSt es erhalt bei gleichmafiger Verteilung jeder weniger, als der durchschnittliche Bedarf verlangt, und ungleiche Verteilung bedeutet nur Bevorzugung des Einen durch noch weiter gehende Verkurzung Anderer. In welcher Art die Verteilung durchgefuhrt ist, welche Machte bei ihrer Durchfuhrung mitwirkten, ob die Guterverteilung irgend einem Grundsatze der Gerechtigkeit entspricht oder nicht, ob das erste Eigentum durch Arbeit entstanden ist oder durch Raub oder sonst wie, alles das bleibt auflerhalb unserer Betrachtung. Fur uns wesentlich ist nur eines: Wirtschaft erstreckt sich (zunachst) auf knappe Guter und diese mussen irgendwie verteilt sein, erst dann kann das wirtschaftliche Handeln einsetzen, erst dann kann der Mensch uber die Guter in der Weise disponieren, welche dem wirtschaftlichen Handeln eigentumlich ist. Die Guterverteilung bestimmt, welche Guter sich in der Verfugungsgewalt eines jeden Wirtschaftssubjektes befinden, mit welchem Guterbesitz ein jeder wirtschaften kann. Alle jene Ereignisse, welche wir mit Wirtschaft bezeichnen, sind Verwendungen des Guterbesitzes durch den Ver- fugungsberechtigten, nur solche Veranderungen des Guterbesitzes, welche irgendwie einer Verfugung des Besitzers entspringen, konnen als Wirtschaft bezeichnet werden. Wie andere Veranderungen des Guterbesitzes aufzufassen sind, das werden wir spater sehen. Jedenfalls ist fur uns die Tatsache der Guterverteilung Voraussetzung und Aus- gangspunkt der gesellschaftlichen Wirtschaft. Es ist im Voraus klar, dafl eine ganze Reihe von sozialen Momenten an der Begrundung der Tatsache der Guterverteilung teilhaben wird. Hier handelt es sich zunachst nur darum, die allgemeinen Formen Guterverteilung und Verfugungsgewalt uber Sachguter festzuhalten und sie von allen den historisch relativen, sozialen Elementen welche mit ihnen verknupft erscheinen, loszulosen. Wir haben schon angedeutet, daB die Art, in welcher die Verfugungsgewalt uber die Guter unter die einzelnen Be- werber verteilt ist, fur unsere Untersuchungen, die sich auf ihren ===== PAGE 41 ===== formalen Bestand richten, gleichgiltig ist. Gleichwohl wollen wir hier eine der verschiedenen moglichen Guterverteilungen betrachten, um uns gegen emen denkbaren Einwand sicher su stellen und zungleich fur unsere Untersuchungen eine etwas breitere Basis zu finden. Wir haben gesagt, daB jeder im wirtschaftlichen Mengen- verhaltnisse stehende sachliche Trager von Nutzleistungen in der Wirt- schaftsgesellschaft irgend jemandem gehoren muf}, der mit dieser Sache wirtschaften kann, wobei andere von derselben ausgeschlossen er- scheinen; die Guterverteilung ist die Folge einer notwendigen Aus- lese unter den Bewerbern um Guter, welche in unzulanglicher Menge vorhanden sind, sie erscheint da als ein Resultat des Kampfes um die sparlichen Guter, der eine hat gesiegt, der andere hat verloren. Aber es ist noch eine andere Losung moglich: Die Konkurrenten mussen den Konflikt nicht austragen, sie konnen sich zu einer gemeinsamen Nutzung der knappen Guter vereinigen. Wiederum: In welcher Ast es dazu kommen kann und wie es dazu vielleicht tatsachlich gekommen ist, in welcher Form die gemeinsame Nutzung vor sich geht, nach welchem Grundsatz die Anteilnahme der Einzelnen an Muhen und GenuB bestimmt ist, — das alles kommt hier nicht weiter in Betracht. Wir haben nur festzustellen, dal neben der Verteilung der Guter unter die einzelnen Menschen zum Privateigentum das Gemein- eigentum moglich ist. Auch das Gemeineigentum bedeutet nun eine Zuteilung der Verfugungsgewalt uber Guter unter Ausschlufl einzelner u. z. in der Art, da alle Einzelnen ausgeschlossen werden und ein Kollektivum das verfugungsberechtigte Wirtschaftssubjekt wird. Wir werden uns spater noch mit den nichtpersonlichen Wirtschafts- subjekten zu befassen haben, hier interessiert uns das Gemeineigentum vorerst nur hinsichtlich seiner Funktion als einer Art der Guter- verteilung. Die Spannung, die zwischen Gutervorrat und Guternachfrage be- steht, wird durch das Gemeincigentum ebensowenig aufgehoben wie durch das Privateigentum. Wohl wird das kollektive Wirtschaits- subjekt seine Guter voraussichtlich im Interesse der Einzelnen ver. wenden und die Guternutzungen werden letztlich den Einzelnen zu Gute kommen, — aber auf keinen Fall ist es moglich, daf dadurch das Grundverhaltnis der Lebensnot fur die Einzelnen aufgehoben wird; wie immer das Kollektivum die Guter verwenden mag, Einzelne mussen zu mindestens bei dem Genusse knapper Guter unbefriedigt bleiben. So weit das Verhaltnis des Kollektivums zu den Teilhabern an seinen Diensten: Hier erscheinen die Einzelnen von den Gutern ausgeschlossen zu Gunsten eines unpersonlichen Wirtschaftssubjektes, welches wirt- ===== PAGE 42 ===== — 38 — schaftet und ber die Giiter verfiigt, -— natiirlich durch Vermittlung von Personen, welche als Organe des Kollektivums fungieren. Aber ein Kollektivum umfaBit nie oder fast nie alle Menschen, welche die in seinem Besitze stehenden Giiter haben mochten. Immer wird ein Teil der Menschen ausgeschlossen sein, nur dort, wo wirklich alle in Betracht kommenden Bewerber um ein Gut sich zu dem Kollektivum zusammengeschlossen haben, wird es Nicmanden geben, der an den Diensten dieser Guter keinen Antcil haben kann, von diesen ,aus- geschlossen“ crscheint. Der Kreis von Menschen, welchen ein der- artiges alle Intcressenten umfassendes Kollektivum in sich schlielen muf, ist naturlich je pach der Sachlage verschieden weit oder eng, — heute miifite cine kommunistische Weltorganisation die Verfugungs- gewalt iber alle Giiter besitzen, wenn niemand als Enterbter aulerhalb dieses Kreises stehen soll. Aber eines ist festzuhalten: Auch da lage eine Giiterverteilung vor, nicht den einzelnen Menschen ist die Ver- fugungsgewalt uber die Giiter zugewiesen, etwas von ihnen Ver- schiedenes disponiert iiber diese und schliet die einzelnen von einem Zugriff, der ihren individuellen Wiinschen entspriche, aus. Wenn so das Gemeineigentum in der Gesellschaft als Ausgang der Wirtschaft fiir unsere formelle Betrachtung dieselbe Funktion er- fullt wie das Privateigentum, so wird es auch in seinen historisch- relativen Elementen diesem ziemlich konform sein, in dieser Hinsicht werden diese beiden Arten der Giiterverteilung eine gleiche Struktur haben. Wenn die Verfligungsgewalt des isolierten Wirtes allein aus seinen technischen Kenntnissen und den physischen Umstanden sich ergibt, so wird die Verteilung der Verfiigungsgewalt liber die Giiter in einer Wirtschaftsgeselischaft durch eigenartige soziale Elemente konstituiert werden. Uber diese soll nun einiges gesagt werden. HI. In einer ,ungeregelten Gesellschaft gibt es fiir den Einzelnen kein anderes Mittel, sich im Kampfe um die wirtschaftlichen Giiter durchzusetzen, als Gewalt und Macht in ihren verschiedenen Formen. Rohe Kraft, List, Betrug usw. bringen den Willen des Besitzers, eine Sache fiir sich zu behalten, zur Geltung, das heifit soviel als: Sie schlieSen andere von dieser Sache aus. Der Wille des Einzelnen allein vermag dies nicht, eine iiber den Einzelnen stehende Autoritit, welche den Besitz schiitzt, haben wir noch nicht angenommen, der Einzelne muf seinem Willen, eine Sache fiir sich zu behalten, selbst Anerkennung zu verschaffen trachten. Der Zustand, der sich da ergibt ist nun der: ===== PAGE 43 ===== Die Menschen haben die in knapper Menge vorhandenen Giiter okku- piert, eine Auslese unter den Bewerbern ist erfolgt und der Sieger verteidigt seinen Besitz, so gut es eben geht, mchrt ihn durch Arbeit und — wenn er es im Stande ist — durch Raub. [Jie wirtschaftlichen Guter sind verteilt, der Zustand mag ein héchst labiler sein, es ist doch eine Verteilung der Giiter da und wir werden hier gewisse Guterbewegungen finden, welche die theoretische Okonomie erkliren kann. Denken wir nun, dal unter diesen Umstinden die Rechts- ordnung entsteht, so kann diese an dem fiir uns Mafigebenden nichts Prinzipielles mehr dndern'). Die erste Aufgabe der rechtlichen Eigentums- ordnung wird es sein, irgend eine Verteilung der Guter gegen gewalt- same Anderungen zu schiitzen, die Verteilung kann die hergebrachte sein, welche jetzt legitimiert wird, sie kann aber auch durch den Staat in Abanderung der aus dem vorrechtlichen Zustand stammenden Ver- teilung neu gesetzt werden. In beiden Fillen wird eine Ordnung normiert, welche dem und jenem eine niitzliche Sache zuspricht, indem sie ihn ermichtigt, andere von der Sache auszuschlieBen und indem sie ihm auch in mehr oder minder vollkommener Weise die Moglich- keit gibt, seinen Besitz zu schiitzen ohne da} er sich in jedem Falle auf seine eigene Kraft allein verlassen mufite, der staatliche Macht- apparat iibernimmt den Schutz der Guterverteilung, das wire im wesentlichen die Funktion, welche Staat und Recht gegeniiber der Giiterverteilung haben. Neben dem Rechte sehen wir noch andere Normen, welche in analoger Weise wirken : Die Religion spricht das Gebot aus ,Du sollst nicht stehlen“, das heif3t: Du sollst dort, wo Du von der Verfiigung iiber ein Sachgut aus- geschlossen bist, Dir dieses nicht eigenmichtig aneignen. Auch dieses Gebot anerkennt cine legitime Giiterverteilung; wo sich die Menschen durch dieses Gebot gebunden erachten und es befolgen, dort wirkt es gleich der analogen Rechtsnorm. In gleicher Weise wirkt eine Ethik, die die Anerkennung der Besitzessphire des Nichsten fordert, dic Sitte, insoferne die Gewohnheit den bestehenden Verhaltnissen cine Art snormativer Kraft“ verleiht. Daneben gibt es aber auch Normen, welche die Zerstérung der bestehenden Verteilung fordern: Ein Ideal der sozialen Gerechtigkeit z. B. kann die bestehende Eigentumsverteilung als ungerecht verurteilen und selbst deren gewaltsame Abanderung postulieren. Eine solche ,revolutionire” Tendenz wird besonders dann in sozialen Kimpfen zum Ausdrucke kommen, wenn die konservative Macht des Rechtes schwach ist, sie kann sich auch den Staatsapparat } Wir méchten ausdriicklich darauf hinweisen, daf hier unsere Aufgabe eine be. grifiliche Ableitung, nicht eine Darstellung der historischen Entwicklung ist. ===== PAGE 44 ===== unterwerfen und mit diesem die Guterverteilung andern: Z. B. wean die Bauernschaft eine Regierung bildet, welche den Boden der Grofigrundbesitzer unter die Bauern aufteilt. Ist erst einmal die neue Verteilung durchgefiibrt, so wird sie von der Rechtsordnung wiederum geschutzt und von der siegreichen sozialen Ideologie als gerecht anerkannt, — wahrend die Depossedierten ihrerseits uber ungerechten Raub ihres ererbten und erworbenen Besitzes klagen konnen. So wirken stets konservative — die bestehende Verteilung anerkennende — und revolutionare — eine neue Verteilung erstre- bende -— Krafte gegencinander. Unter ihrem EinfluB erscheint die bestehende Verteilung mehr oder weniger gefestigt. Zweifellos haben in den langsten Zeiten die konservativen, die bestehende Verteilung schutzenden, Krafte faktisch uberwogen; die revolutionaren Krafte haben nur von Zeit zu Zeit in einem verhaltnismaflig kurzen Inter- mezzo sich durchsetzen konnen, so grofi auch die dadurch bewirkten Verschiebungen sein mochten, jede Revolution fuhrte {ruher oder spater zu slabilen Verhaltnissen. Das gilt nicht nur von jenen groflen Umwalzungen, welche die Geschichte mit dem Namen Revolution uns uberliefert, es gilt auch von jenen Revolutionen im Kleinen, die sich in jeder Gesellschaftsordnung finden, bald haufiger, bald seltener: Raub und Diebstah] sind gewaltsame Eingriffe in eine legitimierte Ordnung, wenn im Einzelfalle Wiederherstellung nicht erreicht werden kann, so bedeutet der Bruch der Ordnung eine Verschiebung der Besitzverteilung; eine Uberhandnahme von Eigentumsdelikten kann zu einem Zustande fuhren, welcher die Guterverteilung vollstandig unsicher macht, ja die Struktur derselben andert, sie kann sich also bis zu einer allgemeinen Revolution steigern, — als normalen Zustand werden wir aber doch jenen bezeichnen konnen, in welchem die Besitzverteilung im Grofien und Ganzen gesichert ist. Aber selbst im Getriebe einer wirtschaftlichen Umwalzung ist in jedem Momente eine Eigentumsverteilung vorhanden: Jedes Sachgut hat seinen Besitzer und sobald dieser wegfallt ist bald wieder jemand da, der es okkupiert. Nicht darin liegt also der Unterschied zwischen der ,normalen* und der ,revolutionaren” Wirtschaft, dal bei der ersteren eine Verteilung der Guter besteht, welche bei der letzteren fehlt, sondern der Unterschied liegt darin, dafl die Revolution Veranderungen der Eigentumsverteilung kennt, die der ,normalen” Wirt- schaft fremd sind. Darauf kommen wir spater zuruck: Wir wer- den sehen, dafl das, was im Sinne der okonomischen Theorie Wirt- schaft genannt werden kann, immer von einer Guterverteilung ausgeht, und daB es Wirtschaft in diesem Sinne auch mitten unter den grofiten ===== PAGE 45 ===== —_ 41 — Umwilzungen geben mui}, auch wenn es neben Giiterverschiebungen, welche die Skonomische Theorie erfassen kann, gleichzeitig solche gibt, welche jenseits der Wirtschaft stehenden M:ichte entspringen, indem diese eine neue Giiterverteilung setzen, wclche ihrerseits erst Ausgang einer neuen Wirtschaft sein kann. Das sci hier vorliufig bemerkt. Es wird fiir den Fortgang unserer Untersuchungen jeden- falls besser sein, wenn wir vorerst derartige revolutionire Verschiebungen ganz von unserer Betrachtung ausschlieBen, im Zusammenhange der systematisch erfafiten Daten der Wirtschaft wird auch der Tatbestand der Datendnderung — und eine solche bedeutet jede derartige Ver- schiebung der Giiterverteilung — betrachtet werden. Aus dem Ausgefiihrten ist schon zu ersehen, dal die sozialen Ele- mente, welche den Tatbestand der Giiterverteilung in der gesellschaft- lichen Wirtschaft bestimmen, aus recht verschiedenen Gebieten stammen. Nun werden wir die Bedeutung dieser Momente fiir die Giiterverteilung erst voll crfassen, wenn wir sehen, daf sie nicht allein die Zuteilung eines fix gegebenen Giitervorrates an die Wirtschafts- subjekte bestimmen, sondern noch viel weiter greifen und auf die Be- stimmung dessen, was wirtschaftliches Gut ist, einen wesentlichen Ein- flu} gewinnen konnen. IV. Wir haben immer gesagt: Die im wirtschaftlichen Mengenverhaltnis stehenden Giiter sind in einer Giiterverteilung den einzelnen Wirtschafts- subjekten zugewiesen. Diese unsere bisher gebrauchte vorlaufige Formulierung ist nun ohne Zweifel ungenau, -— zunichst schon in einer Richtung, welche wir bereits angedeutet haben: Es sind nicht immer ganze Sachen den ecinzelnen Wirtschaftssubjekten zugeteilt, es kann die Verfligung iiber eine Sache auch geteilt sein, darauf werden wir zuriick- kommen. Vorerst wollen wir noch in einer anderen Richtung das Wesen des Objektes der Wirtschaft klarstellen. Den Grundstock der Objekte des wirtschaftlichen Handelns bilden (abgesehen von der menschlichen Arbeit, welche einstweilen ganz aufBerhalb unserer Betrachtung bleibt, und die sich spater ungezwungen in unser Schema einfiigen wird) die Sachgiiter, und diese entweder als fertige GenuBguter oder als Giiter entfernter Ordnung, welche nichts anderes als Genufigiiter in fritheren Stadien ihrer Entstehung sind oder aber Giiter, deren Leistungen fiir die Erzeugung von Genufl- giitern gebraucht werden. Der Kreis der Genufigiiter wird dabel in der Weise abgegrenzt, da alle jene Gegenstinde der Auflenwelt um- ===== PAGE 46 ===== fait werden, welche geeignet erscheinen, menschliche Bedutfnisse zu befriedigen. Sind die Bedurfnisse gegeben, so scheint der Bereich der Guter durch die erkannte (oder vermutete) physische Eignung der Dinge zur Abgabe von Nutzleistungen gegeben, der Bereich dessen was als wirtschaftliches Gut verwendet werden kann, hinge sonach von den durch den Stand der Technik einerseits, durch die Bedurfnisse andererseits gegebenen Nutzleistungsmoglichkeiten ab. Nie- mand wird nun leugnen, dal} in der gescllschaftlichen Wirtschaft auch soziale Elemente bei dieser Abgrenzung mitsprechen, und wenn die Theorie dieses Moment nicht in den Vordergrund geschoben hat, 80 ist dies wohl in erster Linie darauf zuruckzufuhren, dafl gerade bei der Abgrenzung des Gutsbegriffes die sozialen Elemente keine be- sonders wichtige Rolle zu spielen scheinen. Und doch liegt hier ein Angelpunkt fur den Ausbau einer korrekten Formulierung, Es ist selbstverstandlich, da8 die technische Eignung von Gutern immer die Grundvoraussetzung fur jede Guterverwendung bildet. Naturgesetze bestimmen was man essen kann, was man zum Anfertigen von Kleidern und zum Bauen von Hausern verwenden kann. Hier sind unubersteighbare Schranken gegeben, Schranken, die vielleicht unter dem Zwange der Not recht weit hinausgeschoben sein konnen, die aber irgendwo ein unubersteigbares Hindernis bilden. Daran kann die soziale Organisation nichts andern, sie kann kein Naturgesetz auf- heben, sie kann nicht etwas, das technisch nicht moglich ist, fur die Wirtschaft moglich machen. Aber umgekehrt: Die soziale Organisation kann versuchen, etwas fur den Bereich der praktischen Wirtschaft auszuschlieSen, das technisch moglich ware. Es kann etwa die Verwendung bestimmter Guter als menschliche Nahrung verboten werden — religiose Speiseverbote —, es kann der Gebrauch einer Sache verboten werden — die Baupolizei sperrt ein baufalliges oder ungesundes Haus —, es kann die Verwendung bestimmter Stoffe in der Produktion gewisser Guter verboten werden — Verbot der Ver- wendung des weilen Phosphors in der Zundholzchenerzeugung —, oder es kann die Verwendung von Produktionsmitteln nur unter bestimmten Bedingungen gestattet werden -— Schutzvorrichtungen etc. Man sieht daraus: Nicht allein die physischen Moglichkeiten geben die Grenze fur die Verwendung von Sachgutern in der Wirtschaft, soziale Momente sprechen da mit. In der Gesellschaft wirkende Normsysteme haben irgendwie einen Einflu oder wenigstens: Sie trachten einen Einfluf zu gewinnen. Es bleibe einstweilen offen, wie da die Verknupfung der Normen mit dem Material der Wirtschaft zu denken ist. Ohne Zweifel ist es nicht moglich, aus den Normen ===== PAGE 47 ===== allein die Verhaltnisse der Wirtschaft abzuleiten, das menschliche Handeln mul nicht den Normen entsprechen; aber es ist eine fest- stehende Tatsache, dal vielfach die Menschen in ihrem Verhalten sich verschiedenen Normen unterwerfen, dal vielfach das gesellschaftliche Zusammensein den Einzelnen zu einem solchen Verhalten veranlafit, derart, dal im allgemeinen mit der Befolgung gewisser Normen gerechnet werden kann. Dort wo die Menschen tatsachlich so handeln, fallen die von den sozialen Normen verbotenen Verwendungen der Guter, obwohl sie technisch moglich sind, fur die praktische Wirt- schaft weg. Unter den technisch gegebenen Nutzleistungen eines Sach- gutes scheiden die von der Gesellschaft verponten aus und nur die verbleibenden, technisch und sozial zulissigen Verwen- dungsmoglichkeiten konstituieren das wirtschaftliche Gut, nur als Trager dieser Verwendungsmoglichkeiten wird eine Sache zum wirtschaftlichen Gut. Die Scheidung der fur die Wirtschaft in Betracht kommenden » verwendungsmoglichkeiten des Gutes von seinen ,Nutzleistungen® hatte wenig Sinn, wenn wir damit nichts weiter hatten erreichen wollen, als den Kreis der Guternutzungen durch die Aufzeigung der sozialen Bedingtheit ihrer Verwendbarkeit zu verengen. Von entscheidender Bedeutung ist es aber hier, da wir auf Verwendungsmoglichkeiten hinweisen konnen, welche uber den durch die technischen Verhaltnisse umgrenzten Begriff der Nutzleistungen von (nitern hinausgreifen. Die Gesellschaft kann, ohne den Rahmen der technisch gegebenen Daten zu uberschreiten, den Kreis der Verwendungsmoglichkeiten, welche einem Wirtschaftssubjekte {ur seine Guter offen stehen, erweitern. Es gibt Giiter, deren Verwendungsmoglichkeit darin liegt, da} sie, obwohl selbst zum Konsum nicht geschaffen, geeignet erscheinen, Konsumgiiter zu erzeugen oder an deren Erzeugung mitzuwirken. Die Durchfihrung der Verwendungsmdoglichkeiten dieser Produktivguter bedeutet die Be- schaffung eines Genufigutes, die Durchfihrung der Verwendungsmoglich- keiten eines Rohstoffes bedeutet die Beschafiung eines Zwischenproduktes. Hier geht die Wirtschaft mit technischen Prozessen parallel. Die Be- schaffung von Gutern ist aber in der gesellschaftlichen Wirtschaft auch in anderer Weise moglich, durch Hingabe eines Gutes im Tausche gegen ein anderes. Dadurch dal die soziale Organisation den Wirt- schaftssubjekten die Moglichkeit eroffnet, ihre Guiter im Tausche gegen andere umzusetzen, schafft sie fiir die tauschfahigen Guter neue Ver- wendungsmoglichkeiten, welche fur die Wirtschaft mit den durch die technische Eignung gegebenen in einer Linie stehen. Natiirlich ist der Vorgang der Produktion aufletlich von dem eines Tausches vollig ver- ===== PAGE 48 ===== schieden, — aber eben nur ,duflerlich“, dieser Unterschied ist fiir die reine Wirtschaftstheorie nicht im voraus gruppenbildend. Wenn der Kern des Wirtschaftens darin zu suchen ist, da ein Wirtschaftssubjekt eine von den Verwendungsmoglichkeiten der in seiner Verfiigungs- gewalt stehenden Giiter durchfiihrt, so stehen die besonderen Modalitéten, durch die sich die verschiedenen Guterverwendungen in der Erfahrung unterscheiden, fiir eine Fachwissenschaft, der daran liegt, die Gesetz- maBigkeiten der Giiterverwendungen zu untersuchen, aulerhalb ihres Problembereiches. ') Die erste Voraussetzung fur den Tausch ist, dal mindestens zwei Wirtschaftssubjekte da sind, welche etwas zu tauschen haben. Jedes von den beiden mufl also die Verfigung iiber ein Gut haben. Es miissen weiters die ,0konomischen Voraussetzungen” des Tausches ge- geben sein. , Ein Tausch ist 6konomisch moglich nur zwischen Personen, die Ware und Preisgut abweichend, ja entgegengesetzt schdtzen. Der Kauflustige muf} die Ware hoher, der Andere niedriger schitzen als das Preisgut.“®) Sobald alle diese Voraussetzungen gegeben sind, erscheint es ganz natiirlich, dal es wirklich zum Tausche kommt. Jeder gibt seine Sache (genauer die Verfiigangsgewalt iber dieselbe) dem Tauschgenossen hin und erhidlt dafiir das Gut des Anderen. Das bedeutet eine Verdnderung der Giiterverteilung aus dem freien Willen der Besitzer, die Verfiigungsgewalt iiber eine Sache erweist sich hier als iibertragbar. Nun ist die Ubertragbarkeit im freien Tausche keines- wegs ein notwendiges Element der Verfiigungsgewalt uber ein wirt- schaftliches Gut in einer Wirtschaftsgesellschaft. Es ist nicht notwendig, auf die hiufigen Verauflerungsverbote hinzuweisen, welche die Rechts- ordnung aufweist und die ein Eigentum faktisch uniibertragbar machen konnen. Wir miissen den Beweis nicht empirisch filhren. Als wesentliches Element, als Grundgedanken der Verfiigungsmacht iiber ein Sachgut haben wir die Zuteilung des Gutes an ein Wirtschaftssubjekt gesehen, wozu in der gesellschaftlichen Wirtschaft die Notwendigkeit des Aus- schlusses der Konkurrenten des Besitzers hinzukommt. Alles, das nicht notwendig aus diesem Gedanken folgt, ist fiir den Inhalt der Ver- fligungsmacht unwesentlich, d. h. es kann irgend ein anderes Moment 1 Schumpeter nennt jede wirtschaftliche Handlung ,,Tausch* und driickt auf diese Weise den Gedanken von der Einheitlichkeit des Wirtschaftsprozesses aus, wir kommen auf diese Betrachtungsweise noch zuriick. — FEinen Unterschied zwischen den Giiterverwendungen im Tausche und in der Produktion, der fiir die theoretische Okonomie von Bedeutung ist, werden wir spiter ableiten. Hier wollten wir nur dartun, dai beide Giiterverwendungen im Wirtschaftsplane des Einzelnen einheitlich aufzufassen sind. ?) Bohm-Bawerk, Positive Theorie, S. 358. ===== PAGE 49 ===== —~ 45 — in einem konkreten Falle diese Verfiigungsgewalt ausgestalten, erweitern, bereichern, wertvoller machen oder auch in einer Hinsicht einschrinken, aber es kann auch einmal wieder wegfallen. Dic Verfiigungsgewalt ist notwendige Voraussetzung der Wirtschaft, sie ist ihrem Wesen nach von geschichtlichen Verdnderungen unabhingig, die Zutcilung der Ver- fiigungsgewalt an dieses oder jenes konkrete Wirtschaftssubjekt ist historisch gegeben, ist abidnderbar, und verschiedene liigen- schaften, die die Verfligungsgewalt haben kann, die aber nicht notwendig aus ihrem Begriffe folgen, sind gleichfalls ver- inderlich, so ihre freie Ubertragbarkeit im Tausche; diese ist von einer Menge sozialer Faktoren abhingig: Vor allem vom Rechte, wo dieses den Verkauf einer Sache verbietet, wird es oft faktisch unméglich sein, diese Sache zu verkaufen. Die Ubertragbarkeit der Verfiigung iiber eine Sache ist also eine soziale Voraussetzung des Tausches, welche zu den 6konomischen Voraussetzungen hinzutritt oder richtiger: welche vorliegen muf3, bevor die Frage nach denékono- mischen Voraussetzungen des Tauschesiiberhaupteinen Sian hat. Wir wollen nur kurz darauf hinweisen, dal auch mit der Tauschmdoglichkeit allein noch nicht alle sozialen Voraussetzungen fiir einen Tausch erschopft sind. Wenn z. B. der Staat einen Maximal- oder Minimalpreis fiir den Tausch der fraglichen Giiter festgesetzt hat und diesem Befehle Geltung zu verschaffen vermag, so mu entweder die subjektive Wertschitzung der Tauschenden derart sein, dal ein Tausch zu einem der Vorschrift entsprechenden Preise moglich ist, — oder aber es miissen die weiteren Voraussetzungen fiir einen ,Schleich- handel“ (als einer spezifischen Form des Tausches) gegeben sein: Ver- l1aBlichkeit des Partners, Sicherheit vor Entdeckung. Wir halten fest: Der Tausch ist eine von bestimmten historischen Voraussetzungen abhangige besondere Art der Ausnutzung jener Stellung, welche der Besitzer einer Sache hat. Genau so wie das Wirtschafts- subjekt die Sache zur Produktion verwenden und sie dadurch verdndern kann, wobei die Verfiigungsgewalt liber die Sache aufrecht bleibt, genau so kann es die Sache im Tausche verwenden, voraus- gesetzt, dal alle Vorbedingungen vorhanden sind; das Wirtschafts- subjekt gibt seine Verfiigung iiber eine Sache auf und erhilt eine andere Sache, die es , besser brauchen” kann. In dieser findet die im Tauche hingegebene Sache ihren ,6konomischen Nachfolger®. ===== PAGE 50 ===== V. Nachdem sich aus der Analyse der Sachguter ergeben hat, da an diesen die Verwendungsmoglichkeiten das fur die Wirtschaft Wesent- liche sind, ist es nur eine notwendige Konsequenz, wenn wir nicht die Sachguter selbst in threr physischen Realitat bzw. die Verfugung uber diese als Objekt der Wirtschaft bezeichnen, sondern sie zunachst in ihre Verwendungsmoglichkeiten formlich zerfallen denken. Die ein- zelnen Wirtschaftssubjckte verfugen nicht uber Sachguter, sondern uber Verwendungsmoglichkeciten, nicht die Sachguter sind in der gesell- schaftlichen Wirtschaft verteilt, sondern die Verwendungsmoglichkeiten. Aber gerade der Gedanke der Notwendigkeit der Guterverteilung zwingt uns, von den einzelnen Verwendungsmoglichkeiten ausgehend, diese wieder zu Einheiten zusammenzufassen, — allerdings zu Ein- heiten, welche — und das ist wesentlich — nicht notwendig mit den physischen Einheiten der Sachguter zusammen- fallen. Wir haben schon gesagt, dal die Verfugungsgewait uber ein Sachgut verschiedenen Wirtschaftssubjekten nebeneinander zustehen kann, wenn die Verfugungsgewalt zwischen ihnen inhaltlich geteilt ist. Es sind da die Verwendungsmoglichkeiten dieser Sache aufgeteilt. Wenn etwa jemand ein Haus besitzt, so kann er das Haus bewohnen, es vermieten, verkaufen etc, Das Haus ist fur ihn ein ,Bundel” (Clark) von Verwendungsmoglichkeiten. Wenn der Hauseigentumer nun einen Teil des Hauses vermietet, so tritt er dem Mieter bestimmte, genau umschriebene Verwendungsmoglichkeiten ab, die Anderen behait er fur sich. Das einheitliche Bundel von Verwendungsmoglichkeiten, welches der Hausbesitzer hatte, ist nun geteilt: Eine Verwendungs- moglichkeit hat der Mieter, die ubrigen der Hausbesitzer. In dieser Weise kann der Komplex der Verwendungsmoglichkeiten einer Sache geteilt werden. Es kann eine einzelne Verwendungsmoglichkeit oder auch eine Gruppe von Verwendungsmoglichkeiten von den anderen abgetrennt und einem anderen Besitzer zugewiesen werden. Dies wird dann moglich sein, wenn wir mehrere Verwendungsmoglichkeiten sehen, welche nebeneinander, kumulativ, durchgefuhrt werden konnen. Ich kann ein Zimmer an zwei Parteien gleichzeitig vermieten, an die eine fur den Tag als Buroraum, an die andere fur die Nacht als Schlafraum. Zwei Verwendungsmoglichkeiten sind hier nebenein- ander moglich, konnen daher verschiedenen Wirtschaftssubjekten zu- stehen. Jedes partielle Nutzungsrecht®, das in dieser Weise als selb- standiges Gut neben einem Sachgut auftritt, ist so zu erfassen. Die ===== PAGE 51 ===== Verwendungsmoglichkeiten einer Sache sind in kumulativ durch- fihrbare Gruppen von Verwendungsmoglichkeiten zer- legt, von denen jedeeinem anderen Wirtschaftssubjeckte zustehen kann. Sind dagegen mehrere Verwendungsmoglichkeiten eines Gutes nur alternativ moglich, in der Weise, dal die Durch- fuhrung der einen jede andere ausschliet, so hat dieses Gut nur dann seinen Platz in dem verteilten Guterbesitze der Gesellschaft gefunden, wenn alle diese alternativen Verwendungsmoglichkeiten einem Wirtschaftssubjekte zustehen. So schlieflen sich die einzelnen Verwendungsmoglichkeiten wieder zusammen zu Eioheiten, welche in der Wirtschaft nicht trennbar sind, zu Gruppen von alternativ durchfuhrbaren Verwendungsmoglichkeiten. Diese Gruppen werden wir von nun an als wirtschaftliche Guter bezeichnen; sie sind die Einheiten, mit denen in der Wirtschaft operiert wird. Eine von den mehreren zusammen- gefaBBten, alternativ durchfuhrbaren Verwendungsmog- lichkeiten kann durchgefuhrt werden, die Frage, welche der praktische Wirt ldsen mufl, 1st die: Welche von diesen Verwendungsmoglichkeiten soll durchgefuhrt werden! Und ahnlich wird auch das Problem der theo- retischen Nationalokonomie lauten mussen. Wir werden nun versuchen, den Umkreis der Verwendungsmoglich- keiten, welche in dem Problemzusammenhang der Wirtschaft stehen, abzugrenzen. Wenn wir von den Sachgutern ausgehend deren Ver- wendungsmoglichkeiten als das an ihnen fur die Wirtschaft Relevante erkannt haben, so wird es keine Schwierigkeiten machen, die fur die Wirtschaft in Betracht kommenden Verwendungsmoglichkeiten auch auerhalb des Kreises der nutzlichen Sachen im engeren Sinne zu finden. Wenn der in erster Linie auffallende Anstof fur die Wirtschaft die Befriedigung der physiologischen Bedurfnisse der Menschen ist und wenn es sonach Aufgabe der Wirtschaft ist, jene Konsumguter zu beschaffen und in ihrem Verbrauche einzuteilen, welche die Moglich- keit bieten, diese Bedurfnisse zu befriedigen, wenn dann weiter die Guter entfernter Ordnung in die Wirtschaft dadurch eingehen, da ihre Verwendungsmoglichkeiten darin bestehen, da sie die bezeichneten Konsumguter beschaffen konnen, so erscheint als Grundstock der Wirtschaft eine Summe von Verwendungsmoglichkeiten von Sachgutern, Im Ganzen der Volkswirtschaft kann es sicherlich keine anderen Trager von Verwendungsmoglichkeiten gegeben haben als nutzliche Sachen, Produktions- und Konsumguter, — zu denen noch die menschliche Arbeit kommt, uber die wir erst spater sprechen wollen. Fur das ===== PAGE 52 ===== — 43 — einzelne Wirtschaftssubjekt ist nun eine Erweiterung des Kreises der Giiter moglich. Wie die Organisation der Wirtschaft die Verwendungs- moglichkeiten von Sachgiitern durch Schaffung der Tauschmdéglichkeit erweitern kann, so kann sie diese Tauschmdéglichkeit auch an Dinge kniipfen, welche an sich als I’roduktions- oder Konsumgiiter nicht in Betracht kommen (Papiergeld), ja sie kann etwas der Tausch- moglichkeit ganz Nahestehendes schaffen, das gar nicht an Gegenstinde der Auflenwelt geknupft ist (Kredit) Auch hier sehen wir Ver- wendungsmoglichkeiten, die den einzelnen Wirtschaftssubjekten zustehen kénnen. ln den Kreis der Wirtschaft gelangen diese dadurch, dal sie die Moglichkeit der Beschaffung von Verwendungsmoglichkeiten von Sachgutern bieten. Damit ware fur die ,,Rechte und Verhaltnisse” ein okonomischer Ort gefunden, es ware gezeigt, wo diese im System der okonomischen Kategorien ihren Platz finden: neben den Verwendungs- moglichkeiten der Sachgiiter als etwas fiir die $konomische Betrachtung diesen vollig Gleichstehendes. Es zeigt sich hier, da die Auslosung rein G6konomischer Kategorien die Sachlichkeit der Elemente des oko- nomischen Systems beiseite schiebend nur einen Zusammenhang von Verwendungsmaoglichkeiten iibrig 1a8t, die sowohl Sachgiiter als auch die immateriellen Giiter der Wirtschaft in sich schlieBen. Doch sollen die der modernen Wirtschaft eigentiimlichen immateriellen Giiter hier nicht weiter betrachtet werden.) 1} Es wird jetzt keine Schwierigkeiten machen, die sogenaunnten quasiékono- mischen und quasinichtékonomischen Giiter in den Rahmen unserer Betrachtung einzubezieben. Es kann ein Sachgut, welches in iiberreicher Menge vorhanden ist, durch eine eigenartige soziale Organisation der Wirtschaft zu einem wirtschaftlichen werden. Ein bekapntes Beispiel: In einem Walde ist Klaubholz in gentigender Menge fiir alle Bewerber vorhanden, doch der Besitzer des Waldes verbietet das Sammeln des Holzes. Wenn man von den ,natiirlichen Gelegenheiten' dieses Falles ausgeht, so ist der Tat- bestand der Lebensoot hinsichtlich des Holzes nicht gegeben, — er wird erst , kiinstlich* erzeugt durch die soziale Organisation, Fiir die Landbewohner wird das Holz za einem knappen Gute, das sie iiberhaupt nicht oder nur in geringer Menge haben, fir dessen Erlangung sie etwas aufwenden miissen, fiir den Gutsbesitzer wird das Holz zu einem Gute, mit dem er andere Giiter kaufen kann. Und umgekehrt bei dea guasinichtékono- mischen Giitern: Wenn etwa die Stadtverwaltung den Stadibewohnern Trinkwasser in genligender Menge umsonst zur Verfligung stellt, so wird fiir diese Konsumenten der Tatbestand der Lebensnot hinsichtlich des Trinkwassers aufgehoben. — Man sieht an diesen beiden Beispielen, dal der Tatbestand der Lebensnot, der zunichst als etwas natiirlich Gegebenes erscheint, hinsichtlich einzelner Giiter durch die soziale Organisation der Wirtschaftsgesellschaft beeinfluft werden kann, Man sieht auch, dafi dieser Tat- bestand immer nur nach Mafigabe der unter konkreten Umstinden gegebenen wirtschaft- lichen Situation des Einzelaen fiir seine Wirtschaft relevant wird. ===== PAGE 53 ===== VIL Uberblicken wir nun den Weg, den wir zuriickgelegt haben. Ia der gesellschaftlichen Wirtschaft sind alle Giliter unter die einzelnen Wirtschaftssubjekte verteilt, jedes Gut ist eine Summe voneinander ausschlieBenden (alternativen) Verwendungsmoglichkeiten, dabei ist die Art der Giiter- verteilung und der Umfang der Verwendungsméglichkeiten durch historisch-relative, insbesondere auch soziale Momente bedingt. Der von den konkreten historischen Verhiltnissen unabhingige Tatbestand, welcher notwendige Voraussetzung des wirtschaftlichen Geschehens ist, erscheint soweit umschricben. Jedes Wirtschaftssubjekt verfiigtiiberdie Verwendungsméglichkeiten von Giitern. Dieser Tatbestand findet sich auch in der Wirtschaft des isolierten Wirtes, der einzige Unterschied besteht darin, da hier die Ausfiillung dieser allgemeinen Formen mit realem Inhalt — die Determination, iiber welche Giiter das Wirtschaftssubjekt verfiigt und welche Ver- wendungsmoglichkeiten ihm fiir diese offen stehen — nicht vom Neben- einandersein der Menschen, nicht von sozialen Momenten mitbedingt ist. Wir sehen da bereits, wie sich in dem reichen Material, das die empirische Wirtschaft bietet, eine gewisse Scheidung ergibt. Wo der Tatbestand der Wirtschaft vorliegt, dort finden wir fiir die Wirtschaft relevante Verwendungsmoglichkeiten, wir finden ferner die Verfiigung iiber die zu Einheiten, ,Giitern“, zusammengefaften alternativen Ver- wendungsmoglichkeiten einem einzigen Wirtschaftssubjekt zustehend oder unter eine Vielheit von Wirtschaftssubjekten verteilt. So haben wir die ersten allgemeinen Formeln gewonnen, welche in jedem wirt- schaftlichen Geschehen zu finden sein miissen: Giliterverwendungs- moglichkeiten und die Verfiigungsgewaltiiberdie Giiter sind 6konomische Kategorien. Wie diese in einer konkreten Wirtschaft ausgestaltet sind, das liegt vor der Wirtschaft, diese kann our von konkret gegebenen Verwendungsmoglichkeiten und Verfiigungs- gewalten ausgehen. So wie diese in einer gesellschaftlichen Wirtschaft oder auch in der Wirtschaft des Robinson gegeben sind, so sind sie Daten der konkreten Wirtschaft. Die allgemeinen Formeln dieser Daten haben wir aus der Annahme der ,Lebensnot” abgeleitet, aus einer Annahme, welche so allgemein 1st, dafl sie jeder menschlichen Wirtschaft vorangestellt werden kann. So ergibt sich der absolute Charakter der mit diesen Begriffen arbeitenden Skonomischen Theorie. Strigl, Die dkonomischen Kategorien. 4 ===== PAGE 54 ===== — 50 — VIL Wie steht es nun mit den historisch-relativen Elementen, welche wir in der Wirtschaft finden, die wir die Organisation der Wirtschaft genannt haben! Wir haben hier eiostweilen nur eine Menge von disparaten Elementen gesehen, vor allem cinerseits Gegebenheiten der physischen Natur, -— andererseits soziale lirscheinungen. Erst spiter werden wir uns der Aufgabe unterziechen konnen, all diese Elemente in einer einheitlichen Formel zu erfassen, hier wollen wir nur die sozialen Elemente, die sich unter ihnen finden, in einer vorlaufigen Formulierung erfassen, die es uns ermoglichen soll, unsere Untersuchungen iiber die 6konomischen Kategorien weiterzufiihren. Die Art, in der die Gesell- schaft an der Pragung der Daten einer Wirtschaft Anteil hat, ist ja bisher nur in sehr vagen Sitzen umschrieben worden. Wir kdnnten statt des Wortes ,sozialer Elemente“ auch einen anderen Ausdruck gebrauchen, der in der Literatur der Okonomie gebriuchlich ist: die Jhistorisch-rechtlichen” Verhialtnisse, Dieser Ausdruck ist bekaant geworden durch seine Anwendung bei Adolf Wagner. In seiner Grundlegung der politischen Okonomie?) unterscheidet dieser die rein 6konomische Betrachtung in unserer Wissenschaft von der sozialen oder historisch-rechtlichen. Bei der ersteren Betrachtungsweise stellt man den Menschen oder die Menschheit als (GGanzes der daufleren Natur gegeniiber und verfolgt die sich so ergebenden Beziehungen; bei der zweiten beriicksichtigt man die , Lage” der ein- zelnen Menschen, der Klassen in einem Volke zueinander, die Macht- verhiltnisse der Volker. Auch wir haben die Menschen der Natur gegeniibergestellt ohne historisch-rechtliche Voraussetzungen, und wir kamen so zur Erkenntnis der rein Gkonomischen Kategorien Ver- fligung liber Giiterverwendungen, aber wir sahen zugleich, dal diese nichts sind als Formen, in welcher Erscheinungen auftreten, die in der Gesellschaft notwendig immer sozial sind. Der Name ,historisch- rechtliche Kategorie erscheint da nicht ungliicklich gewdhit, insofern er die zu erfassenden Erscheinungen nach zwei Richtungen hia charakterisiert. Alle diese Erscheinungen sind zunichst ,historisch®, das will sagen: geschichtlich geworden und wieder ver- anderlich. Hiemit ist der Gegensatz zur unabinderlichen okopomischen Kategorie gegeben. Viel schwieriger ist die Abgrenzung dessen, was an der sozialen Kategorie ,rechtlicher” Natur ist. Wir haben darauf hingewiesen, da Normen der verschiedensten Art den 1) 1. Teil, 3. Auflage, S. 228. ===== PAGE 55 ===== — 51 — Anspruch erheben, die gesellschaftlichen Grundlagen der Wirtschaft zu bestimmen. Heute erscheinen am meisten augenfallip die Normen des Staates, das Recht; im Wandel der Jahrhunderte sind religose und sittliche Imperative bald sticker bald schwacher zur Geltung gelangt, alte Uberlieferung in einem engen oder weiten sozialen Kreise hat Normen gesetzt, welche die Wirtschaft beeinfluBt haben; und vergessen wir nicht, dafl in einem nicht zu unterschitzenden Umfange ein Gesetz der sozialen Tragheit gewirkt hat, welches dem Seienden, blo3 deshalb weil es so ist, eine gewisse Soll-Geltung verleiht. Damit wurden die fir uns wichtigsten Komplexe derartiger Normen aufgezahlt sein. Es ist nun klar, da in dem Ausdrucke ,historisch-rechtlich” das Wort Jrechtlich nur als pars pro toto steht, das Recht nimmt bei der Regelung der sozialen Grundlagen der Wirtschaft keineswegs eine so pravalierende Stellung ein, daff es die andern Gebote unter allen Um- standen verdrangt, wenn man auch nicht leugnen kann, daB zum mindesten heute und uberhaupt in der abendlandischen Geschichte alle anderen Normsysteme an Bedeutung fiir die Wirtschaft zurickgetreten sind, wenn auch in mancher Hinsicht nicht so weit als es icicht den Anschein haben konnte. Wir werden bei der Ausgestaltung einer anderen okonomischen Kategorie gerade Normen, welche auBerhalb des Rechtes stehen, im weiten Ausmafle beteiligt schen. Die Normen verschiedener Art erginzen einander oft, indem ein Bereich menschlicher Tatigkeit, der von einer Norm nicht beherrscht wird, einer anderen unterliegt, sie konnen auch einander uber- greifen, indem Befehle aus verschiedener Quelle ein gleiches Handeln postulieren, es kann auch ein Normsystem als Ausfluf eines anderen erscheinen, indem die normsetzende Autoritat des Ersteren von dem Letzteren delegiert wird (so gehen die Befehle einer Zwangs- genossenschaft vom Rechte aus), — es konnen aber auch die Normen verschiedener Systeme einander widersprechen, indem die eine Norm verlangt, was die andere verbietet. Der Konflikt der Normen mufl in diesem Falle im Individuum uberwunden werden — und es ist der Sinn jeder Norm, da sie sich an dem Willen des Einzelnen, dessen Handeln sie bestimmen will, wendet. Im Individuum erwachen die toten Normen zum Leben, hier kampfen sie gegeneinander, spielen die Autoritat ihrer Quelle und die Macht ihrer Sanktionen gegenein- ander aus; nach Abwagung aller seiner Aussichten, der Gefahr von Strafe und der Hoffnung auf Erfolg, entschlieBt sich der uberlegende Mensch zum Handeln. Bestimmt durch eine Unzahl von auseinander- und durcheinanderstrebenden Kriaften, eine Resultante von vielen Komponenten, erscheint die menschliche Handlung als undifferenzierbare 4* ===== PAGE 56 ===== —_ 52 — Einheit. Wer kann sagen, ein Mensch hat in einer bestimmten Hand- lung dieser oder jener Norm gehorcht, diese Norm habe sich in dieser Handlung durchgesetzt — da niemand die Gleichungen der im Innern des Handelnden spielenden Krifte kannte. Wir kdénnen nur sagen: Sein Verhalten war so, wie es die Norm verlangt. Der Satz ,eine Norm gilt“ bedeutet dann nichts als eine Verallge- meinerung dieses Einzclfalles, cr besagt: Die Menschen verhalten sich so wie es eine bestimmte Norm verlangt, wir begniigen uns da sogar damit, da wir von einzclnen Ausnahmefallen absehend eine Norm als geltend bezeichnen, wenn die Dawiderbandlungen im Groflen und Ganzen nicht zu sehr ins Gewicht fallen neben jenen Handlungen, welche der Norm entsprechen. So gelten unsere biirgerlichen Gesetze, weil z. B. Vertrdge jener Art, welche sie vorsehen, so oft sie abge- schlossen werden, jene rechtlichen Wirkungen tatsichlich haben, die den dem Gesetze entnommenen Normen entsprechen. Unser Straf- gesetz gilt, weil die Ubertretungen der Normen, die z. B. zum Schutze des Eigentums erlassen sind, in der Regel die im Gesetze vorgeschrie- benen Folgen nach sich ziehen. Die Geltung des Strafgesetzes im rein juridisch-normativen Sinn im Verein mit dem Bestand der zur Durch- fiihrung dieses Rechtes nétigen staatlichen Institutionen und wohl auch im Verein mit der Geltung anderer Normen, welche im gleichen Sinne wirken, und mit zweckrationellen Erwigungen, — das alles zu- sammen bewirkt, dal das Handeln der Menschen im allgemeinen derart ist, da es die im Strafgesetze niedergelegten Verbote nicht iiber- schreitet. Wenn wir den Ausdruck eine Norm ,gilt* in diesem Sinne gebrauchen, so ist da die Norm aus dem Bereiche des Sollens gleich- sam in den des Seins hiniibergezogen, sie ist , Grundlage” des mensch- lichen Handelns geworden. Noch ist nicht klar, wie dieses Verhiltnis zu konstruieren ist. Bewirkt die Norm irgendwie das Handeln? Es ist duBerst schwierig, aus einem bestimmten Verhalten auf ein be- stimmtes Motiv zu schlieBen, dort, wo mehrere Motive nebeneinander im gleichen Sinne wirken, wohl véllig unméglich, eines derselben als wirkend zu bezeichnen. Nur dann kann man mit Sicherheit eine Norm als ,Ursache"” menschlichen Handelns bezeichnen, wenn wir weder eine andere Norm noch sonst ein Motiv uns als wirkend vor- stellen kdnnen; nur da ist der Schluf} zuldssig: Wenn diese Norm nicht wire, wiirde der Mensch anders gehandelt haben. Selbstverstindlich ist auch da die Kette des Gedankenganges nicht vollig geschlossen, es ist nicht geklirt, ob das Handeln aus Pflicht erfolgte oder zur Ver- meidung der Sanktion usw. Wir konnen hier nicht weitergehen, wir wollten nur zeigen, in welchem Sinne man sagen kann, da} eine Norm ===== PAGE 57 ===== ein normgemafes llandeln bewirkt. Man spricht mit vollem Rechte davon, daf} ein bestimmtes staatliches Geset: gewisse demselben gemafie Handlungen bewirkt. Wenn z. B. ein Gesetz den Achtstundentag ein- fuhrt oder in gewissen Betrieben bestimmte Schutzvorrichtungen vor- schreibt und wenn die Unternehmer entsprechend handeln, dann konnen wir sagen, dali der Gesetzesbefehl das entsprechende Handeln der Unternehmer verursacht habe, weil wir dieses nicht anders er- klaren konnen, da wir weder ethische Motive noch das Eigeninteresse noch sonst etwas allgemein als Ursache annehmen konnen. Wie die Verknupfung zwischen der Norm und dem normgemaBen Handeln erfolgt, ist dabei noch nicht klar gestellt: Ob der Unternehmer froh ist, etwas machen zu konnen, dafl er schon fruher gerne gewollt hatte und erst jetzt kann, da es auch die Konkurrenz tun mul; ob er ge- wohnheitsmaBig dem Gesetze folgt, ob er schlieSlich nur aus Furcht vor der im (esetze vorgesehenen Strafe handelt oder etwa unter dem Zwange der Erkenntnis, da8 er unter den alten Bedingungen jetzt keine Arbeiter mehr bekommen wurde, — das alles ist hier gleich- gultig, der Unternehmer handelt so, wie es das Gesetz befiehlt, er wurde anders handeln, wenn das Gesetz anders ware. In vielen Fallen laBt sich das Recht nicht als alleinige ,Ursache” des menschlichen Handelns nachweisen; wo das Handeln dem Rechte gemaf3 ist, da wirken (oder wenigstens: konnen wirken) oft auch andere Normsysteme, welche inhaltlich gleiche Befehle geben. Das zeigt nur, dal wir das Recht nicht als einziges Element der historisch-rechtlichen Grundlage der Wirtschaft bezeichnen durfen: Ein ganzer Komplex von Norm- systemen, welche von verschiedenen Autoritaten ausgehen, bildet hier die Grundlage der Wirtschaft, indem alle diese Normen in der bezeich- neten Geltungsform stehen. Die Menschen handeln faktisch ent- sprechend diesen Normen. Ohne daf jeweils eine einzelne derselben als Ursache bezeichnet werden konnte, ist doch in der Gesamtheit der geltenden Normen die ,Ursache” zu suchen. Die Geltung von Normen ist vielfach von dem Vorhandensein sozialer Machtverhaltnisse abhangig. So wurde das Recht sicher nicht seinen weiten Geltungsbereich erlangt haben, wenn es nicht von dem gewaltigen Zwangsapparate, den der Staat sich errichtet hat, erzwungen wurde. Aber auch auBlerhalb der planmaBig organi- sierten Gesellschaft konnen Machtverhaltnisse die Befolgung einer Norm zu erzwingen suchen: Wir erinnern an Falle der Lynchjustiz, welche zeigen, dafl die rohe Gewalt der Volksmenge irgendwelchen Geboten (z. B. solchen der Religion, oder einer auf Rassenabneigung beruhenden Konvention) Nachdruck zu geben vermag und ,,abschreckende Beispiele® ===== PAGE 58 ===== statvieren kann. Ein anderes Mittel, mit dem die Macht der Mehrheit die Einzelnen zwingen kann, ist gesellschaftlicher Boykott. Normen, welche derartige Zwaagsmittel haben, konnen, wenn diese Zwangs- mittel oder aber andere Grunde im Verein mit diesen die Menschen dahin bringen, daB sie die Normen tatsachlich befolgen, ganz so, wie das ,geltende” Recht eine Grundlage der Wirtschaft werden, indem sie an der Konkretisierung von okonomischen Kategorien mitwirken. Von Wichtigkeit ist ¢s hier fur uns, dal es Machtverhaltnisse gibt, welche Einzclne in die Lage versetzen, andern gegenuber selbst- herrisch Normen aufzustellen. Sehr haufig finden wir z. B,, da8 die Interpretation von Rechtsregeln in einem bestimmten Rechtsverhaltnis von der einen Partei in willkurlicher und ungerechtfertigter Weise erfolgt, wo die andere Partei nicht in der Lage ist, den Schutz des Gerichtes anzurufen, sei es wegen mangelhafter Organisation des staat- lichen Apparates, welcher vielleicht zu schwerfallig funktioniert oder grofie Kosten verursacht oder ungerechte Entscheidungen fall, — sei es wegen wirtschaftlicher oder sonstiger Abhangigkeit von dem Partner, der in der Lage ist, bei Widerspruch irgendein dem anderen erwunschtes Verhaltnis zu losen, sei es aber auch wegen Unkenntnis und Indolenz des Unterdruckten. Einzelne derartige Falle werden an den rechtlichen Grundlagen der Wirtschaft nicht viel andern konnen, aber bei haufigem Vorkommen konnen solche Machtverhaltnisse die wirtschaftliche Lage einer Klasse von Grund auf andern: Wir erinnern nur an die Wirkung, welche die willkurliche Auslegung von Bestim- mungen uber die Fronarbeit und uber die Naturalienleistungen der Bauern durch die machtigen Grundherrn haben konnte. Solche Machtverhalteisse wirken da dem Rechte direkt entgegen, setzen eine Rechtsnorm auflfer Kraft und statuieren an ihrer Stelle eine andere Norm, welche dann ganz so gelten kann, wie sonst Rechtsnormen, — bis sie vielleicht selbst Recht wird oder im sozialen Kampfe ihre Geltung verliert. Und sie wird ohne Zweifel oft schon deshalb sich aus einem Machtgebote zum Rechtsgebote umgestalten, weil jene, welche die Macht haben, gegen das geltende Recht ihr Interesse durchzusetzen, oft auch die Macht haben werden, das geltende Recht zu andern., Zweifellos wirken gesellschaftliche Machtverhaltnisse nicht nur neben und gegen das Recht, sodann auch durch Einfluff auf die Rechtssetzung. Es ist unbestreitbar, dal Unternehmerkreise es ver- standen haben, ihrer Machtstellung im Staate dazu auszunutzen, um ihrem Interesse entsprechende Gesetze zu erlangen, es ist unbestreitbar, dal die wachsende Macht der Arbeiter nicht ohne Einfluf auf die moderne soziale Gesetzgebung geblieben ist. Fur die Wirkung einer ===== PAGE 59 ===== geltenden Norm ist aber die Art ihrer Entstehung nicht maBgebend, hier brauchen wir nicht weiter zu fragen. Jedenfalls miissen wir aber Machtgebote ganz so wie die Normen, welche sich von idealen Autorititen ableiten, als Grundlagen der Wirtschaft gelten lassen. Es ist iiberhaupt nicht moglich, zwischen diesen beiden Imperativen eine scharfe Grenze zu ziehen: Viele gleichlautende individuelle Macht- gebote, welche der Uberlegenheit einer Klasse entspringen, konnen leicht im Bewufltsein der Menschen eine Geltungskraft erhalten, welche nicht mehr von den bestehenden Machtverhiltnissen ausgeht, sondern sich von ideologischen Autorititen ableitet, so daf3 ihre Geltung auch von einem Wechsel der Machtverhiltnisse unberiibrt bleiben kann. Wir konnen alles das, was in der Wirtschaft durch die Gesellschaft bedingt erscheint, mit den im bezeichneten Sinne geltenden Normen und Machtgeboten ungefahr gleichsetzen., Welche Normen in dem fir uns mafigebenden Sinne ,gelten“, das kann man nun nicht anders, als aus den beobachteten Handlungen der Einzelnen erkennen, wir haben schon gesagt, daB man dabei wieder nur von einer Uberein- stimmung im Groflen und Ganzen sprechen kann, da man von einzelnen Ausnahmen absehen mufl. Es soll hier nur festgestellt werden, dafl die sozialen Elemente, welche an der Ausgestaltung der okonomischen Kategorien Verwendungsmoglichkeiten von Giitern und Verfiigungsgewalt beteiligt sind, im Groen und Ganzen damit erfaSt sind, daf} wir sagen, sie entsprechen gewissen in der Gesell- schaft geltenden Normen, insbesondere dem Rechte. Daraus kann noch nicht gefolgert werden, dal aus diesen Normen heraus der Einzelfall erklirt werden kann, dafiir wird eine viel feinere Methode angewendet werden miissen, Aber wenn man in all- gemeinen Ziigen die Struktur einer Wirtschaftsgesellschaft erkennen will, so wird hidufig der Hinweis auf die derart erfabaren ,gesellschaft- lichen” Zustinde geniigen. Die Giiterverteilung wird im Allgemeinen immer dem geltenden Rechte entsprechen und auch der Umkreis der aktuellen Verwendungsmoglichkeiten eines jeden Gutes wird im All- gemeinen die Schranken, welche hier die Rechtsordnung aufstelit, nicht iiberschreiten. So wird das Recht die wichtigste soziale Grundlage der Wirtschaft bilden und nur selten werden andere Normen — etwa religiose, sittliche oder auch: Befehle von auerhalb des Rechtes stehenden Machtorganisationen usw. -— hier mit dem Rechte in Kon- kurrenz treten.l) 1) Uber das Verhiltnis von Recht und Wirtschaft werden wir noch spiter zu sprechea haben. ===== PAGE 60 ===== — 56 — Ob die Normen, welche die gesellschaftlichen Elemente der kon- kreten Daten einer Wirtschaft aufbauen, einem ethischen Ideale entsprechen, ist eine Frage, die von der Feststellung der Tatsachen geschieden werden muff. Wo die geltenden Normen — vor allem das Recht — einem Sittengebote entsprcchen, kann man auch diesem einen Anteil am Aufbau der Wirtschaftsorganisation zurechanen, Da- neben ist es auch denkbar, dal} ein ethisches Ideal ohne eine andere Norm als Zwischenglied zu beniitzen, direkt auf das menschliche Handeln einwirkt, wir werden spater Fillen begegnen, wo dieses leichter und haufiger zutreffen kann, als bei der Konstituierung der Giiterverteilung und bei der Abgrenzung der Verwendungsmoglichkeiten. Wenn wir sagen, das historisch-rechtliche oder soziale Moment in der Wirtschaft ist —— soweit die bisher formulierten Gkonomischen Katcgoricn in Betracht kommen — durch Normen, welche in der Gesellschaft gelten, bestimmt, indem diese an der Konkretisierung der okonomischen Kategorien zu bestimmten Daten einer Wirtschaft teil haben, dadurch dal sie neben technischen Momenten und natiirlichen Gegebenheiten die Verwendungsmoglichkeiten der Giiter und die Giiterverteilung bestimmen, so ist dies, wie wir ausdriicklich feststellen, nur als eine vorldufige Formulierung anzusehen, durch die die Verhilt- nisse einer Wirtschaft ungefihr umschrieben sind. Es ist damit an den ersten Grundverhiltnissen der Wirtschaft die Richtung angezeigt, in welcher sich die Scheidung der komplexen Erscheinungen der menschlichen Wirtschaft fiir die differenzierende wissenschaftliche Er- kenntnis ergeben mufy: Auf der einen Seite die allgemeinen Formeln okonomischer Kategorien, welche die Elemente eines gesetzeswissen- schaftlichen Systems werden sollen, auf der anderen Seite die sozialen und technischen Erscheinungen, welche irgendwie jene allgemeinen Formeln zu konkreten Daten ausbauen. VIIL Jeder Mensch ist — im normalen Zustande — Herr liber seinen Korper, er entscheidet selbst iiber jede Tatigkeit desselben. Und doch hat Jahrhunderte hindurch die Sklaverei bestanden, welche es einer Schicht von Herren ermoglichte, die Tatigkeit ihrer Sklaven nach ecigenem Ermessen zu bestimmen und den Ertrag dieser Arbeit an sich zu ziehen. Was alles den einzelnen Sklaven dazu verhalten hat, den Geboten seines Herren zu folgen, kann hier nicht weiter untersucht werden, Die Tatsache aber, welche wir betrachten, ist die, daB ein Zustand bestanden hat, in welchem ein groBler Teil der Menschheit ===== PAGE 61 ===== nicht selbst uber scine Arbeitskraft verfugte, sondern die Verfiigung uber dieselbe zugleich mit einer Verfugung uber die ganze Person einem anderen gchorte. Auch in den Zustanden der Leibeigenschaft sehen wir ein ohnliches Verhiltnis. Der Herr konnte z B. an be- stimmten Wochentagen iiber die Arbeit des Untertdnigen verfiigen. Heute verfiigt allgemein der Arbeiter frei uber seine Arbeitskraft. Wir sehen also, dal die Verfugung aber die Arbeitstatigkeit einem von der Person des Arbeiters verschiedenen Menschen zustehen kann. Wer die Verfiigung uber die Arbeitskraft eines Menschen hat, der kann be- stimmen, in welcher Art diese Arbeit verwendet werden soll, er kann jeden anderen von der Bestimmung dieser Verwendung ausschlieBen, Der Satz, dal jeder von Natur aus Herr iiber sich selbst und seine Arbeitskraft sei, enthalt ein vollig berechtigtes Postulat, aber er ist als Aussage uber bestandene wirtschaftliche Verhaltnisse einfach falsch. Sowie die Menschen auch nur an die Moglichkeit denken konnten, da die Verfugung iiber die Arbeitskraft eines Menschen auch einem an- deren zustehen kann, war der Schutz der personlichen Freiheit, sofern er nicht von der Gesellschaft iibernommen wurde, der Kraft des Ein- zelnen iiberlassen; genau so, wie die Konkurrenz um die knappen Sachgiiter zu einer Verteilung der Sachgiiter fuhrte, muff auch der Kampf um die menschliche Arbeitskraft zu einer Verteilung fuhren, es mag dazu kommen, daBl jeder freier Herr seiner selbst wird, oder es mag eine Scheidung in Freie und Unfreie eintreten, welche mindestens fiir eine Zeit Grundlage der Wirtschaft bildet, — um gleichzeitig viel- leicht den Boden fiir eine spatere Revolution zu bilden. Aber immer muf} fiir den Augenblick die Arbeitskraft verteilt sein. Das Recht uber die Arbeitskraft ist Teil der gesellschaftlichen Organisation der Wirtschaft, wahrend die Verteilung der Verfigung iiber die Arbeitsleistungen notwendige Voraussetzung der gesellschaft- lichen Wirtschaft ist. Aber die wirtschaftliche Organisation bestimmt nicht nur, wem die Verfigung liber die Arbeitskraft zusteht, sondern sie beeinfluflt auch in entscheidender Weise die Arbeitsmoglich- keiten. Wir brauchen da nur etwa an moderne sozialpolitische Gesetze zu denken, welche die Arbeitszeit in Fabriken beschranken, Kinderarbeit verbieten, gewisse Arbeiten nur unter bestimmten Schutz- maBnahmen gestatten usw. Es ist wohl klar, da alles das, was uber die Verhiltnisse jener Normen, welche die Giiterverteilung regeln, gesagt wurde, auch fiir die Organisation der Arbeit entsprechende Anwendung findet. Bei dieser Sachlage liegt es nahe, die Verwendungs- moglichkeiten von Sachgiitern und jene von Arbeitskriften im Begriffe »aut Im weiteren Sinne” zusammenzufassen. Freilich striubt sich ===== PAGE 62 ===== — 53 — etwas in uns gegen die Gleichsetzung der menschlichen Tatigkeit mit dem Sachgute. ,Wir diirfen (die produktiven Arbeiten) nicht nur als Mittel der Wirtschaft verwenden, sondern wir miissen sie sogar als solche verwenden, denn kein Wirtschaftsplan wire vollstindig, der sie nicht umfaite. Dennoch wird das sittlich gereifte Gefiihl zwischen ihnen und den niitzlichen Sachen unterscheiden, weil es in ihnen neben dem Chatrakter der Niitzlichkeit noch einen zweiten wesentlichen Cha- rakter empfindet. Uber ihre Verwendung darf niemals bloB die ZweckmiBigkeit entscheiden, sie diirfen uns niemals blo als Mittel gelten, denn ihre Verwendung wird immer zugleich als personliches Erlebnis gefiihlt, ... sie sind uns selber Lebenszweck.” Mit diesen Worten hat Wieser?) trefflich die Scheu vor einer Unterwerfung der persén- lichen Leistungen unter ein rationelles System gekennzeichnet. Aber unser Problem ist nicht das, zu fragen, welche Normen die Arbeits- verhiltnisse regeln sollen, wir fragen: Wie ist die tatsichliche Organisation der Arbeit! Da finden wir, daff diese formal genau so bestimmt ist wie die Organisation der Giiterverteilung. DaB die Organisation der Arbeit manchmal mehr von Sittengeboten beeinfluit ist, als die der Giiter, oder daf} sie es vielleicht einmal sein wird, das bringt keine Unterscheidung zwischen die Beiden. Beide sicd in vollig gleicher Weise durch Normen bedingt, sowohl hinsichtlich der Zu- ordnung zu einzelnen Wirtschaftssubjekten, als auch hinsichtlich des Umkreises ihrer Verwendungsmoglichkeiten, Es ist nicht einmal historisch richtig, dal bei der Organisation der Arbeit sittliche Normen immer eine pravalierende Rolle gespielt haben und fiir die Zukunft, fur die idealen Pline des Sozialpolitikers besteht das Postulat der Ge- rechtigkeit fiir die Verteilung der Sachgiiter gleichwie fiir die Organi. sation der Arbeit. Wir wollen durchaus nicht das sittliche Gefiihl, von dem Wieser spricht, eskamotieren, wo es wirklich vorhanden ist und auch zur Geltung gelangt, wird es bei unserer Betrachtung seinen Platz finden, es wird Teil der Wirtschaftsorganisation sein. Aber dieses sittliche Gefiihl spielt dabei — das wird spiater noch klarer werden — formal ganz dieselbe Rolle wie irgendwelche gesellschaft- liche Normen, die die Verwendungsmoglichkeiten von Sachgiitern regeln. Deshalb darf es nicht als unterscheidendes Merkmal verwendet werden, es gehért nicht in die rein 6konomische Betrachtung. Wirtschaft ist Durchfilhrung von Verwendungsmdéglichkeiten der Arbeit nicht minder als der Sachgiiter; wie diese Verwendungsmoglichkeiten in concreto umgrenzt sind, das ist voa der historisch-relativen Organisation 1) Wieser, Theorie der geselischaftlichen Wirtschaft, S, 158. ===== PAGE 63 ===== der Wirtschaft abhidngig; da wirken Normen aller Art mit, bei Sachgiitern nicht anders als bei der Arbeit. Der Unterschied kanndanur in der Organisation der Wirtschaft liegen, — rein 6konomische Betrachtung heiit aber cine solche, die liber diese Unterscheidungen hinweggeht und hin- weggehen mufl. Es ist nun von Bedeutung, dal unter Umstinden, in gewissen, nicht notwendigen, aber mdéglichen Organisationen der Wirtschaft eine Ubertragung der Verfiigung iiber Arbeitskraft im Tausche moglich ist. Dies bietet dem freien Arbeiter — und um diesen handelt es sich hier in erster Linie, obwohl auch die Ubertragung von unfreier Arbeit moglich ist, — die Gelegenheit, seine Arbeitskraft fiir eine gewisse Zeit einem Unternehmer zu verkaufen. Das ist fiir den besitzlosen Arbeiter der einzige Weg um seine Arbeit zu verwerten, ja um iiber- haupt wirtschaften zu konnen. Da ist dem Arbeiter nur die Wahl gelassen, welchem von den konkurrierenden Unternehmern er seine Arbeit verkaufen soll, unter Umstinden aber auch die Wahl, dem einzigen in Betracht kommenden monopolistischen Unternehmer seine Arbeit anzubieten oder zu verhungern. In diesem letzten Falle sehen wir, daB die Machtposition des Unternchmers die Organisation der Wirtschaft entscheidend beeinflufit: Der Arbeiter, der rechtlich frei ist, kann faktisch nicht mehr liber seine Arbeitskraft verfiigen, faktisch verfilgt dariiber der Unternehmer, der ihn bei Strafe des Hungertodes zwingt, ihm seine Arbeit zu iberlassen. Der Arbeiter ist nicht mehr frei, die Macht des Unternehmers hat die faktisch geltende Norm ge- setzt, dal er, der Unternehmer, iiber die Arbeitskraft verfiigt. Der- artige Zustande sind heute wenigstens sicher nur duferst selten zu finden, irgendeine Moglichkeit der Abwanderung zu einem Konkurrenten hat der Arbeiter fast immer, wenn auch am neuen Arbeitsplatze die Bedingungen nicht viel giinstiger sein mdgen, die formale Freiheit des Arbeiters wiirde doch als Teil der Wirtschaftsorganisation bestehen. Denkbar ist die véllige Unterwerfung des formell freien Arbeiters unter das Machtdiktat eines Unternehmers dort, wo ciner stramm organisierten Unternchmerschaft die einzelnen Arbeiter ohne Organisation gegen- iiberstehen, ferner auch in einer sozialistischen \Virtschaftsgesellschaft dann, wenn alle Betriebe von einer einzigen Zentralstelle aus geleitet sind, auch ohne daffi Arbeitszwang normiert wire. In diesen Fallen haben die Rechtsnorm und eventuell das Gebot der FEthik, welche Freitheit des Arbeiters fordern, durch ein Machtverhiltnis ihre soziale Geltung verloren. Wir haben da cin Beispiel dafiir, da nicht allein das Vorhandensein von allgemeinen Normen die tatsichlichen Ver- ===== PAGE 64 ===== — 60 — hiltnisse der Verteilung der Verwendungsmoglichkeiten in einer Wirt- schaft bestimmt. In einer kommunistischen Wirtschaft kann das Recht den freien Arbeitsvertrag postulieren, wenn dem Arbeiter keine Moglich- keit der Abwanderung offen steht, so ist er an das Diktat des ,Wirt- schaftsdirektoriums“ gebunden, er muf dic Bedingungen desselben unter allen Umstanden annehmen. Hicr hat das Recht seine ,,Geltung® als Teil der Wirtschaftsorganisation verloren, die Leiter der Wirtschaft verfugen kraft ihrer Macht uber die Arbeit aller Burger. Das soll hier nur zeigen, wie verschicdenartig die Elemente sein konnen, welche die gesellschaftliche Organisation der Arbeit bestimmen; erst spater wird es uns moglich sein, hier su vollkommener Klarheit zu gelangen. Wenn der Arbeiter mit einem Unternehmer einen Arbeitsvertrag abgcschlossen hat, so erwirbt der Letztere die Verfugung uber gewisse Arbeitsleistungen fur eine gewisse Zeit, er erhalt ein ,particlles Nutzungsrecht” an der Arbeit, das wiederum nicht allein durch die ausdrucklichen Bestimmungen des Vertrages determiniert ist, -— der Vertrag bestimmt nicht nur die Dauer der Arbeitsleistung und die Gegenleistung des Unternehmers, sondern auch die Art der Arbeit: z. B. die als Tischler, Schlosser, etc, vielleicht auch allgemeiner: alles was in einem Betriebe zu tun ist, — sondern die Ausnutzung der Arbeit eines anderen ist auch durch allgemein geltende Prinzipien der Wirtschaftsorganisation bestimmt. Diese wirken teils einschrankend auf die Verwendungsmoglichkeiten, — z. B. Vorschriften uber die Mittagspause, uber die Hygienie des Arbeitsortes, — teils schaffen sie erst die Verwendungsmoglichkeiten, indem bestimmte Arbeitsleistungen erst durch die Organisation der Gesellschaft moglich werden (z. B. Tatigkeit als Advokat). IX. Wenn wir nun das uber die Arbeit Gesagte zusammenfassen und unter AusschlieBung aller fur die okonomische Betrachtung nicht rele- vanten , Auferlichkeiten — die eben fur die theoretische Okonomie sAuBerlichkeiten” sind, so sehr sie fur eine andere Betrachtungsart grundlegend sein mogen — die Arbeit als Element des oko- nomischen Systems betrachten, so erhalten wir folgendes Bild: Der Arbeiter ist Trager von Verwendungsmoglichkeiten, welche mit den den Problemkonnex der Wirtschaft konstituierenden Verwendungs- moglichkeiten zusammenhangen. Die Verwendung von Arbeit fuhrt zur Erlangung von Sachgutern und umgekehrt, es werden Sachguter zur Erlangung von Arbeitsleistungen aufgewendet. Die Verwendungs- ===== PAGE 65 ===== — O71 — moglichkeiten der Arbeit bilden, soweit sie alternativ sind, wieder Komplexe, welche in der Wirtschaft als Einheit erscheinen (eine von diesen Verwendungsmoglichkeiten wird durchgefuhrt) und diese Einheiten nennen wir Guter, genau so wie die Einheiten von Verwendungsmoglichkeiten der Sachguter. Und genau so wie die Sachguter sind in der gesellschaftlichen Wirtschaft die Verwendungsmoglichkeiten der Arbeit verteilt. Der Arbeiter als Mensch, als physiologische Einheit, als ethisches Subjekt, als Staats- burger usw. verschwindet dabei. Ein Ausdruck, der nuchterner ware als der: ,,Komplex von alternativen Verwendungsmoglichkeiten®, ist wohl nicht denkbar, und wenn wir diesen Ausdruck fur Menschen gebrauchen, so heifit das alles das zuruckdrangen, was menschlich erscheint. So schwer diese weitgehende Abstraktion fallen mag und so unwirklich sie aussehen mag, sie ist fur eine rein okonomische Betrachtung notwendig, die eben nur okonomisch relevante Momente festhalten darf. Und wer hier nicht gerne mit will, der sci auf eins hingewiesen: Die theoretische Nationalokonomie soll eine Wissenschaft sein, welche eine eigene Ge- setzlichkeit an empirischen Erscheinungen festhalt nicht anders, als irgendeine ,Naturwissenschaft”, und oft haben Naturwissenschaften Frscheinungen des Menschenlebens, welche man nicht gerne anders als in Verknupfung mit Idealen und sittlichen Wollungen denkt, in ge- setzliche Zusammenhange gestellt oder zu stellen versucht, welche an Nuchternheit unserer Formel nicht nachstehen. Wenn man das, was ist, feststellt, kann man es nicht zugleich so gestalten, wie es sein soll. Und noch eines: So nuchtern unsere Formel ist, sie bietet doch die Moglichkeit eines Uberganges in andere Spharen. Die okonomische Theorie stellt fest, was sich aus dem Vorhandensein bestimmter Ver- wendungsmoglichkeiten ergibt, welche diese Verwendungsmoglich- keiten sind, das festzustellen, bleibt einer gesonderten Betrachtung uber- lassen, und wenn es gesetzmaflig feststeht, was sich aus gegebenen Verwendungsmoglichkeiten ergibt, so steht es doch frei, das, was Verwendungsmoglichkeit von menschlicher Arbeit sein soll, nach sittlichen Idealen zu gestalten. Wir postulieren eine rein okonomische Betrachtung, aber wir lassen Raum fur das Meta-Okonomische. xX. Wir haben gesehen, dal} der Tatbestand der Lebensnot dann ge- geben ist, wenn ein gewisses Etwas in knapper Menge vorhanden ist, derart, dal wir nicht alles damit machen konnen, was wir damit tun wollten. Das was mit diesem Etwas geschiehf, das hat die okonomische ===== PAGE 66 ===== -—_ 62 — Theorie zu behandeln, Unsere bisherigen Untersuchungen haben klar gestellt, was dieses Etwas ist: Sachgiiter und menschliche Arbeits. leistungen, wobei aber fiir diese eine einheitliche Skonomische Form gefunden wurde. Beide sind Verwendungsmoglichkeiten und diese Verwendungsmoglichkeiten sind zu Komplexen, die wir Giiter nennen, vereint und diese Giiter sind unter die cinzelnen Wirtschaftssubjekte aufgeteilt. Wer in einer gegebenen Wirtschaft uber Giiter verfiigt, ist ein Wirtschaftssubjekt. Dieser Begriff ist ein notwendiges Gegen- stiick zum Begriff der Verfugungsgewalt tber Giiter und mit dieser gegeben, wir konnen ihm ohne weiteres die absolute Geltung als 6ko- nomische Kategorie zuerkenmen, seine Notwendigkeit innerhalb des okonomischen Systems wird sich erst erweisen. Es ist im voraus klar, dafl das Wirtschaftssubjekt in dem Sinne, in welchem dieser Begriff fiir uns brauchbar sein kann, durchaus nicht mit der physischen Person identisch ist. Es gibt einerseits Personen, welche keinen Anteil an den Gutern der Volkswirtschaft haben und deshalb auch nicht Wirtschaftssubjekte sind — so Sklaven, unmiindige Kinder, Frauen, die ohne wirtschaftlich titig zu sein, auf Kosten ihres Maones leben, — anderseits wiederum gibt es zweifellos nicht-per- sonliche Wirtschaftssubjekte, Kollektivpersonen oder Aastalten, welche iiber Giiter verfiigen; wenn diese auch nur durch physische Personen handeln konnen und nur durch solche iiber Giiter verfiigen konnen, so handeln diese Personen doch nur als ,,Organe® des all- gemein als von ihnen verschieden anerkannten unpersonlichen Wirt- schaftssubjektes. Es ist auch im voraus klar, da das Wirtschaftssubjekt der Okonomie nicht immer mit einer Rechtsperson identisch ist, wir werden hier ein dhnliches Verhiltnis finden, wie bei der Giiterverteilung. Im weitesten Umfange fallen Wirtschaftssubjekt und Rechtsperson empirisch zusammen. Wie die Giiterverteilung fast immer durch das Recht anerkannt und gestiitzt ist, so wird auch das Wirtschaftssubjekt als Triger eines Giiterbesitzes in der gesellschaftlichen Wirtschaft eine vom Rechte anerkaante Rechtsperson sein, in der Regel wird kein Wirtschaftssubjekt bestehen und seinen Giiterbesitz wahren kénnen, dem nicht der Schutz des Rechtes zur Seite steht. Aber wie die Giiterverteilung ihrem Wesen nach nicht aus dem Rechte zu er- kennen ist und ihrem Inhalte nach dem Rechte widersprechen kann, so ist auch das Wirtschaftssubjekt von der Rechtsperson be- grifflich zu scheiden. Die Konstituierung des Wirtschaftssubjektes mag oft die Folge des an Rechtsnormen orientierten Handelns sein, not- wendig ist dies nicht und es sind Wirtschaftssubjekte bekannt, welche ===== PAGE 67 ===== -_— 63 — keine Rechtsperson sind, so von der Rechtsordnung nicht anerkannte Vereine, Die Rechtsperson besteht einzig auf Grund der Rechtsnormen, wird aus diesen erkannt, von etwas anderem werden wir ausgehen mussen, wenn wir wissen wollen, wer Wirtschaftssubjekt ist. Ganz wie bei der Untersuchung der Guterverteilung werden wir hier in der Organisation der Wirtschaft die Konkretisierung dieser okonomischen Kategorie erkennen. Wir wollen auch hier die vorlaufige Umschreibung anwenden, dal die Konstituierung der Wirtschaftssubjekte ein Resultat der Befolgung von sozialen Normen ist, eine nahere Ausfuhrung daruber soll spater folgen. Mit dem Wirtschaftssubjekte ist noch ein weiteres gegeben, das nunmehr untersucht werden soll. Wir wollen dabei vorlaufig aus- schliellich personliche Wirtschaftssubjekte betrachten. Die theoretische Okonomie hat fast immer in erster Linie die Verhaltnisse von einzelnen Menschen zum Gegenstande ihrer Untersuchungen gemacht und wir werden ihr hier folgen, es wird dann ein Leichtes sein, die gewonnenen Resultate auf nicht-personliche Wirtschaftssubjekte anzuwenden. XL Jeder Mensch hat Bedurfnisse, welche er mit seinen Gutern und Arbeitskraften befriedigen will, Diese Tatsache hat die theoretische Okonomie dazu gefuhrt, die menschlichen Bedurfnisse in den Kreis ihrer Betrachtungen einzubeziehen, und die grofle Tat der Grenz- nutzentheorie ware ohne ein Resultat dieser Untersuchungen, die Scheidung von Bedurfnisgattungen und Bedurfnisregungen nicht moglich gewesen. Gerade das Eingehen auf die menschlichen Bedurfoisse muBte zu psychologischen Untersuchungen fuhren und die Kritik konnte der osterreichischen Schule vorwerfen, dafl sie uber den Bereich des okonomischen Forschungsgebietes in fremde Wissensgebiete ubergreife, Seither ist anerkannt worden, daB der Aufbau der Wert- und Preis- theorie auch ohne psychologische Untersuchungen — und das heiit fur eine Wissenschaft, welche nicht Psychologie ist: ohne psychologische Voraussetzungen — moglich ist. In diesem Sinne wollen wir im Folgenden versuchen, eine letzte okonomische Kategorie zu formulieren, welche es ermoglicht, das System der Theorie abzuschliefen, ohne wesensfremde Voraussetzungen aufzunehmen, Wenn ein Mensch als Wirtschaftssubjekt uber bestimmte GenuB- giter verfugt, so wird er sie in irgendeiner Weise verwenden. Sind es nur ganz wenige Guter, so wird sie jeder Mensch in ziemlich gleicher Weise gebrauchen, je mehr Guter es sind, desto verschiedenartiger wird ===== PAGE 68 ===== sich die Personlichkeit ihres Besitzers in den Verwendungen auspragen. Wie verschieden auch diese Verwendungen sein mogen, jeder Mensch weil, was er mit den Gutern, die er hat, anfangen wird, er weil auch mehr oder weniger genau, was er tun wurde, wenn er einen grofleren Vorrat hatte oder wenn sein Vorrat geringer ware: Fur jeden zu gewartigenden Stand des Reichtums sind bestimmte Verwendungen gegeben — wenn dic Vermogensverhaltnisse sich plotzlich andern, so wird der Mensch viellcicht oft schwanken und nicht wissen, was er tun soll, aber schlie@lich wird cr doch fur jedes Genufigut eine Ver- wendung haben, er wird vielleicht einmal nachtraglich bereuen, etwas nicht anders getan zu haben, so wie es ihm jetzt besser crscheint, aber er wird sicher niemals dauernd im Ungewissen bleiben daruber, wie er die Guter verwenden soll. Das folgt ohneweiters aus der Sachlage. Wir sprechen von wirtschaftlichen Gutern, also von knappen Vorraten und d, h. immer: Der Besitzer kennt mehr Verwendungen fur jede Guterart, als er mit seinem knappen Vorrat durchfuhren kaon. So konnen die Guterverwendungen erst dann durchgefuhrt werden, wenn unter den Verwendungsmoglichkeiten eine Auslese getroffen ist. Das Prinzip, nach welchem die Einzelnen diese Auslese treffen, bleibt auflerhalb unserer Betrachtung. Eine wichtige Rolle werden da die personlichen Bedurfnisse des Menschen spielen, das wird jeder an- erkennen, das hat auch die theoretische Nationalokonomie untersucht. Wir wollen nur feststellen, da} diese Bedurfnisse nicht allein entscheidend sind, Es ist schwiertg, das abzugrenzen, was hier als Bedurfnis auf- gefat werden kann, und die Theorie hat sich gezwungen gesehen, diesen Begriff recht weit zu spannen, um der Erfahrung nicht Gewalt antun zu mussen?). Jedenfalls spielen in der gesellschaftlichen Wirt- schaft auch Momente eine Rolle, welche keineswegs aus dem isolierten Menschen heraus erklart werden konnen, das ist fur uns von Bedeutung. Aufwendungen fur die Familie, fur Wohltatigkeit, fur nationale Zwecke sind durch soziale Verhaltnisse bedingt. Derartige Verhaltnisse haben oft die Kraft, den Vorzug solcher Guterverwendungen zu bewirken, welche abgesehen von den sozialen Bedingungen hinter hochst per- sonlichen Bedurfnissen weit zuruckstehen mufiten: So etwa, wegon der Wunsch nach einer standischen Lebenshaltung nach aufien hin auf Kosten der Befriedigung des Nahrungsbedurfnisses jemanden ein kost- ) nlch zieche , . . die altruistischen Motive jedenfalls matenell und formell in die psychologische Basis memer Werttheorte em. Bohm-Bawerk 2. a O, S. 313f. — Die folgenden Ausfuhrungen koonen fuglich als eine Interpretation dieses Satzes angesehen werden, wenn man von der spezfisch psychologischen Formulicrung Bohm-Bawerk’s absieht, — wobet freshich diese Interpretation nicht ganz im Sinre Bohm-Bawerk's liegt. ===== PAGE 69 ===== — 05 — spicliges Dekorum wahren lafit. Sozialen Beziehungen danken auch verschiedene Ideale ihr Entstehen, die in der Ausiese der Verwendungs- moglichkeiten mit den personlichen Bedurfnissen in Konkurrenz treten und gleich diesen die Auslese beeinflussen. Alles, was der Mensch erstrebt, wirkt hier mit, und das Abwagen der Zwccke untereinander, ibr , Geltungszusammenhang®, entscheidet die konkrete Auswahl?). Fur uns entsteht nun die Frage, was wir als Resultat dieser notwendigen Auswahl unter den denkbaren Verwendungen vorfinden. Zunachst sind die Verwendungsmoglichkeiten geschieden in eine Gruppe, welche bei dem gegebenen Versorgungszustand durchgefuhrt wird und in eine andere, welche nicht mehr durchgefuhrt wird. Wir konnen, ohne Ge- fahr zu laufen, durch die Terminologie irregefuhrt zu werden, die Ver- wendungen der ersten Gruppe als die wichtigeren bezeichnen. Es ist nun ohne weiteres moglich, alle in Betracht kommenden Vet- wendungsmoglichkeiten der Genufiguter nach ihrer Wichtigkeit in einer Skala gereiht zu denken, da bei jedem denkbaren Versorgungszustande die Auslese der Verwendungsmoglichkeiten durchgefuhrt werden mu8, solange die Versorgung eine derartige ist, dafl der Tatbestand der Lebensnot vorliegt. Jene Verwendung, welche bei Besitz eines einzigen Stuckes durchgefuhrt wird, ist die wichtigste, bei wachsendem Vorrate gelangen jeweils minder wichtige Verwendungen der Reihe nach zum Zuge. Diese Skalen sind zunachst nur jeweils fur die Verwendungs- moglichkeiten von Gutern derselben Art aufzustellen: Es sind die Verwendungsmoglichkeiten der Stucke eines Vorrates gleichartiger Guter untereinander gereiht. Es wird sich spater zeigen, da sich auch die Notwendigkeit ergeben kann, die Verwendungsmoglichkeiten ver- schiedenartiger Guter in einer Reihe nach ihrer Wichtigkeit zu ordnen. Wann das notwendig ist, werden wir noch sehen. Hier schon ist aber zu sehen, dal dieser Reihung eine prinzipielle Schwierigkeit nicht entgegensteht. Wie jedes Wirtschaftssubjekt die Wahl treffen kann zwischen den Verwendungsmoglichkeiten a, und a, des Gutes A und somit die eine von diesen als wichtiger bezeichnen kann, genau so kann es auch die Wahl trefien zwischen den Verwendungsmoglich- keiten a, des Gutes A und b, des Gutes B und einer von diesen die grofiere Wichtigkeit zuerkennen. XIL Gleichwie der Guterbesitz eines Wirtschaftssubjektes mit bestimmten Verwendungsmoglichkeiten der Ausgangspunkt jeder Wirtschaft ist, 1) Vergleiche daza die Ausfubrungen uber das Ziel der Wirtschaft bei Spann, Fundament der Volkswirtschafislebre, 1918. Strigl, Die okonomischen Kategonen 5 ===== PAGE 70 ===== ohne den ein wirtschaftliches Handeln nicht denkbar ist, so ist auch die Skalierung der Verwendungsmoglichkeiten nach ihrer Wichtigkeit Voraussetzung jeder Wirtschaft, auch sie ist wie jene ihrer Form nach okonomische Kategorie, wie immer ihre konkrete Ausgestaltung sein mag. Die Notwendigkeit ihrer Geltung ergibt sich wie die aller tko- nomischen Kategorien aus dem Grundverhiltnis der Lebensaot. Unsere ganze bisherige Untersuchung war — soweit sie die okonomischen Kategorien gesucht hat — nichts als eine Entwicklung notwendiger Formen fiir ein guwisscs (seschehen, welches aus diesem Verhiltnis entspringt. Der duticre Anhub fir Wirtschaft ist die unzureichende Versorgung, die Tatsache, dal Wirtschaftssubjekte iiber Giiter verfugen, fir welche sie mehr Verwendungsmoglichkeiten wissen und durch fihren wollen, als der knappe Vorrat gestattet. Bevor irgendeine Giiterverwendung durchgefiihrt werden kann, ist eine Wahl unter den Verwendungsmoglichkeiten notwendig. Das ist das Gerippe unseres Gedankenganges. Man sieht: Es ist nichts aufgenommen, das nicht immer und iiberall zutreffen wiirde, wo Wirtschaft zu finden ist, alle okonomischen Kategorien sind notwendige Voraussetzungen der Wirt- schaft, sie miissen sich in jeder Wirtschaft finden — was wir aus ihnen ableiten, wird demnach Theorie einer jeden Wirtschaft sein. Es wird sich zeigen, dal wir nichts weiter als die gefundenen vier Gkonomischen Kategorien brauchen, um ein System der Gkonomischen Theorie ab- zuleiten, das alles das enthilt, was die bestehende Wissenschaft als Inhalt der reinen Theorie vertreten kann, Der Prozef, der sich zwischen diesen Begriffen der Gkonomischen Theorie abwickelt, ist Gegenstand der theoretischen Okonomie, Wirtschaft ist Giiterverwendung. Damit ist eine Grenze gefunden, an der die o6konomische Be- trachtung des Wirtschaftsprozesses abbrechen muff. Ein Gut kann verwendet werden zur Erlangung eines anderen Gutes, dieses wieder zur Erlangung eines weiteren. Auch ein Konsumgut kann so zur Erlangung weiterer Giiter dienen, indem es gegen ein anderes Gut getauscht wird, oder auch, indem es in den Produktionsprozefl eingeht und hier zur Erlangung eines anderen Genufigutes dient. Nicht in einer materiellen Eigenschaft des Gutes kann sonach das Merkmal fiir den AbschiuB des Wirtschaftsprozesses liegen. Ein Gut, das getauscht wird oder zur Produktion dient, hat einen okonomischen Nachfolger, die Verkettung der Giiterverwendungen wird aber einmal zu einer Giiterverwendung fithren, welche ein Gutausdem Bereciche eines Wirtschaftssubjektes herausfallen 148t, ohne dal ein anderes an seine Stelle trite, Eine derartige Giiterverwendung heifit fiir die Wirtschaftslehre Konsumtion eines Gutes. Dieser ===== PAGE 71 ===== — 07 — ProzeS kann verbunden sein mit dem Untergang einer Sache: so bei der Verzehrung von Nahrungsmittcln; cr kann aber auch ganz andere Erscheinungsformen annchmen., Wir crinnern daran, dal wir Gut einen Komplex von Verwendungsmoglichkeiten genannt haben, eine konsumptive Verwendungsmoglichkeit ist auch durchfuhrbar ohne dafl dabei eine Sache vernichtet wird. Wenn ich cine Wohnung ein Jahr lang bewohne, so habe ich eine Verwendung dieses Gutes durchgefuhrt. Aus dem Komplex der Verwendungsmoglichkeiten, welche an dem Hause haften, habe ich eine konsumiert, d. h. diese Verwendungsmoglichkeit durchgefuhrt, ohne dafi ein okonomischer Nachfolger in meinen Gutervorrat eingegangen ware — hatte ich etwa die Wohnung vermietet, so hatte ich fur die Durchfuhrung dieser Verwendungsméglichkeit in Gestalt des Mietzinses ein anderes Gut erhalten. Fur den Vermieter ist diese Giiterverwendung kein Konsum, woh! aber fur den Mieter. Wenn wir nun von einer Skala der Ver- wendungsmoglichkeiten gesprochen haben, so wollen wir diese zunachst auf konsumptive Guterverwendungen beschrankt wissen. Wir mussen dies nun korrekter formulieren: Diese Skala erstreckt sich auf solche Guterverwendungen, welche in einem Konsum bestehen, d. h. welche ohne Erlangung eines Gegenwertes durchgefuhrt werden. Nur fur diese Verwendungsmoglichkeiten ist eine Skalierung nach ihrer Wichtigkeit notwendige Annahme, welche der Wirtschaft vorausgehen muf}, wir werden sehen, daf} die Skalierung anderer Guterverwendungs- moglichkeiten nach ihrer Wichtigkeit von der Skala der Konsumguter- verwendungen abhangig ist. Diese Skala ist der letzte Zusammenhang, an dem die Guterverwendungen gemessen werden. Jede Guter- verwendung, welche nicht unmittelbar zum Konsum fuhrt, bedeutet eine Zwischenstufe zur Erlangung eines Gutes, welches konsumiert werden soll, und zwischen den letzten Verwendungen muf die Wahl getroffen werden, diese Wahl dirigiert dann die Guter in ihre einzelnen Zwischenverwendungen. In welcher Weise dieser Prozef vor sich geht, das hat die okonomische Theorie zu zeigen, die Not- wendigkeit des Zusammenwirkens mehrerer Guter in diesen Zwischen- stufen schafft hier schwierige Probleme, welche die Theorie vor ihre gewichtigste Aufgabe gestcllt haben. Hier werden wir das Problem der okonomischen Zurechnungstheorie finden. XIII Es ist nun notwendig, fur das, was wir die Skalierungen der Verwendungsmoglichkeiten von Gutern nach ihrer Wichtigkeit genannt haben, eine Bezeichnung zu wahlen, welche weniger unbeholfen ist, g¥ ===== PAGE 72 ===== und wir nennen sie mit einem in der theoretischen Nationalskonomie iiblichen Ausdrucke Wertskalen. Was wir damit bezeichnen wollen, das haben wir gesagt und wir mochten darauf verweisen, dal wir diesen Ausdruck nur in dem bezeichneten Sinne verstanden wissen wollen, Der Gebrauch dieses Ausdruckes wird bald seine Rechtfertigung erfahren: Das, was diese Skalierung zustande bringt, sind im wesent- lichen ,,Werte” aller Art, Wir betonen aber ausdriicklich: Das, was hier als Wert erscheint, ist mit dem ,wirtschaftlichen Wert" nicht identisch und ist von diesem strenge zu scheiden. Wir werden dasselbe Wort fiir zwei verschiedene Erscheinungen ge- brauchen und wir sind tiberzeugt, da gerade dadurch hier eine rein- liche Scheidung moglich werden wird, so paradox das scheinen mag, so sehr dieser Gebrauch allen Grundsitzen einer gewissenhaften Wahl der Terminologie zu widersprechen scheint. Aber hier ist das Ver- hiltnis dieses: Das Wort ,Wert“ wird unzweifelhaft in doppeltem Sinne gebraucht, sich fiir eine dieser Wortbedeutungen entscheiden, heiBt den Versuch machen, die andere, die ebenso gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt ist, beim Leser in das Unterbewufitsein zu ver- dringen, ein Versuch, der bei der Sachlage mifllingen muff. Es gibt hier nur zwei Moglichkeiten: Entweder das Wort ganz vermeiden, — d. h. zunichst eine neue Terminologie wahlen, das wird ohne sachliche Notwendigkeit jeder gerne vermeiden, das bedeutet aber auch, beide Wortbedeutungen beim Leser im Unterbewuftsein mitspielen zu lassen, damit ist die Verwirrung nicht behoben, — oder aber einen anderen Weg einschlagen, aus der Not eine Tugend machen und das Wort in doppeltem Sinne gebrauchen; hier kann durch deutliche Zusidtze und Hinweis auf den Sinn eines jeden Ausdruckes Klarheit bewahrt werden. Diesen Weg wollen wir gehen. — Nun soll zunachst untersucht werden, was die mysteriGsen , Werte“ der Wertskala sind. Da wollen wir etwas weiter ausholen, sehen wir zunichst, welchen Sinn eine theoretische Okonomie, welche von den Skonomischen Kategorien ausgeht, als Gesetzeswissenschaft von der Wirtschaft haben mug. XIV. Mit der Erkenntnis der vier ckonomischen Kategorien haben wir jene Begriffe der reinen Theorie gefunden, mit denen der Umbkreis ihres Gebietes abgeschlossen ist. Wenn ein Wirtschaftssubjekt iiber Giiter verfigt, fur welche es bestimmte Verwendungsméoglichkeiten hat, und wenn diese Verwendungsmdéglichkeiten in einer Wertskala gereiht sind, so sind die Giiterverwendungen eindeutig bestimmt und die ===== PAGE 73 ===== — 060 — GesetzmaBigkeiten diescr Guterverwendungen sind von der theoretischen Okonomie zu untersuchen. In diesem Bereiche gibt es nichts Meta-Okonomisches mehr, das die Wirkung der okono- mischen Gesetze durchkreuzen konnte, das ist nach der Formulierung der okonomischen Kategorien vollig ausgeschlossen. Diese Satze mogen in Anbetracht der wirtschaftlichen Erfahrung den Anschein eines Paradoxon haben, es mochte scheinen, als ob wir die Kritik der Historiker an den Naturgesetzen der Klassiker uberhort hatten, als ob wir das leugnen wollten, was tausendmal bewiesen worden ist: da Wirtschaft durch , AuBerwirtschaftliches” immer wieder beeinfluit wurde, Darum sei nochmals darauf hingewiesen, in welchem Sinne wir die okonomischen Kategorien verstanden wissen wollen. Wir haben darauf hingewiesen, da die okonomischen Kategorien Formeln sind, in welchen empirische Erscheinungen erfait werden sollen, ihre konkrete Ausgestaltung ist das Wandelbare in der Wirtschaft, ihre Formen sind das Unabanderliche. Wo immer es Wirtschaft gibt, dort finden sich Konkretisierungen der okonomischen Kategorien, wir haben immer darauf hingewiesen, dafl in diesen Konkretisierungen eine Fulle von heterogenen Elementen wirkt: In erster Linie die Befolgung verschiedener Normen und andere soziale Beziehungen, so insbesondere bei der Ausgestaltung der Guter- verteilung, dann aber wirken auch neben diesen Elementen die per- sonlichen Bedurfnisse eines Wirtschaftssubjektes, so bei der Ausgestaltung der Wertskalen. Wie das alles einheitlich zu formulieren ist und wie wir diese verschiedenartigen Momente zusammenfassen konnen in einem Prinzipe der konkreten Ausgestaltung der okonomischen Kate- gorien, das soll spater gezeigt werden. In diesen zunachst so ver- schiedenartigen Elementen sehen wir die Mannigfaltigkeit der empirischen Erscheinungen und all das Meta-Okonomische, das in der Wirtschaft wirkt. Es wirkt aber nur dadurch, dal es ein Baustein ist im Baue von Daten einer Wirtschaft, von Daten, welche notwendig nach dem allgemeinen Baugesetze der okonomischen Kate- gorien errichtet sind. Alles, wasgegen die wirtschaftlichen Grundsatze im Sinne der popularen Auffassung wirkt, bildet sonach ein Datum der Wirtschaft, indem es neben anderen Elementen an der Ausgestaltung der okono- mischen Kategorien mitwirkt. Dies gilt etwa von ,nicht- okonomischen* Motiven, die den einzelnen neben dem ,0okonomischen Prinzip“ oder gegen dasselbe beeinflussen. Es ist etwa ,unwirtschaft- lich“ gehandelt, wenn ein Unternehmer seinen Arbeitern besscre Be- dingungen gewahrt, als er bei skrupelloser Ausnutzung der Lage auf dem Arbeitsmarkte zugestehen mufite, wenn er etwa einen Lohn zahlt, ===== PAGE 74 ===== der den Arbeitern ein gutes Auskommen sichert, wahrend er schon zu einem geringeren Lohne entsprechende Arbeiter haben kdnnte. In einem solchen Falle scheinen auflerwirtschaftliche Elemente — etwa sittliche Werte und religiose Ideen, oder auch: eine kluge Spekulation auf die Erhaltung des sozialen Fricdens — der rein okonomischen Rationalitat entgegen zu wirken, dieser lFall ware nach dieser Ansicht kein Spezialfall eines allgemeinen wirtschaftlichen Gesetzes und ware nicht 6konomisch zu erklaren, Auch wir konnen diesen Fall nicht restlos okonomisch erklaren, d. h. ausschlicBlich aus wirtschaft- lichen Uberlegungen ableiten, die Motive des Unternehmers sind auch fur uns meta-okonomisch. Aber dieser Fall ist zweifellos ,, Wirtschaft“ und wir konnen ihn aus wirtschafthchen Daten erklaren, und d. h.: wir konnen die Voraussetzungen, unter denen hier ein okonomisches Gesetz wirkt, als Konkretisierungen oko- nomischer Kategorien fassen, Die Sachlage ist die: Der Unternehmer zieht fur seine Guter die Erwerbung von Arbeitskraften zu einem ,Schandlohn“ nicht in Betracht, er beachtet diese Ver- wendungsmoglichkeiten fur sein Kapital nicht. Die konkrete Aus- gestaltung der Guterverwendungsmoglichkeiten des Unternehmers ist hier derart, daf3 sich diese Verwendungsmoglichkeit nicht darunter findet, das ,auBerwirtschaftliche Motiv“ hat hier ein Datum der Wirtschaft in eigener Weise ausgestaltet und wir konnen mit diesem konkreten Datum operieren wie mit einem anderen, das allein vom skrupellosen Eigeninteresse des Unternehmers gebildet ist. Wie das moglich ist, das wird sich noch zeigen. Ein anderes Beispiel: Wenn staatliches Recht gesundheitspolizeiliche Vorschriften fur Fabriken erla8t, so wird das nackte Erwerbsinteresse des Unternehmers durchkreuzt, das zeigt sich in der Wirtschaft indem die Verwendungsmoglichkeiten, welche dem Unternehmer fiir seine Anlage offen stehen, eingeschrankt werden. Oder wenn ein auBerhalb jeder Wirtschaft liegendes Ideal das Handeln eines Menschen in ,,uawirtschaftlicher Weise beeinfluBlt, so bestimmt es vielleicht seine Wertskalen oder den Umkreis und die Art der Ver- wendungsmoglichkeiten fur seine Guter. Wie man sich diese Aus- gestaltung der okonomischen Kategorien vorzustellen hat, das wird im nachsten Kapitel dargestellt werden, hier mussen wir von unseren vor- laufigen Formulierungen ausgehen, um die Elemente des ékonomischen Systems abschlieBend betrachten zu konnen. Das Erfahrungsobjekt der Wirtschaft sind menschliche Handlungen, als wirtschaftliches Geschehen sind sie wirtschaftlichen Gesetzen unter- worfen und d. h.: sie sind Guterverwendungen eines uber einen Guter- vorrat mit bestimmten Verwendungsmoglichkeiten verfiigenden Wirt- ===== PAGE 75 ===== schaftssubjektes nach Mafigabe bestimmter Wertskalen, wobei diese Giiterverwendungen durch die konkreten Daten dieses Handelos deter- miniert sind. Wollten wir die Motive der Menschen in ihrer Aus- wirtkung auf die Handlungen verfolgen, so konnten wir nie zu einer eindeutigen Bestimmtheit dieser Handlungen gelangen. Wenn es ge- lingt, die Wirkung eines Motives — etwa des Skonomischen — als scines der Kausalmomente menschlichen Handelns® (Dietzel) isoliert zu betrachten und seine Gesetzmafigkeit zu erkennen, und wenn dieses selbst bei mehreren Motiven gelingt, -— etwa bei einem charitativen Prinzip neben dem wirtschaftlichen —, so fehlt noch die Moglichkeit, das Ineinandergreifen dieser Motive zu erfassen, ganz abgesehen davon, dal es nie gelingen kann, alle Momente, die das Handeln be- einflussen, in ihrer Fiille zu erfassen, derart dal das, was zunachst als menschliche Freiheit erscheint, zu einem Komplex gesetzunterworfener Determinanten rationalisiert erscheint. In dieser Richtung scheint aber doch oft das Streben der Theoretiker sein Zicl gesehen zu haben, Man wollte von dem scheinbar irrationellen Ablauf der menschlichen Handlungen sukzessive ein Gebiet nach dem anderen abspalten und dieses als Handeln gemidf einem isolierten Prinzip verstandesmaBig bewaltigen. So wire der Bereich der dkonomischen Theorie der Bereich des Handelns nach dem 6konomischen Prinzip gewesen, die Gesetze dieser Wissenschaft wiirden dort annihernd mit der Wirklichkeit iibercinstimmen, wo die Menschen im wesent- lichen von diesem Prinzipe sich leiten lassen, die Resultate der Theorie wiirden desto weiter von der Erfahrung abstehen, je kraftiger auBerwirtschaftliche Motive sich Geltung zu verschaffen vermogen; das hitte die praktische Konsequenz, dal die Wirtschaftstheorie im Wesen fiir die moderne Wirtschaft richtig ist, fir eine Wirtschaft, welche sunwirtschaftliche’ Hemmungen des Eigennutzes nur in recht be- schrinktem Ausmafle kennt, wahrend die Wirtschaftsepochen der Ver- gangepheit je nach der stirkeren Wirkung anderer Motive dem Bilde der theoretischen Okonomie mehr oder weniger weit abliegen und zu ihrer theoretischen Erfassung andere Theorien erfordern — und diese Konsequenz ist auch oft gezogen worden. Hier lage ein Moment vor, das der Wirtschaftstheorie ein recht enges Gebiet zuweisen wiirde, und schon deshalb wire es zu begriien, wenn es gelingt, die theore- tische Nationalokonomie von der Voraussetzung des oOkonomischen Prinzipes unabhdngig zu machen, und wenn uns das gelingt, dann miiften wir schon deshalb einen Begriff der Wirtschaft vorziehen, welcher auf keinem eigenartigen Motiv des wirtschaftlichen Handelns aufgebaut ist, weil wir damit der 6konomischen Theorie einen weiteren ===== PAGE 76 ===== — 72 — Geltungsbereich sichern. Dazu kommt noch ein weiteres — und das ist von entscheidender Bedeutung. Nach dem okonomischen Prinzip handeln heifit den gro 8ten mit den vorhandenen Mitteln erreichbaren Erfolg er- streben. Ist es moglich, hier den Begriff Erfolg” in allgemein gultiger Weise derart zu definieren, da er eine rein dkono- mische Seite des menschlichen Lebens bezeichnet im Gegensatz zu anderen Seiten, welche von anderen Motiven und Zwecken beherrscht sind? Oder anders ausgedruckt: Gibt es ein wirtschaftliches Ziel der Menschen neben anderen Zielen? Das Ziel der Wirtschaft, der erwartete Erfolg wirtschaftlichen Handelns ist in der Regel zunachst Befriedigung der Bedurfmisse im engsten Sinne, der physiologischen Existenzbedingungen, dann die Befriedigung der ,hoheren” Bedurfnisse und die Erreichung aller weiterer Zwecke oder Werte, welche von wirtschaftlichen Gutern abhangig sind. Es ist nicht moglich, hier irgendwelche Zwecke ausschlieBlich als wirt- schaftlich zu bezeichnen, der Zweck der Wirtschaft ist immer die Er- reichung weiterer Zwecke, des Zweckes der Lebenserhaltung und anderer?). Alle diese Zwecke in einer eigenartigen Reihung nach ihrer Wichtigkeit bilden das Ziel der Wirtschaft; und diese Zwecke sind immer von den verschiedensten Motiven gesetzt, die auch die Reihung dieser Zwecke selbstandig bewirken. Hier wirkt kein spezifisch wirtschaftliches Motiv neben anderen mit, die Zwecke haben selbstandig ihre Werte und diese werden untereinander abgewogen nach der Bedeutung, die ihnen das Subjekt zuerkennt. Ist Ziel der Wirtschatt prinzipiell die Erreichung einer Mehrheit von Zwecken, dann ist es nicht moglich, einen Zweck als wirtschaftlich auszuscheiden, in einem eigenartigen Zwecke, der von anderen Zwecken seinem Wesen nach geschieden ist, kann das Spezifische der Wirtschaft nicht liegen. Nimmt man den Geltungszusammenhang der Zwecke als Ziel der Wirtschaft an, so 1st damit bereits auf eine Isolierung eines wirtschaftlichen Zweckes neben anderen Zwecken Verzicht geleistet: Das Ziel der Wirtschaft ist identisch mit dem Ziele aller Motive, es nimmt seine Geltung von den letzteren und besteht nicht selbstandig neben ihnen. Es ist eine SU, 1} ,,Betrachten wir die verschiedenen Bezirke oder Gebiete der Gesellschaft, so finden wir als solche, die ihrem Wesen nach das Wertvolle, die Zwecke zum Inhalt haben, Gebiete wie: Wissenschaft, Kunst, Religion, Sitthchkeit, Recht, Staat; denn das Logische, das Schone, das Heilige, das Gute, das Rechte sind schon fur sich Werte, Das emzge Gebiet hingegen, dem der Wert in jenem Sinne des Selbstbestandes, Selbstzweckes fehlt, ist die Wirtschaft. Spann a, a, O. 8, 22f. ===== PAGE 77 ===== abgewogene Reihe von Werten, welche sich in der Wertskala ausdriickt. Damit rechtfertigt sich diese Bezeichnung?). XV. Der Sprachgebrauch kennt ein ,wirtschaftliches Handeln“ neben einem ,unwirtschaftlichen und bezeichnet mit beiden Ausdrucken Guterverwendungen, welche nach unserer Auffassung Wirtschaft sind. Wir sehen hier die Zerfallung des Gegenstandes unserer Betrachtung in einer Richtung, welche den Weg zur Isolierung eines wirtschaft- lichen Prinzipes als eines der Motive des Handelns weist, den Weg, welchen die okonomische Theorie auch wirklich eingeschlagen hat. Der popularen Auffassung erscheint als wirtschaftlich jenes Handeln, welches den Erwerb eines moglichst grofien Guterbesitzes zum Ziel hat, ohne auf unwirtschaftliche Hemmungen Rucksicht zu nehmen. Soweit diese unwirtschaftlichen Hemmungen in den Mitteln der Wirtschaft sich auswirken, indem sie gewisse Verwendungsmoglichkeiten derselben ausschlieBen, haben wir die Sachlage wohl schon genugend erortert: Wir haben gesehen, da wir in der Wirtschaft die Verwendungs- moglichkeiten der Guter so nehmen mussen, wie sie gegeben sind, nicht allein von technischen Bedingungen gesetzt, sondern auch von sozialen. Wir werden das bei der Behandlung der Organisation der Wirtschaft noch klarer sehen, hier soll nur der Gedanke eines rein wirtschaftlichen Zieles noch naher untersucht werden. Diese Vor- stellung wird dem gemeinen Manne wesentlich erleichtert dadurch, da er im Gelde einen , Generalnenner aller Guter kennt: Moglichst viel Geld haben heifit moglichst viel an Gutern besitzen. Wenn wir aber von jedem Geld- und Tauschverkehr absehen und zunachst nur die Verhaltnisse eines isolierten Wirtes betrachten, so wird das Ziel eines Handelns nach dem okonomischen Prinzip viel weniger klar sein, Wenn der isolierte Wirt moglichst viel Guter erlangen will und wenn er sich fragt, was denn ein Viel an Gutern ist, dann muf er einen eigenen Maf3stab fur diese Guter suchen. Ein Maf3 der phy- sischen Natur kann hier nicht genugen: Niemand wird danach streben, ein moglichst grofies Volumen an Gutern oder ein moglichst grofles Gewicht an solchen zu erzielen. Das Maf konnte nur von den Bedurfnissen hergenommen werden, dabei waren — nach den Aus- 1} Uber die Unmoglichkeit der Abgrenzung des Gegenstandes der Volkswirtschafts- lebre aus emem okonomischen Prinzipe vergleiche auch die kritischen Auvsfuhrungen uber die ,,Matene des sozialen Lebens** ber Stammler, Wirtschaft und Recht nach der matenalisischen Geschichtsauffassung, 3. Auflage 1914, S 126fl. ===== PAGE 78 ===== fiilhrungen von Karl Menger — nicht die Bediirfnisgattungen sondern die Bedilirfnisregungen mafligebend. Ein Mehr an Giitern hat der Wirt dann erworben, wenn er mehr von den wichtigsten Be- diirfnisregungen befriedigen kann. Es miissen die verschiedenen Be- diirfnisse, das Bediirfnis nach Nahrung, nach Trank, nach Kleidung, Wohnung, Uaterhaltung usw. nach dem Verhiltnisse der Wichtigkeit der einzelnen Bediirfnisregungen moglichst weit befriedigt sein. Damit wire das Ziel des wirtschaftlichen Handelns soweit umschrieben, da das angegeben ist, was als dessen Inhalt erscheint. Fragen wir gleich: Was ist dabei ausgeschlossen, welches unwirtschaftliche Ziel er- scheint als Gegensatz des ,wirtschaftlichen? Ein ganz typischer Fall des unwirtschaftlichen Handelns liegt dann vor, wenn ein Wirtschalfts- subjekt ein Gut, welches es zu seiner Bediirfnisbefriedigung verwenden konnte, jemandem aus Mildtatigkeit schenkt. Hier ist das Ziel des Handelns von dem dem oOkonomischen Prinzip entgegenwirkenden Prinzip der Karitas gesetzt. Und fragen wir weiter: Warum ist diese Verwendung eines Gutes als Almosen in diesem Falle der Ver- wendung zur Befriedigung etwa des Nahrungsbediirfnisses vorgezogen worden? Hier ist nur eine Antwort moglich: Dem Wirtschaftssubjekt ist die durchgefiihrte Giiterverwendung bevorzugungswert er- schienen, sie ist ihm in der konkreten Situation nach dem Geltungs- zusammenhang seiner Zwecke die wichtigere gewesen. Bleiben wir in der Sprache Karl Mengers: Eine konkrete Bediirfnisregung aus der Bediirfnisgattung Nahrungsbediirfnis ist weniger wichtig als eine konkrete Bediirfnisregung des Bediirfnisses Wohltatigkeit zu iiben. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Der isolierte Wirt opfert seinen Gottern ein Stiick Vieh, das er auch als Nahrungsmittel hatte ver- wenden konnen. Nun wird dieses Opfer dem Wirtschaftssubjekt viel- leicht als etwas im Sinne seiner Religion unbedingt Notwendiges er- scheinen, als etwas, das thm vollig auler Diskussion steht, das es auch dann tite, wenn es um seinetwillen viel entbehren miiite. Auf jeden Fall aber wird dies Gut zur Opferung nur dann verwendet werden, wenn diese Verwendung — die Befriedigung eines ,religiosen Bediirf- nisses” — dem Wirtschaftssubjekte wichtiger erscheint, als die des- halb unterlassene Befriedigung einer Bediirfnisregung des Nahrungs- bediirfnisses, sonst wiirde das Wirtschaftssubjekt eben anders handeln. Wir haben hier gesehen, wie ein karitatives Prinzip und ein religioses Prinzip (so wollen wir das der Einfachheit halber nennen) dem wirtschaftlichen Prinzipe ,entgegenwirken“ — vielleicht wiirden wir besser sagen: mit diesem zusammenarbeiten. Und nun nehmen wir einen Fall aus dem unbestrittenen Bereiche des 6konomischen Prinzipes. ===== PAGE 79 ===== In einem bekanntgewordenen Beispiel Bohm-Bawerks steht ein isolierter Wirt vor der Frage, wie er mchrerc Sicke Getreides ver- wenden soll!). Nachdem bereits ein Teil des Getrcides der Befriedi- gung des Nahrungsbediirfnisses gewidmet ist, wird ¢in Sack zum Bren- nen von Branntwein bestimmt. Das Wirtschaftssubjekt entscheidet in einer konkreten Situation, dal eine konkrete Befriedigung des Bediirf- nisses nach Alkohol ihm wichtiger ist als die Befriedigung einer Regung des Nahrungsbediirfnisses. Hier wirken zwei Krifte zusammen, welche die Befriedigung zweier verschiedener Bediirfnisse zum Ziel haben. Die Entscheidung erfolgt wieder nach der verhiltnismafligen Wichtig- keit von zwei moglichen Bediirfnisbefriedigungen, von zwei Giiter- verwendungsmoglichkeiten., Wenn wir nun die Wahl, die in diesem Falle getroffen werden muf}, mit jener Wahl vergleichen, vor der das Wirtschaftssubjekt bei dem Widerstreiten des karitativen bzw. des religiosen Prinzipes mit dem okonomischen Prinzip gestanden ist, so sehen wir, dafl die Situation jedesmal die gleiche ist: Es wird die Wichtigkeit von Giiterverwendungsmoglichkeiten verglichen und die Entscheidung kann das Wirtschaftssubjekt immer nur nach demselben Grundsatze treffen, das MaB8 ist der Geltungs- zusammenhang aller Werte oder Ziele, welche mitdiesen Giitern erfiillt werden kénnen. Es wire widersinnig, hier das Nahrungsbediirfnis und das Bediirfnis nach Alkohol in einen Gegen- satz zu stellen zu dem karitativen und dem religiésen Prinzip, die beiden ersten als Komponenten eines ¢konomischen Prinzipes aufzufassen, das den anderen Prinzipen entgegenwirkt. Alle diese Krifte, man mag sie Motive, Ziele, Ideale oder wie immer nennen, wirken ineinander, sie bauen gemeinsam die Wertskala auf, welche das Mal der Giiter- verwendungen ist. Und diese Wertskala steht fiir die Wirtschaft den Giiterverwendungsmdoglichkeiten als eine geschlossene Einheit gegen- iiber, wie immer eine Analyse der Motive, welche an der Setzung der einzelnen Posten der Wertskala teilhaben, diese gruppieren mag. Wenn nun das Ziel der Wirtschaft der Erwerb von méglichst viel Giitern ist, so kann das MaB8 nur von dieser Wertskala hergenommen werden. Und weil diese Wertskala grundsitzlich auch aus Elementen zusammengesetzt ist, welche der Sprachgebrauch als unwirtschaftliche dem wirtschaftlichen Prinzip gegeuniiberstellt, ist schon daraus zu sehen, dal hier eine Isolierung des letzteren nicht mdoglich ist. Das mog- lichst Viel an Giitern kann nicht an einem ,wirtschaftlichen" Mafistab gemessen werden, welcher trennbar wire von ,unwirt- 1} Positive Theorie, S. 243 ff. ===== PAGE 80 ===== schaftlichen” Zielen des Handelns. Soweit irgendwelche Ziele die Giiterverwendungen lenken, miussen sie notwendig in einer Einheit erscheinen. Nun kann allerdings das Ziel eines moglichst grofien Giitererwerbes, wie es das sprachiibliche wirtschaftliche Prinzip annimmt, unter Um- stinden eine ganz andere Bedeutung erhalten, eine Bedeutung, die auch im Rahmen der okonomischen Theorie von Gewicht sein wird, Nehmen wir wieder ein Beispiel: Ein Bauer fahrt auf den Markt, um Mehl zu verkaufen, und gibt einen Sack Mehl — wieder: aus Mildtatigkeit — einem armen Mannc¢ um einen besonders billigen Preis her, der sich unter dem auf dem Markte geltenden allgemeinen Preis halt. Zweifel- los ist dieser Verkauf des Mehles Wirtschaft, er ist eine Guter- verwendung bei gegebenen Daten. Der Bauer hat eine Ver- wendungsmoglichkeit vorgezogen, welche ihm weniger Geld eingetragen hat als eine andere Verwendung, die auf dem Markte moglich gewesen ware. Wir konnen dieses als eine Giiterverwendung nach Mafigabe der Wichtigkeit von Verwendungsmoglichkeiten erklaren, diese Handlung wird dem allgemeinen Gesetze der Guterverwendungen unterworfen erscheinen., Aber es ist auch klar, dafl diese Giiterverwendung nicht einem allgemeinen Preisgesetze, welches auf dem Markte wirkt, unterworfen ist. Wir mussen daraus den Schluf ziehen, dal wir dort, wo wir ein allgemeines Preisgesetz ableiten wollen, etwas heranziehen mussen als spezielle, historisch-relative Voraussetzung, das dem sprach- ublichen okonomischen Prinzipe etwas entlehnt; das gilt auch fur den Fall, daf mdglichst groBer Gelderwerb Ziel der Wirtschaft ist. Daruber wird spater gesprochen werden, hier soll nur festgestellt werden, daf das okonomische Prinzip kein allgemeines Grundgesetz fur das Ziel der Guterverwendungen bietet. XVL Sollte aber etwa das spezifisch Wirtschaftliche in einer besonderen Art der Erreichung der Zwecke liegen, derart, da} es eine wirtschaftliche und eine nichtwirtschaftliche Erreichung gabe? Schon aus der Formu- lierung der Frage ist zu ersehen, daff sie mit Nein zu beantworten ist. Gegebene Zwecke konnen mit gegebenen Mitteln entweder erreicht werden oder nicht, es gibt keinen besseren und keinen schlechteren Weg, sondern nur einen richtigen — solange das Geschehen eben von diesen Zwecken und diesen Mitteln allein bedingt ist. Bei dem richtigen Weg zum Zwecke ist dieser Zweck erreicht soweit, als es mit den vorhandenen Mitteln moglich war; ist der Zusammenhang der ===== PAGE 81 ===== Zwecke, welcher Ziel der Wirtschaft ist, derart aufgefaBlt, da er alle Werte, welche zwecksetzend wirken, in sich cint, so kann bei gegebenen, genau umschriebenen Mitteln nichts mchr dic Erreichung der Zwecke — soweit dies eben bei den beschrinkten Mitteln moglich ist, — durch- kreuzen. Insbesondere ist die richtige Verwendung der Mittel nicht von einem rationalen Verhalten abhangig. Eine Irrationalitait kann sich duBern in mangelhafter Kenntnis der Mittel — dann sind die nicht bekannten Mittel {iir den Handelnden keine Mittel, da er sie nicht sieht, sie nicht verwenden kann oder nicht verwenden will —, oder aber der Fehler zeigt sich im Abwigen der Zwecke — dann sind die Zwecke vom Standpunkte eines auBenstehenden Beurteilers unverniinftig oder sie konnen auch dem Handelnden selbst nachtriaglich unver- niinftig erscheinen, solange sie aber fiir ihn gelten, bleiben sie Ziel des Handelns, ob sie verniinftig sind oder nicht. Wir abstrahieren nicht von auBerwirtschaftlichen Einfliissen, wir isolieren nicht ein wirtschaftliches Prinzip, wir fragen, welche GesetzmiBigkeit sich an Daten anknipft, welche von den einander widerstreitenden Motiven, Zwecken, Werten, Idealen mit- bedingt sind, wir uatersuchen, welche Giiterverwendungen bei ge- gebenen Daten richtig sind, Die Gesetzmiadligkeit dieser Giiterverwen- dungen ist das Problem der theoretischen Okonomie. In der empirischen Wirtschaft sind alle Giiterverwendungen richtig, d. h. sieentsprechendendkonomischen Gesetzen (wobei zu beachten ist, dal die konkreten Ausgestaltungen der &ko- nomischen Kategorien, welche Daten fiir die Wirkung des 6konomischen Gesetzes im Einzelfalle sind, wie schon angedeutet, immer erst aus den Handlungen erschlossen werden kénnen). Dasisteine notwendige Folge dessen, dafl wir die 6konomischen Gesetze als absolute Gesetze auffassen, welche an die richtig for- mulierten Daten die gesetzmidfligen Folgen kniipfen, genau so wie in der Welt der Mechanik alle Bewegungen den Gesetzen derselben entsprechen. XVIL Fiir den bandelnden Menschen folgt die Notwendigkeit einer be- stimmten Giiterverwendung aus der Geltung der Zwecke und den ge- gebenen Mitteln, das wirtschaftliche Handeln wird immer als Zweck- streben erlebt, 148t sich zu mindestens als solches deuten. Wiirde die Wirtschaftstheorie empirische Handlungen selbst zu ihrem Inhalte haben, so wire sie nur als ein zweckrationales System mdglich, sie ===== PAGE 82 ===== mufite die Bedingtheit des Handelns aus seinen Zwecken erklaren und in dieser Weise haben wir auch in unseren letzten Ausfuhrungen die Terminologie einer teleologischen Lehre angewendet, um zu zeigen, da ein von anderen Zwecken isolietbarer Zweck der Wirtschaft nicht denkbar ist. Wir mussen aber jetzt noch einen weiteren Schritt machen, der uns zur volligen Ablehnung der Teleologie im Gebiete der okonomischen Theorie fuhren wird. Hier wird es vorteithaft sein, wenn wir wieder ein wenig weiter ausholen und zugleich unserer Lehre etwas nchmen, das sie leicht wenig plausibel scheinen liele. Die GesetzmaBigkeit der Wirtschaft knupft an die Daten an, sie ist in ihrer konkrcten Wirksamkeit nur durch diese und durch nichts anderes bestimmt. Das hciBt aber, wenn wir die reine Theorie zur Wirklichkeit der wirtschaftlichen Handlungen in Bezug setzen: Die Daten fassen alles das, was das menschliche Handeln irgendwie be- stimmt, in sich ein, dabei mag ein solcher Bestimmungsgrund rationell erklarbar sein oder auch nicht. Ob die ,Freiheit” des menschlichen Handelns einzig in seiner Bestimmtheit durch eine Uber- zahl von einzelpen, fur sick rationell isolierbaren und erklarbaren Motiven besteht, fur welche ein Prinzip des Zusammenwirkens nicht zu finden ist, derart dal, wenn auch die einzelnen motivierenden Krafte bekannt sind, doch ihre Resultante nicht konstruierbar ist, — oder aber: ob neben dem rationell ErfaBbaren noch ein irrationeller, ver- standesmafig nicht zu bewaltigender Rest besteht, der fur immer die Moglichkeit nimmt, das empirische Handeln aus aueren Bestimmungs- grunden und angenommenen Motiven abzuleiten, diese Frage mag un- beantwortet bleiben. Welchen Sinn kann es aber in Anbetracht der Freiheit des menschlichen Handelns haben, daff wir die theoretische Nationalskonomie, eine Wissenschaft, die ein Geschehen betrachtet, das schlieBlich menschliches freies Handeln ist, als eine Gesetzes- wissenschaft ansehen? Alles das, was die menschliche Freiheit ausmacht, kann in der Gesetzmafigkeit einer Theorie nicht erklart werden. Hier gibt es nur einen Ausweg: Das, was nicht wirtschaftliche GesetzmaBligkeit ist, mufl von dieser geschieden werden und das konnen wir nur in der Weise, dal wir es in die Daten der Wirtschaft aufnehmen. Indem wir empirische Wirklichkeit gesetzes- wissenschaftlich betrachten, scheiden wir das, was nicht gesetzliche Relation ist, ab und nehmen es unter die Daten auf, Wir zichen einen Schnitt durch das vorgefundene Material in der Weise, daf} wir auf der einen Seite die Konkreti- sierung der okonomischen Kategorien in ihrer vielartigen Beeinflussung durch rationell erfaBbare oder auch nicht erfaflbare Momente haben, ===== PAGE 83 ===== auf der anderen Seite dic an diese Daten gekniipften gesetzmifligen Folgen. Nicht immer ist es moglich, die Daten, an welche eine wirt- schaftliche Handlung ankniipft, voll zu erfassen, aber das ist ja nicht das Problem der Wirtschaftstheorie. Wenn die Daten genau bekannt sind, so sind die sich an diese anschlieflenden Giiterverwendungen gesetzmaBig bestimmt. Um das handelt es sich. Ob rationell oder nicht rationell gehandelt wird, ob die Handlung im Sinne eines auf- gegebenen Zweckes richtig ist, das steht nicht in Frage fir die Wirt- schaftstheorie. Fiir sie ist das Geschehen determiniert, und eine Priifung desselben in dem oben angefiihrten Sinne kana nur die Daten betreffen. Nicht was der Mensch in einer bestimmten Situation will und wie er das zu erreichen sucht, ist Problem der theoretischen Nationalokonomie als Gesetzeswissen- schaft, ihre Frage lautet so: In welcher Weise sind die Giiterver- wendungen durch die gegebenen Daten bestimmt? Darum ist es auch unzulissig, innerhalb des oOkonomischen Systems eine besondere Art der Gesetzmafligkeit anzunehmen, welche dem menschlichen Handeln eigentiimlich ware, Die Okonomischen Gesetze zeigen regelmafige Zusammenhinge, welche wir als ,kausale’ bezeichnen konnen, so wie irgendwelche entsprechende Zusammenhinge in der physischen Natur. Wir konnen aus den oOkonomischen Kategorien durch logische Opera- tionen gewisse Gesetze ableiten, das empirische Geschehen in der Wirtschaft ist diesen Gesetzen unterworfen. Das ist es, was wir damit ausdriicken, dal wir die theoretische Nationalokonomie als Gesetzes- wissenschaft bezeichnen. Jetzt ergibt sich ohne jede Schwierigkeit die Erkenntnis der Natur des wirtschaftlichen Geschehens. Das mit mehr oder weniger Bewufit- heit und Uberlegung vor sich gehende empirische Handeln, so wie wir es an uns erleben und an anderen beobachten, ist nicht unmitteibar das reine Objekt der Okonomischen Theorie. Dieses Handeln ist ja nicht etwas strenge Bestimmtes, noch wenn er handelt, ist der Mensch Jirel”, noch wihrend des Handelns werden Motive wirksam, kommt Arbeitsfreude und Tréagheit, kommt Furcht und Hoffnung und anderes Meta-Okonomische zur Wirkung. Das miissen wir von der komplexen empirischen Erscheinung loslosen, wenn wir das Handeln als gesetz- mafig betrachten wollen, wir miissen es zu den Daten schiecben. Die Daten sind nicht notwendig in ihrer vollen Ausgestaltung zeitlich vor dem Handeln gegeben. Der Vollzug des ckonomischen Gesetzes durch die Handlung kann noch wihrend des Handelns gelenkt werden durch Neubildung und weitere Ausgestaltung der Daten. So wird es spater unsere Aufgabe sein, zu fragen, wie es mdoglich ist, die Ausge- ===== PAGE 84 ===== _ 80 — staltung der Okonomischen Kategorien, welche Datum empirischer Handlungen ist, zu erfassen. Dateninderungen, die wihrend des Handelns eintreten, konnen — das ist schon hier klar — aus dem handelnden Menschen selbst entspringen und insoweit dies eintritt, bleibt unverweigerlich das Geschehen fiir die 6konomische Betrachtung in dem Sinne irrationell, da} eine Vorhersage des Geschehens nicht moglich ist, nicht aber in dem Sinne, daB dieses Geschehen nicht gesetzmidflig bedingt wire, indem es eben von Daten abhingt. Wenn eine Billardkugel im Rollen ist, so ist ihr Weg gesetz- maflig bestimmt, nur durch die Daten, an welche hier das Gesetz der Tragheit ankniipft, determiniert. Wenn nun die Kugel in ihrem Ver- laufe gestoBen wird, so wird sie thren Weg dndern, sie wird nicht mehr den frither vorherbestimmten Weg einschlagen, sondern das neu ge- setzte Datum wird Ausgang einer anderen Wirkung des Naturgesetzes sein. So ist es auch mit dem wirtschaftlichen Geschehen. Wenn wir vor einer wirtschaftlichen Handlung wissen, welche Daten sich in ihr auswirken, so kénnen wir diese Handlung vorhersagen. Andern sich die Daten, so wird auch das Handeln anders verlaufen — aber es wird deshalb nicht dem Gesetze der Gkonomischen Theorie widersprechen. Wir diirfen uns nicht von der praktischen Schwierigkeit verwirren lassen, dal die Daten einer Handlung oft vorher nicht bekannt sein werden, vielleicht vorher nicht einmal feststehen, konnmen sich doch etwa die Wertskalen noch wihrend des Wirtschaftsprozesses andern. Aber nicht in der Vorherbestimmung liegt das Wesen des gesetzmifligen Geschehens, sondern darin, da es Gesetzen entspricht, ob auch seine Bedingungen in concreto nicht bekannt oder oder auch iiberhaupt nicht feststellbar sein mogen.?) XVIII Wir miissen nuamehr noch etwas nachtragen, das wir frither in seinem systematischen Zusammenhange nicht behandeln konnten, ehe wir uns iiber die Natur des wirtschaftlichen Handelns klar waren. Wir sprachen nur von den Wertskalen personlicher Wirtschaftssubjekte und lieBen bei unserer Betrachtung die unpersdnlichen Wirtschaftssubjekte einstweilen beiseite. Die Schwierigkeit, welche wir dabei vor uns sahen, bestand darin, dal es nicht klar war, wie ein unpersonliches Wirtschaftssubjekt handelt oder, anders ausgedriickt, da ja auch ein 1} Vergleiche zu diesen Ausfilhrungen Max Weber: Roscher, Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalékonomie. (Schmollers Jahrbuch, Band 27, 1903, Band 29, 1905 und Band 30, 1906.) ===== PAGE 85 ===== — 81 — unpersonliches Wirtschaftssubjekt nur durch einzelne Menschen handeln kann: wie ein Individuum als Organ eines Wirtschaftssubjektes erscheinen kann, — wahrend beim personlichen Wirtschaftssubjekt das Handeln ohne weiteres als Handeln des Wirtschaftssubjektes erscheint. Streng genommen ist dieser Unterschied uberhaupt nicht vor- handen, das Problem, wie empirisches wirtschaftliches Handeln als Handeln eines Wirtschaftssubjektes erscheint, besteht auch fur das per- sonliche Wirtschaftssubjekt, auch hier ist der handelnde Mensch »Organ” des Wirtschaftssubjektes. Denn das Letztere ist nicht identisch mit dem wirklichen Menschen, der Begriff Wirtschafts- subjekt ist — wenn man will — eine , Abstraktion®, ist ein Gedaoken- gebilde, das nur fur das theoretische System der Nationalokonomie geschaffen ist, ist insbesondere nicht so wie der Mensch ein durch Motive und Zwecke beeinflufites Wesen. Machen wir uns klar, wozu wir diesen Begriff des Wirtschaftssubjektes uberhaupt brauchen. Wir haben die okonomischen Kategorien der Verfugungsgewalt uber Guter mit bestimmten Verwendungsmoglichkeiten und der Wertskalen gefunden, Jedes Wirtschaftssubjekt hat einen anderen Guterbesitz und andere Wertskalen, daf} diese in einem konkreten Falle zusammen- hangen, da also die Verwendung eines bestimmten Guter- besitzes nach Mafigabe einer bestimmten Wertskala erfolgt, dafur ist das Wirtschaftssubjekt ein Ausdruck. Und wenn ein Guter- besitz und die entsprechenden Wertskalen sich anders, so ist das Wirtschaftssubjekt ein Ausdruck fur die Beharrung und fur den Zusammenhang des Einst mit dem Jetzt. Das empirische wirt- schaftliche Geschehen ist immer Handeln eines Menschen, fur die Be- trachtung der okonomischen Theorie erscheint es aber nur als Voll- zug von Guterverwendungen auf Grund einer Wertskala, der handelnde Mensch ist das diese Guterverwendung durchfuhrende Organ. Wo ein Wirtschaftssubjekt mit einer physischen Person zusammen- fallt, ist diese selbst leicht als das Organ erkannt, das die Guterver- wendungen, welche im Wirtschaftsplane dieses Wirtschaftssubjektes gegeben sind, durchfuhrt. Wie ist es aber mit dem nichtpersonlichen Wirtschaftssubjekt? Wie erkennen wir ein Handeln in der Wirtschaft als Handeln eines unpersonlichen Wirtschaftssubjektes! Die Antwort auf diese Frage werden wir erst bei Besprechung der Organisation der Wirtschaft geben konaer. Hier konnen wir uns wieder vorlaufig da- mit begnugen, da wir die in aller Regel zutreffende normative Be- trachtung heranziechen. Wo das unpersonliche Wirtschaftssubjekt eine Rechtsperson ist, da wird auch auf Grund von Rechtsnormen ein Organ Strigl, Die bkonomischen Kategorien, 6 ===== PAGE 86 ===== — 82 — fiir dieses Wirtschaftssubjekt bestellt sein. Und wie das Geschehen in der Gesellschaft in der Regel dem Rechte entspricht, so werden wir — insoweit diese Entsprechung eben vorliegt — auf Grund der geltenden Rechtsnorm eine Zurechnung der Handlung vornehmen kénnen. Die Giiter eines unpersonlichen Wirtschaftssubjektes konnen jeden- falls erst dann verwendet werden, wenn unter den Verwendungsmoglich- keiten eine Auslese getroffen ist und diese Verwendungsmoglichkeiten in einer Wertskala gerciht sind. Zwecifellos wird die Wertskala eines nichtpersonlichen Wirtschaftssubjektes etwas anders gebildet werden als die eines personlichen Wirtschaftssubjektes. Der in die Augen fallende Unterschied ist der, dal in der Wertskala des nichtpersonlichen Wirtschaftssubjektes naturgemifl jene Posten fehlen miissen, welche den physiologischen und anderen héchst-personlichen Bediirfnissen der Menschen entsprechen. Fragen wir vor allem, wie denn iiberhaupt die Wertskala eines unpersonlichen Wirtschaftssubjektes zustande kommen kann. Es ist moglich, da da Normen wirken, welche zu mindestens einen allgemeinen Rahmen fir die Wertskalen geben: Fiir eine Stiftung kann die Verwendung ihrer Giiter in dieser Weise vorge- schrieben sein. Das Organ des Wirtschaftssubjektes wird da nach seinem Ermessen innerhalb dieses Rahmens die letzte Auswahl unter den Verwendungsmoglichkeiten treffen. Ein anderes Mal kann wiederum dem Organ vollig freie Hand gelassen sein, dieses wird nach seinen personlichen Werten die Auswahl unter den Verwendungsméglichkeiten fir den Giiterbesitz des unpersonlichen Wirtschaftssubjektes treffen, wobei noch durch die Organisation des betreffenden Wirtschaftssubjektes eine Verantwortung des Organes fiir sein Handeln gegeben sein kann, so dal} dieses im Aufstellen der Wertskala auf diese Bindungen Riick- sicht nehmen mul. Eine grundsitzliche Schwierigkeit ist hier wohl nicht mehr zu sehen: Auch die Giiterverwendungen des unpersénlichen Wirtschaftssubjektes sind durch eine Wertskala bestimmt, an deren Aufbau wieder eigenartige Ziele und auch soziale Elemente teilhaben. XIX. Wir haben nunmehr den Tatbestand der Wirtschaft durch die okonomischen Kategorien definiert und haben zugleich eine gewisse Umschreibung dessen gebracht, was an der Konkretisierung dieser okonomischcn Kategorien zu den Daten der Wirtschaft mitwirkt. Wir haben da gesehen, wie verschiedene Elemente in die Wirtschaft hinein- wirken, wie auflerhalb der Wirtschalt liegende Tatsachen den konkreten Tatbestand der Wirtschaft aufbauen. Nehmen wir z. B. die Verwen- ===== PAGE 87 ===== — 83 — dungsmoglichkeiten der Guter: zunachst geben die physischen Eigen- schaften der Sachguter eine Grundlage fur diese. Der Rahmen der damit gesetzt ist, wird nun durch andere Elemente, vor allem durch soziale Beziehungen, verschoben. Oder die Wertskalen: hier bilden die physio- logischen Bedurfnisse — zu mindestens fur die personlichen Wirtschafts- subjekte — gewissermaflen eine Grundlage, und auch da kommen noch andere Momente hinzu, welche erst die Wertskalen, so wic sie der Wirtschaft zugrunde liegen, bestimmen. Wir haben dabei immer alle die meta-okonomischen Elemente, welche die Organisation der Wirtschaft aufbauen, in ganz gleicher Art betrachtet und einen Unterschied zwischen solchen, welche nach der uberkommenen Auffassung den wirtschaftlichen Gesetzen entgegenwirken, und solchen, welche die Grundlage fur die Wirkung okonomischer Gesetze sind, nicht gemacht. Das war fur uns notwendig, da wir die theoretische Okonomie als empirische Gesetzeswissenschaft auffassen, welche die Gesetzlichkeit des wirtschaftlichen Geschehens darstellt, ohne etwas anzuerkennen, das in ihrem Bereiche ihr entgegenwirken konnte. Diese Auffassung wird nun erst dann voll gerechtfertigt werden, wenn wir den Nachweis er- bringen, dal die Organisation der Wirtschaft, welche die die Daten einer Wirtschaft aufbauenden Elemente in sich vereint, bei der Be- trachtung der Wirtschaft mit den Formen der okonomischen Kategorien als einheitliche Resultante aller meta-6konomischen Voraussetzungen sich darstellt. Das soll nun untersucht werden. 6* ===== PAGE 88 ===== II. Die Organisation der Wirtschaft. I. Die ,entfernten Ursachen* des wirtschaftlichen Geschebens. — II. Die Deutung des wirtschaftlichen Handelas. Der Tatbestand der Lebemsnot und der Tatbestand der Wirtschaft. — III. Die FEinheitlichkeit der Organisation der Wirtschaft. — IV, Allgemeine Siitze der Wirtschaftsorganisation, — V. Wirtschaftsgesellschaft und Wirtschaftsorganisation. — VI. Staat und Wirtschaft. — VII, Wirtschaft und Technik, -—— VIII. Die psychologischen Grundlagen der Wirtschaft. Einige Bestimmungsgriinde der Wertskalen. — IX. Wirtschaft und Etbik. — X. Die Erforschung der konkreten Wirtschaftsorganisation. — XI. Die Theorie der Gkonomischen Daten. — XII. Anderungen in der Organisation der Wirtschaft, ===== PAGE 89 ===== I. Wir haben in der Einleitung darauf hingewiesen, dai die oko- nomischen Kategorien in zwei Richtungen sich bewihren miissen: Einerseits sollen sie imstande sein, das System der theoretischen Okonomie aufzubauen, anderseits sollten sie geeignet sein, die Erscheinungen der empirischen Wirtschaft in ihren Formeln zu erfassen. Die Ableitung des theoretischen Systems aus den Gkonomischen Kategorien wollen wir im nichsten Kapitel versuchen, hier wollen wir vorerst das Ver- hiltnis der Gkonomischen Kategorien zur wirtschaftlichen Erfahrung klarstellen. Mit der Beschreibung von empirischen Wirtschaften beschiftigen sich Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsbeschreibung (deskriptive Wirtschaftswissenschaft), welche beide fiir uns in derselben Ebene stehen da es fiir die Beurteilung der formalen Struktur einer Wirtschaftsbe- trachtung gleichgiiltig ist, ob die erfaBte Wirtschaft der Vergangenheit angehort oder ob sie lebendig vor uns steht, — wenn nur unsere Quellen uns iiber die Erscheinungen ausreichend unterrichten. Da alle Wirtschaft sich in den Formen der dkonomischen Kategorien vollzieht, da wir Erscheinungen nur dann als Wirtschaft im Sinne einer Gesetzes- wissenschaft denken, wenn wir sie in diesen Formen denken, so bedeutet die Beschreibung gewisser wirtschaftlicher Erscheinungen zu- niachst die Darstellung derselben in den Formen der &konomischen Kategorien. Die Wirtschaftsgeschichte {und Wirtschaftsbeschreibung) mu also aussagen, wer in der betrachteten Wirtschaft Wirtchaftssubjekt war, liber welche Giiter jedes Wirtschaftssubjekt verfiigt hat, welche Verwendungsmoglichkeiten ihm fiir jedes Gut offen gestanden sind und wie das Wirtschaftssubjekt diese Giiterverwendungen in Wertskalen gereiht hat. Wenn diese Fragen beantwortet sind, so sind die konkreten Daten einer Wirtschaft erkannt, und alles was die betrachtete Erfahrung an wirtschaftlichen Erscheinungen aufweist, ist durch die Daten (und eventuell durch — moglicherweise auch auf meta-6konomische Einfliisse zuriickgehende — Dateninderungen) bedingt. Mangel und Uberflus, ===== PAGE 90 ===== — 88 — Preise und Preisverschiebungen, Konjunkturen und Krisen hingen von den Daten ab, sind fiir uns durch diese allein bedingt. Wohl hat man mit vollem Rechte die verschiedenartigsten Ereignisse als ,,Ursachen“ wirtschaftlicher Erscheinungen wirkend gesehen: Krieg und Erdbeben, Erfindungen und Volksbildung, politische Begebenheiten im weitesten Sinne dieses Wortes, religiose Ideen und alle Arten geistiger Stromungen haben die Wirtschaft beeinfluit. Das soll unsere These nicht leugnen. Nur eines mu} hinzugefugt werden: Sowie irgendwelche ,meta- okonomische* Ercignisse dieser Art wirtschaftliche Be- deutung erhalten haben, konnten sie diese nur dadurch erlangen, dass sie die Ausgestaltung der 6konomischen Kategorien beeinflufiten. Erst diese konkreten Daten kénnen wirtschaftliche Erscheinungen hervorbringen, nur iiber die Daten geht der Weg, der irgendwelchen Kraften von auflen einen Einfluf auf wirtschaftliche Erscheinungen erioffnet. Wenn Erfindungen ein Volk reich gemacht haben, so haben sie den Burgern neue Verwendungs- moglichkeiten fur ihre Giiter beschafft; wenn ein Schutzzoll eine Indu- strie zur Blate brachte, so gab er den Unternehmern die Méglichkeit, ihre Fabrikate zu hoheren Preisen zu verkaufen; wenn religidse Un- duldsamkeit ein gewerbefleiffiges Volk in fremde Linder vertreibt, so erscheinen in diesen Lindern neue Wirtschaftssubjekte, welche neue technische Methoden, bisher unbekannte Verwendungsmoglichkeiten fir Arbeit und Sachgiiter mitbringen; wenn Grundbesitzer oder reiche Kirchen enteignet werden, so wird die Guterverteilung verschoben; wenn ein erwachendes Streben nach Erwerb Betriebsamkeit und Ge- schiftsgeist hebt, so hat es die Wertskalen der Einzelnen verschoben etc. Es ist nicht schwer fiir alle derartigen .entfernten Ursachen® wirt- schaftlicher Erscheinungen aufzuzeigen, dafl sie irgendwie die Daten der Wirtschaft beeinflufit haben, dal sie erst durch Einwirkung auf den Tatbestand der Wirtschaft, der durch Konkretisierung der &ko- nomischen Kategorien gegeben ist, tatsichlich Ursache wirtschaftlicher Erscheinungen geworden sind. Wir wollen nicht die Frage anschneiden, inwieweit die Wirtschaftsgeschichte das Recht oder die Pflicht hat, den entfernten Ursachen des wirtschaftlichen Geschehens nachzugehen, ohne Zweifel ist eines: Sie muf} jene Bedingungen des wirtschaftlichen Ge- schehens erfassen, welche die konomischen Daten dieses Geschehens sind, sie mufl die Organisation der Wirtschaft erkennen. Unsere Auf- gabe ist es jetzt, zu untersuchen welchen Weg sie hier einzuschlagen hat. ===== PAGE 91 ===== —-_ 89 — IL. Empirisches wirtschaftliches Geschehen ist immer Vollzug von Guiterverwendungen auf Grund von gegebenen Daten, also immer menschliches Handeln, und wenn wir in einer gegebenen Wirtschaft die Daten erkennen wollen, so miissen wir von den menschlichen Hand- lungen ausgehen, die allein das gegebene Erfahrungsmaterial der Wirt- schaft sind. Nun kénnen wir an diesen menschlichen Handlungen die Konkretisierungen der 6konomischen Kategorien nicht unmittelbar wahr- nehmen, wir miissen von den beobachteten Handlungen durch eine besondere Gedankenoperation auf die zugrunde liegenden Daten schlieflen. Wer die konkreten Daten eciner Wirtschaft unter- sucht, steht zu seinem Objekt in der typischen Ein- stellung des Historikers, der das Geschehen im Bereiche dermenschlichen Gesellschaft betrachtet, wobei fiir den Okonomen die Begriffe der okonomischen Kategorien die Gesichtspunkte angeben, nach welchen das Material auszuwahlen und zu behandeln ist. Zweifellos ist diese Art der Materialauslese nicht durch einen Eigenwert der okonomischen Kategorien gerechtfertigt, sie erhalt einen Sinn uberhaupt erst dadurch, daf} die 6konomischen Daten ihrerseits zu weiteren Erkenntnissen dienen, dadurch, dal die Skonomischen Kategorien Ausgangspunkt einer Ge- setzeswissenschaft sind. Wir sehen in der empirischen Wirtschaft Er- scheinungen, welche Folgen wirtschaftlicher Bedingungen sind, schon der Laie stelit notwendige Verkniipfungen in der Wirtschaft fest. Sind in dem Bereiche der okonomischen Kategorien gesetzmaBige Not- wendigkeiten erkannt, dann ist die Erfassung der Organisation einer Wirtschaft in dem von uns bezeichneten Sinne als erste Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte gerechtfertigt: Die Wirtschaft ist als Re- lation ihrer Daten erklarbar, und alles, was sich als weitere Folge an die gesetzmaflig erfafiten Konsequenzen der Wirtschaftsorga- nisation ankniipft, ist durchdie sichere Brucke einer Gesetzeswissenschaft mit dem durch das Vorokonomische bedingten Ursprung der Wirt- schaft verknupft. Dieser Ursprung der Wirtschaft ist der okonomische Tatbestand. Es ist der wirtschaftlichen Handlung wesenhaft, daB sie Handlung (Giiterverwendung) eines Wirtschaftssubjektes (des Organes eines solchen) ist, wobei dieses Wirtschaftssubjekt uber ein Gut verfiuigt, dessen Ver- wendungsmdoglichkeiten es in eine Wertskala reiht. Eine empirische Handlung 6konomisch betrachten, heift sie auf konkrete Ausgestaltungen ===== PAGE 92 ===== —-— 00 — dieser okonomischen Kategorien beziehen und wie die dkono- mischen Kategorien Voraussetzung jeder Wirtschaftsind, so ist immer die Méglichkeit dieses Bezuges gegeben, Nur indem wir eine empirische Erscheinung auf die Formen der oko- nomischen Kategorien beziehen, indem wir fragen, welche konkreten Daten ihr zurunde liegen und die Voraussetzung fiir die Wirkung eines OSkonomischen Gesetzes bilden, konnen wir diese Erscheinung als eine wirtschaftliche verstehen. Die empirischen Erscheinungen sind als Erscheinungen, welche wirtschaftlichen Gesetzen folgen, zu betrachten; da diese Gesetze Relationen von 6konomischen Kategorien aussprechen, sind jene Konkretisicrungen dieser reinen Begriffe zu suchen, welche in der Ebene der Erfahrung den 6konomischen Kategorien entsprechen. Ein Beispiel: N. N. kauft beim Buchhindler ein Buch. Wir be- obachten verschiedene Handlungen des Kaufers, der das Buch verlaagt, dasselbe durchblittert, es packen lifit und es dann in seine Aktentasche steckt, sodann an der Kasse den Kaufpreis zahlt, weiter Handlungen des Verkidufers und der Kassierin. Alle diese einzelnen Ereignisse sind als wirtschaftliches Geschehen nur insofern zu erfassen, als sie Be- zichungen von Konkretisierungen ckonomischer Kategorien sind. Der Kiufer ist ein Wirtschaftssubjekt, das iiber das in seiner Tasche be- findliche Geld verfiigt, dem weiter die Verwendung dieses Gutes zum Kauf des Buches nicht nur méglich ist, sondern auch so wichtig ist, dal keine andere Verwendungsmoglichkeit wichtiger ist, die es mit seinem beschrinkten Geldvorrate sonst durchfithren konnte, aber infolge dieses Einkaufes unterlassen muff; Analoges gilt von den Handlungen der ,,Organe” des Buchhindlers. Unser Problem ist nun: Wie kommen wir von den empirischen Handlungen zu diesen bestimmten Konkretisierungen O6konomischer Kategorien? Der Weg ist mit der Eigenart unseres empirischen Ma- terials gegeben. ,Menschliches (duBeres und inneres) Verhalten zeigt sowohl Zusammenhinge, wie RegelmiBigkeiten des Verlaufes, wie alles Geschehen, Was aber, wenigstens im vollen Sinne, nur menschlichem Verhalten eignet, sind Zusammenhinge und Regelmifligkeiten, deren Ablauf verstindlich deutbar ist... ,Handeln“ aber (mit Einschluf3 des gewollten Unterlassens und Duldens) heifit uns stets ein verstand- liches, und das heifft durch irgendeinen, sei es auch mehr oder minder unbewuBt, ,,gehabten” oder ,gemeinten” (subjektiven) Sinn spezi- fiziertes Sichverhalten zu ,Objekten,,“.1 ) Max Weber, Uber einige Kategorien der versichenden Soziologie. Logos, Band 4, 1913, S. 253. ===== PAGE 93 ===== — Or — Nun kann eine empirische wirtschaftliche Handjung — etwa der Kauf eines Buches — fiir den Handelnden (z. B. fir den Kiufer) in verschiedenen Arten einen Sinn haben, jedenfalls aber ist es ein von ihm vielleicht ,unbewuft gehabter Sinn dieser Hundlung, dal sie — so wollen wir vorliufig sagen — am Tatbestand der Lebensnot orientiert ist, da sie sonach Giiterverwendung ist, welche von okonomischen Daten abhingig ist. Nur auf den 6konomischen Sinn einer Handlung kommt es uns an. Wenn wir eine Handlung als eine wirtschaftliche deuten konnen, so ist damit nicht schon gesagt, daf} eine andere Deutung unméglich wire. Die Handlung des Biicher- einkaufes kann auch als Rechtsgeschift einen Sinn haben, es kénnen gewisse Ziige des Geschehens sinnhaft gedeutet werden durch Bezug auf gesellschaftliche Konventionen, indem etwa die gewechselten Hof- lichkeitsformeln etc. in den Vordergrund riicken, es kann dieses Ge- schehen etwa auch als Flirt des Kiufers mit einer Verkduferin ,ver- stindlich* sein. Einer der méglichen Wege in einem derartigen Ge- schehen einen Sinn zu finden, ist der Weg der Deutung als wirtschaft- liches Geschehen. Es ist nicht schwer, den spezifisch wirtschaftlichen Sinn dieses empirischen Geschehens zu erklaren. Wir wollen hier aber wieder etwas weiter ausgreifen, um jedem Mifiverstindnisse auszuweichen. Alles wirtschaftliche Handeln soll die Lebensnot soweit als moglich iiberwinden, soll ein richtiges Verwenden der knappen Giiter herbei- fiihren. Das will jeder wirtschaftende Mensch und wir konnen ohne weiteres ,, Wirtschaft” als subjektiven Sinn dieses Handelns unterlegen: Wir konnen dieses Handeln in der Weise verstehen, dal wir Wirtschaft als seinen Zweck annehmen. Nur miissen wir uns klar sein, in welchem Sinne wir hier von Wirtschaft sprechen. Der Tatbestand der Lebensnot ist zunichst durch ,duBere Umstinde gegeben: durch die Menge der vorhandenen Giiter und durch die Be- diirfnisse, vor allem die physiologischen Bediirfnisse. Wir haben schon dargelegt, dal das wirtschaftliche Handeln nicht durch diesen nackten Tatbestand allein bedingt ist, es hat sich gezeigt, daBverschie- dene Momente diesen Tatbestand verschieben, und da der mit den Okonomischen Daten gegebene Tatbestand der Wirtschaft etwasanderes ist, als der Tatbestand der ILebensnot. Wire die Wirtschaft nur von dem Tatbestande der Lebensnot, wie er hier in Gegensatz zum Tatbestand der Wirtschaft gestellt ist, bedingt, so konnte man die Daten des wirtschaftlichen Handelns aus natiirlichen Gegebenheiten erkliren, wir wiirden Giiter zahlen und messen, ihre Tauglichkeit zur Befriedigung menschlicher Bediirfnisse abwigen und experimentell eine Bedtirfnisskala in Erfahrung ===== PAGE 94 ===== — 92 — bringen; durch diese Momente ware dann das wirtschaftliche Geschehen bestimmt. Dieser Weg ist aber nicht gangbar, weil eben grund- satzlich der Tatbestand der Wirtschaft ein anderer ist, als der rohe Tatbestand der Lebensnot: Die Guterverteilung etwa ist in der Gesellschaft immer ,sozial”, die Wertskalen sind immer auch von anderen Momenten als von den physioclogischen Bedurfnissen abhangig etc. Deshalb mussen wir bei der Erforschung der Organi- sation der Wirtschaft den Tatbestand der Wirtschaft so, wie er tatsachlichdem Handeln rugrunde liegt, suchen, Wirt- schaft ist dann die mit diesen konkreten Daten gegebene Guterver- wendung. Wenn wir in diesem Sinne Wirtschaft als subjektiven Zweck des handelnden Menschen bezeichnen, so kann es nur so verstanden sein: Guterverwendung auf Grund gegebener Daten. In diesem Sinne konnen wir Wirtschaft mit Sicherheit als Zweck jener Handlungen, welche das empirische Material der Wirtschaft sind, an- nehmen. Wirtschaftliches Handeln ist nur in den Formen der ékonomischen Kategorien moglich, es mul notwendig diese Formen annehmen, wir konnen es nur als Durchfuhrung von Verwendungsmoglichkeiten des Guterbesitzes eines Wirtschaftssubjektes auf Grund von Wertskalen denken., Wer wirtschaftlich handeln will, mu sonachnot- wendigerweise in diesen Formen handeln, wer das Ziel Jrichtige Guterverwendung® will, der mu auch konkrete AusgestaltungenderokonomischenKategorienbenutzen und die Frage nach diesen ist damit formuliert: Welche Daten hat der Handelnde in seiner Wirtschaft benutzt? Was war das Wirtschaftssubjekt, als dessen Organ er handelt (war er es selbst oder war es ein von seiner Person Verschiedenes?), uber welche Guter hat dieses Wirtschaftssubjekt verfugt, welche Verwendungsmég- lichkeiten standen ihm fur diese Guter offen, in welche Wertskala waren diese Guterverwendungen gereiht, das heifit, welche waren wichtiger, welche weniger wichtig? Und wie ,richtige Guterverwendung* notwendig Ziel des wirtschaftlichen Handelns ist und wie dieses nur in den Formen der skonomischen Kategorien moglich ist, so muf} auch die Antwort auf diese Fragen immer moglich sein, wo uns das Material zur Sinndeutung zur Verfugung steht. Damit ist die Methode gefunden, mit welcher wir aus den wirt- schaftlichen Handlungen die diesem zugrunde liegenden Daten, die ,Organisation der Wirtschaft erkennen kénnen: Wir wissen, dal Wirtschaft — d. i. ,richtige Guterverwendung’ — der — , mehr oder minder be- ===== PAGE 95 ===== wufit gehabte oder gemeinte — subjektive Sinn und Zweck dieses Handelns ist, und wir fragen, welche konkreten Daten als Mittel zu diesem Zwecke gedient haben. IIL Es ist klar, dai es durchaus nicht immer und iiberall méglich sein wird, die Konkretisierung der 6konomischen Kategorien in ihrer lebendigen Fille zu erkennen und zu formulieren. Es wird vor allem niemals moglich sein, aus einer ecinzelnen oder einigen wenigen wirtschaftlichen Handlungen mit Sicherheit weitgehende Schliisse zu ziehen, wir werden immer erst eine grofle Zahl von Handlungen beobachten und deuten miissen, um auch nur ein ungefihres Bild von den ckonomischen Ver- hiltnissen zu bekommen; es wird des weiteren selten maéglich sein, das erforderliche grofie Material an empirischen Handlungen zu sammeln, hier liegen sicher betrachtliche Schwierigkeiten, wir werden vielleicht auch noch andere Hilfsmittel heranzichen mussen, wenn wir ein brauch- bares Resultat erhalten wollen. Daruber soll spater gesprochen werden, wir werden aber gerade fiir die Behandlung dieser Frage eine feste Basis gewinnen, wenn wir vorerst untersuchen, was wir aus diesem Deuten der menschlichen Handlungen gewinnen konacn unter der An- pahme, dafl die volle Erkenntnis der empirischen Ausgestaltung der 6konomischen Kategorien durch Deutung beobachteter Handlungen moglich ware, Von welcher Art sind iliberhaupt die Sitze, welche uns die Kon- kretisierung der 6konomischen Kategorien definieren? Es werden einzelne Personen oder Kollektiva etc. als Wirtschaftssubjekte bezeichnet: N. ist ein Wirtschaftssubjekt etc. Es wird weiters der Verfiigungsbereich jedes dieser Wirtschaftssubjekte abgegrenzt: N. verfiigt uber die Guter A, B, C etc, und es werden fiir jedes Gut die offenstehenden Ver- wendungsmoglichkeiten bezeichnet: fiir A die Verwendungsmaglich- keiten a,, a,, ag etc. Endlich wird die Wertskala, die das Wirtschafts- subjekt fur die Verwendungsmoglichkeiten seiner Giiter kennt, mit dem notwendigen Zusammenhang der produktions- und tauschverwandten Giiter!) gezeigt. Von dieser Art sind die Elemente der Wirtschafts- organisation, wie wir sie aus der Interpretation der menschlichen Hand- lungen erhalten. Bei idealer Durchfubrung dieser Methode setzen dann diese Sitze wie ein Mosaikbild die Wirtschaftsorganisation zusammen. Wir werden noch eingehend betrachten, wie diese Sitze sich zu den 1) Niheres dariiber spiter. ===== PAGE 96 ===== vorokonomischen Bedingungen und Grundlagen der Wirtschaft ver- halten, eines ist hier klar: Sie konnen nicht etwas ausdriicken, das den Rahmen der Aufleren Bedingungen des menschlichen Handelns sprengt, es werden sich z. B. keine Verwendungsmaéglichkeiten in der Wirtschafts- organisation finden, welche technisch undurchfihrbar sind. Wie das menschliche Handeln durch duflere Schrasken eingeengt ist, so konnen durch Deutung dieses Handelns gewonnene Sitze auf keinen Fall der- artige Determinanten ignoricren. Ein weiteres: Die Siatze der Wirtschafts- organisation werden einander nicht widersprechen; das ist in einem besonderen Sinne gemeint. Wohl kann etwa das eine Wirtschafts- subjekt eine Verwendungsmoglichkeit kennen, die ein anderes nicht kennt, ein Wirtschaftssubjekt die Verwendungsmoéglichkeiten anders werten als ein anderes. Aber es kann kein Wirtschaftssubjekt liber ein Gut (eine Gruppe von einander ausschlieBenden, alternativen Ver- wendungsmdoglichkeitenl) verfligen, liber das zugleich ein anderes ver- fiigt: Wir erkennen die Verteilung der Verfiigungsgewalt aus den ein- zelnen Handlungen und eine von mehreren exklusiven Verwendungs- moglichkeiten kann immer nur ein Wirtschaftssubjekt durchgefiihrt haben. Wenn wir nun die Elemente der Wirtschaftsorganisation, wie wir sie in der angegebenen Weise gewinnen konnen, betrachten, so finden wir, dal sie formaldurchaus einheitlich sind. Sie erfassen em- pirische Erscheinungen und Erscheinungen der verschiedensten Art, aber durchwegs so, wie wir sie im Handeln des Menschen gestaltet finden, so wie wir die Daten, welche in einer konkreten Handlung sich auswirken, als von den handelnden Menschen beniitzt erschlieSen kénnen., Jeder Satz der Wirtschaftsorganisation zeigt ein von dem Handelnden Gewolltes und zugleich ein in der Wirklichkeit Erfiilltes an. Wenn wir aus den Sidtzen der Wirtschaftsorganisation, so wie wir sie aus der Sinndeutung des Handelns erkennen, das Mosaikbild der Wittschafts- organisation zusainmenstellen, so bleiben alle ihre vordkono- mischen Bestimmungsgriinde zuriick, wir entnehmen der Erfahrung ein homogenes Material. Damit rechtfertigt es sich, dafl wir fiir diese Sitze, welche das Historisch-Relative in der Wirt- schaft formulieren, eine gemeinsame Bezeichnung gewih!t haben. Und wie die Wirtschaft ein gesetzmiflig Zusammenhangendes ist, so er- scheinen die in ihr vorhandenen historisch-relativen Elemente als das, was die Wirtschaft in ihrer konkreten Besonderbeit gestaltet, als das, was den Aufbau dieser Wirtschait, ihre eigenartige Struktur, ihre Or- ganisation bildet. Damit rechtfertigen wir die Wahl des Ausdruckes Organisation der Wirtschaft. Wenn dieser Ausdruck gerne in einem ===== PAGE 97 ===== engeren Sinne gebraucht wird und nur dic sozialen Elemente im Ge- biude der Wirtschaft bezeichnen soll, so ware gegen diese Terminologie zunidchst einzuwenden, dal sie keine Abgrenzung des Materials der historisch-relativen Elemente einer Wirtschaft nach cinem fir die Oko- nomie relevanten Prinzip bedeutet: Es ist nicht so, da} die cine Gruppe der ¢konomischen Kategorien durch soziale Elemente in ihrer konkreten Ausgestaltung gebildet wird, wahrend eine andere Gruppe prinzipiell nicht von sozialen Elementen abhingen wiirde. Wobl ergibt sich eine ungefihre Scheidung in dieser Richtung, wenn wir an die Stelle unserer okonomischen Kategorien weniger rein ausgearbeitete, mit meta-oko- nomischen Resten behaftete Begriffe der herrschenden Lehre setzen. Da erscheinen einerseits Wirtschaftssubjekt und Giiterbesitz ,sozial or- ganisiert, — anderseits die Guiternutzungen und Bediirfnisse durch technische bzw. individualpsychologische Elemente gegeben. Dieser Ansicht gegeniiber betonen wir, dal die Konkretisierung einer jeden okonomischen Kategorie in der Gesellschaft zum mindesten sozial be- dingt sein kann, ja praktisch immer sozial bedingt ist. Wenn des weiteren die sozial bedingten Elemente der Wirtschaftsorganisation in dem homogenen Material des Historisch-Relativen den anderen gleich- gestellt erscheinen, so besteht kein Grund mehr, die ersteren besonders hervorzuheben, Fiir die einheitlich erfaften Elemente der Daten er- scheint der Ausdruck Organisation, der das bezeichnet, was den ,Orga- nismus’ der Wirtschaft bildet und aufbaut, treffend gewdhit. IV. Wir haben schon gesagt, dal es selten mdglich sein wird, alle die Sitze, welche die Ausgestaltung der Gkonomischen Kategorien zeigen, vollstindig zu gewinnen. Das wird auch praktisch kaum der Wirt- schaftsgeschichte als Aufgabe hingestellt werden, so verschieden auch das Ziel einer wirtschaftsgeschichtlichen Darstellung sein kann. Am nichsten der empirischen Wirklichkeit wird das darzustellende Bild dann sein, wenn die Aufgabe besteht, irgendein enge umgrenztes Detail der empirischen Wirtschaft zu schildern, etwa die Geschichte einer einzelnen Firma oder gar einer einzelnen geschiftlichen Transaktion. Hier wird es notwendig sein, die in Betracht kommenden Wirtschafts- subjekte genau zu bezeichnen, ihren Giiterbesitz anzugeben, desgleichen die Verwendungsmaoglichkeiten und die Wertskalen. Oft wird freilich eine derartige Darstellung iiber die beiden letztgenannten Kategorien nichts enthalten oder nur weniges und das in einer verkleideten Form: Es ist klar, dal eine wirtschaftsgeschichtliche Darstellung vieles aus- ===== PAGE 98 ===== — gb — lassen kann, das dem Leser als selbstverstandlich bekannt ist, und daf8 sie nur auf besondere, auffallende Erscheinungen hinweist. So wird die Geschichte einer modernen Unternehmung nicht alle technischen Ver- fahren, welche im Betriebe angewendet werden Lonnten, aufzahlen. Was allgemein als Technik bekannt und verwendet ist, wird nicht be- sonders erwahnt, wenn aber ctwa die Firma ein neues Verfahren in Anwendung bringt, dann muf} thre Geschichte diese Tatsache festhalten und uns die eigenartige Ausgestaltung der Verwendungsmoglichkeiten, welche damit gegeben ist, bekanntgeben. Das Gleiche gilt von den Wertskalen: Wenn sich diese von den allgemeimn vermuteten nicht unterscheiden, so werden sie nicht erwahnt werden, wo sie eigenartig ausgestaltet sind, da werden sie ausdrucklich gezeigt werden mussen. Die Unterlassung der Darstellung von als bekannt vorausgesetzten Ausgestaltungen der okonomischen Kategorien in einer solchen Detail- schilderung erklart sich damit, dafl diese sich immer nur als Teil einer sonst bekannten allgemeinen Geschichte geben will. Eine solche all- gemeine Geschichte der Wirtschaft mufl sich aber notwendig von der empinischen Wirklichkeit weiter entfernen. Es ist tatsachlich gar nicht mehr moglich, die volle Konkretisierung der okonomischen Kategorien darzustellen, es ergibt sich die Notwendigkeit, die Wirtschaftsorganisation in allgemeinen Satzen darzustellen. Das kann nur heiflen: Es mussen minder bedeutende Details in der Ausgestaltung der okono- nomischen Kategorien vernachlassigt werden, es mussen die wichtigen Zuge der Organisation hervorgehoben werden und minderwichtige zurucktreten, Das Material, von dem wir hier ausgehen, sind im Prinzipe immer jene Satze, welche wir aus den empirischen Handlungen erschlossen haben, welche in idealer Vollstandigkeit die volle Konkreti- sierung der okonomischen Kategorien zeigen wurden. Wir haben etwa Satze gewoanen, welche einzelne Personen als Wirtschaftssubjekte be- zeichnen, diese Satze sind zu einem allgemeineren Satze zu vereinigen, welcher uns sagt, welche Personen Wirtschaftssubjekte sind, wir erhalten so den Satz, da} alle erwachsenen Personen Wirtschaftssubjekte sind {(— bei Analyse einer anderen wirtschaftlichen Erfahrung den Satz, dag alle erwachsenen Personen, welche nicht irgendwie als Sklaven be- zeichnet sind, Wirtschaftssubjekte sind), Wir haben Safze gefunden, welche die Bildung unpersonlicher Wirtschaftssubjekte aufzeigen und konnen daraus Satze finden, welche — je eine Gruppe von den Hand- lungen der Individuen entnommenen Satzen vereinigend — in allge- memer Weise etwa die Wirtschaftssubjekte der Aktiengesellschaft, der offenen Handelsgesellschaft usw. bezeichnen. Wir haben des Weiteren Satze gefunden, welche angeben, uber welche Guter jedes der einzelnen ===== PAGE 99 ===== Wirtschaftssubjekte verfugt. Aus diesen Satzen gewinnen wir die Er- kenntnis, in welcher typischen Art die Guter vertcilt sind: GroSgrund- besitz oder Kleinbauernbesitz, Kapitalskonzentration oder Zersplitterung des Vermogens, Trennung der Handarbeiter von den Sachgiitern oder Eigentum der Handwerker an den Produktionsmitteln. Wir haben auch Satze gefunden, welche die Verwendungsmoglichkeiten angeben, die jedem Wirtschaftssubjekte offen stehen, aus diesen gewinnen wir Sitze, welche nicht nur die Technik darstellen, sondern auch gewisse soziale Bedingungen der Wirtschaft aussprechen, vor allem die Moglich- keit oder Uamdoglichkeit des Tausches usw. Endlich werden wir aus den einzelnen Wertskalen allgemeine Sdtze iiber deren typischen Aufbau gewinnen kénnen.?) In dieser Art konnen wir von den konkreten Ausgestaltungen der okonomischen Kategorien zur Darstellung der ty pischen Ausgestaltung derselben in einer Wirtschaftsgesellschaft gelangen. Wenn auf der ersten Stufe die Organisation der Wirtschaft idealiter die volle empirische Realitat erfaBt, erhalten wir auf der zweiten Stufe allge- meinere Satze der Organisation der Wirtschait, welche uns nur die wichtigsten Ziige in der konkreten Ausgestaltung festhalten und ein- zelne abweichende Erscheinungen vernachldssigen. Dadurch wird die Organisation der Wirtschaft iiberhaupt erst erfafibar, wir konnen nie oder faBt nie die Gesamtheit der wirtschaftlichen Handlungen in jedem Detail beobachten und deuten, und wenn das selbst moglich ist: Durch Bildung aligemeiner Sitze erst wird die Darstellung der Organisation der Wirtschaft brauchbar, dean erst da konnen wir sie libersehen, und erst da erhalten wir im Gewirre der Einzelheiten eine Ordnung, Der einzige methodisch korrekte Weg zur Gewinnung allgemeiner Sitze der Organisation einer Wirtschaft geht von den beobachteten Handlungen aus, wie wir es hier dargestellt haben. Wo dieser Weg uberhaupt nicht oder nur schwer gangbar ist, wird sich ein anderer Weg eroffnen, auf welchem man bei Anwendung einer gewissen Vorsicht zu annahernd denselben Resultaten kommen kann; bevor wir darauf nédher eingehen, wird es vorteilhaft sein, wenn wir uns nach einer anderen Richtung umblicken. V. Eine Wirtschaftsorganisation kann nur dargestellt werden in Hin- blick auf eine Erfahrung, im Hinblick auf eine gegebene Wirtschaft. Wirtschaftsorganisation undWirtschaftsgesellschaft sind korrespondierende } Hierher gehoren das Engel’sche und das Schwabe ’sche Gesetz. Strigl, Die Skonomischen Kategorien. 7 ===== PAGE 100 ===== — 08 — Begriffe.!) Die Organisation der Wirtschaft umfafit alles, was an der wirtschaftlichen Erfahrung historisch-relativ ist, und wenn die Bezeichnung Wirtschaftsgesellschaft aus dem unendlichen Flusse der Erscheinungen einen Teil irgendwie abgrenzen soll, so kann dies nur dadurch ge- schehen, da eine bestimmte Organisation der Wirtschaft die empirischen Erscheinungen abgrenzt. Mit dem Namen einer Wirtschaft” (,Volks- wirtschaft”) fassen wir die wirtschaftlichen Erscheinungen zusammen, die innerhalb eines geographisch abgegrenzten Raumes in einer gewissen Zeit abgelaufen sind. Die gcographische Abgrenzung erfolgt dabei fast immer in Anlehnung an politische oder an ethnographische Grenzen, es werden auch Grenzen nach der Ortsbeschaffenheit gewihlit (die Wirtschaft eines Gebirgstales), auch ganze Kontinente zusammen- gefaBBt, ja man spricht auch, die ganze Welt (oder wenigstens die zivilisierte, Welt) zusammenfassend von einer Weltwirtschaft. Es hitte daneben keinen Sinn, eine Wirtschaft auf der Erdoberfliche derart zu definieren, daf} man sie durch zwei Meridiane und zwei Breitegrade abgrenzt.?} Das wiirde sofort als willkiirliche Konstruktion erkannt werden, es liegt auf der Hand, warum im Gegensatz dazu die friiher genannten Abgrenzungen natiirlich und ungezwungen erscheinen: Man will iiber einen Teil der wirtschaftlichen Erscheinungen etwas Gemein- sames aussagen und die Anlehnung an Grenzen, welche als solche durchaus meta-6konomisch sind, legte die Vermutung nahe, daB wirklich innerhalb dieser Grenzen sich ein Gemeinsames finden lassen wird, das nach unseren Ausfilhrungen nur in der Or- ganisation der betreffenden Wirtschaft liegen kann, Es ist zu er- warten, da innerhalb politischer Grenzen, innerhalb eines Staates, einer Provinz, einer Gemeinde, weiters innerhalb eines Volkes oder Stammes, innerhalb eines Kulturkreises (Orient, Okzident), innerhalb eines unter bestimmten klimatischen Verhiltnissen stehenden Gebietes (Tropen), innerhalb eines nach dufleren geographischen Verhaltnissen abgegrenzten Gebietes (z. B. der Schwarzwald) irgendwelche bestimmte Daten in gleicher Weise allen wirtschaftlichen Handlungen oder ) Die Wirtschaft des Robinson kénnen wir als die ,,Wirtschaftsgesellschaft* eines einzigen Gesellschafters bezeichnen, nachdem wir gesehen haben, daB das Soziale im Wesen der Organisation der Wirtschaft ein unterscheidendes Merkmal nicht gibt, Cbrigens wird auch gewshnlich die verkehrslose Wirtschaft eine gesellschafiliche Wirt- schaft sein {geschlossene Hauswirtschaft, Wirtschaft eines autarken kommunistischen Staates), wie auch Robinson gewisse ,soziale’* Erinnerungen behalten hat, die seine Wirtschaft als Datum beeioflussen. ?} Es bat dagegen sehr wohl einen Sinn, von einer Wirtschaft der Tropen zu sprechen. ===== PAGE 101 ===== wenigstens einer groflen Mehrheit derselben zugrunde liegen werden. Wir haben hier wieder cine Bezichung vor uns, dic wir immer wieder beobachtet haben: Meta-okonomische Elemente werden fur die Wirt- schaft relevant und sie werden dies dadurch, dai} sie die Konkretisierung der okonomischen Kategorien mitbedingen. Gleichartige Bedingungen, welche auflerhalb des rein Wirtschaftlichen liegen, beeinflussen die Wirtschaft, indem sie die Organisation derselben in ihrer Weise eigen- artig gestalten. Wenn wir die Wirtschaft innerhalb eines Staates etwa als deutsche Volkswirtschaft bezeichnen, so sagen wir damit, dal wir hier eine Wirtschaft haben, welche sich durch eine eigenartige Organi- sation von anderen Volkswirtschaften der franzosischen, englischen etc. — unterscheidet. Wenn wir die Wirtschaft Bayerns, Sachsens ete. betrachten, so haben wir engere wirtschaftliche Kreise gewahlt, welche sich wieder durch eine spezifische Organisation auszeichnen und unter- scheiden, Diese beiden engen Wirtschaftskreise sind umfafit von der Wirtschaft des ganzen Deutschen Reiches und die Organisation, die in diesem gilt, gilt auch {ur die Gliedstaaten. Je enger der betrachtete Kreis ist, desto naher wird die Organisation der Wirtschaft der Wirklichkeit stehen, je weiter der Kreis ist, desto allgemeiner mussen die gewonnenen Satze der Wirtschaftsorganisation sein. Wir crhalten durch die Satze der Wirtschaftsorganisation nahere Bestimmungen der reinen okonomischen Kategorien, die Wirtschaftsorganisation der deutschen Volkswirtschaft zeigt uns jene Bestimmung der Formen der okonomischen Kategorien, welche die wirtschaftlichen Erscheinungen im ganzen Reiche erfafit, die naher bestimmten Ausgestaltungen der okonomischen Kategorien in einem Gliedstaate stehen dann zu diesen im Verhaltnisse des Besonderen zum Allgemeinen. So konnen wir an der Hand der verschieden weit gehenden Determination der okono- mischen Kategorien einen Stufenbau der Wirtschaftsgesellschaften gewinnen: Wir konnen von der Wirtschaft eines Gliedstaates herab- steigen zu jener einer einzelnen Stadt, selbst zur Wirtschaft eines ein- zelnen Wirtschaftssubjektes (einer Firma), und hinaufsteigen zur Wirt- schaft des Deutschen Reiches, zur Wirtschaft Europas und zur Welt- wirtschaft. An welchen Grenzen wir jeweils einen Begriff der Wirt- schaft bilden wollen, hangt da ganz davon ab, ob wir an diesen ein praktisch oder theoretisch belangreiches Bild gewinnen konnen. Wir mussen die Grenzean derart wahlen, dal wir genugend interessante Daten der Wirtschaftsorganisation erhalten. Das Interesse an einer konkreten Abgrenzung einer Wirtschaft kann nun von zwei verschie- denen Arten sein, entsprechend den zwei Elementen, die wir in der Wirtschaft suchen: Die Wirtschaftswissenschaft ist einerseits Gesetzes- T* ===== PAGE 102 ===== _ 100 -— wissenschaft, andererseits eine historische (deskriptive) Wissenschaft. Das Interesse an der Abgrenzung einer Wirtschaftsgesellschaft kann von dem den beiden Richtungen der Wirtschaftswissenschaft spezifischen Interesse ableitbar sein. Entweder kann es von Bedeutung sein, eine Wirtschaft deswegen abzugrenzen, weil sie theoretisch von Interesse ist, das heifit also, dafl sie brauchbarer Gegenstand einer theoretischen, gesetzeswissenschaltlichen Untersuchung sein soll, dal wir in dieser Wirtschaft Gesetze finden sollen, welche natiirlich historisch-relativ zu den aufgenommenen Voraussetzungen sind, — oder aber: Das Interesse an einer Wirtschaft kann ein spezifisch historisches sein, aus irgend- welchen Griinden haben wir ein Interesse daran, ein Bild dieser einmal dagewesenen Wirtschaft zu gewinnen, ohne dal wir bestimmte Gesetze in ihr suchen wiirden. Diese Griinde kbnnen dabei sehr wohl wiederum der verschiedensten Art sein: Es konnen vor allem politische Griinde sein, man will eine Wirtschaft kennen, um ihre Bedeutung fiir die Machtpolitik eines Staates zu erfassen oder um Unterlagen fiir die Wirtschaftspolitik zu gewinnen, es wird daneben die Aufgabe bestehen, den im praktischen Leben stehenden Volkswirten Informationen zu geben etc. In diesem Sinne wird fast durchwegs die Aufgabe der de- skriptiven Wirtschaftswissenschaft heute aufgefaBt, wihrend das theore- tische Interesse stark in den Hintergrund getreten ist?) VL Aufgabe einer historischen oder deskriptiven Wirtschaftswissenschaft kann es nur sein, die Organisation einer Wirtschaft, welche irgendwie nach meta-ckonomischen Grenzen von anderen abgeschieden ist, zu erkennen; diese meta-Okonomischen Grenzen werden erst dadurch, da sie die Organisation der Wirtschaft mitbestimmen, fiir die Wirtschaft relevant, Diese Bezichung wollen wir jetzt an einem Falle untersuchen, der uns iiber das Verhiltnis der Organisation einer Wirtschaft, wie wir sie aus den beobachteten wirtschaftlichen Handlungen erkennen, zu den Normen, nach welchen die Menschen handeln, AufschluB geben wird. Wenn man von Volkswirtschaft als einer Einheit schlechthin spricht, so meint man in aller Regel die Wirtschaft innerhalb eines Staates, wenn eine ,,Volkswirtschaft” beschrieben wird, so meint man 1} Wir sprachen immer von der Abgrenzung einer modernen Wirtschaft im Raume, es ist wohl nicht notig darauf piher einzugehen, daB alles hier Gesagte sich in entsprechender Weise auch auf zeitliche Abgrenzungen einer Wirtschaft anwenden isi. ===== PAGE 103 ===== —— IOI —= eine ,staatlich geeinte Wirtschaft. Tatsichlich hat es sich erwiesen, dal innerhalb eines jeden Staates die Organisation der Wirtschaft eigenartig ausgestaltet ist und daB die staatlichen Grenzen tief ein- schneidende Cadsuren zwischen den einzelnen Wirtschaften bedeuten. Was ist es, das dem Staat eine derartige Bedeutung fur dic Organi- sation der Wirtschaft verleiht? Wir werden hier recht verschiedene Griinde sehen, vielleicht ist das vom OStaat ausgehende Recht nicht einmal immer die wichtigste Ursache — ist doch oft das Recht der einzelnen Staaten nicht so sehr verschieden, dal diese Verschiedenheit allein die grofe Bedeutung der staatlichen Grenzen fur die Wirtschaft erkliren kann ~— aber zweifellos wird das Recht hier von grofier Be- deutung sein. Wir erleben das Recht als Befehl der Staatsgewalt, dem diese durch ihre Organe Befolgung zu erzwingen weil, im geordneten Rechtsstaate befolgt der Burger tatsachlich in der Regel die Gesetze. Nur so weit die einzelnen den Gesetzen tatsachlich gehorchen, und nur deshalb, weil die cinzelnen so handeln, kénnen diese Gesetze in der empirischen Wirtschaft zur Geltung gclangen. Wenn etwa das staatliche Gesetz fur einen gefihrlichen Betrieb bestimmte Sicherungs- maf3nahmen verlangt, so werden wir wahrscheinlich finden, da die Unternehmer diese Vorschrift befolgen. Wenn wir aus den beobachte- ten Handlungen die Wirtschaftsorganisation aufbauen, so werden wir sehen, daB gewisse technisch mogliche Verfahren nicht durchgefuhrt werden, dal die Verwendungsmdoglichkeiten, die der Unternehmer fur seine Anlagen hat, den gesetzlich erlaubten entsprechen, wahrend die verbotenen faktisch ausgeschlossen erscheinen. Wir erhalten demnach aus den empirischen Handlungen einen Satz der Wirtschaftsorganisation, welcher inhaltlich diesem Gesetze entspricht. Ahnlich verhalt es sich auf anderen Gebieten. Ob in allen diesen Fallen das Gesetz wirklich Ursache des Verhaltens der Einzelnen ist, das bleibt dabei fiir die Konstruktion der Wirtschaftsorganisation gleichgiiltig, so sehr es auch von anderen Gesichtspunkten aus Bedeutung haben kann, — wir haben schon ausgefiihrt, dal es sehr schwierig ist, auf die Kausalmomente, welche das Handeln bestimmen, zu schlieflen. Tatsachlich wird im Allgemeinen im geordneten Staate jeder Einzelne mit der Geltung der Gesetze und mit dem Bestande der Staatsgewalt rechnen miissen und sein Verhalten nach den Gesetzen einrichten, an diesen orientieren, er wird vor allem haufig so handeln, wie es die Gesetze vorschreiben und die Organisation der Wirtschaft wird dann faktisch mit dem staatlichen Recht in vielen Punkten iiberein- stimmen. Da wir nun wissen, dal ein groBer Teil der verschiedenen Normen, ===== PAGE 104 ===== — [02 — insbesondere die staatlichen Gesetze, von den Menschen tatsachlich be- folgt werden, gibt uns die Kenntnis dieser Normen einen wichtigen Behelf bei der Konstruktion einer Wirtschaftsorganisation. Wir sind nicht gezwungen, immer nur von den einzelnen Hand- lungen auszugehen, sondern wir konnen ruhig die Nor- men, von welchen wir annehmen, dal sie tatsachlich be- folgt werden, insbesondere also die staatlichen Gesetze in die Wirtschaftsorganisation aufnehmen, naturlich nur so- weit sie geeignet erscheincn, an der Konkretisierung der okonomischen Kategorien mitzuwirken.!) Dabei muf8 freilich immer zur Kontrolle auf die empirische Wirtschaft geblickt werden und festgestellt werden, wie weit die beobachteten Erscheinungen die Annahme rechtfertigen, dal diese Gesetze tatsachlich befolgt werden. Von den rechtlichen Bestimmungen, welche mit Satzen der Wirt- schaftsorganisation ubereinstimmen, werden praktisch im weitesten Male jene von Bedeutung sein, welche das Wirtschaftssubjekt konsti- tuieren und die Verteilung der Guter bestimmen. Hier wird die Wirtschaftsorganisation mit dem Rechte im Groen und Ganzen uber- einstimmen, Abweichungen werden sich zum mindesten in der heutigen Wirtschaft nur in wenigen Fallen vorfinden. Uber die Verteilung der Sachguter wird dabei aus den allgemeinen Rechtssatzen unmittelbar nur selten etwas zu erschlieffen sein, so etwa dann, wenn im Gesetze aus- drucklich das Eigentum an irgendwelchen Gutern einem bestimmten Wirtschaftssubjekte zugesprochen wird — etwa das Eigentum an einem Fideikommisse einer bestimmten Person und deren Nachfolgern oder das Eigentum an irgendwelchen Gutern dem Staate. Im allgemeinen hat die rechtliche Eigentumsordnung nur die Aufgabe, das aus irgend- welchen rechtlich relevanten Tatbestanden erkennmbare Eigentum im Streitfalle zu schutzen. Welche Guterverteilung diese rechtlichen Tat- bestande ergeben, daruber ist aus der Rechtsordnung, aus den Gesetzen nichts zu schlieen, bei unveranderter Rechtsordnung kann sich leicht die Eigentumsverteilung von Grund auf andern. Hier kann im Grunde die Kenntnis der allgemeinen Rechtssatze nur wenig zur Kenatnis der Wirtschaftsorganisation beitragen. Die Verteilung der Sachguter ist wohl vom Rechte uberall geregelt, d. h. es bestehen Rechtsnormen, welche besagen, wie die Guterverteilung zu erhalten ist, aber gerade uber das fur die Wirtschaftsorganisation Wesentliche, wie diese zu schutzende Verteilung aussieht, gerade daruber sagen die Rechtsnormen nichts oder fast nichts aus. Wo der Wirtschaftshistoriker rechtlich relevante 1) So rechtfertigt es sich, da die Wirtschaftsgeschichte immer im engsten Zusammen hange mit der Rechtsgeschichte betrieben wurde. ===== PAGE 105 ===== — 103 — Tatbestinde finden kann, aus welchen die Giiterverteilung ersichtlich ist, dort kann er aus diesen auf Satze der Wirtschaftsorganisation schliefen, so kann etwa der Tatbestand von Grundbuchseintragungen Aufschliisse uber die Art der Bodenbesitzverteilung geben usw.l) Sonst wird der Wirtschaftshistoriker andere Quellen suchen mussen, welche die faktische Verwendung der Giiter durch die cinzelnen Wirtschafts- subjekte nachweisen, In manchen Wirtschaftsepochen — und das gilt auch fur die moderne Wirtschaft — hat das Recht es sich zur Aufgabe gemacht, in weitem Ausmafle die Verwendungsmdglichkeiten der Guter zu regeln und das in zwei Richtungen: durch Erlauben und Verbieten. Uber die Ausgestaltung der Verwendungsmoglichkeiten durch die Organisation der Wirtschaft soll spater in einem anderen Zusammenhange gesprochen werden, hier genugt es darauf hinzuweisen, daff ohne Zweifel das Recht an dem Aufbau dieser okonomischen Erscheinungen mitbeteiligt ist. Unsere Untersuchungen haben jetzt das Verhaltnis von Recht und Wirtschaft klargestellt, soweit es hicr von Bedeutung war. Es gibt Satze der Wirtschaftsorganisation, welche Rechtssatzen entsprechen. Es hat sich gezeigt, dal das Recht nicht unmittelbar Teil der Wirtschaftsorganisation ist, oder gar diese ganz umfaft, sondern da, soweit dic Menschen dem Rechte gehorchen, soweit ihr Verhalten dem Rechte entspricht, aus der Erfahrung Satze zu gewinnen sind, die Teil der Wirtschaftsorgani- sation sind und deren Inhalt dem Postulate der Rechtsnormen gleich ist. Schon damit ist es gerechtfertigt, da die staatlichcn Grenzen, eben die praktischen territorialen Grenzen der Anwendung eines Rechtes zur Abgrenzung einer Volkswirtschaft verwendet werden. Jenseits der Grenzen des Staates wandelt sich das Recht und schon damit die Organisation der Wirtschaft. Dariiber hinaus erhalt der Staat noch einen weitgehenden Einfluff auf die Wirtschaft, der seine Grenzen zu noch scharferen Grenzen der Wirtschaftsorganisation macht. Zunachst in einem Sinne, der den Verhaltnissen des Rechtes vollig analog ist. Der Staat, wie er von uns erlebt wird, ist nicht allein Staat im Rechtssinne, d. b. ,Zurechnungspuskt” fur die Rechtsnormen (Kelsen), er ist auch eine ideale Einheit, er setzt sich sittliche Aufgaben, beeinfluBt seine Burger durch Schule und Erziehung, er ist vielleicht Trager eines nationalen Ideals oder einer imperialistischen Machtpolitik. Aus allen ') Auch hier ist zu iiberprufen, ob die faktischen Verbaltnisse dem Rechte ent- sprechen (in manchen Lindern z. B. finden baufig wiederbolte Ubertragungen von Grundbesitz stalt, ohne dali die dem Gesetze entsprechende Grundbucheintragung vorgenommen wiird e} ===== PAGE 106 ===== — 104 — diesen Zielen und Ideologien leiten sich Normen ab, hinter denen nicht immer die Macht des Rechtes steht, die aber doch dem Einzelnen mit Geltungsanspruch gegeniibertreten. Ob der Einzelne und jeder Einzelne ihnen immer gehorcht, ist eine Frage, die nicht allgemein zu beantworten ist, soweit aber die Menschen diesen Normen entsprechend handeln und soweit diese Normen geeignet sind, die Ausgestaltung der dkonomischen Kategorien zu becinflussen, finden sie sich in Satzen der Wirtschaftsorganisation wieder. Daneben ist es von grofiter Be- deutung fiir die Organisation einer Wirtschaft, dal sich heute innerhalb eines jeden Staates und aus verschiedenen Griinden in ihrer Wirksam- keit auf die Grenzen cincs Staatsgebietes beschrinkte, von den Wirt- schaftssubjekten selbst geschaffene Institutionen finden, welche die Wirtschaft in entscheidender Weise beeinflussen: Kartelle, Unternehmer- vereinigungen, Genossenschaftsverbinde, Gewerkschaftsverbinde, Kollek- tivvertrige etc. Alles das beeinflufit die wirtschaftlichen Handlungen und trigt dazu bei, dal die Wirtschaftsorganisation in jedem Staate eigenartig ausgestaltet ist. Fassen wir nun zusammen: Ein Komplex von meta-6kono- mischen Determinanten, welche sich um das Wort Staat gruppieren, lenkt das Handeln der Menschen innerhalb einer staatlich geeinten Volkswirtschaft in bestimmte Bahnen und hilft dabei am Aufbau der Wirtschaftsorgani- sation mit, und indem dadurch die Wirtschaftsorganisation in eigen- artiger Weise gepriagt wird, wird eine natiirliche Grenze fiir die Ab- grenzung einer Wirtschaftsgesellschaft geschaffen. So entsteht eine Einheit, welche die Wirtschaftsgeschichte von anderen Einheiten ab- grenzen kann. Das Prinzip, nach welchem Meta-Okonomisches in die Wirtschaft eingeht, ist damit an einer der ,,Grundlagen” der Wirtschaft, an Recht und Staat, aufgedeckt. Wir werden nun auch an anderen Erscheinungs- komplexen den Zusammenhang mit der Organisation der Wirtschaft verfolgen. VIL Die Technik?) lehrt uns, in welcher Weise wir die natiirlichen Eigenschaften der Dinge verwenden kénnen, um vorgenommene Ziele zu erreichen, Dabei bleibt die Betrachtung und Vergleichung der Ziele auflerhalb des Bereiches der Technik, sie gibt nur die ,zielgiiltigen®” }) Wir betrachten nur die Realtechnik. Vgl. Gottl, Wirtschaft und Technik a. a. O, ===== PAGE 107 ===== — 105 — Mittel (Spann) an, sagt uns, welche physischen Mengen an Produktiv- mitteln wir zur Erreichung eines Zieles brauchen oder auf welchen verschiedenen Wegen, mit welchen verschiedenen Aufwendungen wir ein gegebenes Ziel crreichen konnen. So sind recht eigentlich die Ver- wendungsmoglichkeiten der Giiter der Bereich der Technik, alle Ver- wendungsmoglichkeiten der Giiter zur Produktion sind durch die Technik bedingt. Und doch besteht ein Unterschied zwischen der theoretisch bekannten Technik und jener, welche fiir die praktische Wirtschaft zur Verfiigung steht. Nicht nur, daf8 vieifach eine Verfahrensweise nicht angewendet werden kann, deshalb weil sie nicht rentabel ist, — und das wiirde nichts anderes bedeuten, als dal es fir die hier notwendigen Produktivgiiter wichtigere Verwendungsmoglichkeiten gibt, — mehr noch: Es kann oft aus ,sozialen Griinden“ eine bereits bekannte Technik nicht durchgefiihrt werden. Erst aus den Handlungen der Menschen kann man erkennen, welche Verwendungsmoglichkeiten tatsachlich beniitzt werden, welche Giiterverwendungen faktisch als Mittel zu den verschiedenen Zwecken dienen. So erhalten wir aus der empi- rischen Wirtschaft heraus die Sitze, welche die Verwendungsméoglich- keiten angeben, Sitze, welche den anderen Sitzen der Wirtschafts- organisation vollig konform sind. Schon um dieser formalen Einheit- lichkeit willen wire unsere Konstruktion der Verwendungsméglichkeiten (zum Unterschiede von den technisch gegebenen Methoden) anzunehmen, Wir wollen aber doch noch darauf hinweisen, dal auch matericll ein weitgehender Unterschied zwischen der bekannten Technik und den Verwendungsmoglichkeiten als Teil der Wirtschaftsorganisation besteht. Wir miissen da nicht neuerlich auf moderne sozialpolitische MaBnahmen hinweisen, welche bestimmte Giiterverwendungen verbieten, — von viel groferem Interesse ist ein Blick auf die Geschichte der Wirtschaft. Unter welchen sozialen Kimpfen haben sich neue technische Methoden durchgesetzt! Ein gut Teil der Geschichte des beginnenden Kapitalis- mus ist eine Geschichte des Kampfes um technische Methoden. Die Kampfe der englischen Arbeiter gegen die Einfilhrung dampfgetriebener Maschinen erhalten ihren Sinn als Kampf um eine Wirtschaftsorganisation, man wollte verhindern, dal eine neu erkannte Technik sich in der Wirtschaftsorganisation durchsetzt; ob die Einfilhrung der Maschinen durch staatliches Verbot oder durch Sabotage der Arbeiter verhindert worden wire, das wdre, wenn es nur geschehen wire, fiir die Wirt- schaftsorganisation gleichgiltig geblieben. Es hitte nur erreicht werden konnen, daf eine bekannte Technik keinen Einflul auf die Konkretisierung der ckonomischen Kategorie der Giiterverwendungsmoglichkeiten hat. Hitten die Feinde der Dampfmaschine gesiegt, so hidtten gewisse Ver- ===== PAGE 108 ===== — 106 — wendungsmoglichkeiten fur Sachgiiter nicht zur Anwendung gelangen konnen, wir hatten eine andere Wirtschaftsorganisation erhalten. Neben der Produktion steht als Verwendungsmdglichkeit von Gutern, die nicht direkt dem Konsum dienen!), der Tausch in seinen ver- schiedenen Formen. Die Moglichkeit des Tausches ist gerade so ein Teil der Wirtschaftsorganisation wie die Moglichkeit der Produktion. Auch beim Tausche mussen wir die gleichsam hinter den wirtschaft- schaftlichen Erscheinungen liegenden Elemente suchen; wir werden wiederum neben anderen vor allem Rechtsnormen finden. Dadurch aber, da Produktion und Tausch in gleicher Weise Verwendungs- moglichkeiten von Gutern sind, welche in ihrer konkreten Ausgestaltung durch die Organisation der Wirtschaft bestimmt sind, erscheinen sie beide in einem Begriffe vereinbar. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, werden wir bei der Behandlung des Systems der okonomischen Kategorien besprechen. Hier halten wir fest, was sich aus dem Ver- haltnis von Technik und Wirtschaft ergibt: Die Technik bildet eines von den meta-okonomischen Elementen, die da- durch fur die Wirtschaft maigebend werden, dafl sich das menschliche Handeln an ihnen orientiert und orien- tieren muf. Naturliche Brauchbarkeiten sind Gegebenheiten fur die Wirtschaft. Wie die Kenntnis der Funktion des Rechtsapparates das Wirtschaftssubjekt uber Folgen informiert, die sich in der Ge- sellschaft an das Setzen von gewissen Bedingungen knupfen oder mit mehr oder minder grofier Wahrscheinlichkeit knupfen, so zeigt ihm die Technik ein vollig Analoges in dem Bereiche der physischen Natur. Und in beiden Fallen nutzt das Wirtschaftssubjekt diese Kenntnis in seinem Handeln. In der Art, wie diese auBeren Zusammenhange sich im Handeln widerspiegeln, gehen sie in die Wirtschaftsorganisation ein. VIIL Im Gegensatz zu den technischen Grundlagen der Wirtschaft, welche insofern eine Einheit bilden, als sie alle nur Verhaltnisse der theo- retisch einheitlich erfaBbaren aufleren Natur sind, sind alle jene Grund- lagen der Wirtschaft, welche wir als die psychischen zusammen- fassen wollen, viel komplizierterer Art und vor allem in ihrer Kigen- gesetzlichkeit viel weniger bekannt. Trotzdem werden wir bei ihrer 1) Nach dem schon fruher Ausgefuhrten 1st es nicht notwendig zu betonen, da auch die Verwendungen der Guter in der Konsumtion nicht allen durch ihre technische Eignung, sondern auch durch andere Momente bestimmt sind, und da auch diese in die allgemene Form der Organisation der Wirtschaft eingehen, ===== PAGE 109 ===== Betrachtung leichtes Spiel haben, wenn wir uns streng daran halten, daf} die Erfassung der Wirtschaftsorganisation immer nur die Erfassung von empirischen Erscheinungen in den Formen der oGkonomischen Kategorien ist. Wie der Mensch in der Wirtschaft einerseits als Produzent, anderer- seits als Konsument steht, so wird auch seine geistige Veranlagung in zwei Richtungen fiir die Wirtschaft in Betracht kommen: Insoweit die Wirtschaft die Menschen als Arbeiter braucht und insowecit sie durch Wertskalen der GenuBSgiiter bestimmt ist. Die psychischen Vor- aussetzungen der Atbeitsfahigkeit kommen in der Arbeitsleistung zum Ausdrucke, genau so wie die korperlichen Eigenschaften., Wenn die Arbeit als Teil eines Giiterbesitzes nichts anderes bedeutet, als die Moglichkeit, iiber bestimmte wirtschaftliche Leistungen, Verwendungs- moglichkeiten, zu verfiigen, so sind dabei simtliche Bedingungen der Arbeitsleistung, wie sie sich im einzelnen Invividuum vorfinden, mit einbegriffen, die im engcren Sinnc physischen sowohl als die nur in der Psyche des Menschen bestchenden, Die ersteren geben sozusagen dic technischen Moglichkeiten der Arbeit, ihr Ver- biltnis zur Organisation der Wirtschaft ist genau das gleiche wie jenes der anderen technischen Daten. Nicht anders ist es aber mit den zweitgenannten Bedingungen. Aus den verschiedensten Sphiren kommt alles das, was hier von Einflu} sein kann. Flei8 und Faulheit, die Hungerpeitsche und Pflichtgefiihl, Schulbildung und jede erworbene Kunstfertigkeit und noch vieles andere beeinflufit die Arbeitsleistung. So wie diese als Resultante aller ihrer Grundlagen sich in der Wirt- schaft zeigt, so wird sie von der Organisation der Wirtschaft erfafit: Die Verwendungsmoglichkeiten der Arbeit — sowohl ihrem Umfange nach, als auch hinsichtlich ihrer intensiven Ausnutzbarkeit — sind auf Grund der Erfahrung festzustellen und bilden einen Teil der Wirtschafts- organisation. Wenn die Wirtschaftswissenschaft hier iber die Fest- stellung der Wirtschaftsorganisation hinausgeht und deren Griinde untersucht, so wird dies zweifellos zu wertvollen Aufschliissen fuhren; es hieBle eine zu enge Grenze ziehen, wenn man das nicht mehr als Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften ansehen wollte, — wir wollen nur feststellen, dal es aus dem Rahmen der reinen Theorie und auch der deskriptiven Wissenschaft herausfillt. Eine Wirtschaftsorganisation kann beschrieben werden, ohne dal die psychologischen Grundlagen der Arbeit erforscht werden, die Wirtschaftsbeschreibung hat nur die bestehenden Verhiltnisse zu erkennen und hier ist natiirlich die Art der Arbeitsleistungen anzufiihren. Diese auf ihre Grundlagen zuriick- ===== PAGE 110 ===== -— 108 — fiihren heifit aber nicht mehr, die Wirtschaft, so wie sie ist, aufzeigen; es heiflt, die Wirtschaftsorganisation in entfernteren Gebieten begriinden. Bei der Konkretisierung der 0konomischen Kategorie der Wert- skala werden, wenigstens soweit es sich um die Wertskalen von personlichen Wirtschaftssubjekten handelt, psychische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. Die ersten Posten der Wertskala werden den wichtigsten physiologischen Bediirfnissen entsprechen, und wie diese bei allen Menschen im Groflen und Ganzen 3hnlich sind, wird auch eine profile Parallelitit dieser Posten zu beobachten sein, wobei freilich zu beachten ist, daf3 diese Posten manchen Menschen nicht zum Bewuftsein gelangen werden, — eben jenen Menschen, fiir welche infolge verhiltnismdBig reichlicher Versorgung die Befriedigung der wichtigsten physiologischen Bediirfnisse nicht in Frage steht. Je weiter wir aber in der Wertskala herabsteigen, desto grofler werden die Differenzierungen sein. Diese niedrigeren Posten der Wertskala werden eben durch den bei den einzelnen Individuen verschiedenen geistigen Habitus der Menschen bestimmt. Wir wollen nicht untersuchen, welcher Art alle die hier bestimmenden Elemente sein kénnen. Wir miiBten vielleicht die empfundenen Bediirfnisse (Bediirfnisse nach Alkohol, Tabak etc.) unterscheiden von den rationell als notwendig erkannten Zwecken (Zweck der Altersversorgung etc.) und von den a priori als wertvoll feststehenden Idealen, fiir die Giiter aufgewendet werden (Spenden fiir eine nationale Sache, fiir Wohltitigkeit, etc.). Ob dieses Schema voll- stindig ist oder wenigstens die wichtigsten hier relevanten Verhiltnisse erfalt, ob die drei Typen wirklich die letzten Momente herausgreifen oder ob vielleicht ein Fall auf einen anderen zuriickfiihrbar ist, das tut hier nichts zur Sache, wir wollen nur ungefihr zeigen, was da in Betracht kommt und was eine Motivationslehre, die erst hier Er- scheinungen der Wirtschaft, nidmlich die Konkretisierung der Wert- skalen, weiter erklaren konnte, zu ihrem Ausgangspunkte nehmen miifite. Fir die Beschreibung einer Wirtschaft, fiir die Erkenntnis einer empirischen Wirtschaftsorganisation kommen die Motivationen nicht unmittelbar in Betracht. Wir erkennen aus den wirtschaftlichen Hand- lungen die Wertungen der einzelnen Menschen; die Sitze, die wir so gewinnen, sind die Bausteine der Organisation der Wirtschaft auf ihrer untersten Stufe, wo sie der empirischen Wirklichkeit am nichsten stehen. Natiirlich wird — sowohl bei der Erfassung des Urmaterials der historisch-relativen Elemente als auch vorziiglich bei der Gewinnung allgemeiner Satze der Wirtschaftsorganisation, — die Kenntnis der Motive der menschlichen Wertungen eine wesentliche Hilfe geben. Aber auch hier darf die Probe durch Bezug auf die Erfahrung niemals fehlen. ===== PAGE 111 ===== —_— Jy) — Zu den psychischen Grundlagen der Wirtschaft gehoren nicht allein die in der Individualpsyche der Einzelnen begrindcten Erscheinungen. Es konnen geselischaftliche Beziehungen hier ¢inen Einfluf gewinnen, der vom Einzelnen mehr oder weniger gerne anerkannt wird, der sich bald nur als leiser Druck geltend machen wird, bald wicder mit solcher Starke auftreten kann, dal gewisse Posten der Wertskalen direkt dem Einzelnen aufgezwungen erscheinen, sodafl Giiterverwendungen vor- genommen werden, welche das Wirtschaftssubjekt sonst gerne zuriick- gestellt hitte. So ein Zwang wird oft von Konventionen ausgeiibt, dic den Einzelnen bewegen mogen, sich etwa besser zu Kkleiden, als er es sonst fur gut fande (stindische Lebenshaltung), oder sonst zu Ausgaben aus Griinden der Reputation oder Representation fuhren. Selbst das Recht kann hier wirken (indem es zum Beispiel die An- schaffung eines Amtskleides fordert). Fiir die reine Okonomie kommt es nur darauf an, dal die Verwendungsmoglichkeiten der Giiter eines Wirtschaftssubjektes skaliert sind, nur auf Grund dieser Skalen kann sic etwas iiber die durchgefiihrten Giiterverwendungen aussagen — wie diese Wertskalen zustande gekommen sind, ist in diesem DBereiche gleichgiiltig. Die Wirtschaftsorganisation zeigt, wie die Wertskalen sind, sie sagt nichts iiber deren Entstehung aus, sagt nicht, ob das Wirtschaftssubjekt sie mehr oder weniger leicht hitte anders bilden konnen, darum ist auch der Zwang zur Einstellung bestimmter Posten an sich nicht in Betracht zu ziehen. IX. Hier konnen wir auch auf das Verhiltnis der Sittlichkeit zur Wirtschaft zu sprechen kommen. Es handelt sich uns nicht darum, irgendwelche wirtschaftliche Erscheinungen mit dem Mafle einer Ethik zu werten, wir wollen nur die bestehenden Verhiltnisse erkennen. Je lebendiger die Postulate einer Sittlichkeit in einem Menschen wirken, desto schwieriger wird es ihm vielleicht sein, im sozialen Leben das zu erfassen, was ist, und es zu trennen von dem, was sein soll. Und gerade: Je schwerer diese Trennung ist, desto wichtiger ist sie, das ist nicht nur eine Forderung wissenschaftlicher Objektivitit, gerade vom Standpunkt des Ethikers ist diese Trennung notig. Wer die Wirtschaft nach ethischen Gesichtspunkten idndern will, muff wissen, wie die Sittlichkeit in der Wirtschaft wirkt und wirken kann, und diese Frage legen wir uns hier vor. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, dal ethische Gebote in einer den Rechtsgeboten vollig analogen Weise an der Konkretisierung der ckonomischen Kategorien ===== PAGE 112 ===== -— 110 — beteiligt sein konnen. Wenn Menschen aus Pflicht so handeln, wie es sittliche Gebote fordern, so wirken diese Gebote bei der Konkretisierung der okonomischen Kategorien mit !), wir erhalten dann in der Organisation der Wirtschaft Sitze, welche dem Sittengebote entsprechen. Nun kann die Ethik vielfach auf einem Umwege das menschliche Handeln be- einflussen, vor allem durch das Mittel eines von ihrem Geiste ge- tragenen Rechtes, — direkt becinflussen kann die Sittlichkeit vor allem die Konkretisierung der Verwendungsmoglichkeiten, soweit es sich um die Arbeit von Menschen handelt, und die Wertskalen. Hier kann der Einzelne verhaltnismaBig leicht dem Gebotc scines Gewissens ge- horchen, ohne Hemmungen iliberwinden zu miissen, welche die Trig- heit des sozialen Gefiiges sonst weitgehenden Anderungen der Wirt- schaftsorganisation entgegensetzt. Wenn ein Unternehmer den Arbeiter nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern auch als Personlichkeit wertet, dann wird er ihn nicht bis zur Grenze seiner Leistungsfihigkeit aus- niitzen, er wird es unterlassen, Kinder auszubeuten, etc. — er wird diese ,unsozialen“ Verwendungsmdoglichkeiten der von ihm gemieteten Arbeitskraft iiberhaupt nicht sehen, sie nicht fiir durchfihrbar halten: Wenn wir aus seinen Handlungen auf die Organisation der Wirtschaft schliefen, so kommen in seinem Bereiche diese Verwendungsmoglich- keiten der Arbeit iiberhaupt nicht vor. So weit das alles zutrifft, wird der Arbeiter faktisch anders verwendet werden als eine Sache, in der Organisation der Wirtschaft wird sich die sittliche Wertschitzung des Menschen zeigen. So weit dasder Fallist, wirdunser Schema es erfassen, aber an der formalen Konstruktion der Giiterverwendungen indert es nichts. Die Arbeit ist wirtschaftliches Gut, wie jedes Sach- gut, ihre Verwendungsmoglichkeiten sind durch die Organisation der Wirtschaft gegeben wie die jedes anderen Gutes. Dafl in einem Falle ethische Gebote die Verwendungsmoglichkeiten einschrinken sollen, im anderen nicht oder nur in geringerem AusmaSe, liegt jenseits von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsbeschreibung. Im weiten Umfange koénnen die Wertskalen von ethischen Postulaten mitbestimmt sein, das bedarf nach dem f{riiher Angefiihrten keiner weiteren Erorterung. Es ist klar, dal sich das sittliche Niveau eines Menschen in der Art ausdriicken wird, in welcher er die Ver- wendungsmaoglichkeiten seiner Giiter wertet: Wie er seine ,niederen” 1} Dabei wire im Einzelfalle zu untersuchen, ob das Handeln ,aus Pflicht erfolgte oder pur legal war, d. h. wohl dem Gebote der Sittlichkeit entsprechend war, doch aus Motiven entsprang, welche nicht von der ethischen Norm gesetzt waren. Dem praktischen Sozialpolitiker wird vielfach das legale Handeln dem moralischen gleich- wertig sein, ===== PAGE 113 ===== — 111 — und ,hoheren” Bedurfnisse zu Grundlagen dieser Wertungen macht, welche Ideale und Zwecke er kennt und welche Bedeutung er diesen beilegt, das alles ist eine Konsequenz seiner Einstellung zur Ethik. Ist es hier dem Einzelnen iiberlassen, im wirtschaftlichen Handeln seine Sittlichkeit zu bewahren und kann hier die Gesellschaft dadurch wirken, daB} sie an der sittlichen Erziehung des Einzelnen mitarbeitet, so bleibt daneben die Aufgabe bestehen, die ganze Organisation der Wirtschaft mit dem Geiste der Ethik zu durchsetzen, dergestalt, dal das Gesamt- bild der Wirtschaft, wie es sich als Ergebnis der konkreten Daten dar- stellt, einem sittlichen Ideale angenahert wird. Wir mochten hier nur kurz neuerlich darauf hinweisen, dafl die Tatsache, dal die Ethik, sei es mittelbar (z. B. im Wege des Rechtes), sei es unmittelbar (vor allem durch Einflul auf die Wertskalen), auf die Wirtschaft einen Einfluf} gewinnen kann, nichts daran adndert, dafi die theoretische Nationalékonomie eine Gesetzeswissenschalft ist, welche notwendige Regelmidfligleiten in den Guterverwendungen feststellt. Wir haben jetzt klar gesehen, dal die Ethik die Setzung der Daten mitbedingt, die wirtschaftliche Gesetzmafligkeit knupft erst an diese Daten an. Wirtschaft ist das von ©konomischen Daten Bewirkte, Ethik bedeutet — mdéglichcrweise — Setzung von Daten. Ein Gegeneinanderwirken von Ethik und Wirtschaftlichkeit gibt es da nicht. X. Es wird jetzt von Vorteil sein, wenn wir den Blick zurickwenden und uns vor Augen fiihren, was das Resultat unserer Untersuchungen iiber die historisch-relativen Elemente der Wirtschaft ist. Das Material, mit dem wir es zu tun hatten, ist so vielseitig, da die Entwicklung der Lehre notwendigerweise auf die Vorteile einer klaren systematischen Anordnung verzichten muflte, Aus der Beobachtung des wirtschaftlichen Lebens erhalten wir durch Sinndeutung der einzelnen Handlungen die Konkretisierungen der Okonomischen Daten, welche diesem Handeln zugrunde liegen. Die gewonnenen Sitze zeigen die Organisation der Wirtschaft in ihrer untersten Realisationsstufe. Innerhalb einer abgegrenzten Wirtschafts- gesellschaft konnen wir aligemeine Sitze der Wirtschaftsorganisation gewinnen, indem wir minder relevante abweichende Einzelfdlle aus- schlieBen. Dabei ist die Abgrenzung der Wirtschaftsgesellschaft gegeben durch die Moglichkeit, fur eine bestimmte Wirtschaft im Gegen- satze zu anderen Wirtschaften solche allgemeine Sitze der Wirtschafts- organisation zu finden, eine Moglichkeit, die beispielsweise bei der in ===== PAGE 114 ===== — 112 — einem Staate geeinten Volkswirtschaft vorhanden ist. Die Sitze der Wirtschaftsorganisation driicken die besondere Ausgestaltung der 6kono- mischen Kategorien, Wirtschaftssubjekt, Giiterverteilung, Verwendungs- moglichkeiten und Wertskalen in einer Wirtschaftsgesellschaft ans. Dabei sind diese Sitze —- hinsichtlich aller Kategorien — vielfach identisch mit verschiedenen Normen, eine Identitit, die vom Standpunkte der Wirtschaft durchaus zufallig ist, doch unter Umstinden bei der Betrachtung einer Wirtschaftsorganisation ein Hilfsmittel der For- schung sein kann, da haufig von der Sollgeltung der Normen auf ein entsprechendes Verhalten der Menschen geschlussen werden kann, wobei natiirlich haufig die Sollgeltung der Normen als ,,Ursache“ oder ,mit- bestimmende Ursache" oder ,,Bedingung* des Handelns bezeichnet werden kann. Die Konkretisierung der 6konomischen Kategorien ist auch von Erscheinungen abhingig, welche einer auBerhalb der Sphire der Oko- nomie stehenden GesetzmiBigkeit unterliegen, so namentlich die Ver- wendungsmoglichkeiten von der physischen Natur, die Wertskalen von physiologischen und psychologischen Erscheinungen. Doch sind die Verwendungsmoglichkeiten im Sinne der okonomischen Kategorien nicht identisch mit den technischen Moglichkeiten und die Wertskalen nicht identisch mit den Bediirfnissen, wie sie Physiologie und Psycho- logie kennen. Jeder dieser Begriffe hat eben nur innerhalb eines wissenschaftlichen Systemes einen Sinn, unsere Aufgabe war es, jene Begriffe zu suchen, welche das wissenschaftliche System der Okonomie bilden, und diese Begriffe nannten wir die 6konomischen Kategorien. Die Abhidngigkeit der Skonomischen Daten von dem ,Meta-Okonomischen zeigt sich darin, daB etwas, das technisch nicht moglich ist, auch wirtschaftlich nicht moglich sein kann, doch kann sehr wohl etwas, das technisch moglich wire, als wirtschaftliche Ver- wendungsmoglichkeit nicht in Betracht kommen und es kann weiters in der Wirtschaft Verwendungsmoglichkeiten einer Art geben, welche die Wissenschaft von der physischen Natur nicht in ihren Bereich ziehen kann: vor allem die wirtschaftlichen Verwendungsmoglichkeiten der Ubertragung von Giitern von einem Wirtschaftssubjekte an ein anderes im Wege des Tausches. Und hinsichtlich der Wertskalen: Die physio- logischen Existenzbediirfnisse miissen notwendig in der Wertskala person- licher Wirtschaftssubjekte erscheinen, aber deshalb konnen in derselben auch Posten erscheinen, welche sich nicht als Bediirfnisse konstruieren lassen. Nun sehen wir klar, in welcher Weise wir zur Kenntnis der Organi- sation einer Wirtschaft gelangen konnen dort, wo der Weg der Sinn- deutung der einzelnen Handlungen nicht gangbar ist. Wir finden in ===== PAGE 115 ===== der Wirtschaftsgesellschaft die aufleren Voraussetzungen der Wirtschaft, technische Gegebenheiten, Normen verschiedener Art und psychologische Eigenschaften der Menschen. An allen diesen Elementen ist das mensch- liche Handeln orientiert, es kann nur innerhalb des Rahmens der technischen Moglichkeiten wirken, es mull mit der Geltung der Normen rechnen und es ist durch die Psyche der Einzelnen bedingt. Wie wir sicher sind, daB alles dieses Meta-Okonomische in der Wirtschafts- organisation zur Geltung gelangt, so kdénnen wir auch von diesen Ge- gebenheiten zur Wirtschaftsorganisation gelangen. Wir gehen von dem in der Volkswirtschaft vorhandenen Gutervorrate aus, umschreiben dessen Verwendungsmoglichkeiten nach MaB8gabe der physischen Mog- lichkeiten und der bekannten Technik, schranken diesen Kreis der Verwendungsmoglichkeiten einerseits ein, indem wir die Normen, welche hier Beschrankungen postulieren, aufnehmen, und erweitern ihn anderseits durch die von der Gesellschaft geschaffenen Verwendungs- moglichkeiten. Wir erkennen weiter auf Grund der Rechtsnormen den Umkreis der Wirtschaftssubjekte und rekonstruieren die Guterverteilung unter Heranziehung der Rechtsnormen und rechtlich relevanter Tat- bestande, — wobei wir freilich immer nur die ,geltenden” Normen heranziehen durfen. Endlich fassen wir alle jene Elemente, welche die Wertskalen beeinflussen konnen, zusammen, indem wir zunachst die Be- durfnisse des Menschen als Grundlage annehmen und die weiteren Posten der Wertskala durch die verschiedenen Momente, die hier in Betracht kommen, prazisiert sehen. So werden wir ein Bild erhalten, das den tatsichlichen Verhaltnissen wenigstens ungefahr entspricht und die wichtigsten Zuge der Wirtschaftsorganisation zeigt, vorausgesetat, da wir hier immer durch einen Blick auf die zu beobachtenden Haodlungen unseren Aufbau uberprifen. Es ist aber {estzuhalten, da die Satze, welche die Organisation der Wirtschaft bezeichnen, nicht mehr Teile der meta-okonomischen Welt nach Maigabe der verschiedenen Gesetzlichkeiten, welchen diese unterliegt, umschreiben; sie bedeuten vielmehr eine Ordnung des Erfahrungsmateriales nach Mafigabe jener Begriffe, welche den Gegenstand unserer theoretischen Wissenschaft bilden. XL. Wir haben bei der Untersuchung der Daten der Wirtschaft unsere Aufgabe zunichst darin gesehen, die Gkonomische Formel fur diese Daten zu finden, welche es ermoglicht, dieselben zur Grundlage der okonomischen Theorie zu machen. Die theoretische Bearbeitung der Daten mul aber zweifellos auch noch daruber hinausgehen und wir Strigl, Die Skonomischen Kategorien. 3 ===== PAGE 116 ===== wollen hier nur kurz andeuten, in welcher Richtung sich hier die wissenschaftliche Forschung bewegen kann. Wir haben fiir die Skonomischen Kategorien, welche die allge- meinen Formeln der Daten darstellen, vier termini technici geprigt: Wirtschaftssubjekt, Giiterverwendungsmaoglichkeiten, Giiterbesitz (Ver- fugung iiber alternative Giiterverwendungsmoglichkeiten) und Wert- skalen. Die 6konomische Theorie gebraucht nun zur Bezeichnung des Gegenstandes der Wirtschaft verschiedenc Ausdriicke, welche zunidchst Unterscheidungen der Giiter nach technischen Merkmalen bedeuten: GenuBgut, Produktivgut, Tauschgut, insbesondere allgemeines Tausch- mittel gleich Geld. Fir uns bedeutet die Anwendung dieser Aus- driicke, welche die Theorie selbstverstindlich braucht, keine Schwierig- keit, wenn man diese Begriffe nur als Spezifikationen 6konomischer Kategorien ansieht. So ist ein Genufigut ein Gut, dessen Verwendung ausschlieBlich eine Verwendung zum Konsum ist, also eine Verwendung, welche in einem Ausscheiden des Gutes aus dem Giiterbesitze ohne Erlangung eines anderen Gutes, eines dkonomischen Nachfolgers, be- steht, wobei man freilich in der Regel noch die Moglichkeit des Tausches offen lassen muB. Ein Produktivgut ist ein solches Gut, welches durch seine Verwendung innerhalb der Wirtschaft eines Wirt- schaftssubjektes — in der Regel in gemeinsamer Verwendung mit anderen Produktivgiitern — die Erlangung eines anderen Gutes herbei- fiihrt, wahrend ein Tauschgut ein solches ist, dessen Verwendung zu seinem Ubergang in die Besitzessphire eines anderen Wirtschaftssub- jektes fiihrt, wobei als sein 6konomischer Nachfoiger ein anderes Gut in den Besitz des fritheren Besitzers gelangt. In dieser Weise konnen wir die eben besprochenen Ausdriicke mit den Mitten der &ko- nomischen Theorie definieren. Bei anderen ,technischen“ Ausdriicken der Volkswirtschaftslehre wird dies nicht moglich sein; wenn wir etwa die Giiter Arbeit und Boden fir Zwecke der Theorie definieren wollen, miissen wir aus dem rein theoretischen Gedankengebilde der &ko- nomischen Kategorien gleichsam heraustreten, wir miissen diese Be- griffe definieren durch Heranziehung von meta-6konomischen Elementen, die als ein historisch-relativer Bestimmungsgrund die Okonomischen Kategorien definieren. Die Aussagen, die wir an diese Begriffe knupfen, sind dann eben historisch-relativ zu diesen Annahmen, wenn auch diese so allgemein sind, daB} sie fast immer zutreffen.!) 1} Es ist aber nicht notwendig, da der Boden ein wirtschaftliches Gut ist, er kann auch frei sein. Denkbar wire ein solcher Fall selbst bei einer menschlichen Arbeit. Wieser bringt ein Beispiel dafiir (Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft, S. 136), ===== PAGE 117 ===== — 11 — Die grote Bedcutung haben aber dic ,technischen* Bestimmungen der Daten der Wirtschaft in den sogenannten technischen Ge- setzen der Nationalokonomie erhalten, als dessen bekanntestes wir das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag hicr besprechen wollen: Zusitzliche Dosen von Arbeit (und Kapital) ergeben aul gegebenem Boden (von einem gewissen Optimum an) einen abnchmenden Mehr- ertrag.’) Ks ist klar, was dieses Gesetz fiir eine auf den Skonomischen Kategorien aufgebaute Theorie bedeutet: Es enthilt eine Aussage iiber die Daten der Wirtschaft, es wird gesagt, dal bei Verwendung be- stimmter Produktivgiiter die Erlangung des Produktes einem Gesetze entspricht, welches das quantitative Verhaltnis des Produktes zu den aufgewendeten Produktivmitteln bestimmt. So kann dieses Gesetz von der 6konomischen Theorie gebraucht werden. Von Interesse ist aber fiir uns die Ableitung dieses Gesctzes. Es kann damit begriindet werden, dal man ausfilhrt, dal gewisse Elemente, welche an der Hervor- bringung des Produktes beteiligt sind, bei der Zusetzung von Dosen an Arbeit nicht vermehrt werden (Luft, Licht, Bodenfeuchtigkeit, etc.); dieses verhaltnismaflige Zuriickbleiben der nicht vermehrbaren Pro- duktionsfaktoren gegeniiber den zusitzlichen Dosen der Arbeit wire die Ursache der Abnahme des Mehrertrages. Daf sich diese Argu- mentation ganz im Rahmen des ,Meta-Okonomischen® bewegt, ist klar, hier sucht man das Gesetz aus ,technischen” Bedingungen der Pro- duktion zu erkliren. Etwas anders liegt die Sache, wenn wir cine andere, heute iibliche Argumentation betrachten: Jeder Landwirt will lieber mit mehr Boden arbeiten, will seinen Bodenbesitz vergrofiern, um dadurch seinen Ertrag zu vergriflern, das wire zweifellos nicht der Fall, wenn dieses Gesetz nicht gelten wiirde. Denn ein Zuwachs an Bodenbesitz kann nur dann einen gréferen Ertrag bringen, wenn die auf ihn angewendete Arbeit auf dem gegebenen Boden als zusatzliche Dosis einen abnehmenden Ertrag liefert.?) Hier geht der Beweis von dem beobachteten Verhalten der Menschen in der Wirtschaft aus und schliefit von diesem auf bestimmte Verhiltnisse in den Daten. 1} Auf die Details der Bestimmnng dieses Gesetzes gehen wir nicht niber ein, ~— insbesondere auch nicht auf die scit der Kritik von Rodbertus aufzunehmende Be- dingung: solange die Technik der Bodenbearbeitung nicht verbessert wird. (Diese Be- stimmung wiirde fir uns bedeuten die Annahme der Unverinderlichkeit der Daten, eine neue Techpik bedeutet neue Verwendungsmdglichkeiten.) 2) Zehn Dosen Arbeit auf dem Boden cin B geben einen Ertrag von 100 P. Wenn weitere 10 Dosen Arbeit auf demselben Boden wieder 100 P oder gar mehr an Ertrags- zuwachs gewinnen, bitte der Landwirt kein loteresse, ein zweites B zu erwerben, auf dem die 10 Dosen Arbeit wieder nur 100 P ergeben, ===== PAGE 118 ===== — 116 — Wir konnen hier die Lehre von den technischen Gesetzen der Wirtschaft nicht weiter verfolgen. Unsere Aufgabe war, zu zeigen, wie diese Sitze in dem System der Wissenschaft einzuordnen sind. Zweifel- los wird die Theorie der dkonomischen Daten noch viele wertvolle Ergebnisse zu Tage férdern konnen, ihre Aufgabe wird es in erster Linie sein, die Theorie des Skonomischen Produktionsprozesses zu ver- vollkommnen, fiir die schon viele bedeutende Ansatze bestehen. XIL Wenn eine Wirtschaftsorganisation gegeben ist, so kénnen wir an diese okonomische Gedankenginge ankniipfen. Sobald wir die Gesetze der theoretischen Okonomie kennen, ist uns mit der Kenntnis der Daten die Moglichkeit gegeben, alle wirtschaftlichen Erscheinungen zu erschlieBen, diese ergeben sich aus der Durchfiihrung der Giiterver- wendungen, welche mit den Daten der Wirtschaftsorganisation im Sinne der okonomischen Gesetze eindeutig bestimmt sind. Sobald die Daten sich dndern, miissen auch ihre wirtschaftlichen Folgen sich andern. Nur solange die historisch-relative Organisation einer Wirt- schaft feststeht, ist sie Ausgang OSkonomischer Erklirungen, eine neue Wirtschaftsorganisation bedingt neue wirtschaftliche Erscheinungen. Die Anderung einer Wirtschaftsorganisation ist eine Anderung der Grundlagen einer Wirtschaft, welche mit den Mitteln der Wirtschafts- theorie im allgemeinen nicht behandelt werden kann.!) Daf die Wirt- schaftsorganisation in ihrer konkreten Ausgestaltung jemals lingere Zeit hindurch vollig unverandert geblieben ware, das kann nicht angenommen werden. Wir miissen auch nicht jede Abweichung im Detail gleich beriicksichtigen. Hier sehen wir den Gewinn, den wir mit der Kon- struktion der Organisation einer Wirtschaftsgesellschaft in allgemeinen Sitzen gemacht haben. Wenn uns der Bau einer Wirtschaftsgesell- schaft in seinen wesentlichen Ziigen bekannt ist, so koanen wir die wirtschaftlichen Erscheinungen wiederum in ihren wesentlichen Ziigen erfassen, und erhalten ein mebr oder weniger lange unverindertes Ob- jekt der Untersuchung. Es bleibt immer dem Geschicke des Forschers iiberlassen, die Trennung des Wichtigen von dem Unwichtigen in brauchbarer Weise durchzufiihren. Wenn auch die Wirtschaftsorganisation im Detail immer in einer 1) Es mag einstweilen dabingestellt sein, ob einzelne Anderungen der Wirltschafts- organisation damit zu erkliren sind, da die Durchfiibrung der mit den Daten gegebenen Giiterverwendungen selbst die Daten verschiebt — z, B. im Sinoe einer Konzentration des Kapitals. ===== PAGE 119 ===== stindigen Bewegung und Verschiebung scin wird’) und diese Unbe- stindigkeit von der Unbestandigkeit des Lcbens und des Handelns der Individuen ubernehmen wird, so wird anderseits dort die Wirtschafts- organisation eine relative Stabilitat erhalten, wo das Handeln der Menschen an festen Ordnungen orientiert ist Hier kommt die konser- vative Macht von Recht, Religion und Sitte zum Ausdrucke, sie alle scheinen als standige Mahner hinter dem Menschen zu stehen, die sein llandeln in ihrem Sinne zu lenken suchen, — mag auch manchmal ihr Rat uber- hort werden, sie lenken doch immer wieder den Menschen in die gleiche Richtung. Dort wo die Wirtschaftsorganisation mit derartigen an sich auBerhalb der Wirtschaft stehenden Ordnungen ubereinstimmt, dort wird sic — solange diese Ubereinstimmung vorliegt — eine relative Konstanz zeigen und in der Regel wird dann eine Anderung der Wirtschaftsorganisation mit einer solchen der normativen Ordnungen parallel gehen.?) Hier stehen hinter der Wirtschaftsorganisation praktisch die Sanktionen der auleren Ordoungen; indem Kirche, Staat und Ge- sellschaft ihren Normen Gehorsam zu erzwingen suchen, erhalten sie die bestehende Wirtschaftsorganisation. Praktisch hat dieses Verhalt- nis fast zu jeder Zeit bestanden, dal die Wirtschaftsorganisation im einzelnen den normativen Ordnungen der genannten Autoritaten wider- spricht, kam immer wieder vor, aber im Groflen und Ganzen finden wir fast Oberall eine Ubereinstimmung. Unter den Veranderungen der Wirtschaftsorganisation nahmen eine besondere Stellung jene ein, welche eine Anderung des Vermoégens der einzelnen Wirtschaftssubjekte bedeuten. Wir haben fur derartige Ver- anderungen, soweit sie Veranderungen der Giiterverteilung sind, be- reits den Ausdruck wirtschaftliche Revolution gebraucht, diesen wollen wir nun weiterhin fur alle Veranderungen der Wirtschaftsorgani- sation anwenden, durch welche der Verfugungsbereich von Wirtschafts- subjekten durch Eingriffe von auflen geschmalert wird. Ob die Anderungen durch eine legitime Kraft erfolgen — etwa durch den normalen Gesetzgebungsapparat des Staates —, oder durch illegitime Krafte, das ist fur den Bereich der Wirtschaft nicht von Bedeutung. In allen diesen Fallen miussen wir die Anderungen, die in der Wirt- I} Eine Ausnahme ware da vielleicht eine kommunistische Wirtschaft, welche ohne Anderung des Wirtschaftsplanes ,,stalisch* wirtschaften wiirde, ?) Noch enger wird die Verkniipfung der Wirtschaftsorganisation mit ihren ,Bestim- mungsgriinden'* dort sein, wo diese in unwandelbaren Bedingungen der iufieren Natur liegen, so z. B. Klima, horizontale und vertikale Gliederung der Erdoberfliche, und vor allem die in ,technischen Gesetzen' darstellbaren allgemeinen Bestimmungsgriinden der Produktion. ===== PAGE 120 ===== — 118 — schaft eintreten, in gleicher Art von den durch 6konomisch bedingte G iiterverwendungen verursachten unterscheiden. Eine Verschiebung der Giiterverteilung bedeutet immer die Ubertragung von Verfiigungsgewalt iiber Giiter von einem Wirt- schaftssubjekt aut ein anderes, dem einen kann nur gegeben werden, was dem anderen genommen wird. Eine Schaffung personlicher Wirt- schaftssubjekte ist immer nur die Kehrseite einer derartigen Verschiebung der Giiterverteilung, dic neuen Wirtschaftssubjekte werden nur dadurch existent, dal Personen, die bisher keinen Giiterbesitz hatten, insbesondere auch bisher nicht frcic Herren liber ihre Arbeitskraft waren, nunmehr einen Antcil an den Giitern der Wirtschaft erhalten, von denen sie bisher ausgeschlossen waren. Mit der Bezeichnung der Anderungen der Wirtschaftsorganisation, welche die Rechte einzelner Wirtschaftssubjekte verschieben, als wirt- schaftliche Revolutionen, haben wir schon auf die Art der Krifte hin- gewiesen, welche derartige Verdnderungen herbeizufilhren pflegen: Revolutionire Anderungen sind Folgen von Machtkimpfen. Wir kénnen die Rolle, die die Macht in der Wirtschaft spielt, in zwei Teile zer- legen. Macht kann einerseits konservativ wirken, indem sie eine be- stehende Wirtschaftsorganisation — namentlich eine Giiterverteilung — schiitzt. Hier hat der bekannte Ausspruch Lassalles, da die Armee ein Stiick Verfassung ist, auch fiir die Wirtschaftsorganisation eine Bedeutung.?) Militirische Gewalt in den Hinden der Besitzenden kann dazu dienen, revolutiondre Gewalten, welche die geltende Ver- teilung der Giiter stiirzen wollen, niederzuhalten, und die militdrische Macht kann vor allem auch dazu dienen, das Funktionieren des Rechts- apparates sicherzustellen, der gleichfalls eine konservative Aufgabe haben kann, Auf der anderen Seite kann Macht als dynamisches Element in der Gesellschaft wirken, kann die Organisation der Wirtschaft dndern und dies dadurch, dal sie das Handeln der Menschen in eine neue Richtung zwingt. Dabei kann die Macht die verschiedensten Gestalten annehmen: Die Wut aufgepeitschter Massen in groflen Revolutionen steht neben den Mitteln der modernen Gewerkschaftsbewegung, das Wiiten einer blutigen Gegenrevolution neben der Macht, welche Reichtum in politischem Kampfe verleiht, Sabotage neben der verfeinerten Form der Macht, welche geistige Herrschaft und Uberlegenheit sichert. Alle diese Krifte stehen zunichst aufierhalb des Wirtschaftlichen, sie wirken in die Wirtschaft hiniiber nur dadurch, da sie das menschliche Handeln beeinflussen, aus dem sich eine neue Wirtschaftsorganisation, ') Wieser spricht von einer ,Wirtschaftsverfassung. a. a. O. 8. 397. ===== PAGE 121 ===== neue Konkretisierungen der okonomischen Kategorien ergeben. Durch Einflu8 auf die Organisation der Wirtschaft werden meta-6konomische Gewalten dieser Art in der Wirtschaft relevant. Man sicht heute immer wieder Machtkimpfe der Arbeiter und der Unternehmer, die Kampfe der Gewerkschaften erhalten nur dadurch einen Sinn, dal man in ihnen einen Kampf um eine Wirtschaftsorganisation sicht, sie wollen das Handeln von Unternehmern und Arbeitern in einer Weise bcein- flussen, dal neuartige Konkretisierungen der Gkonomischen Kategorien zu Grundlagen der Wirtschaft werden. Wenn ein Lohn im Macht- kampfe von Unternehmern und Arbeitern fixiert wird, so wird fur die Arbeiter eine Verwendungsmoglichkeit der Arbeit geschaffen, die Moéglichkeit, ihre Leistungen zum bestimmten Lohpsatze zu verwerten, dem Unternehmer anderseits wird die Moglichkeit genommen, billigere Arbeiter zu erhalten,”) wenn ein Machtkampf die Fabriksordnung fest- setzt oder sanitire MaBinahmen der Fabriksleitung erzwingt, so werden die Verwendungsmoglichkeiten, welche dem Unternehmer fiir seine Kapitalien offenstehen, beeinflut usw. Wenn in dieser Weise Macht. verhiltnisse sich als bewegende Elemente zeigen, die die Wirtschafts- organisation indern, so muf die durch sie erkimpfte Wirtschafts- organisation wiederum durch Macht oft vor einer Riickbildung ge- schiitzt werden. Auch diese konservative Macht kann die verschiedensten Formen annehmen, sie kann in einer latenten Drohung mit Aus- schreitungen ebenso bestehen, wie in der Macht des Rechtsstaates. Zu Zeiten grofler Revolutionen oder allgemeiner Unsicherheit und Unruhe konnen stindig dynamische Michte am Werke sein und die Wirtschaftsorganisation fortwihrend angreifen und umstiirzen, ohne da konservative Michte ihnen ein wirksames Gegengewicht zu bieten im Stande wiren. Insbesondere finden da immer wieder Verschiebungen in der Giiterverteilung statt, welche nicht 6konomisch zu erklaren sind, welche nicht aus Verfiigungen der Wirtschaftssubjekte uber ihre Giiter nach MaBigabe der Wertskalen entspringen: Wir sehen neben den Giiterbewegungen, welche dkonomischen Gesetzen folgen, solche, welche nicht mit diesen erfaBt werden konnen. Ausgangspunkt eines okonomischen Gedankenganges ist immer eine Giiterverteilung und nur solange keine gewaltsame Verschiebung derselben eintritt, konnen wir die Giiterbewegungen o6konomisch erklaren; ein meta-0konomischer Eingriff setzt eine neue Giiterverteilung, von der aus wir erst wieder den wirtschaftlichen Erscheinungen mit dem Apparate der 1) Wir kommen noch darauf zu sprechen, wie dic Preisbildung in diesem Falle von der Theorie aufzufassen ist. ===== PAGE 122 ===== — 20 — Wirtschaftstheorie folgen konnen., Sind bei einer gegebenen Wirtschafts- organisation die wirtschaftlichen Handlungen okonomisch determiniert, so lat der Eingriff von auBlen nicht die Zeit zur Durchfuhrung dieser Guterverwendungen. Derartige Storungen des wirtschaftlichen Ablaufes kommen immer vor (Eigentumsdelikte etc.) sie konnen so sehr uber- hand nehmen, dal im Getriebe der revolutionaren Umwalzungen kein wesentliches Objekt fur das theoretische Interesse verbleibt, da gerade die grofiten Bewegungen der Guter nicht mehr Wirtschaft sind, — aber immerhin: Auch da muf3 ¢s noch, wenn auch in geringem Umfange und vielleicht in primitiven Formen, Wirtschaft geben. Die Ver- schiebungen der Wirtschaftsorganisation konnen wir nicht als Wirtschaft betrachten, aber gewisse wirtscbaftliche Handlungen werden wir immer be- obachten konnen, die an eine wenn auch noch so labile Guterver- teilung anknupfen. Hierher gehoren konsumtive Guterverwendungen. Ein Wirtschaftssubjekt, das uber Genufiguter verfugt, wird diese Guter nach seinen Wertskalen einteilen und verwenden. Da mag ein un- ruhiger Zustand der Gesellschaft seine Wertskalen stark beeinflussen, mag etwa zu einer Einschrankung oder Aufgabe der Verwendungen fur die Zukunft fuhren, aber immer bleibt fur die Guter eine Mehrzahl von Verwendungsmoglichkeiten offen, zwischen denen das Wirtschafts- subjekt zu wahlen hat, damit bleibt auch etwas fur die wirtschaftliche Betrachtung ubrig. Es wird weiter — abgesehen davon, dal gelegentlich wohl immer wenigstens vereinzelte Tauschakte vorkommen werden — auch in dem argsten Wirbel einer Revolution eine gewisse Produktion erhalten bleiben. Es findet sich immer wieder ein Wahlen zwischen verschiedenen Verwendungsmoglichkeiten eines Produktivgutes, da immer Produktivguter verwendet werden, welche verschiedene Ver- wendungen zulassen. Es war hier von Bedeutung, auf die Rolle, welche Wirtschaft zwischen dynamischen Anderungen der Wirtschaftsorganisation immer spielt, hinzuweisen, um den absoluten Charakter unseres Begriffes der Wirtschaft zu rechtfertigen. Wir haben gleich im Anfange unserer Untersuchungen uber die okonomischen Kategorien eine Guterverteilung angenommen, Diese stellt man sich vornehmlich als vom Rechte ge- regelt vor. Nun ist erwiesen, dal auch in der ,revolutionaren Wirt- schaft eine Guterverteilung — wenn auch eine labile, sich immer wieder verandernde, — als Datum fur Guterverwendungen gegeben ist, daf} auch da Guterverwendungen zu finden sind, welche aus wirt- schaftlichen Daten ableitbar sind, die die Form der oko- nomischen Kategorien angenommen haben. ===== PAGE 123 ===== Iv. Das okonomische System. I. Das Problem der 6konomischen Theorie. — II. Das Grundgesetz der Giiterverwen- dungen. — III. Der wirtschaftliche Wert, — IV. Die statische Wirtschaft. — V. Der Preis auf dem freien Markte. — VI. Die Preisbildung unter dem Einflusse auBerékono- mischer Motive. — VII. Die Preisbildung unter dem Einflusse der Macht. — VIII. Pro- duktion und Verteilung. ===== PAGE 124 ===== L Der Tatbestand, welcher jeder Erscheinung, die wir als Wirtschaft bezeichnen konnen, zugrunde liegt, ist durch die Skonomischen Kate- gorien definiert: Ein Wirtschaftssubjekt verfiigt iiber Giiter, fiir welche ihm bestimmte Verwendungsmoglichkeiten offen stehen, und hat diese Verwendungsmaoglichkeiten nach ihrer Wichtigkeit in einer Wertskala gereiht. Es entstebt nun die Frage: Wie sind die Giiterverwen- dungen durch diesen Tatbestand bestimmt? Die Antwort auf diese Frage hat die theoretische Okonomie zu geben, mit dieser Frage ist ihr Problem abgegrenzt, in positiver wie in negativer Hin- sicht: Sie hat alles auszusagen, was iber die Gesetzlichkeit dieser Giiterverwendungen zu sagen ist, und sie hat nichts zu enthalten, das nicht notwendig ist, um diese Frage zu beantworten. Mit der Formel »Giiterverwendungen bei gegebenen Verwendungsmaoglichkeiten“ ist zu- gleich der einheitliche Zusammenhang der Probleme der Gkonomischen Theorie gegeben; alles, was Wirtschaft ist, ist Giiterverwendung in dem bezeichneten Sinne, das sei hier, wo wir a priori in grofien Ziigen den Bereich unserer Theorie abgrenzen, vorliufig bemerkt, wir werden die Be- deutung dieses Satzes spiter einsehen, wenn wir iiber den angeblichen Unterschied von Produktion und Verteilung innerhalb der Wirtschaft zu sprechen haben werden. Wir sehen, dal die Erklirung der Giiterver- wendungen immer nur von den einzelnen Wirtschaftssubjekten ausgehen kann. Es ist oft der Grenznutzentheorie entgegengehalten worden, dafd sie qindividualistisch sei, wihrend doch die Wirtschaft eine soziale Er- scheinung sei, — vielleicht wird mancher Gegner geneigt sein, diesen Einwand vor unserer Darstellung zurtickzuziehen, nachdem wir die soziale Bedingtheit der Daten der Wirtschaft mit besonderem Hinweis in den Vordergrund geschoben haben, nicht im Gegensatz zu den friilheren Darstellungen der Theorie, sondern — und das wollen wir mit Nachdruck betonen — in Ausfuhrung und Fortfiihrung von immer wieder Apngedeutetem. Aber daran miissen wir festhalten: Der Tat- bestand der Wirtschaft ist immer nur bei dem einzelnen Wirtschafts- ===== PAGE 125 ===== — 124 — subjekt gegeben (dieses Wirtschaftssubjekt kann natiitlich ein ,Kollek- tivum* sein), so kann die Wirtschaftstheorie nur von diesem ausgehen. Jede Giiterverwendung ist die Verwendung des Giiterbesitzes eines Wirtschaftssubjektes nach Mafigabe der Wertskalen dieses selben Wirt- schaftssubjektes. Dabei wird dort, wo ein Tauschverkehr besteht, der Tatbestand, welcher sich um ein Wirtschaftssubjekt schlieBt, natiirlich nicht allein geniigen, um die Giiterverwendungen im Tausche zu er- klaren, das ist selbstverstdndlich, der Tauschverkehr schafft innerhalb der Wirtschaft, nachdem die Daten bereits gesctzt sind, neue ,soziale Beziechungen, Beziehungen, die die Giiterverwendungen eines Wirt- schaftssubjektes mit denen der anderen verkmipfen. Und wenn der Gleichgewichtszustand einer groflen arbeitsteiligen Tauschwirtschaft geschildert wird, dann erscheinen die Giiterverwendungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte so sehr miteinander verschlungen, dafl man fiiglich das von Kollektivisten gerne gebrauchte Bild eines lebenden Organismus zum Vergleiche heranzieben kann, — aber selbst da ist das Ganze nur aus den die Giiterverwendungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte be- stimmenden Daten zu erfassen. Insoweit halten wir an dem Subjek- tivismus der Osterreichischen Schule fest, dennoch ist unser Ausgangs- punkt in einem anderen Sinne cin verschiedener. Die Grenzanutzen- theorie hat die Wertlehre in den Mittelpunkt ihres Interesses gestellt, sie fragte pach den Gesetzen des subjektiven Wertes und baute auf diesen die Preislehre auf. Wir fragen dagegen zunichst nach Giiter- verwendungen'). An sich bedeutet dieser Unterschied nicht viel. Einer- seits wurde die Wert- und Preislehre im Hinblick auf Giiterverwendungen ausgebildet und andererseits wird es sich zeigen, dafl alle Giiterver- wendungen, wie auch der Umfang der Tauschakte und die Giiterpreise, bei gegebenen Daten ganz in der Weise bestimmt sind, wie es die subjektive Wertlehre und die auf ihr fundierte Preistheorie dargestellt haben. Also wir werden in der Theorie der Giiterverwendungen nichts wesentlich anderes sagen, als was die Werttheorie gesagt hat. Doch miissen wir diese unsere Kinstellung der Wirtschaftstheorie besonders betonen. Die subjektive Wertlehre trat als eine psychologische Theorie auf?). So sehr die psychologischen Untersuchungen auch durch Hin- 1) Abulich schon beispielsweise Schumpeter: Unsere Aufgabe ist es . . ., wenn uns irgendein Zustand ciner Volkswirtschaft gegeben ist, jene Anderungen der Quantititen abzuleiten, welche im nichsten Augenblicke vor sich gehen werden, wenn nichts Unvorher- gesehenes eintritt. Das Wesen und der Hauptinhalt der theorelischen Nationalskonomie 1908, S. 28. ?}) Am weitesten in dieser Richtung ging wohl Bébm-Bawerk., Vgl. die An- merkung S. 330 der Positiven Theorie. ===== PAGE 126 ===== blick auf ihre Bedeutung fiir die Nationalokonomic abgegrenzt sein sollten, sie fiihrten doch — man konnte sagen: infolge eines den Problemen innewohnenden Tragheitsgesetzes — auf Gebiete, welche nicht mehr der Gkonomischen Theorie angehoren, es wurde Werttheorie betrieben ohne Riicksicht darauf, da diese nur Diencrin sein kann fiir die Erkenntnis von Giiterverwendungen. Davor soll uns unsere Formu- lierung bewahren: Fiir uns ist der wirtschaftliche Wert nichts anderes als ein Hilfsmittel zur Erklirung der Giiterverwendungen und wir werden die Stellung dieses Begriffes nach seiner Funktion zu be- stimmen haben. IL Der einfachste Tatbestand der Wirtschaft liegt dann vor, wenn ein Wirtschaftssubjekt ausschlieBlich uber GenuBigiiter verfiigt, das heifit iiber Giiter, deren Verwendungsmoglichkeiten einzig von der Art sind, da mit ihrer Durchfiibrung kein anderes Gut erworben werden kann, weder in Produktion noch im Tausche. Da das Wirtschafts- subjekt die Verwendungsmoéglichkeiten nach ihrer Wichtigkeit in einer Wertskala gereiht hat, so sind jene Giiterverwendungen, welche durch- gefiihrt werden, sofort gegeben: Es werden die wichtigsten Ver- wendungsmoglichkeiten durchgefithrt werden, wobei die Grofle des Vorrates bestimmt, bei welcher Verwendungsméoglichkeit innerhalb der Wertskala das Wirtschaftssubjekt abbrechen wird. Die mindest wichtige bei dem gegebenen Vorrate noch durchfilhrbare Verwendung — die Grenzverwendung, jene Verwendung, welche den ,,Grenznutzen stiftet, — erhdlt eine in die Augen fallende Bedeutung: Alle wichtigeren Verwendungen werden durchgefiihrt, alle minder wichtigen werden unterlassen. Dariiber ist nichts weiter zu sagen. Fiir das Wirtschafts- subjekt konnen hier Erwidgungen ankniipfen, welche iiberpriifen, ob die Wertskala richtig ist, d. h. ob in ihr alle weiteren Zwecke, die es er- strebt, in ihrem gegenseitigen Verhdltnis richtig zum Ausdrucke kommen, fiir die Theorie hat das keine Bedeutung, da sie die Reihe der Wert- skala als gegeben annehmen mull, Das Angefiihrte geniigt vollig, um die Giiterverwendungen bei diesem Tatbestande zu bestimmen, es ist nicht notwendig, hier einen Begriff des wirtschaftlichen Wertes heran- zuzichen: Wenn wir aus der Bedeutung der Grenzverwendung irgend- eine Aussage liber den Wert eines Stiickes des Giitervorrates oder des ganzen Vorrates ableiten, so haben wir fiir die Theorie der Giiter- verwendungen nichts gewonnen, und so unterlassen wir es. Wenn wir ein Wirtschaftssubjekt mit einem Produktivgute ausge- stattet denken, das ohne Heranziehung eines komplementiren Gutes ===== PAGE 127 ===== — 126 — aur zur Erzeugung von Einheiten eines einzigen GenuBgutes geeignet ist, so ist — da es sich um knappe Giiter handelt — die Notwendig- keit der Produktion gegeben, die produzierten Giiter werden wiederum nach MaBgabe der Wertskala verwendet. Damit ist auch dieser Fall im Prinzip erledigt. Vor weitergehende Fragen werden wir erst dann gestellt werden, wenn wir ein Wirtschaftssubjekt im Besitze von Produktivglitern sehen, welche zur Erlangung verschicdenartiger Giiter dienen koéonen. Auch hier wollen wir zundichst einen vereinfachten Fall betrachten. Ein Wirtschaftssubjekt verfiigt liber einen Vorrat des Produktivgutes P, von dem jedes Stuck zur Erzeugung von einem Stiicke der GenuBgiiter A, B oder C dienen kann. Sobald das Wirtschaftssubjekt diese GenufS- giiter hat, ist deren Verwendung durch ihre Wertskalen gegeben, die Frage nach der Verwendung von P lautet demnach zunichst: In welchem Verhiltnis wird es zur Erzeugung von A, B und C verwendet werden? Es ist eine Auslese unter den Verwendungsmoéglichkeiten von P notig. Das Prinzip dieser Auslese kann kein anderes sein als das der Auslese unter den verschiedenen Verwendungsmdoglichkeiten eines GenuBgutes. Wie ein Wirtschaftssubjekt ein (Genufigut nicht verwenden kann, ehe es nicht zwischen den Verwendungsmoglichkeiten a,, ay, dy, . . . cine Auslese nach ihrer Wichtigkeit getroffen hat, diese Verwendungsmoglichkeiten in eine Wertskala gereiht hat, so muf} auch der Verwendung von P eine Reihung der Verwendungsmoglichkeiten Py» Pa» Ps» - - - Vorangehen. Nun bedeutet aber die Verwendung von P die Produktion eines der GenuBgiiter A, B oder C, also die Herbei- schaffung der Verwendungsmdoglichkeiten eines dieser Genuflgiiter. So ist die Skalierung der Verwendungsmoglichkeiten von P eine Skalierung der Verwendungsmoglichkeiten aller Genuflgiiter, welche mit P erzeugt werden konnen, in einer gemeinsamen Skala. Und diese Reihung kann das Wirtschaftssubjekt vornehmen, es m uf sie vornehmen, sonst konnte es iiber die Verwendung von P nicht entscheiden, mit diesem Produktivgut nicht wirtschaften. Die gemeinsame Wertskala der produktionsverwandten Giiter ist notwendiges Datum der Wirtschaft. Die Auslese unter den Verwendungsmoglichkeiten von P kann nicht in der Art eine Reihung bedeuten, daf eine der drei offenstehenden Verwendungsméglichkeiten fiir P (die Erzeugung von A, B oder C) schlechthin wichtiger erscheint als die anderen, sondern sie setzt die fertigen Genuflgiiter nur als eine Zwischenstufe voraus und skaliert die einzelnen Verwendungsmoglichkeiten derselben in einer gemein- samen Reihe, erst diese bestimmt dann die Reihenfolge, in welcher ===== PAGE 128 ===== —_ 127 — P zur Erzeugung von A, B oder C bestimmt wird!), Bezeichnen wir die Verwendungsmaoglichkeiten von A mit a,, a,, ay, . . . in der Weise, daB der niedrigere Index die groBlere Wichtigkeit, die frithere Stellung in der Wertskala angibt, und in entsprechender Weise dic Verwendungs- moglichkeiten von B und C, so erhalten wir fiir I’ eine Wertskala, welche in ganz willkiirlicher Annahme folgende Gestalt haben mag: a,, by, ay, ¢,, by, by, a3, ¢3, ... Um zu verhindern, dal cin leicht mogliches Mi8verstindnis hier unterlduft, mochten wir ausdrucklich daraufl hinweisen, dal wir nicht behaupten, diese komplizierte Wert- skala hatte irgendwie eine psychische Realitit, sie wire dem Wirt- schaftssubjekt (oder seinem Organe) bewut, ja auch nur: das Wirt- schaftssubjekt konnte diese Wertskala in ihrem ganzen Aufbau sich immer zum Bewufltsein bringen. Wenn wir gesagt haben, die Wert- skala ist notwendige Voraussetzung der Wirtschaft, so bedeutet das: In jedem konkreten Falle, in dem die Verwendung eines Gutes mit mehreren Verwendungsmoglichkeiten in Frage steht, ist die Wahl einer von diesen notwendig, und nur indem wir uns diese notwendige Aus- lese bei jedem denkbaren Versorgungsstand vollzogen denken, — diese Auslese ist bei jedem Versorgungsstande moglich, sie wird aber faktisch nur dann vollzogen werden, wenn tatsichlich eine Giiterverwendung in Frage steht, — nur so gelangen wir zur vollstindigen Wertskala ?). Nun zuriick zu unserem Beispiele. Die zusammengesetzte Wert- skala der Genufiguter A, B und C ist zugleich die Skala der Ver- wendungen des Produktivgutes P. Die Anzahl der dem Wirtschafts- subjekte zur Verfiigung stehenden P bestimmt, wie weit die Ver- wendungen an dieser Skala durchgefiihrt werden konnen., Wenn nur ein P vorhanden ist, wird ein A erzeugt und zu a, verwendet, ein zweites P dient zur Erzeugung eines B fiir die Verwendung b, usw, bei einem Vorrate von 8 P werden 3 A erzeugt und zu a,, a,, a;, ver- wendet, weiter 3 B fiir b;, b,, bg, und 2 C fiir ¢;, ¢c,. Die letzte durch- gefiihrte Verwendung — in unserem Falle ¢, — gibt wieder ein Maf3 fir die Verwendung jedes der produktionsverwandten Giiter: Jede Ver- wendung, die wichtiger ist als diese Grenzverwendung, ist durchge- fiihrt, jede minder wichtige ist unterlassen. Wir konnen nun, ohne einen wesentlichen Fehler zu begehen, die Grenzverwendungen von A, B und C (in unserem Falle by, a,, ¢,) als gleich wichtig bezeichnen, die bekannte Rechtfertigung dafur ist, da die Differenzen praktisch !) Vgl. dazu die Unterscheidung von Bediirfoisgattungen und Bediirfnisregungen bei Menger. 2) Vgl. dazu Bobhm-Bawerks Ausfibrungen iber ,Denkanforderungen an die Schitzangspraxis®, Positive Theorie S. 340ff. ===== PAGE 129 ===== — 128 — belanglos werden, wenn es sich um kleine Stiicke handelt. Dann wird das Gesetz, das in dem angenommenen Falle die Verwendung von P regelt, lauten: Es wird von jedem GenuBgutesoviel erzeugt, da die Grenzverwendung eines jeden gleich wichtig ist. Damit haben wir an einem einfachen Schema das Grundgesetz der Verwendung von Giitern entfernter Ordnung abgeleitet. Das eben besprochene Schema dndert sich nicht wesentlich, wenn wir an Stelle des einen Produktivgutes P eine Gruppe von Produktiv- mitteln setzen, welche ausschlieBlich in solchen produktiven Kombi- nationen verwendet werden konnen, innerhalb deren das Mengenver- hiltnis, in welchem die einzelnen Produktivmittel beteiligt sind, ein feststehendes, nicht variables, ist. Dieser Fall ist praktisch wohl nicht weiter von Bedeutung, wir fihren ihn zunidchst deshalb an, weil er uns zu dem ndchsten Typus der Wirtschaft fithrt, in welchem wir die Verwendung von variablen Gruppen von Produktivgiitern besprechen wollen. Wir wollen an den Fall der fixen Produktivmittelgruppe aber auch noch eine Zwischenbemerkung knupfen. Wenn etwa zwei ver- schiedene ,Giiter” da sind, welche iiberhaupt nur gemeinsam ver- wendet werden konnen, wenn also eines von diesen allein iiberhaupt nicht gebraucht werden kann, dann hat es fiir die 6konomische Theorie liberhaupt keinen Sinn, nach der Verwendung des einen Stiickes unab- hingig von der des anderen zu fragen. Beide Stiicke zusammen geben bestimmte Verwendungsmoglichkeiten, eines allein ist unbrauchbar, ist deshalb, weil es kein Tridger von Verwendungsmdoglich- keiten ist, kein wirtschaftliches Gut in der Bedeutung, welche wir diesem Ausdrucke beigelegt haben. Und damit ist auch die Frage nach dem ,wirtschaftlichen Werte“ des einzelnen Stiickes hinfallig — wohlgemerkt: unter der Voraussetzung, daB diese Giiter nur in einer fixen Produktivmittelgruppe verwendet werden konnen!). Nun der letzte Fall, den wir hier zu untersuchen haben. Ein Wirtschaftssubjekt verfiigt liber einen Vorrat von Produktivgiitern, welche in verschiedenen Kombinationen verschiedene Genuflgiiter er- zeugen konoen, Machen wir uns klar, worin das neue Problem liegt, das wir in diesem Falle vor uns finden. Wenn die Genufigiiter er- zeugt sind, ist deren Verwendung nach den Wertskalen gegeben, es fragt sich also zunachst, welche Genufgiiter erzeugt werden. Das 1) Daf gleichbwohl die Skonomische Theorie viel Miihe dafiir verwendet hat, fiir solche Fille die Frage pach dem wirischaftlichen Werte des einzelnen komplementiren Gutes zu untersuchen, ist ein Beispiel dafiir, wie das Ausgeben von der Frage nach dem wirtschaftlichen Werte ilber das Interessengebiet der Gkonomischen Theorie hinaus- gefibrt bat. ===== PAGE 130 ===== — 129 — hingt aber von den gewihlten produktiven Kombinationen ab und so steht die Frage vor ums: Nach welchem Gesichtspunkte werden die Produktivgiiter miteinander kombiniert, zu welchen Kombinationen filhrt die Auslese unter den verschiedenen Verwendungsmaoglichkeiten der Produktivgiiter? Die letzte Bezugsbasis dieser Auslese ist die kom- binicrte Wertskala der produktionsverwandten Genufigiter: Nach Ma8- gabe dieser Wertskala miissen die wichtigsten Giiterverwendungen ge- sichert sein, es darf da keine wichtige zugunsten einer minder wichtigen zuruckgesetzt sein. Die richtigen produktiven Kombinationen sind dann gewihlt, wenn keine Variation der Verwendungen der Produktiv- giiter Genufigiiter ergeben wiirde, welche infolge ihrer gré8eren Menge es ermoglichen wiirden, auf der Wertskala weiter herabzusteigen, oder aber nach ihrer Qualitait wichtigere Verwendungsmoglichkeiten er- offtnen wiirden. Es ist bekannt, welcher Gedankengang die Gkono- mische Theorie zur Aufstellung des Gesetzes dieser Giiterverwendungen gefiihrt hat: Hier hat sie das Zurechnungsproblem gefunden, welches recht eigentlich das Zentralproblem der Theorie der einfachen Wirtschaft geworden ist. Wenn wir im Geiste alle moglichen Kombinationen der Produktiv- giiter uns vollzogen denken koénnten, so wire die Auswahl unter diesen nicht schwer: Wir wiirden bei jeder denkbaren Kombination wissen, welche Menge an Genufigiitern der verschiedenen Art wir bei jedem einzelnen Wirtschaftsplane erhalten und da konnten wir gleich sagen, welche Produktsumme der anderen vorzuziehen ist. Nun ist aber diese Methode dort zweifellos nicht durchfihrbar, wo eine groéfiere Zahl von verschiedenen Produktivgiitern mit einer gré3eren Zahl von Produktions- methoden (Verwendungsmoglichkeiten) vorliegt: Die Zahl der moglichen Kombinationen steigt bei einer Vermehrung der Zahl der Faktoren sehr rasch und wir gelangen zu einer uniibersichtlichen Menge von Wirtschaftsplinen. Hier mufl sich der praktische Wirt mit einer anderen Methode helfen, die auch die Theorie beniitzen mu. Gehen wir von einem bhelicbigen Wirtschaftsplane ans. Die verschiedenen Produktivgiiter sind in verschiedenen Kombinationen verwendet und wir erhalten eine bestimmte Quantitit und Qualitit von Produkten, Wenn aus einer Kombination von Produktivgiitern eine Einheit eines der komplementiren Giiter herausgezogen wird, so wird das Produkt um eine bestimmte Menge verringert; wenn dagegen einer produktiven Kombination eine Produktivgiitereinheit hinzugefugt wird, so wird das Produkt vermehrt, Wir sehen da fiir jedes Produktivgut verschiedene Verwendungsmoglichkeiten offen, die zur Erlangung verschiedener Ge- nufigiiter fuhren. So ist die Wahl zwischen diesen Verwendungs- Strigl, Die 6konomischen Kategorien, 9 ===== PAGE 131 ===== — 130 — moglichkeiten nach MaBgabe der Wertskala unter Berucksichtigung der sonst zu erlangenden QQuantitaten der in Frage stehenden GenuBgiiter moglich. Indem wir pach dieser Methode fur alle Produktivguter jene Verschiebungen durchfuhren, welche zur Erlangung wichtigerer Genug8- guter fuhren, kommen wir zu einem ,Gleichgewichtszustande“: Dieser ist dann erreicht, wenn die mit den gewahlten Produktivguterkombinationen erreichbaren Genu8- guterverwendungen derart sind, dal durch keineVerschie- bung eines Produktivgutesein Genuigut erlangt werden kann, fur das eine wichtigere Verwendung offen steht, als die Verwendung jenes Gutes ist, das durch das HerausziehendiesesProduktivgutesaus seinerurspriung- lichen Kombination in Wegfall kommt Damit sind die Verwendungen der komplementaren Produktivguter aus den Wert- skalen ihrer Produkte abgeleitet. Nun gilt es, das Gesetz dieses Gleich- gewichtes naher zu prazisieren. Jedes der Produktivguter dient in seinen verschiedenen Verwendungsmoglichkeiten zur Erlangung ver- schiedener Genufiguter. Nennen wir den in einer Verwendung von einer Einheit des Produktivgutes ,abhangigen” Teil des Produktes — d. h. also jenen Teil des Gesamtertrages der betrefienden Kombination, welcher durch das Abziehen dieser Produktivgutereinheit in Wegfall kame — sein Grenzprodukt., Dann ergibt sich folgende Definition des Gleichgewichtes: Bei jedem Produktivgut ist die Grenz- verwendung seines Grenzproduktes aus jeder seiner Verwendungsmoglichkeiten gleich wichtig, — wobei der Ausdruck ,gleich wichtig” wieder in dem f{ruher bezeichneten Sinne verstanden sein soll. Es ist also auch in diesem Falle fur jedes Pro- duktivgut das aligemecine Gesetz vom Grenzautzenniveau gultig. Diese kurzen Ausfuhrungen uber das Zurechnungsproblem sollen zunachst keine andere Aufgabe haben als die, zu zeigen, dal unsere okonomischen Kategorien geeignet sind, das System der okonomischen Theorie aufzubauen?), im folgenden soll noch der Wertbegriff einer kurzen Betrachtung unterzogen werden, den die Zurechnungstheorie als wichtigstes Hilfsmittel zur Erklarung der Verwendung komplementarer Guter braucht. 1) Uber das Zurechnungsproblem handeln vor allem die bekannten Schriften von Bohm-Bawerk und Wieser. Uber dic Divergenzen in den Losungen dieses Problems bei diesen beiden Autoren vergleiche den Aufsatz des Verfassers ,,Der Kapnalzins als Residual-Rente*, Archiv fur Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band 47, 1921, S 855 ff. Dort ist auch die wichtigste Literatur zn diesem Problem angegeben, ===== PAGE 132 ===== —_ 131 — IIL. Wir wollen uns das Bild der Wirtschaft eines Wirtschaftssubjektes vor Augen halten, in der die einzelnen Guter ihrer Verwendung nach Maflgabe der gegebenen Wertskalen zugefihrt sind, und uns dic Frage stellen, welche Bedeutung jedem einzelnen Gute in diesem Systeme zukommt, Es ist klar, da} diese Fragestellung auf die Frage nach dem wirtschaftlichen Giiterwert hinauszielt, und es wire zweifellos zunachst unsere Aufgabe, genau auszusprechen, was wir hier mit dem Aus drucke ,Bedeutung eines Gutes“ meinen. Vielleicht werden wir aber gerade das spiter besser sagen kénnen, wenn wir erst einige Satze, welche die Bedeutung" von Gitern bebandeln, angefiihrt haben, -- dabei werden wir diese Satze dem ausgearbeiteten Systeme der modernen Werttheorie entnehmen konnen, also das Faktum der bestehenden Wissenschaft zur Grundlage unserer Untersuchungen machen Es ist zunachst klar, da ,in irgendeinem Sinne“ Giiter gleicher Art die gleiche Bedeutung haben, da sie einander ersetzen und vertreten kénnen. Es ist klar, dal die Bedeutung eines Stiickes aus einem Vorrate gleichartiger Giiter abhingig ist von der Grenz- verwendung dieses Giitervorrates. Es ist klar, dal die Bedeutung eines Gutes entfernter Ordnung abhingig ist von der Bedeutung des Produktes. Des weiteren: Die Bedeutung eines von verschiedenen komplementiren Giitern einer Produktivmittelgruppe ist gleich der Bedeutung des Produktes vermindert um die Bedeutung der anderen komplementaren Produktivgiiter, die Bedeutung eines Stiickes von mehreren gleichartigen in einer produktiven Kombination vereinigten Giitern ist gleich der Bedeutung seines Grenzproduktes. Damit haben wir das Gerippe des Gedankenganges der Wertlehre von Menger, Bohm-Bawerk und Wieser wiedergegeben, ohne dal wir auf die Meinungsverschieden- heiten, welche innerhalb der Schule bestehen, weiter eingehen. Der Sinn der Frage nach der Bedeutung von Giitern war fiir die psycho- logische Schule mit der ersten Einstellung ihrer Methode gegeben: Wenn die Wirtschaft gleichsam aus dem in der Wirtschaft stehenden empfindenden Menschen heraus betrachtet wurde, so mufite der wirt- schaftliche Wert eine im Empfinden des Menschen gegebene ,psycho- logische Grole” sein; der Mensch empfindet die Bedeutung, die ein Gut fiir ihn hat, indem er die Grofle der im Falle des Verlustes dieses Gutes entstehenden EinbuBle an Bediirfnisbefriedigung ermifit (Béhm- Bawerk), oder aber indem er die durch den ruhigen Besitz des Gutes gesicherte Bediirfnisbefriedigung erwdgt (Wieser). Nachdem wir nun von der Forderung der Methodeareinheit ausgehend die psycholo- o* ===== PAGE 133 ===== — 132 — gischen Elemente aus dem System der okonomischen Kategorien ent- fernt haben, miissen wir jetzt untersuchen, welchen Sinn die Frage nach der Bedeutung von Gutern fur uns noch haben kann. Betrachten wir als Beispiel den Fall eines Vorrates gleichartiger Guter. Den Wert eines Gutes hat die Werttheorie nach der Grenzwertformel bestimmt, jedes dieser Guiter hat den gleichen Wert, weil eines das andere er- setzen kann. Der Satz 1G =1G hat hier den Sinn, dafl das erste und das letzte Stuck des Gutervorrates vertauscht werden kann, ohne dal wirtschaftlich etwas anderes da ware. In diesem Sinne konnen wir sagen: Das erste Stuck G hat den gleichen wirtschaftlichen Wert (die gleiche Be- deutung) wic das letzte Stuck. Von einer absoluten Grofle des wirtschaftlichen Wertes ist dabei uberhaupt nicht die Rede. Nun ein zweites Beispiel: Das Produktivgut P erzeugt die GenuBguter A und B und zwar ein P entweder ein A oder zwei B. Vergleichen wir wieder die Bedeutung dieser Guter. Es ergibt sich ohne weiteres der Satz: ein A ist wertgleich einem P oder zwei B; in diesem Verhaltnisse konnen die Guter einander ersetzen. An diesem Beispiele ist auch zu sehen, wie die Wertsetzung an der Grenz- verwendung entsteht. Haben wir einen beliebigen Vorrat von A und B gegeben, ohne dal diese Guter produktionsverwandt waren, so konnten wir uber ihr Verhaltnis nichts Allgemeines aussagen. Erst dadurch, dal diese Gutervorrate zwangslaufig gegeben sind auf Grund eines Vorrates von P, einer gegebenen Wertskala von A und B und auf Grund einer bestimmten technischen Effizienz von P, erst dadurch wissen wir, dal der Vorrat von A und B so grof3 ist, da} die Guter- verwendungen dieser beiden (uter an einer solchen Stelle der Wert- skala abgebrochen werden mussen, dal sich dieses Wertverhaltnis ein- stellt. Das Wertverhaltnis von A und B ist zunachst das Wertverhaltnis von Gutern, welche in Grenzverwen- dungen stehen, in diesen Grenzverwendungen sind diese beiden Guter in diesem Wertverhaltnisse ersetzbar, in anderen waren sie es nicht. Die nahere Ableitung fiir diese und andere Satze der Wert- theorie haben die Schriften von Menger, Bohm-Bawerk und Wieser in ausfuhrlicher Weise gebracht. Wir wollen ihre Gedanken- gange nicht weiter verfolgen, sondern nur den eingefihrten Begriff des wirtschaftlichen Wertes naher betrachten. Wir definieren den wirtschaftlichen Wertals die Maflizahl, welche die Ersetz- barkeit einer Guterquantitat durch eine andere aus- druckt.!) Dieser Wert ist ein subjektiver, d. h. er hat seinem Wesen nach nur im Wirtschaftsplane des einzelnen Wirtschaftssubjektes 1) Vgl. J. Komorzynski, Der Wert in der isolierten Wirtschaft, 1889. ===== PAGE 134 ===== einen Sinn, nur innerhalb der Besitzessphidre des einzelnen Wirtschafts- subjektes kommt dic Ersetzbarkeit cines Gutes durch ein anderes in Betracht. Der wirtschaftliche Wert mitt des weiteren nicht in einer absoluten Grofle die Bedeutung eines wirtschaftlichen Gutes. Das ist in unserem Systeme nicht moglich, weil uns dafiir ein Maf§ fehlt, wie es dic psychologi-che Schule in GefuhlsgroSen zu finden suchte, das ist aber auch nicht notwendig, wie wir gleich schen werden. Die okonomische Theorie braucht den Wertbegriff an zwei Stellen: Einmal in der Theorie der einfachen Wirtschaft und hier vor allem in der Theorie des Wertes komplementarer Giiter. Diese ist nichts anderes als ein Vergleichen des ,Wertes” von Gutern. Hier lautet die Frage: Gegeben der ,Wert" des Produktes, wie wird der SWert eines Produktionsmittels in dem des Produktes ausgedriickt? — Oder aber: In welchem Verhidltnisse sind Produktivgut und Produkt ersetzbar? Damit sind wir bei unserer Formulierung angelangt. Und dann braucht die Theorie den Wertbegriff als Grundlage der Prcislchre. Daf es sich hier wieder nur um das Wertverhiltnis von verschiedenen Gutern handelt, ist am besten aus der Anwendung des Wertbegriffes in der Preis theorie zu sehen, Jedes Beispiel, das Béhm-Bawerk in seiner Preis- Iehre anwendet, beginnt mit der Annahme von ,Werten”, wobei immer nichts anderes gesagt wird als: N bewertet ein Gut A mit n Stiick des Gutes BY), Es wird also eine Mafizahl fur die Ersetzbarkeit von zwel Gutern als Grundlage der Preisbildung aufgenommen. Und dieser Wertbegriff wird auch in der Formulierung des Gesetzes des Tausches verwendet. Z. B.: , Beim isolierten Tausche zweier Tauschlustiger setzt sich der Preis innerhalb eines Spielraumes fest, dessen Obergrenze die subjektive Wertschitzung der Ware durch den Kiufer, dessen Unter- grenze ihre Wertschatzung durch den Verkaufer bildet.”? Wenn hier die Wertschatzung scheinbar als absolute Grofle hingestellt wird, so meint Bohm-Bawerk doch immer nur die Wertschitzung im Ver- gleiche zum Preisgute, wie schon aus der Angabe des Beispieles ersicht- lich ist: Ein Landmann A benotigt ein Pferd und zwar nach seinen individuellen Verhaltnissen mit einem derartigen Grade von Dringlich- keit, dal er dem Besitz eines Pferdes soviel Wert beimiffit, als dem Besitz von 300 fl. . . .“ Auch hier geniigt also unser Wertbegriff zum Ausbau der Theorie, Hier miissen wir uns noch der Aufgabe unterzichen, das Verhalt- nis des wirtschaftlichen Wertes zu den Werten der Wertskalen klar- ) So z. B. bei dem bekannten Pferdemarktbeispiel Bohm-Bawerks, Positive Theorie, S. 360ff. ===== PAGE 135 ===== zustellen. Aus dem Angefiihrten ist zu ersehen, dal — wie wir schon bei der Einfilhrung der Wertskalen behauptet haben — das Wort Wert" hier in zwei unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht ist. Schon rein auBerlich ist der Unterschied wahrzunehmen., Die Werte der Wertskalen begriinden ein Datum der Wirtschaft, sie liegen vor der Wirtschaft, — der wirtschaftliche Wert erstelltsichineinergegebenenwirtschaftlichen Situation auf Grund konkreter Daten. Zur Bestimmung des wirtschaft- lichen Wertverhiltnisses genligen niemals die Wertskalen allein, es mul immer noch ein Vorrat an produktions- (tausch-) verwandten Giitern da sein, fiir welche auf Grund der zur Verfiigung stehenden Menge bestimmte Grenzverwendungen gegeben sind, erst aus dem Vergleiche dieser Grenzverwendungen kann iiber das Wertverhiltnis, in welchem die Giiter auswechselbar sind, etwas gesagt werden, und auch da erst auf Grund des Verhiltnisses, in welchem diese auf ein Gut entfernter Ordnung reduzierbar sind. Nun scheint es aber, als ob eine bestimmte Gedankenoperation mit beiden ,Werten” gleichartig vorgenommen werden wiirde: In beiden Fillen wird etwas verglichen. Die Werte der Wertskala setzen die Giiterverwendungen nach ihrer vergleichs- weisen Wichtigkeit in einer Reihe fest, der wirtschaftliche Wert ver- gleicht ebenfalls die Wichtigkeit von Giiterverwendungen. Aber auch hier ist der Unterschied des Vergleichens in diesen beiden Fillen leicht zu sehen, Bei der Setzung der Wertskala wird eine Giiterverwendung einer anderen schlechthin vorgezogen, die Giiterverwendungen werden nur in eine Reihe gestellt. Mit dem ,Vorzichen und Nachsetzen® ist hier die Operation abgeschlossen.?) Die Frage nach dem wirtschaft- lichen Werte dagegen fragt, in welchem Verhiltnisse Giiter einander ersetzen konnen. Fiihren wir wieder ein schon gebrachtes Beispiel an: Ein P kann ein A oder zwei B erzeugen. Zwei B sind dann gleich- wertig einem A. Die Vertauschbarkeit dieser Quantititen ist hier bedingt durch ihre Produktionsverwandtschaft. Ich kann aus dem Wirtschaftsplan ein P, welches A erzeugen sollte, herausnehmen und mit diesem P zwei B erzeugen und es ersetzen durch ein P, welches zwei B erzeugen sollte, das ich nun fiir die Erzeugung von einem A bestimme. Der Wirtschaftsplan bleibt der gleiche. Hier ist eine quantitative Bestimmung des Wertverhiltnisses méglich, die Frage geht danach, welche Quantititen von Giitern verschiedener Art gleich- wichtige Giiterverwendungen erméglichen. Und hier kdnnen wir noch 1) Wobei diese Gedankenoperation, wie schon mehrfach erwihnt, erst das Datum der Wirtschaft setzt, der Wirtschaft begrifflich vorausgeht. ===== PAGE 136 ===== ein Letztes liber das Wesen der Wertrechnung aussagen. In der Regel sind die Grenzverwendungen von produktionsverwandten Giitern nicht véllig gleich wichtig. Zu einer vollkommencn Gleichheit kommen wir hier nur dann, wenn wir die Giiter als in unendlich kleine Teile zer- legbar uns vorstellen, so dai die Wertskalen kontinuierliche Kurven sind). So konnen wir streng genommen nur unter dieser Voraus- setzung korrekt mit dem wirtschaftlichen Werte rechnen. In der Mehrzahl der Fille wird von den ,gleichwichtigen” Grenzverwendungen die eine um eine Kleinigkeit wichtiger sein. Das hat fiir die Theorie keine Schwierigkeiten gebracht, fiir die Praxis bedeutet es die Moglich- keit, iiberhaupt eine endgiiltige Wahl zwischen den Giiterverwendungen zu treffen. Wenn mit einem gegebenen Vorrate von P die Giiter A oder B in einem solchen Verhiltnisse erzeugt sind, dal die vollige Gleichheit des Grenznutzens, den P in seinen beiden Verwendungs- moglichkeiten stiftet, erreicht ist, und wenn dann ein weiteres P hinzu- tritt, so ware dessen Verwendung ganz unmdglich, wenn die moglichen Produkte von P, ein weiteres A oder zwei weitere B, in ihren nichsten Verwendungsmoglichkeiten gleichwichtig waren: Das Wirtschaftssubjekt miifite ewig schwanken, ob es das P zur Erzeugung von einem A oder von zwei B verwenden soll. Der kleine Unterschied in der Wichtig- keit, der in der Wertskala ausgedriickt ist, entscheidet die Wahl. Fiir die Gedankenoperation der Wertrechnung miiten wir zur Erreichung volliger Korrektheit bei der Feststellung von Wertverhiltnissen so vor- gehen: Wenn die Grenzverwendung der verschiedenen Produkte von P nicht ganz gleich wichtig ist, miissen wir zur Erzielung eines exakten Wertverhiltnisses P und seine Produkte in so kleine Teile zerlegt denken, dal wir bei den Bruchteilen von A und B, die wir uns als Produkt dann zu denken haben, schliefflich auf Grenzverwendungen stofien, bei denen der kleine Unterschied verschwindet. Dieser Gedanken- gang geniigt, um die Korrektheit der theoretischen Wertrechnung dar- zutun, die wirtschaftliche Praxis mufl sich mit der Kalkulation, welche die praktisch kleinsten Giitereinheiten zum Gegenstande hat, begniigen. IV. Wenn ein Wirtschaftssubjekt mit einem gewissen Fond von Giitern ausgestattet ist und der Ertrag der Verwendung dieser Giiter aufgezehrt ist, so ware die Moglichkeit vorhanden, dal das Wirtschafts- subjekt nach Durchfithrung seines Wirtschaftsplanes ohne jeden Giiter- I) Vgl. die Einfiihrung ,.gleich wichtiger* Grenzverwendungen S, 127f, ===== PAGE 137 ===== — 136 — vorrat dasteht. Das ist sicher denkbar, wir werden es aber nicht als den normalen Fall ansehen konnen. In der Regel wird das Wirtschafts- subjekt bei der Aufstellung seines Wirtschaftsplanes darauf schauen, da seine Versorgung auch fur spiterhin gesichert ist. Es ist gleich im voraus zu sehen, welches Moment hier von entscheidendem Ein- flusse sein wird. Die Wertskalen werden eben auch die Zukunit be- riicksichtigen. Hier wird eine genaue IFormulierung notwendig sein. Die 6konomische Theorie hat es als cine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachtet, die Gesetzc der statischen Wirtschaft zu unter- suchen, die Gesetze einer Wirtschaft, bei der in einer zyklischen Wieder- kehr von gleichen Wirtschaltsperioden immer wieder gleichviel produ- ziert wird und immer der gleiche Ertrag zum Konsum gelangt. Es ist klar, dal diese statische Wirtschaft sich nicht unmittelbar aus den allgemeinen Formeln der okonomischen Kategorien ergeben kann: Diese Formeln erfassen ja jede denkbare Wirtschaft und es kann in ihnen auch eine Wirtschaft erfafit werden, welche zu einer Vernichtung des Giiterbesitzes fiihrt, wie auch eine solche, welche dem Wirtschalits- subjekte eine Bereicherung bringt. Wenn {iberhaupt die statische Wirtschaft als ein besonderer Typus der moglichen Wirtschaftsformen einer eigenen Betrachtung wert ist — und dafl das der Fall ist, wird wohl schwerlich bestritten werden kénnen, wenn man beachtet, da gerade die Theorie der statischen Wirtschaft zur erfolgreichen Be- handlung der feinsten Probleme der Okonomie gefiihrt hat, so da sogar das Wort gesprochen werden konnte, alle gute Theorie sei statische Theorie —, dann wird es vor allem unsere Aufgabe sein miissen, zu prazisieren, unter welchen Bedingungen eine Wirtschaft statisch wird. Wir miissen die Voraussetzungen der statischen Theorie prifen und d. h.: Wir miissen fragen, in welcher Weise die bkonomischen Kategorieninder Wirtschaft ausgestaltet sein miissen, um diese Wirtschaft zu einer statischen zu machen. Der Zusammenhang mit dem Ertragsprobleme ist da offen- kundig: Statisch wirtschaften heift immer wieder den gleichen Ertrag erzeugen., Wir werden uns dariuber klar werden miissen, unter welchen Bedingungen dieser regelmassige Ertrag zu erwarten ist. Die erste und selbstverstidndliche Voraussetzung einer statischen Wirtschaft ist, da ,von avBcn“ keine Verinderung in das 6konomische System hineingetragen wird. Das ist auch immer betont worden.) In unserer Terminologie driicken wir das so aus: Die konkreten Aus- gestaltungen der Okonomischen Kategorien, die Daten der Wirt- 1) Vgl. Schumpeter’s Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 1912, passim. ===== PAGE 138 ===== schaft sind konstant. Bezuglich der Kategorien Wirtschaftssubjekt und Verwendungsmoglichkeiten der Giiter ist da nichts weiter zu sagen. Wie verhalt es sich nun mit dem Guterbesitze des Wirtschaftssubjektes? Da wir in den aufeinanderfolgenden Zyklen der statiscnen Wirtschaft jeweils eine Wiederholung der vorangegangenen Vorgange sehen wollen, mul notwendig der Guterbesitz zu Beginn einer jeden Wirtschafts- periode gleich groB und gleichartig ausgestaltet sein. Das konnen wir nun keineswegs ohne weiteres annehmen. Wir kennen wohl sachliche Trager von Nutzleistungen, welche — nach einem haufig gebrauchten Bilde — ihre Nutzleistungen als einen standigen Strom abgeben, hier- her gehort vor allem Grund und Boden sowie u. U. die menschliche Arbeit. In diesen Falien verfugt das Wirtschaftssubjekt uber ein Gut, das immer wieder, fur jede Wirtschaftsperiode, die gleichen Nutz- leistungen zur Verfugung stellt. Anders steht es mit der groBen Mehr- zahl der Sachgurer, mit den Produkten und Zwischenprodukten. Der Vorrat, der dem Wirtschaftssubjckte an dicsen zur Verfugung steht, ist immer ein Resultat der Wirtschaft, cin Ergebnis einer bestimmten Richtung der Guterverwendungen. Da die Guterverwendungen nun, bildlich ausgedruckt, von den Wertskalen gelenkt werden, so ist eine besondere Ausgestaltung der Wertskalen Voraussetzung der Re- produktion des am Beginne einer Wirtschaftsperiode vorhandenen Aan- fangsfondes an Gutern und somit eine Bedingung statischer Wirtschaft. Wir gelangen so zu der Formulierung: Eine Wirtschaft wird statisch sein, wenn die Daten unverandert bleiben und die Wertskalenspezifischstatischesind. Das ist von gro8er Bedeutung. Es genugt nicht zu sagen, dal die Wertskalen unverandert bleiben miussen, wenn die Wirtschaft statisch sein soll. Es ist wohl wahrscheinlich, dal konstante Wertskalen sich nur in der Statik finden werden: Der Mensch, der zusehends armer {oder aber auch: reicher) wird, der wird vermutlich Verschiebungen seiner Wertskalen vornehmen, Aber nicht darum handelt es sich hier. Das Problem der Statik liegt in der Frage: Wann bleibt das Wirtschaftssubjekt mit den gleichen Gutermengen ausgestattet? Und die Voraussetzung fur die Reproduktion des Gtiterbesitzes ist nicht nur, dal die Wertskalen unverindert bleiben, sondern auch, dal sie einer weiteren Bedingung entsprechen, daB sie die Guterverwendungen in der Weise leiten, daf die Reproduktion des Anfangsfondes erfolgt. Und nun fragen wir: Wann wird dieses der Fall sein? Das Wirtschaftssubjekt steht bei der Verwendung eines Gutes vor der Frage, ob es mit diesem ein in der laufenden Wirtschaitsperiode zu verzehrendes Genufigut erzeugen soll oder aber ein Produktivgut, dafi in der nachsten Wirtschafts- ===== PAGE 139 ===== periode die Erzeugung eines Genufigutes ermoglichen soll. Es ist nicht schwer zu sehen, wann diese Wahl im Sinne der Statik erfolgt. Das Wirtschaftssubjekt wird das Produktivgut dann fir den Anfangsfond der nachsten Wirtschaftsperiode verwenden, wenn es in dieser zur Er- zeugung eines sonst fehlenden Genufigutes dient, das an einer Stelle der Wertskala verwendet wird, die auch in der laufenden Wirtschafts- periode zum Zuge gelangt, — und umgekehrt: Das Wirtschaftssubjekt wird mit dem Produktivgute dann ein Genuflgut fur die laufende Wirt- schaftsperiode erzeugen, wenn mit diesem ein sonst entfallender Konsum durchgefuhrt werden kann, der fur die nachste Wirtschaftsperiode be- reits gesichert ist. Jeder andere Wirtschaftsplan wurde zu einer Ver- schiebung der Versorgung in den aufeinanderfolgenden Wirtschalfts- perioden fuhren. Wurde das Wirtschaftssubjekt im ersten Falle das Produktivgut zur Erzeugung eines Genufigutes fiir die laufende Wirt- schaftsperiode verwenden, so mufite in der nachsten Wirtschaftsperiode die entsprechende Konsumverwendung ausfallen, da das Produktivgut, von dem sie abhangt, fehlt; wurde das Wirtschaftssubjekt im zweiten Falle das Produktivgut zur Erzeugung eines anderen Produktivgutes fur die nachste Wirtschaftsperiode verwenden, so ware die Versorgung in der nachsten Wirtschaftsperiode eine reichlichere. Beides will der statische Wirt vermeiden und indem er jeweils bei Setzung der Daten fur die Verwendung der Giiter darauf achtet, dal die Versorgung in den aufeinanderfolgenden Wirtschaftsperioden sich nicht andert, zeigt er, da er — in der Sprache der psychologischen Okonomen — die Befriedigung der Bedurfnisse von Gegenwart und Zu- kunft gleich hoch einschatzt. Nur dadurch wird die Ver- sorgung von Gegenwart und Zukunft in gleichmafliger Weise gesichert, nur dann ist statische Wirtschaft moglich.!) Nun ist nur noch in exakter Weise auszusprechen, wie sich dieser Tatbestand in einer eigen- artigen Ausgestaltung der Wertskalen ausdruckt. In der Statik arbeitet das Wirtschaftssubjekt formlich mit einer doppelten Wertskala. Neben jedem Posten, der sich auf die laufende Wirtschaftsperiode bezieht, steht ein zweiter, der die entsprechende Verwendung fur die nachste Wirt- schaftsperiode postuliert und hinter dem jeder minder wichtige Posten fur die laufende Wirtschaftsperiode zurucktreten mul, Oder anders 1) Wenn Wieser (Theorie der gescilschaftlichen Wirtschaft, S. 154f) sagt: ,Es ist eine Forderung guter Wirtschaft, daf die zukinftige Befriedigung, das zukinftige Bediirfnis nicht als unwichtiger git, als das lebendig gefuhlte Begebren des Tages®, — und so die Gleichhaltung gegeawdirtiger und zukunftiger Bedurfnisse als Postulat der Wirtschafulichkeit hinstellt, so begrundet er dieses damit, daB nur ubter dieser Bedingung die wunschenswerte regelmafige Befriedigung der Bediirfoisse gesichert erscheint. ===== PAGE 140 ===== ausgedruckt: In einer statischen Wertskala ist die Erzeugung eines Pro- duktivgutes fur die nachste Wirtschaftsperiode gleich wichtig wie die Erzeugung jenes Konsumgutes, welches von diesem Produktivgut ab- hingig ist, fur die laufende Wirtschaftsperiode. Damit ist die Repro- duktion des Anfangsfondes der statischen Wirtschaft fiir jede Wirt schaftsperiode gesichert. Wurde das Wirtschaftssubjekt weniger an Produktivgiitern erzeugen, so ware seine Versorgung in der nachsten Wirtschaftsperiode geringer — wir kdnnen da von ,Verschwenden® sprechen —, wurde das Wirtschaftssubjekt mehr an Produktivgiitern erzeugen, so wurde die Versorgung sich bessern, wir kdnnen von JSparen” sprechen. Beide Ausdriicke sind hier termini technici, die sich mit den Ausdrucken des Sprachgebrauches nicht vollig decken: Wenn man sagt, der Landwirt ,spart® das Saatgetreide, so wird hier ein Fall der statischen Wirtschaft vorliegen, das Gegenteil wire Ver- schwendung in unserer Terminologie. Umgekehrt ist ein exzessiver Genuf} eines reichen Mannes keine ,,Verschwendung” in unserem Sinne, wenn die reiche Versorgung auch fur die Zukunft gesichert ist. Die Begriffe der okonomischen Theorie durfen eben — als Begriffe einer theoretischen Gesetzeswissenschaft — nicht mit ethischen Wertungen verkaupft werden. Sparen und Verschwenden ergeben sich aus einer bestimmten Ge- staltung der Daten der Wirtschaft. Sie bedeuten eine Veranderung, welche in der Wirtschaft eintritt und die aufeinander folgenden Wirt- schaftsperioden verschieden ausgestaltet, ohne daf} sonst an den Daten etwas von auflen geandert wurde. Eine eigenartige Ausgestaltung der okonomischen Kategorie der Wertskala bringt ein Element der Unruhe in die Wirtschaft, das wie ein Garungsmittel von innen heraus eine Anderung anderer Daten herbeifuhrt, u. z. eine Verdnderung des Guter- besitzes. Diese Veranderungen der Wirtschaft sind aus ihren Daten ableitbar, sind demnach mit den Mittein der okonomischen Theorie zu behandeln, sie sind Gegenstand der okonomischen Theorie der Dynamik -— unbeschadet da auch eine Veranderung der Wirtschaft statthaben kann, welche auf Datenanderungen beruht, die nicht im Rahmen der Okonomischen Theorie ableitbar sind, als deren Resultat sich dann die ,Anpassung” der Wirtschaft an die neuen Daten ergibt, die ihrerseits der Theorie der Dynamik neue Aufgaben stellen kann.?) 1y vgl. Schumpeter, Theorie der gescllschaftlichen Entwicklung. S. 469ff, Schumpeter, der die statische Wirtschaft nur beschreiben will und nicht nach der Ausgestaltung der Wertskalen in dieser fragt, mu das Problem des Kapitalersatzes aus dem statischen Systeme ausscheiden. (Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalokonomie, S. 395 ff.) — Es ser bemerkt, da der Unterschied zwischen dem beiden behandelten Arten von Verinderungen in der Wirtschaft vielfach aur ein ,theore- ===== PAGE 141 ===== — 140 — V. Wenn der mit der Lebensnot gegebene Tatbestand der Wirtschaft so wie er in seiner allgemeinsten Form analysiert wurde, jeweils nur bei einem einzclnen Wirtschaftssubjekt gegeben sein kann und sonach der Gegenstand der reinen Theorie zunachst immer nur der Wirtschafts- plan des einzelnen Wirtschaftssubjektes sein kann, so verlangt die Frage eine Beantwortung, wie wir von dicser Wirtschalt des Einzelnen zu den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen einer Mehrzahl von Wirt- schaftssubjekten gelangen koénnen. Nicht alle die verschiedenartigen Beziehungen zwischen den Menschen sind hier unser Problem. Ein gut Teil dieser Bezichungen ist von uns bereits hinsichtlich seiner Be- deutung fur die Wirtschaft betrachtet worden: Alle die verschieden- artigen ,sozialen* Beziehungen, welche irgendwie den Datenkomplex der einzelnen Wirtschaftssubjekte aufbauen, welche die okonomischen Kategorien, so wie sie den individuellen Wirtschaftsplan bedingen konstituieren, haben ihren Anteil an der Organisation der Wirtschaft zugeschrieben erhalten und stehen hier nicht mebr in Frage. Ein anderer Teil der sozialen Beriehungen wieder mag uberhaupt nicht fur wirtschaftliches Geschehen relevant werden — obwobhl kaum eine solche Bezichung zu denken ist, bei der dies prinzipiell ausgeschlossen ware. Hier sollen nun spezifisch wirtschaftliche Bezichungen zwischen Wirtschafts- subjekten betrachtet werden, jene Beziehungen zwischen den Wirtschafts- subjekten, welche die spezifische Guterverwendung des Tausches herbeifuhren. Wir haben betont, dafl im Prinzipe der Tausch eine Durchfuhrung einer Guterverwendungsmoglichkeit bedeutet, genau so wie etwa die Produktion: In beiden Fallen sehen wir die Durchfuhrung der Ver- wendung eines Gutes, welche darin besteht, dafl dieses Gut zur Er- langung cines anderen dient. Ein Unterschied fallt hier sofort in die Augen. Wer eine Produktion einschlagt, kennt die technische Effizienz der Produktivguter, er weil, was fur Giiter er bei Aufwendung der be- treffenden Produktivguter erhalten wird. Das produzierende Wirtschafts- subjekt weil im voraus, was das Resultat jeder Guterverwendung in der Produktion sein wird, diese Verwendungsmoglichkeiten sind dem- nach eindeutig bestimmt. Anders kann es sich mit den Guterver- wendungen des Tausches verhalten: Wenn ein Wirtschaftssubjekt auf den Markt geht, um einen Tausch durchzufuhren, ist ihm der Preis, tischer* sein wird: Eine Verinderung des Giiterbesitzes aus einer nicht statischen Wert- skala wird biufig auf dem Umwege tiber psychologische Motivationen etc, zu Verschie- bungen anderer Daten fiihren, ===== PAGE 142 ===== welchen es erzielen wird, unbekannt. Das trifft fretlich nicht immer zu, wir wollen den Fall, dal der Preis vorweg feststeht, gleich als ersten betrachten. Nehmen wir an, dafi fur einen staatlichen Monopolartikel feste Verkaufspreise bestehen, wobei jede bei diesen Preisen auftretende Nach- frage befriedigt werden kann. Es muf3 da eine ganze Reihe von Vor- aussetzungen zutreffen, welche die Monopoltheorie zu untersuchen hat, jetzt wollen wir diese Voraussetzungen als gegeben annehmen. Wie verhalt es sich da mit den Guterverwendungen, soweit sie sich fur die einzelnen Wirtschaftssubjekte auf den moglichen Kauf dieses Monopol- artikels erstrecken? Jedes Wirtschaftssubjekt bat fur den in seinem Besitze befindlichen Vorrat des Gutes G verschiedene Verwendungs- moglichkeiten, unter diesen auch die Moglichkeit, den Monopolartikel zu einem bestimmten Preise zu kaufen. Also unter den Verwendungs- moglichkeiten des Gules G g,, g., g., . . . befindet sich auch die Ver- wendungsmoglichkeit gy, welche darin besteht, dal fur eine bestimmte Menge von G, etwa fur ein G, eine bestimmte Mcnge des Gutes M erlangt werden kann. Wenn wir diese Sachlage, so wie sie sich als eine rein okonomische im Wirtschaftsplane des einzelnen Wirtschafis- subjektes darstellt, betrachten, wenn wir dabei nicht auf die — der Be: trachtung zunachst in die Augen fallende — auf3ere Art des Vorganges Gewicht legen, sondern von allem, was fur unsere Betrachtung eine AuBerlichkeit ist, absehen und die Tatsachen in der Form der oko- nomischen Kategorien betrachten, so sehen wir in G ein Gut ent- fernter Ordoung, welches zur Erlangung eines anderen Gutes, des Gutes M, verwendet werden kann, und fur welches wohl noch andere Verwendungsmoglichkeiten offen stehen. Damit ist ersichtlich, daf Guterverwendungen dieser Art ohne weiteres in den Wirtschaftsplan des Kaufers cingestellt werden konnen: Fur ein Gut, dessen Ver- wendungsmoglichkeiten ausschliefllich im Tausche zu einem fixen Preise — und eventuell daneben in Produktion oder Konsumtion — bestehen, ist die Verwendung nach MaBigabe des allgemeinen Gesetzes vom Grenznutzenniveau gegeben. Der fixe Preis ist da fur das einzelne Wirtschaftssubjekt ein Datum, welches eine Verwendungsmoglichkeit fur das Tauschgut naher ausfuhrt und naher bestimmt. Es ist nicht notwendig, des weiteren auszufuhren, dal dieses Verhaltnis nicht nur bei staatlichen Preistaxen vorliegt, sondern u. U. auch dort, wo die Preisbildung auf dem Markte zwar prinzipiell eine freie ist, aber die Nacbfrage eines einzelnen Wirtschaftssubjektes wegen ihrer Gering- fugigkeit keinen Einfluf} auf die Preise hat. So wird in diesem Schema die Ausgabenwirtschaft eines Festangestellten vollstandig zu erfassen ===== PAGE 143 ===== sein, der seine Einkdufe in Geschaften besorgt, in denen um den Preis nicht gefeilscht wird: Er erfahrt die genauen Verwendungsmoglich- keiten seines Geldbesitzes durch Erfragen der Preise und fuhrt diese Verwendungsmoglichkeiten nach Mafigabe seiner Wertskalen durch. Wir haben hier wieder ein ganz einfaches Schema betrachtet, das zunachst fur die Losung des Preisproblemes nichts zu bieten scheint. Uber die Hohe des Preises, uber das Verhaltnis, in dem zwei Waren sich austauschen, wird hier nichts gesagt, der Preis ist in diesem Falle als Datum der Wirtschaft angesehen worden. Wir werden aber bald sehen, daB dieses Schema auch fur den Fall der freien Preisbildung einen gewissen Erklarungswert hat. Wo die Preise, zu denen getauscht werden kann, nicht im Voraus feststehen, bedeutet fur das Wirtschaftssubjekt die Moglichkeit zu tauschen noch keine eindeutig und streng umschriebene Verwendungs- moglichkeit fur ein Gut. Das Wirtschafitssubjekt kommt auf den Markt mit einem Tauschgute und sucht hier erst die Preise, zu denen es fur dieses andere Guter erlangen kann. Erst wenn der Marktbesucher sich uber die Situation auf dem Markte orientiert hat, wird er sehen, welche Verwendungsmoglichkeiten ihm fur seinen Gutervorrat tatsachlich offen stehen, und selbst da sind die Verwendungsmoglichkeiten noch nicht genau umschrieben: Ein Marktbesucher kann einen Tauschlustigen finden, der bei verschiedenen Preisen tauschbereit ware und der seines- seits sich noch nicht uber die Tauschrelation klar ist. Das Problem der okonomischen Theorie liegt hier in der Feststellung des Gesetzes, nach welchem diese Tauschrelation sich bildet. Nun wollen wir — im Bestreben, ein recht allgemeines Preisgesetz zu finden, — eine Annahme machen, welche nicht unter allen Voraus- setzungen zutrifit, wenn sie auch recht allgemein gehalten ist; erst spater soll jener Kreis der Tauschakte betrachtet werden, bei denen diese Voraussetzung nicht gegeben ist. Wir sprechen immer nur von knappen Gutern und haben diese in der Weise abgegrenzt, da wir sagten: Fur knappe Guter kennt das Wirtschaftssubjekt mehr Verwendungsmoglichkeiten, als mit dem vorhandenen Gutervorrate durchfuhrbar sind. Damit ist es als beinahe selbstverstandlich gegeben, dal das Wirtschaftssubjekt, wenn es die Moglichkeit hat, durch irgendeine wirtschaftliche Handlung mehrere Guter zu erlangen und zwar entweder eine groflere oder eine geringere Menge an Gutern derselben Art, die groBere Menge vorzichen wird. Und doch sehen wir wenigstens vereinzelte Falle, in denen das nicht zutrifft. Wir sehen speziell beim Tausche, da unter Umstanden etwa ein Preis bewilligt wird, der billiger ist, als der unter Ausnutzung der ===== PAGE 144 ===== Marktlage erzielbare. Die 6konomische Theorie hat schon auf derartige Fille hingewiesen und sie mit der Begriindung aus ihrem Bereiche ge- wiesen, da hier auflerokonomische Motive dem wirtschaftlichen ent- gegenwirken. Bohm-Bawerk entwickeit die Preistheorie unter der Annahme, dal aur ein Motiv den Tausch beeinfluit, ,,das Streben nach Erlangung eines unmittelbaren Tauschvorteiles,!) erst eine spezieliere Theorie des Tausches hatte die Aufgabe, ,die aus dem Hinzutreten anderer Motive und Tatumstinde sich ergebenden Modifikationen des Grundgesetzes in dieses einzuweben“?) Er geht davon aus, ,da8 der- jenige, der bei den Tauschverhandlungen seinen unmittelbaren Vorteil und nur diesen sucht, sich . . . nach folgenden Regeln be- nechmen wird: er wird 1. liberhaupt nur dann tauschen, wenn der Tausch ihm Vorteil bringt; er wird 2. lieber mit einem grofieren als mit einem kleineren Vorteil tauschen: und er wird endlich 3. lieber mit einem kleineren Vorteil als gar nicht tauschen®“?) Die Voraussetzung, die wir nun aufnehmen wollen, soll materiell dieselbe Stoffabgrenzung bedeuten wie die Ab- straktion von den auflerokonomischen Motiven bet B6hm-Bawerk. Wir nehmen an, da jedes in den Tauschverkehr tretende Wirtschafts- subjekt iiberall, wo fiir ein Gut Verwendungsmoglichkeiten im Tausche bestehen, unter allen Umstindeneinesolche Verwendungs- moglichkeit, mit welcher es mehr Giiter erlangen kann, einer soichen vorzieht, in welcher es weniger Giuter der gleichen Art erhilt. Es sind damit Falle ausgeschlossen, welche wiederholt als Beispiel dienten: etwa dal ein Geschiftsmann aus Mild- } Positive Theorie S. 353. %} Ebendort 5. 354. ,Hiernach scheint mir die Aufgabe der Preistheorie zweck- miBig in zwei Teile zu zerfallen. Ein erster Teil hat die Gesetze des Grund- phinomens in seiner vollen Reinheit, d. i. die GesetzmiBigkeit zu entwickeln, welche sich an den Preiserscheinungen unter der Voraussetzung ergeben, daf bei simt- lichen am Tausche beteiligten Personen als einziges treibendes Motiv das Streben nach Erlangung unmittelbaren Tauschvorteils ins Spiel kommt. Dem zweiten Teil fallt die Aufgabe zu, die aus dem Hinzutreten anderer Motive und Tatumstinde sich ergebenden Modifikationen des Grundgesetzes in dieses einzuweben. Hier wird der Platz seio, um jc nach Erfordernis und Zweckmafligkeit bald blo beiliufg andeutend, bald mit aller Genauigkeit ausfilhrend, den Einfluf darzulegen, den die weit verbreiteten typischer wMotive® der Gewohnheit, Sitte, Billigkeit, Humanitit, Groffmut, Requemlchkeit, des Stolzes, des Nationaltits- und Rassenhasses usw. auf die Preisbildung gewinnen; weiter aber auch der Ort, um die Wirkungen darzulegen, welche gewisse bhochst konkrete Ver- anstaltungen iben, wie Monopole, Kartelle, Koalitionen, Boykottierungen, staatliche Preistaxen, Schieds- und Suhneimter, Arbeitervereine und manche andere Organisationen, die heutzutage menschliche Selbsthilfe und Staatskunst als kiinstliche ,,Wellcabrecher* dem allzu stiirmischen Anprall der egoistischen Preiswellen entgegenzustellen lieben.* $) 8. 3571. ===== PAGE 145 ===== tatigkeit einem armen Kunden eine Ware zu einem niedrigeren als dem sonst erzielbaren Preise ablafit, oder dafl jemand aus Nationalgefiihl lieber teurer bei dem Konnationalen kauft als billiger bei dem Ange- horigen einer gegnerischen Nation. Unter Annahme dieser Voraus- setzung nun fragen wir, wie ein Preis zustande kommt, wenn dieser nicht anderweitig festgesetzt ist. Indem ein Wirtschaftssubjekt mit einer Ware auf den Markt geht, um sie gegen eine andere, das Preisgut, einzutauschen und indem es hier mehrere Kauflustige findet, welche bereit sind, fir seine Ware ein Quantum des Preisgutes herzugeben, entstehen fur dieses Wirtschafts- subjekt verschicdene Tauschmoglichkeiten, aktuelle Verwendungs- moglichkeiten fir seine Ware, unter denen es wahlen kann. Es wird tatsachlich tauschen, wenn es einen Partner findet, welcher soviel von dem Preisgute fiir die Ware gibt, dal die Verwendung derselben in diesem Tausche allen andern Moglichkeiten — also den Verwendungen in Produktion und Konsumtion -— nach den gegebenen Wertskalen vorgezogen wird; es wird weiter unter den Marktbesuchern, mit denen ihm in diesem Sinne ein Tausch ,,6konomisch mdoglich® ist, jenen aus- wdhlen, welcher ihm am meisten von dem Preisgute gibt, also den hochsten Preis fiir seine Ware gewahrt, — wir haben ja angenommen, da} alle auf den Markt kommenden Wirtschaftssubjekte unter allen Umstinden in diesem Sinne den ,groBtmoglichen Tauschvorteil” suchen. Wo die Angebote mehrerer Verkaufer jedem Kiufer zur Wahl vor- liegen und die Nachfragen mehrerer Kiufer den Verkdufern und wo in dieser Wahl allein die Rucksicht auf den Tauschvorteil, auf den gunstigeren Preis, entscheidet, ist der Tatbestand der Konkurrenz auf jeder Seite der Marktparteien gegeben. Wie diese Sachlage zur Bildung einheitlicher Marktpreise fuhrt, welche abweichenden Folgen daneben ein Angebot- und ein Nachfragemonopol hat, das bat die Theorie in weitgehender Kasuistik auseinandergesetzt, wir verweisen vor allem auf die abgeschlossene Darstellung von Bohm-Bawerk, es ist nicht notig, das bereits wicderholt Dargestellte zu wiedeiholen. Die Preis- theorie hat gezeigt, wie der Preis auf den subjektiven Wertschatzunzen der Guiter durch die Tauschpartner beruht, wobei — wie wir schon bei der Betrachtung des Wertbegriffes ausgefuhrt haben — die Wert- schatzungen immer als Ausdruck der relativen Wichtigkeit von Grenz- verwendungen aufzufassen sind. Fiir den Fall des freien Tauscnes bei beiderseitigem Wettbcwerb hat Bohm-Bawerk die Formel gefunden: »Die Hohe des Marktpreises wird begrenzt und bestimmt durch die subjektiven Wertschatzungen der beiden Grenzpaare.“) 1) Positive Theorie S. 373. Bei Analyse der einzelnen Bestimmungsgriinde des Preises (S. 3941.) filbrt Béhm-Bawerk als solche ,,die absolute Gréfie des subjektiven ===== PAGE 146 ===== Der Preisist eine Konsequenzder um verschiedene Wirtschaftssubjekte sich schlieBenden Daten, unter denen sich auch Tauschmoglichkeiten be- fanden, Verwendungsmaoglichkeiten, die an sich bei jedem Wirtschaftssub- jekte noch nicht ,,ausgefullt” sind hinsichtlich der Menge und der Gattung des einzutauschenden Gutes, die erst aus der Marktkonstellation und der wirtschaftlichen Situation der anderen Marktbesucher sich ergeben. Ist aber der Preis einmal aus den subjektiven Wertschatzungen gebildet, dann ist er fur das handelnde Wirtschaftssubjekt als gegebene Ver- wendungsmoglichkeit mafigebend, genau so, wie wenn der Preis in der- selben Hohe durch ,auBerokonomische” Mittel festgesetzt worden ware: Jedes Wirtschaftssubjekt bewirkt jenen Ausgleich der Grenznutzen der Tauschguter in ihren verschiedenen Verwendungsmoglichkeiten, der eben bei diesem Preise moglich ist. Die Preisbildung auf dem Markte hat nur die Verwendungsmoglichkeiten der einzelnen Tauschguter genan umschrieben. Im Wirtschaftsplane des einzelnen Wirtschaftssubjektes sehen wir auch hier das allgemeine Gesetz der Guterverwendung ver- wirklicht. Die Komplikation, die hier gegenuber dem Falle der ver- kehrslosen Wirtschaft liegt, ist nach dem Angefuhrten klar umschrieben: Wahrend bei der einfachen Wirtschaft die Guterverwendungsmoglich- keiten bei dem einzelnen Wirtschaftssubjekte fur sich allein gegeben sind, sind sie in der Tauschwirtschaft — soweit es sich um tauschbare Guter handelt — erst durch die Marktsituation eindeutig bestimmt und d. h. nichts anderes als durch die Datenkomplexe, welche sich um andere Wirtschaftssubjekte schlieSen. Im Wirtschaftsplane des einzelnen Wirtschaftssubjektes erscheinen die Preise wie Daten, welche die Ver- wendungsmoglichkeiten der tauschbaren Guter bestimmen. Das eigentumliche an diesen Daten — und das unterscheidet diese Daten von den anderen Daten der Wirtschaft, welche den Tatbestand der Wirtschaft konkretisieren, — liegt darin, dal sie unter Umstanden — u. zw. bei Annahme einer Preisbildung auf dem ,Markte®, also dann, wenn die Preise nicht durch vorokonomische Mittel bereits festgesetat sind, — sich zwangslaufig aus den Daten der Wirtschaft, wie sie der Wirtschaft der Einzelnen zugrunde liegen, ergeben und mit den Mitteln der okonomischen Theorie erklart werden konnen. Die Preisbildung aut Grundlage des subjektiven Wertes erfolgt fur alle Guter in der gleichen Weise, fur Konsumguter ebenso wie fur Produktivguter. Die Theorie hat gezeigt, in welcher Weise das Ge- Wertes* von Ware und Preisgul fur Kaufer und Verkaufer an, Wir haben schon fruher darauf hingewiesen, da wir die Fuuerung von absoluten Grofien nicht fur potwendig balten, da vielmehr die verbaltnismafige Wertschatzung von Ware und Preisgut in der Formel von Bobm-Bawerk gentgt, um den Preis zu bestimmen. Strigl, Die okonomschen Kategorien 10 ===== PAGE 147 ===== tricbe der freien Konkurrenz bei Konstanz der Daten in der statischen Wirtschaft einen Ausgleich zwischen dem Preis der Produkte und jenem der Produktivgiiter herbeifiihrt, so daB eine Spannung zwischen diesen Preisen nicht bestehen bleiben kann; bei freier Konkurrenz wird die Produktion in der statischen Wirtschaft von dem Kostengesetze beherrscht. Indem die Grenznutzentheorie zu dieser Konsequenz kommt, findet sie das letzte ,objektive” Gesetz, welches die Tauschwirtschaft beherrscht. Wir haben daneben unsere Aufgabe darin gesehen, mit den okonomischen Kategorien den notwendigen Tatbestand der Wirt- schaft und die Voraussetzungen zu formulieren, aus denen sich die Ge- setze des wirtschaftlichen Gleichgewichtes ableiten lassen. VL Wir haben unseren Ausfithrungen iiber den Preis konform dem Gebrauche der Schule die Voraussetzung vorangestellt, daB jeder Teil- nehmer am Tausche den grofitmoéglichen Tauschvorteil erstrebt. Nun ist es unsere Aufgabe, diese Voraussetzung fallen zu lassen und za untersuchen, welches Bild des Tauschverkehres wir erhalten, wenn wir auch die Moglichkeit offen lassen, dal die Wertskalen ein- zelner Wirtschaftssubjekte andere (iiterverwendungen vorziehen. Es ist nicht notwendig zu untersuchen, wann ein Tausch in diesem Falle zustande kommt und welcher Preis dabei erzielt wird. Das wird sich in jedem einzelnen Falle ohne weiteres aus den in Be- tracht kommenden Wertverhaltnissen ergeben?). Von Interesse ist hier nur das Verhaltnis dieser Falle zu jenen, welche das allgemeine Preis- gesetz behandelt. Eines ist sofort klar: Wenn wir die oben angefiihrte Voraussetzung nicht machen, ist die Aufstellung eines allgemeinen Preis- gesetzes, das fiir den ganzen Markt gilt, nicht moglich, schon deshalb nicht, weil da gar nicht einheitliche Preise auf dem Markte zustande kommen. Ebenso klar ist es aber, dal auch diese ,unékonomischen” Giiterverwendungen einem allgemeinen oSkonomischen Gesetze unter- liegen. Ein Beispiel: Es hat ein Inder die Moglichkeit, fir 1 Stuck G ein Stuck W bei einem Inder zu kaufen oder aber 2 Stiick W bei einem Englinder; er zieht es aus nationalen Griinden vor, die Ware bei dem Inder zu kaufen. D. h, ein W aus indischer Hand ist ihm wichtiger als zwei W von einem Englinder. Die Verwendung des G erfolgt trotz allem nach der Wertskala der verschiedenen Waren, welche 1) Wir erinnern an bereits angefithrte Beispiele: Ein Kaufmauon gibt einem armen Manne eine Ware zu einem billigen Ausnahmepreise, es kauft jemand lieber teurer beim Konnationalen als billiger beim nationalen Geganer. ===== PAGE 148 ===== fiir dieses Gut zu erhalten sind. Freilich ist an dieser Wertskala etwas Besonderes: Die Ware W, um welche es sich uns handelt, erscheint nicht als undifferenzierter Posten, sondern sie ist in der Wertskala ver- schieden eingereiht, je nachdem ob sie von einem Konnationalen stammt oder nicht, je nach ihrer Herkunft ist diese Ware fiir den Kaufer etwas, das er unterscheidet. Das ist die Tatsache, welche hier als Datum der Wirtschaft vorliegt, und die Giiterverwendungen folgen nach Ma8- gabe ihrer Daten eindeutig bestimmt dem allgemeinen Gesetze der Giiterverwendungen. Auch in diesen Fillen beruht die Preisbildung auf subjektiven Wertschitzungen. Damit ist die Aufgabe geldst, die Bohm-Bawerk der Preislehre iiber die Theorie des Tausches unter der Herrschaft des Strebens nach groBtméglichem Tauschvorteile hinaus gestellt hat, soweit es sich um das Walten der ,auflerdkonomischen Motive handelt. Nur noch eine Bemerkung wollen wir an diese Ausfiihrungen kniipfen. Wenn wir zur Aufstellung des allgemeinen Preisgesetzes die Annahme des Strebens nach der Erlangung von moéglichst viel an Giitern in dem friiher be- zeichneten Sinne machen, so baben wir eine Annahme gemacht, welche dem iiblichen Annehmen des 6konomischen Prinzipes als Voraussetzung der okonomischen Theorie nahekommt. Wir haben schon bei der Be- sprechung des Zieles der Wirtschaft darauf hingewiesen, dal wir eine solche Annahme zur Aufstellung eines allgemeinen Preisgesetzes machen miissen !). Dal aber eine derartige Annahme als Voraussetzung der allgemeinen Theorie nicht gemacht werden darf, das ist hier auch daraus zu ersehen, dal wir Giiterverwendungen und selbst Preisbildungen auch ohne diese Annahme im Rahmen einer allgemeinen Okonomischen Theorie erkliren konnen., Wenn wir aber das ,,6konomische Prinzip” der allgemeinen Preislebre zugrunde legen, so miissen wir eines be- achten: Auch hier gibt dieses 6konomische Prinzip nicht schlechthin das Ziel der Wirtschaft an. Die ,Erlangung des grofitmoglichen Tausch- vorteiles” ist ein voéllig inhaltsloser Begriff, wenn er nicht vorher durch eine Skalierung der verschiedenen Giiter, in deren Erlangung eben der Tauschvorteil liegt, einen Inhalt erhilt. Wir haben dariiber schon frither gesprochen, aber vielleicht wird noch eine Bemerkung zur Klar- stellung des Sachverhaltes hier erlaubt sein. Wenn in einer Wirtschafts- gesellschaft jedes Wirtschaftssubjekt nur die Erlangung des groit- moglichen Tauschvorteiles sucht, also von jeder Giitergattung moglichst viel zu haben wiinscht, so sind die Preise aller dieser Giiter noch ganz unbestimmbar, weil jedes Ma dafiir fehlt, in welchem Verhiltnisse die 1) Vgl. oben S. 76, 10" ===== PAGE 149 ===== einzelnen Wirtschaftssubjekte die Giiter einschitzen., Erst durch diese Wertschitzungen, erst durch die Annahme der Wertskalen, wird die Preisbildung bestimmt. Also auch dort, wo wir das ,6konomische Prinzip“ zur Erkliarung des einheitlichen Marktpreises heranziehen miissen, auch dort erhilt es seine nidhere Bestimmung erst durch die Wert- skalen, VIL Bohm-Bawerk hat nun der speziellen Preislehre noch eine zweite Aufgabe gestellt : Die Preisbildung unter der Einwirkung der verschiedenen Organisationen zu betrachten, welche ,Selbsthilfe und Staatskunst“ er- richtet haben, um die freie Preisbildung zu brechen?!). Wir wollen vor allem fragen, wie der durch derartige Momente geschaffene Tatbestand in unser Schema der Giiterverwendungen hineinpafit. Hier wollen wir nur ein ganz pragnantes Beispiel betrachten, das den EinfluB der Macht bei der Festsetzung von Preisen klar aufzeigt. Der Lohn fiir eine stramm organisierte Kategorie von Arbeitern — z. B. fiir Buchdrucker — wird in Verhandlungen von Organisation zu Organisatton festgesetzt. Auf Grund des Ergebnisses dieser Verhandlungen werden alle Arbeiter zu einem vertragsmafligen Lohne entlohnt, dabei ist die Macht der beiden Organisationen so grofl, dal Abweichungen von diesem Satze iiberhaupt nicht vorkommen. Es ist ganz klar, wie sich dieser Tat- bestand in der Sprache unserer Skonomischen Kategorien ausdriickt: Die Verwendungsmoglichkeit der Arbeit als Buchdrucker ist in der Weise bestimmt, daB dieses ,,Gut” nur zur Erlangung des tarifmifligen Lohnes verwendet werden kann, — auf der anderen Seite ist die Ver- wendungsmoglichkeit des Betriebskapitales der Unternehmer, soweit sie sich auf den Kauf der Arbeitskraft eines Buchdruckers bezieht, ebenfalls nach diesem Satze bestimmt. An Stelle der ,abstrakten’ Ver- wendungsmoglichkeit fiir die Arbeitsleistung als Buchdrucker und fiir das Lohnkapital des Buchdruckereibesitzers, welche der freie Markt kennt, an Stelle dieser Verwendungsmoglichkeiten, welche erst durch die Preisbestimmung auf dem Markte zu konkret umschriebenen werden, ist hier eine aktuelle, durch ein Datum bestimmte Ver- wendungsmoglichkeit fiir diese Giiter getreten. Durch die Fest- 1} Vel. zum folgenden Bohm-Ba wer k, Macht oder Gkonomisches Gesetz (Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Sozialpolitik u. Verw., 23. Band 1914), Schumpeter, Das Grund- prinzip der Verteilungsiebre (Archiv fiir Sozialw. u. Sozialpol,, 42. Band, 1916). Beide Autoren befassen sich mit der ,sozialen Theorie der Verteilung', wie sie bei Stolz- mann, Tugan-Baranowsky und Oppenheimer vertreten wird. ===== PAGE 150 ===== setzung eines kollektiven Lohnvertrages sind Daten der Wirtschaft in be- stimmter Weise fixiert worden. Der Unterschied gegeniiber der freien Preisbildung liegt auf der Hand. Bei dieser sind bestimmte Daten da, insbesondere bestimmte tauschbare Giiterbesitze und bestimmte Wertskalen, durch diese Daten sind die Verwendungen im Tausche, einschlieBlich des Umfanges der Tauschakte und der Hohe des Preises, zwangslaufig gegeben. Bei der Festsetzung des Lohnes in kollektiven Verhandlungen wird das Austausch- verhiltnis, welches der Wirtschaft dann zugrunde liegt, festgesetzt, ohne daB dieses aus den gegebenen wirtschaftlichen Daten ableitbar wire. Daraus folgt eines: Die Festsetzung des Preises in einem solchen Falle ist nicht Teil des Wirtschaftsprozesses in dem Sinne, in welchem wir diesen als Gegenstand der 6konomischen Theorie auffassen, sondern sie ist eine vor dem Wirtschaftsproze liegende, diesen erst be- stimmende Setzung von Daten der Wirtschaft. Diese JPreisbildung” kann daher nicht von der 6konomischen Theorie erkliart werden, sie ist ckonomisch nicht deter. miniert, vom Standpunkte der Wirtschaftstheorie cine vollig freie. Freilich ist dafiir gesorgt, dafl diese Festsetzung eines Preises in der Regel nicht ganz willkiirlich geschehen wird: Die ver- handelnden Teile miissen die Konsequenzen dieser Preissetzung erwigen. Sobald der Preis durch das auflerkonomische Mittel der Verhandlungen festgesetzt ist, werden auf Grund dieses Datums der Wirtschaft die Giiterverwendungen durchgefiihrt werden und die Folgen, welche sich mit skonomischer Notwendigkeit an dieses Datum kniipfen, miissen von den Trigern der Verhandlungen erwogen werden, wie sie auch andererseits unter Umstinden die Tragfihigkeit der Organisationen auf eine Probe stellen konnen, der sie nicht ge- wachsen sind, so daB aus der gegebenen wirtschaftlichen Situation her- aus neue Krifte entspringen, welche das kiinstlich gesetzte Datum der Wirtschaft wieder beseitigen konnen. Bohm-Bawerk hat gerade an das Beispiel der Festsetzung des Arbeitslohnes durch kollektive Vertriige ankniipfend untersucht, welche Aussicht auf dauernde Wirkung verschiedene Lohnsitze haben, die in einem solchen Vertrage festgesetzt seinkonnen?). Die Folgen dieser Datensetzungen in der Wirtschaft wirken 1) Macht oder dkonomisches Gesetz, 5. 243fl. Der Auffassung Béhm-Bawerk’s von der Situation bei derartigen Lohnverhandlungen als der eines Tausches zweier Monopolisten mdchten wir deshalb nicht zustimmen, weil wir den okonomischen Tat. hestand der faktischen Verfiigung diber die in Betracht kommenden Gilter bei den beiden Verhandlungsteilen nicht fiir gegeben ansehen. Der Gewerkschaftsfiihrer z. B. hat nicht ===== PAGE 151 ===== zuriick auf die Daten und konnen diese um so leichter wieder dadern, je schwicher die Machte waren, welche diese Daten gesetzt haben, Der Widerstand gegen diese Daten wird von jenen Menschen ausgehen, deren Interessen durch dieselben beeintrachtigt worden sind. Freilich: Die Kritte, welche hier ausgelost werden, die wiederum die verschiedensten Formen annehmen kénnen (Kampf um die Kundigung eines Vertrages, Sprengung der vertragschlieBenden Organisationen, usw.), liegen wieder- um jenseits der rein Skonomischen Betrachtung. Sie sind nicht als ,Giiterverwendungen® zu erkldren sondern als Kampf um Daten, welche den Giiterverwendungen zugrunde liegen sollen, Die theoretische Okonomie kann hier nur insoweit zur Erklirung herangezogen werden, als sie die Wirkungen der gesetzten Daten erklirt, welche erst die psychische Disposition der Menschen in ihrer Stellungnahme gegen die Daten und die sie setzenden Machte bedingen. Nur der Vollstandig- keit halber sei hier noch eines erwahnt, das schon von verschiedenen Seiten angefiihrt worden ist. Die Wirkung einer durch Macht errungenen Festsetzung eines Preises kann auch noch andere Daten beeinflussen. Wenn etwa eine durch die Gewerkschaft erwirkte Lohnerhéhung auf dem Umwege uber eine Besserung der Lebenshaltung der Arbeiter die Arbeitsleistungen erhéht, so sehen wir ein Beispiel dafiir, wie sich die Setzung eines Datums auf dem Umwege iiber den Skonomischen Proze in einer Anderung weiterer Daten auswirken kann?) Die Festsetzung eines Lohnes im Kollektivvertrage zeigt in klarer Weise die Verhiltnisse einer Preisbildung unter der Herrschaft von Machtverhaltnissen. Wir haben dabei nicht ndher untersucht, welche Momente hier die Macht bestimmen kénnen: Es kann die Unternehmer- schaft ihre Macht auf die Drohung mit der Aussperrung stitzen, hinter den Arbeitervertretern kann die Drohung mit Sabotage oder Streik stechen. Das alles wird die Stellung der Parteien am Verhandluags- die Arbeitsleistungen aller hinter ihm stehenden Arbeiter in dem Siaone ,in seinem Besitze*, dal er deren Verwendung bestimmt, iiber diese Verwendungen ,,verfiigt', sondem er wirkt nur mit an der Bestimmung, in welcher Weise die einzelnen Arbeiter ihre Arbeitskriifte verwenden kiénnen, Das ist der typische Fall der Festsetzung eines Datums der Wirtschaft, Ubrigens bedeutet dieser Unterschied unserer Auffassung gegeniiber jener Bohm-Bawerk's fir die praktische Problemlésung nicht viel, da auch beim Monopol- tausche Bohm-Bawerk's nur cine Ober- und Untergrenze des Preises gegeben ist, innerhalb welcher der Preis im Verhandlungswege , frei bestimmt wird. ,,Theoretisch' kann wohl der Preis auch aufierhalb dieser Grenzen des Monopoltausches im Verhandlungswege festgesetzt werden, was natiirlich zur Folge hat, dafl es iiberbaupt nicht zu einem Tausche kommt. 1) Zur Theorie dieser Art der Preisfestsetzungen siche auch S. und B. Webb, Theorie und Praxis der englischen Gewerbevereine. (3. Auflage, 1906.) ===== PAGE 152 ===== _— ISI J tische wesentlich beeinflussen, — aber das alles sind Momente, die noch vor der Datensetzung spielen. Unsere Aufgabe war es, diese Art von Preisbildungen in unser Schema einzureihen und wir haben gesehen, daf} diese Preisbildung sich im Meta-Okonomischen bewegt. Ganz dasselbe wird man dort sehen, wo die Preisfestsetzung etwa durch den Staat erfolgt. Bei Geltung von Hochstpreisen sehen wir ein ecigenartiges Zusammenwirken von freier Preisbildung und Preis- setzung innerhalb der Daten: Nur soweit der freie Markt den Preis unter dem Hochstpreise festsetzt, nur soweit kann er den Preis be- stimmen; wenn der freie Markt den Preis bis zum Hochstpreise hebt, so schaltet er sich gewissermaflen automatisch aus. Zu unserem Schema der Preisbildung als Setzung von Daten der Wirtschaft gehoért auch die Preisfestsetzung durch einc monopolistische Organisation, etwa durch ein Kartell. Das Kartell ist im Prinzip in der Preisfestsetzung frei, nicht 6konomisch gebunden; es wird mit Riicksicht auf die Folgen sich innerhalb gewisser Grenzen bewegen. Eine Obergrenze wird es dort haben, wo es eine Konkurrenzierung der kartellierten Ware von auswarts befiirchten mu, es wird weiter bei der I"estsetzung des Preises auf den Gewinn Riicksicht nehmen, es wird keinen Preis festsetzen, welcher iiberhaupt nicht zum Verkaufe der kartellierten Ware fiihrt oder bei dem der Absatz so gering ist, dal der Gewinn bei einer Vermechrung des Absatzes gesteigert werden kann. Aber das alles sind keine Bedingungen im Sinne einer absoluten dkonomischen Not- wendigkeit, ein groflenwahnsinniger Kartellmagnat kann auch ganz unmogliche Preise festsetzen, bei denen die Ware iiberhaupt nicht auf dem Markte aufgenommen werden kann. Eine Determination des Preises ergibt sich in diesem Falle unter Umstinden nur aus dem Streben nach groftmoglichen Gewinn, wobei ein Kartell etwa mit Riicksicht auf die Gffentlichc Meinung sich oft Beschrinkungen auflegen muB. Okonomisch bestimmt sind in allgemeiner Weise nur die Giiter- verwendungen, die sich auf Grund dieses gesetzten Preises ergeben. Und wenn die sich demgemaf} erstellende wirtschaftliche Situation ihrer- seits wieder auf die gesetzten Daten einwirkt, so ist dieser Zusammen- hang — wenn auch durch das Zwischenglied eines &konomischen Prozesses bestimmt — wiederum auflerhalb des Problembereiches der okonomischen Theorie. Die Bestimmungen der Datensetzung sind nicht von der okonomischen Theorie zu erklaren. VIII. Die okonomische Theorie hat bei der Analyse der statischen Ver- kehrswirtschaft den Zusammenhang des ganzen Wirtschaftsprozesses, ===== PAGE 153 ===== — 1§2 — die Abhdngigkeit eines jeden Details der Bewegung in der Produktion und im Tausche von dem Markte aufgezeigt, sie hat gezeigt, wie das wirtschaftliche Schicksal eines jeden der Giiter, welche in den Wirt. schaftsproze hineingeworfen werden, wie der Ertrag eines jeden dieser Giiter, den es nach den Gesetzen der freien Preisbildung seinem Besitzer einbringt, durch den Zusammenhang der ganzen Wirtschaft bestimmt ist. Betrachten wir nun den Wirtschaftsplan eines einzigen Wirtschafts- subjektes, so sehen wir als Ausgang einen Gdliterbesitz, der sich stindig andert, jedes Gut wird in den wirtschaltlichen Kreislauf eingeworfen, fir jedes Gut erscheint ein Skonomischer Nachfolger, — bis am Schlul der Wirtschaftsperiode der Ausgangsfond reproduziert ist und noch gin Ertrag aufscheint, der zum Konsum verwendet wird. Wenn wir da die Typen der modernen Wirtschaft betrachten, Unternehmer, Kapitalist, Arbeiter, Grundbesitzer, so sehen wir diesen ProzeB bei allen in der gleichen Weise vorsichgehen. Bei jedem dieser Wirtschafts- subjekte werden die ihm zur Verfiigung stehenden Giiter in einer den okonomischen Gesetzen entsprechenden Weise verwendet, der Wirt- schaftsplan eines jeden Wirtschaftssubjektes ist dem allgemeinen Gesetze der Giiterverwendung unterworfen, wobei dieser Prozefl ein vollig ein- heitlicher ist. Einen Unterschied zwischen Produktion und Verteilung sehen wir da nicht: Jede Produktion ist Giiterverwendung und jede Erlangung eines Ertrages aus der Verteilung des ,Sozialproduktes” ist Folge der Giiterverwendungen. So verhdlt es sich etwa mit der Produktion des Unternehmers, der fir gemietete Arbeit, fiir Maschinen und Rohstoffe die Verwendungen bestimmt, das Produkt nach MaBgabe seiner Wertskalen verwendet — und d. h, praktisch: er verkauft es auf dem freien Markte dort, wo er dafiir den besten Preis erlangen kann —, um den Erlos teils als Ertrag der Wirtschaft zu verwenden, teils wieder in den Produktions- prozef} einzuwerfen. So verhilt es sich aber auch beim Arbeiter, welcher seine Arbeitskraft verkauft und den Lohn nach MaBgabe seiner Wert- skalen verwendet. Der Verkauf der Arbeitskraft und die Verwendung des Lohnes, diese Verwendung eines Giiterbesitzes auf Grund gegebener Daten, das ist die ,wirtschaftliche® Tatigkeit des Arbeiters!). Und ganz entsprechend verhilt es sich mit der Wirtschaft des Kapitalisten und des Grundbesitzers. 1) So unwirklich das klingen mag: Die Titigkeit des Arbeiters in der Produktion, d. bh. seine Arbeit an der Maschine, an der ihm die vorzunehmende Titigkeit vorge- schrieben wird, ist gar nicht seine Wirtschaft. Der Arbeiter arbeitet als ,,persinlicher Trager des an ihn geknilipfien Gutes Arbeit, das er dem Unternechmer verkauft hat, indem er ibm fiir eine gewisse Zeit die ,Verfigungsgewalt iiber diese Arbeit, d. h. also ===== PAGE 154 ===== — 183 — Die Wirtschaft des Einzelnen, wie sic in sich abgeschlossen er- scheint und durch bestimmte Daten ecindeutig bestimmt ist, ist ein zusammenhangendes Ganzes, das aligemeinen Gesetzen unterliegt. Wie aber die Preise, welche dem cinzclnen Wirtschaftsplane die Verwendung der Giiter bestimmen, erst auf dem freicn Markte entstanden, durch alle die Daten, welche bei verschiedenen Wirtschaftssubjekten, die am Markte teilnehmen, mitbedingt sind, so ist die kicine Welt des cinzelnen Wirtschaftsplanes bedingt durch den Makrokosmus der ganzen Wirt- schaftsgesellschaft. So ist der Wirtschaftsplan des Einzelnen, der zu- nichst eine Folge des durch die Daten, die seinem eigenen Wirtschatts- plane zugrunde liegen, gegebenen Tatbestandes ist, zugleich eine Er- fiilllung der Daten, die sich um alle anderen Wirtschaftssubjekte schlieBen. Im einzelnen Wirtschaftsplane haben wir einen Unterschied zwischen Produktion und Verteilung nicht gesehen, wie verhilt es sich nun damit im Zusammenhange der ganzen Verkehrswirtschaft? Man sieht gerne hier einen Unterschied, indem man die Produktion durch die Technik und durch technische Daten bedingt, die Verteilung des Ertrages aber von sozialen Bedingungen abhidngig sieht. Zweifellos ist auch die Pro- duktion als technischer Prozel durch die Technik bedingt, die Ver- teilung des Ertrages von sozialen Momenten abhingig. Aber nichts- destoweniger kdnnen wir die Scheidung nicht aufrecht erhalten. Was produziert wird, das hiangt auch von der erwarteten Nachfrage ab, und diese Nachfrage ist abhingig von der Verteilung des Ertrages. Und umgekehrt: Die Verteilung ist abhidngig von der Grofle des Ertrages, schon in dem Sinne, da jedem Besitzer von Produktionsmitteln der Ertrag derselben zufillt, der sich nach deren Grenzproduktivitit erstellt. So ist die Unterscheidung von Produktion und Verteilung nur eine ungefihre, eine vorliufige, welche sich nach der strengen Formulierung der Bedingungen des Wirtschaftsprozesses nicht mehr halten 1a: Beide , Seiten“ der Wirtschaft sind einbeitlich durch die Daten der Wirtschaft bedingt. Die einfachste Probe dafiir ist folgende: Man denke sich bei sonst vollig gleichen Verhiltnissen zwei mégliche Giiter- verteilungen, ndmlich eine solche mit Kapitalskonzentration und be- sitzloser Arbeiterschaft, dann eine solche mit gleichmaBiger Giiter- verteilung. Jedenfalls bedingen diese beiden verschiedenen Giiter- verteilungen nicht nur eine verschiedene Verteilung des Sozialproduktes, sondern sie bedingen auch verschiedene Produkte iliberhaupt. Und umgekehrt: Wenn bei sonst gleichen Verhiltnissen, insbesondere bei die Bestimmung dieser Arbeit zu einer Verwendungsmoglichkeit abgetreten hat, Der technische Prozef, der der Wirtschaft folgt, geh6rt nicht mehr zum Wirtschaftsplane des Arbeiters, er ist nicht mehr in diesem erklirbar. ===== PAGE 155 ===== gleicher Giterverteilung, die Produktion gedndert wird in der Weise, dal neue technische Methoden gefunden werden, welche fiir einzelne Produktivguter neue Verwendungsmoglichkeiten ergeben, so wird nicht nur das Sozialprodukt ein anderes werden, es wird auch beim Zusammen- hange aller Preise das Wertverhaltnis der Grenzprodukte der verschiedenen Produktionsguter verschoben werden, die ganze Giiterverteilung wird eine neue werden. Man sieht, dal der einheitliche Prozefl der Giiter- verwendungen immer durch alle Daten zugleich bedingt ist. Auch im Zusammenhange der Verkehrswirtschaft konnen wir diesen Prozef nicht in Produktion und Verteilung zerlegen. ===== PAGE 156 ===== V. Die Bedeutung der okonomischen Kategorienlehre. 1. Der Weg unserer Untersuchungen. — II. Die materialistische Geschichtsauffassung als Versuch einer allgemeinen Theorie der Daten. — III. Die Anderungen der sozialenm Ordnung der Wirtschaft. — IV. Unsere Problemstellung. ===== PAGE 157 ===== LL Wir haben als Ausgangspunkt unserer Ausfilhrungen den Tat- bestand der Lebensnot gewihlt und haben zunichst untersucht, in welchen Formen das menschliche Handeln, welches an diesem orientiert ist, sich vollziechen mufl. Auf diesem Wege gelangten wir zur Formulierung unserer Okonomischen Kategorien. Wir haben gleich- zeitig immer gefragt, welche Elemente wir als Inhalt dieser allgemeinen Formen der Wirtschaft anzusehen haben, welche Erscheinungen der Erfahrung, die wir sonst in anderen Denkformen zu sehen gewohnt sind, es sind, die fiir die wirtschaftliche Betrachtung in der Form der Okonomischen Kategorien erscheinen. Wir haben dabei festgestellt, dal der Tatbestand der Wirtschaft, wie er dem wirtschaftlichen Handeln zugrunde liegt, sich mit dem rohen Tatbestand der Lebensnot nicht deckt, dal der Tatbestand der Wirtschaft immer schon eine Aus- gestaltung der naturgegebenen Tatsachen durch menschliches Wollen und gesellschaftliche Bedingungen enthdlt. So war der Tatbestand der Lebensnot fiir uns nur der duBlere Anhub fiir die Wirtschaft, die mit diesem gegebene Knappheit setzte nur die Notwendigkeit von Wirt- schaft tiberhaupt, ohne zugleich den konkreten 6konomischen Tatbestand endgiiltig zu bestimmen. Damit war unsere Aufgabe gegeben: Einerseits mufiten wir die allgemeinen Formeln des ckonomischen Tatbestandes, die Skonomischen Kategorien, betrachten und sie priifen, ob sie geeignet sind, die &ko- nomische Theorie aufzubauen; — andererseits mufiten wir uns die Frage vorlegen, auf welchem Wege wir den konkreten Tatbestand wirtschaftlichen Geschehens, die Daten einer Wirtschaft, erkennen konnen. Fir die 6konomische Theorie fanden wir dabei eine strenge Abgrenzung ihres Problems und wir glauben gezeigt zu haben, da im Rahmen der Erkeanntnis der Gesetze der Giiterverwendung unsere okonomischen Kategorien geeignet sind, die Aufgabe, die ihnen zu- kommt, zu erfiillen. Und auf der anderen Seite: Wir haben als strenge Methode der Erforschung des konkreten ©konomischen Tatbestandes ===== PAGE 158 ===== die Siondeutung des menschlichen Handelns erkannt, wobei die not- wendigen Formen des wirtschaftlichen Handelns, die okonomischen Kategorien, das Schema der Deutung geben. Die Fragestellung lautet hier: Welche — in der notwendigen Form der Skonomischen Kategorien stehenden — Mittel hat der handelnde Mensch zu seinem Ziele , richtige Giiterverwendung” beniitzt, auf Grund welcher Daten ist dieses Handeln als ein wirtschaftliches verstindlich ’). Die Schwierigkeit dieser Methode zwang uns allerdings, noch einen zweiten Weg zur Erkenntnis der konkreten Wirtschaftsorganisation zu suchen: Wir gehen von dem naturlich gegebenen Tatbestand der Lebensnot aus und kénnen, nach- dem wir die Elemente, die diesen zum Tatbestand der Wirtschaft zu varileren vermogen, kennen, durch Einsetzung dieser Determinanten praktisch viel einfacher zur Erkenntnis der konkreten Wirtschafts- organisation kommen, wenn wir dabei nur mit der notwendigen Vor- sicht vorgehen und insbesondere unsere Erkenntnisse mit der Methode der Sinndeutung kontrollieren. Im Folgenden wollen wir noch kurz die Bedeutung unserer Auf- fassung von der Wirtschaft in einem etwas allgemeineren Rahmen betrachten. Da soll zunichst eine Lehrmeinung besprochen werden, welche fiir unsere Auffassung des Wirtschaftsprozesses eine eigenartige Verkniipfung von Okonomischer Gesetzlichkeit und Gesetzlichkeit der Daten behauptet und an der wir diese beiden Betrachtungsweisen nebeneinander sehen kdnnen. IL. In der bekannten Formulierung der materialistischen Geschichts- auffassung, welche Karl Marx im Vorworte seiner Schrift ,Zur Kritik der politischen Okonomie“ gegeben hat, heifit es: ,In der gesellschaft- 1) Dabei heiBt der Ausdruck ,verstindlich* (anders als bei Max Weber): Als gesetz- unierworfen erkennbar. — Wenn wir in dieser Weise durch teleologische Deutung dazu gelangen, die konkrete Erfahrung nomothetisch zu begreifen, so kommen wir letzten Endes zu einem ihnlichen Schlusse wie Spann: ,,Um die Wirtschaft zum Gegenstande nomothetischer Begrifisbildung zu machen, wirkt zweierlei zusammen: die Ursdchlichkeit des Mittels als ¢ines Nawrdioges und die Eindeutigkeit des teleologischen Zusammenhanges der Mittel als Zwischenzwecke., Da die letztere, obzwar als wirtschaftliche Teleologie selbstindig, doch nur auf dem Grunde der ersteren sich erhebt, bleibt die nationalokonomische Begrifisbildung zwar im teleologischen Stoft, auf der teleologischen Ebene; jene Ein- deutigkeit wird aber nur moglich kraft der ursichlichen Unterlage. So erlangt die nationalskonomische Begrifisbildung nomothetische (kausaltheoretische) Form bei teleo- logischem Stoffi** (Fundament, S. 231f.) Auch fiir ans ist der ,Stoff* der wirtschaft- lichen Handlungen teleologisch, als Mittel zum richtigen Wirtschaften, zu betracbten in ===== PAGE 159 ===== lichen Produktion ihres Iebens gehen die Menschen bestimmte, not- wendige, von ihrem Willen unabhingige Verhiltnisse ein, Produktions- verhiltnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkrifte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsver- hiltnisse bildet die Okonomische Struktur der Gesellschaft . . .“?) Wir sehen hier vor allem eine Gegeniiberstellung der Froduktionsver- hiltnisse und der materiellen Produktivkrifte. Diese Gegen- iiberstellung wird noch scharfer, wenn Marx fortfahrend sagt: , Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkrifte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhiltnissen, oder was nur ein juristischer Ausdruck dafur ist, mit den Eigentumsverhiltnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkrifte schlagen diese Verhdltnisse in Fesseln derselben um.“ Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die von Marx behauptete notwendige Abbingigkeit der Produktionsverhiltnisse von den materiellen Produktivkriften zu unter- suchen. Wenn man auch diese notwendige eindeutige Bestimmtheit der Eigentumsordnung (Marx nennt selbst die Eigentumsver- hiltnisse den juristischen Ausdruck der Produktionsverhiltnisse) durch die materiellen Produktivkrifte, insbesondere durch Giiterreichtum und die bekannte Technik, bestreiten kann, so ist es doch recht nahe- liegend, ein gewisses ,Entsprechungsverhaltnis“ anzunehmen; das will sagen: Es ist nicht bei jeder beliebigen Technik usw. jede beliebige Eigentumsordnung denkbar, wenigstens nicht auf die Dauer. Bei einem ,,Widerspruch” zwischen Eigentumsordnung und materiellen Produktivkriften wiirde unter Umstinden der von uns bereits z. B. gelegentlich der Besprechung der Wirkung der Machtverhaltnisse auf die Preisbildung erwiahnte Fall eintreten kGnnen, dal die auf Grund von gegebenen Daten erstelite wirtschaftliche Situation Tendenzen zur Anderung der Daten auslést. Uns interessiert es, dal hier eine Um- schreibung des okonomischen Tatbestandes vorliegt, welche gewisse zweifellos wesentliche Elemente in den Vordergrund schiebt. Wenn wir die Gegebenheiten der physischen Natur und die bekannte Technik zum Ausgang nehmen und diese materiellen Produktivkrifte durch die Eigentumsordnung ,geregelt” denken, so erhalten wir die wichtigsten Elemente des dkonomischen Tatbestandes, soweit sie in der Form der der Form der kausaltheoretischen dkonomischen Kategorien. Freilich legen wir — im Gegensatze zz Spann — nicht die Kausalitit des Naturgeschehens als Gesetzlichkeit der Mitte] unserer Theorie zugrunde, sondern wir konstatieren eine eigene Gesetzmifigkeit des wirtschaftlichen Geschehens. !) Herausgegeben von Kautsky, 3. Auflage, 1909, S. LV, ===== PAGE 160 ===== — 160 — okonomischen Kategorien Wirtschaftssubjekt, Verfiigungsgewalt iiber Giiter und Verwendungsmoglichkeiten der Giiter stehen. Es fehlt aber jede Bestimmung der Wertskalen, welche erst zu diesen Daten hinzu- kommen miissen, um den Wirtschaftsproze zu bestimmen. Das Unter- lassen einer selbstindigen Bestimmung des Zieles der Wirtschaft ist der materialistischen Geschichtsauffassung schon oft zum Vorwurf gemacht worden, es kann wohl nicht bezweifelt werden, dal hier eine Unvollstandigkeit vorliegt?), welche einen wesentlichen Bestimmungs- grund des Wirtschaftsprozesses an einer Stelle vernachlissigt, an welcher dieser ProzeS zur Grundlage der ganzen geschichtlichen Ent- wicklung gemacht wird. Es wire wohl eine kiinstliche Auslegung der bezogenen Textstelle, wenn man den Ausdruck ,,Produktionsverhiltnisse® so weit auffassen wollte, daB3 er auch die Ziele der Wirtschaft ein- schliefit, — aber man kann an dieser Textstelle, chne ihren Sinn wesentlich zu stéren, zum Ausdrucke Produktionsverhiltnisse jedesmal den Zusatz ,,und Wirtschaftsziele” machen. Zweifellos konnen auch die Wertskalen durch die auf Grund bestimmter Daten sich ergebenden wirtschaftlichen Folgen beeinflut werden, so da hier eine Abhangig- keit des ,BewufBtseins“ der Menschen vom ,Sein“ vorliegen kann, — wobei freilich eine allgemeine Notwendigkeit uns noch schwerer vor- stelilbar erscheint als bei der eben erwdhnten ,Entsprechung® der materiellen Produktivkrifte und der Produktionsverhiltnisse. Die materialistische Geschichtsauffassung wollte die gesellschaft- liche Entwicklung als einen einheitlichen Proze ansehen. Die ,,materiellen Produktivkrifte“ entwickeln sich und diese Entwicklung bringt eine Anderung der Produktionsverhiltnisse und des ganzen ,juristischen und politischen Uberbaues”, des ganzen Bewuftseins der Menschen mit sich. Fiir uns war hier unmittelbar von Interesse, was an diesem Prozesse wir mit unserer Lehre von den Okonomischen Kategorien und den Daten der Wirtschaft behandeln konnen. Gegeben ist eine wirtschaft- liche Situation, welche von bestimmten Daten bedingt ist. Ein Datum andert sich mit der ,Entwicklung der Produktionsverhiltnisse“. Die Wirtschaftstheorie kann verfolgen, welche Giiterverwendungen auf Grund dieses neuen Datums durchgefilhrt werden, sie kann auch fragen, welche Datendnderung sich aus der wirtschaftlichen Situation mit der Notwendigkeit der 6konomischen Gesetze ergeben, und eine solche Dateninderung kann nur eine Anderung jenes Datums der Wirtschaft sein, welches selbst als Ergebnis eines ab- 1) Uns scheint der tiefere Grund dafiir darin zu liegen, daf fiir jede auf der Kostenwertlehre aufgebaute Wirtschaftstheorie die Abhidogigkeit der Wirtschaft von den Zielen in den Hintergrund treten mus, ===== PAGE 161 ===== — 161 — geschlossenen Wirtschaftsprozesses die kiinftige Wirtschaft bestimmt: Mit der konomischen Theorie kann nur eine Anderung des Giiter- besitzes erklirt werden. Nur soweit kann die ckonomische Theorie gehen. Wenn wir noch weitere Zusammenhinge verfolgen wollen, miissen wir uns in den Bereich der Daten begeben. Wir konnen da fragen, welche Anderung der Daten auf Grund der Ergebnisse des Wirtschaftsprozesses durchgefiihrt werden, wobei die Anderung der Daten durch die Motivationen der Menschen, welche die Daten inner- halb des nach den Gesetzen der physischen Natur Moglichen setzen, hindurchgeht. Die materialistische Geschichtsauffassung ist fiir unsere Auffassung von der Wirtschaft zunachst ein Versuch, in allgemeiner Weise die Bestimmtheit dieser Datendnderungen darzutun. Sie geht noch dariiber hinaus, wenn sie auch den ganzen ,sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess” der Gesellschaft im Okonomischen wurzeln la}, ohne diesen Elementen eine primire Stellung bei der Setzung der wirtschaftlichen Daten zuzuerkennen. IIL Wie Wirtschaft immer ein wesentlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens sein mul und dem Menschen desto wichtiger erscheinen mug, je groBer die Knappheit der Giiter ist, welche Wirtschaft zur Folge hat, so kann es nicht wundernehmen, daf} die Menschen immer wieder den Versuch gemacht haben, die Grundlagen ibrer Wirtschaft bald nur in kleinerem AusmafBle, bald tiefgreifend zu andern, ja dal} eine iiber- reiche Zahl von Systemen aufgebaut worden ist, welche einen besseren oder den besten Zustand der Wirtschaftsgesellschaft darzustellen sich bemiiht haben. Wir konnen hier weder die Grundlagen der Wirt- schaftspolitik besprechen, noch auch die Vorschlige einer Idealwirt- schaft diskutieren. Unsere Aufgabe soll sich darin beschrinken, prak- tische Mafinahmen, Programme und Plane dieser Art in ihrem Ver- hiltnisse zu den Ergebnissen unserer Untersnchungen zu betrachten. Wenn wir erkannt haben, dal alle Wirtschaft sich in den Formen der Okonomischen Kategorien abspielt, wobei diese Formen durch historisch-relative Elemente verschiedener Art erfiillt sein kdnnen, so haben wir in der Wirtschaft jenen Trennungsstrich gefunden, welcher das Konstante und das Variable trennt. Die Daten der Wirtschaft konnen sich idndern, wobei sie immer die Form der ékonomischen Kategorien behalten miissen. Wenn menschliches Wollen die Daten einer Wirtschaft zu dndern sucht, so wird es in der Regel nur dort eingreifen konnen, wo diese Daten von Menschen gesetzt sind, wahrend Strigl, Die okonumischen Kategorien. 11 ===== PAGE 162 ===== —_—_ 162 — die Bedingungen der auBeren Natur im allgemeinen auBerhalb der Machtsphire der Menschen liegen, die Anderung dieser Bedingungen — Verbesserung der Technik, Entdeckung neuer Giiter usw. — ist in der Regel wohl mehr vom Zufalle als vom Wollen der Menschen ab- hingig. Und bei der Anderung der Daten, soweit sie Menschenwerk sind, ware vielleicht auch noch zu fragen, ob da die Menschen wirklich immer frei sind oder ob sie nicht in irgendeinem Sinne, den Ge- schichtsphilosophie und Soziologie ergriinden mogen, gebunden sind. Wie immer dem sein mag, es steht auBler Zweifel, da die sozialen Bestimmungsgriinde der Daten verhiltnismidflig am wenigsten gebunden sind, relativ am leichtesten beweglich sind !). So bleibt als das mensch- lichen Eingriffen in erster Linie Zugingliche an den Daten der Wirt- schaft das, was man die soziale Organisation der Wirtschaft, die Wirt- schaftsordnung ®), oder die Verfassung der Wirtschaftsgeselischaft (Wieser) nennen kann. Als Inhalt dieser Ordnung sehen wir vor allem die Giiterverteilung mit ihrem Gegenspiel, der Konstituierung der Wirtschaftssubjekte und dann noch die Setzung der Verwendungs- maoglichkeiten der Giiter, soweit hier soziale Momente das techunisch Mogliche noch weiter determinieren., Die einfachste Art der Beeinflussung der sozialen Organisation der Wirtschaft innerhalb der Tauschwirtschaft ist die Festsetzung von Preisen auflerhalb des freien Marktes. Diese Art der Setzung von Daten der Wirtschaft ist recht naheliegend, wo Preise die den Menschen unmittelbar zum Bewufitsein kommenden Ursachen von wirtschaftlichen Schiaden sind, und es liegt nur zu nahe, die unmittelbar auffallende Ursache zu beseitigen, wo man die tieferliegenden Griinde nicht sieht oder nicht sehen will. So sind vor allem staatliche Preistaxen — namentlich natiirlich Ho6chstpreise — das roheste Mittel der Wirt- schaftspolitik geworden, das immer wieder angewendet wurde. Es ist bekannt, welche Folge die Anwendung dieses Mittels haben muf: Einerseits mul es bestimmte Wirkungen auf die Produktion und auf den Zuschub der Ware ausiiben, — anderseits zeigen sich da leicht gewisse Anomalien auf dem Markte, auf welchen die Ware gelangt. Wihrend der Preis des freien Marktes sich auf eine solche Hohe stellt, ') Die individual-psychologischen Bestimmungsgriinde kommen hier wohl weniger in Betracht, sie sind zweifellos im allgemeinen schwer verdnderlich, ?) , Die durch die Art des lInteressenausgleiches jeweils einverstindnismifig ent. standene Verteilung der faktischen Verfiigungsgewalt iiber Giiter und Skonomische Dienste und die Art, wie beide kraft jener auf Einverstindnis ruhenden faktischen Verfilgungs- gewalt dem gemeinten Sinne nach tatsichlich verwendet werden, nennen wir »Wirtschafis- ordnunge." Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Grundrif der Sozialokonomik, 3. Abteiluug, 1922, S, 368). ===== PAGE 163 ===== dal Angebot und Nachirage sich decken, ist es gewdchnlich die Auf- gabe der Preistaxen, den Preis niedriger zu halten, dergestalt, da die Nachfrage groBer wird als das Angebot, so dal unter den Kiufern die Konkurrenz um diese Ware ganz eigentiimliche Formen annehmen muf}, was auch oft dazu fiihrt, da} die Preistaxe ihre ,soziale Geltung" nicht behaupten kann. Sobald die Wirtschaftspolitik tiefer griff und sowie sie nicht mehr unter dem Zwange einer voriibergehenden Not allein Augenblicks- erfolge suchte, mufite sie 2u wesentlich feineren Mitteln greifen. Vor allem sehen wir verschiedene Mittel der Forderung der Produktion, zunichst Privilegien und Monopole, welche einzelnen Wirtschaftssubjekten bestimmte Verwendungsmoglichkeiten ausschlieBlich zuteilten, dann Foérderung technischer Kenntnisse usw. Eines der wichtigsten Mittel dieser Art ist heute die Errichtung eines Schutzzolles, welcher der aus- lindischen Konkurrenz die Moglichkeit nehmen soll, die Ware zum Weltmarktpreis in das Inland zu bringen, — wobei die privilegierte Stellung der inlindischen Produktion hiufig nur durch Kartellierung ausgeniitzt werden kann und auBerdem wieder bestimmte Folgen fiir die ganze Wirtschaft des zollgeschiitzten Landes sich einstellen. Des weiteren sehen wir Eingriffe in die Wirtschaftsorganisation in ganz einschneidenden Beeinflussungen der Verwendungsméglichkeit von Arbeit in vielen sozialpolitischen Gesetzen und in Vertrigen, welche die Macht der organisierten Arbeiterschaft den Unternehmern abzuzwingen weif. Und wenn endlich eine Spekulation eine neue, bessere Wirtschafts- ordnung konstruiert, so mu sie vor allem die soziale Organisation dieser Wirtschaftsgesellschaft, vor allem die Eigentumsordnung fixieren. Man sieht, es ist nicht schwer, alle diese Bestimmungen der sozialen Organisation der Wirtschaft in die Formen der ékonomischen Kategorien einzuordnen. In diesen Formen sind dann die Folgen, welche diese Dateninderungen haben, auszudenken soweit, als der Wirt- schaftsprozefl reicht, bis dann wieder gepruft werden kann, welchen EinfluB diese wirtschaftlichen Folgen der Dateninderungen wieder ihrerseits auf die Daten haben konnen. So zeigt es sich, dal die auf der Lehre von den dkonomischen Kategorien aufgebaute Theorie die notwendige Grundlage fiir eine exakte theoretische Behandlung wirtschaftspolitischer Fragen ist. IV. Wir haben unsere Aufgabe darin gesehen, die spezifischen Denk- formen der okonomischen Theorie zu suchen und haben dabei das Problem so gestellt, da wir in diesen okonomischen Kategorien die Ir* ===== PAGE 164 ===== allgemeinen Formen der Daten der Wirtschaft gesucht haben. Wir sagten: Konkrete Wirtschaft ist Folge konkreter Daten, welche not- wendigen aligemeinen Formen haben diese Daten vorgezeichnet? Wie finden wir diese Daten? Welche Gesetzlichkeit kniipft sich an diese Daten? Die Untersuchungen, welche sich auf Grund dieser Problem- stellupgen ergaben, haben uns an fast allen groflen Problemen der Volkswirtschaftslehre vorbeigefuhrt. Wir haben die Grundfragen der okonomischen Theorie behandein mussen, da wir nachweisen mufiten, daf} unsere Okonomischen Kategorien geeignet sind, die ckonomische Theorie aufzubauen, — wir haben all das Historisch-Relative in der Wirt- schaft betrachten miissen, um zu sehen, ob die konomischen Kategorien geeignet sind, alles das in sich zu schlieBen, — und wir haben da, als wir immer wieder einerseitsdie Abh&dn gigkeitder Daten von verschiedenen Bedingungen und anderseits verschiedene Wirkungen sahen, welche die Daten auf dem Umwege iiber ihre wirtschaftlichen Folgen wieder- um auf alle moglichen Grundlagen des gesellschaftlich Lebens ausiiben, jene Grenze gefunden, an welcher eine allgemeine Geschichtsphilosophie oder Gesellschaftslehre vielleicht einmal wird ankniipfen kénnen. Wir waren immer bestrebt, uns strenge an unsere Aufgabe zu halten, nur ein Fachproblem der Wirtschaftstheotie zu behandeln, wie wir es eben in unserer Problemstellung fixiert haben, wir haben dabei die ver- schiedenen Secitenwege, welche immer wieder von unserem geraden Wege abzweigten, nur soweit verfolgt, da wir zeigen konnten, dafl es hier iiberhaupt weitergeht: Eine Lehre von den OJkonomischen Kategorien, wie wir sie aufzubauen versuchen, ist ja sicher nur dann brauchbar, wenn sich erweisen lat, daff von dieser Lehre aus der Weg zu den Gedankengangen der Fachwissenschaft iiberall offensteht und daf} sie auch eine Betrachtung ermoglicht, welche uber die enge um- grenzten Probleme der dkonomischen Theorie hinausblickt, -— und das glauben wir auch gezeigt zu haben. Der Leitgedanke unserer Unter- suchungen war es aber zu erweisen, dal es méglich ist, alle historisch- relativen Elemente, welche sich in der Wirtschaft auswirken, im System der theoretischen Nationalckonomie zu erfassen, dal es der Wissenschaft moglich ist, die Erfahrung der Wirtschaft in ihrer Betrach- tung derart zu gestalten, dafl siealsein Dasein, dasnach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist, erscheint. G. Pitz’sche Buchdruckerel Lippert u. Co, G.m. b. H,, Naumburg a. d. S